Blick in die Kluft

26. November 2009

Das Internet ist ein Imperator. Es teilt und herrscht. Der „Digital Divide“, die digitale Kluft, wie Fachleute den Problemkomplex nennen, schlägt sich in vielen Bereichen nieder: Ärmere Länder haben einen schlechteren Zugang zum Internet als reiche. Ältere Menschen tun sich schwerer damit, online zu brillieren als junge. Fraglich ist, ob die Wissenschaft mit der These recht hat, dass irgendwann abgehängt wird, wer sich der Herrschaft des Internets nicht unterwirft.

Immer wieder interessant zu beobachten ist, dass die Kluft zwischen den Liebhabern der digitalen Schönen Neuen Welt und ihren überzeugten Skeptikern auch unter Journalisten so deutlich ausgeprägt ist. Ein besonders gutes Feld für soziale Beobachtungen auf dem Gebiet sind Journalistentagungen wie die DJV-Veranstaltung „Besser Online“ am vergangenen Wochenende. Weiterlesen…

Erschienen in epd medien 93/09

Follow Me On Twitter

21. November 2009

Nachdem mir auf der DJV-Veranstaltung „Besser Online“ wieder einmal so überzeugend von Twitter vorgeschwärmt wurde, kann ich jetzt auch nicht mehr anders. @alexgajic ist ab sofort live.

Ich werde mich noch „reingrooven“ müssen, wie Moderator Peter Jebsen das auf dem Podium ausdrückte. Ich weiß noch nicht, wie ich Twitter nutzen will und wie oft, werde aber darüber berichten – und genau wie sich dieses Blog im Laufe von neun Monaten seiner wahren Bestimmung immer noch nur langsam nähert (mehr dazu zu Anfang des nächsten Jahres), wird hoffentlich auch mein Twitteraccount eine Bestimmung finden. Und wenn nicht, dann wird er halt gelöscht.

Auf der Abschlussrunde des Mainzer Mediendisputs unterhielten sich gestern mal wieder Leute mit vergleichsweise wenig Ahnung aber dafür umso mehr Meinung über das Internet. Erstaunlicherweise kam dabei am sympathischsten (außer dem über allen thronenden Nils Minkmar von der FAS) der einzige Politiker der Runde, SPD-Landesvorsitzender aus Schleswig-Holstein Ralf Stegner, an, der wenigstens ehrlich war mit dem, was er sagte: Twitter mach ich selbst, Facebook mach ich selbst, den restlichen Internet-Kram mache ich ja nicht so regelmäßig aber dafür finde ich auch schon immer die Zeit. Sehr schön auch die Formulierung: „Ich verbringe mit Twittern am Tag etwa so viel Zeit wie mit Händewaschen.“

Von den zwei Polterköppen der Runde, Hugo Müller-Vogg („Die Politiker twittern doch eh alle nicht selbst“ – wenn das Kurt Beck wüsste) und Sascha Langenbach (Berliner Kurier, Twitternde Politiker sind „totaler Kokolores“) hatte ich ehrlich gesagt eh nicht viel erwartet, aber dann war da ja noch Bettina Schausten, die ein wenig öffentlich-rechtliche Kompetenz und Ruhe ausstrahlen sollte (offensichtlich).

Und was sagte Frau Schausten: Erstens, es sei nicht primär Aufgabe eines Fernsehjournalisten, sich im Internet „freizuschreiben“ mit den Dingen die er im Fernsehen nicht machen könne (in seiner Freizeit, okay, aber sonst bitte keine multimedialen TV-Journalisten). Zweitens: Im Internet steht ja eine ganze Menge Mist.

Ich kann es nicht mehr hören. Ich kann es wirklich nicht mehr hören. Wenn das noch einmal jemand als Argument gegen das Internet und gegen das Publizieren im Internet vorbringt, ziehe ich in eine einsame Hütte in den Karpaten. Echt jetzt.

Ich erinnere kurz an das Internet-Manifest, so einiges Kluges steht ja doch drin: Das Internet ist die Gesellschaft ist das Internet. Oder wie Peter Kruse letzte Woche auf dem Zukunftsforum der LPR sagte: Ist doch klar, dass im Netz auch die Gauss’sche Normalverteilung gilt. Das Web spiegelt das „echte Leben“ wieder. Und im „echten Leben“ sagen Leute eine ganze Menge Mist. So viel Mist sogar, dass die Zeitungen und das Fernsehen gar nicht alles berichten, was Leute sagen, man stelle sich das vor. Also „sagen“ (d.h. schreiben, denn so funktioniert das Medium nun mal) die Leute auch im Internet eine ganze Menge Mist. Ja, auch in Blogs. Denn nicht jedes Blog sieht sich selbst als journalistische Plattform.

Aber: Erstaunlicherweise ist die Menschheit in der Lage, im echten Leben wie im Netz, aus dem ganzen Blödsinn, der rund um sie geredet wird, die interesssanten Dinge herauszufiltern. Die Dinge, die alle betreffen. Die Dinge, die vielleicht wirklich Bedeutung haben. Wenn zum Beispiel immer mehr Leute in der DDR ihren Unmut über das System äußern, in dem sie leben, fällt irgendwann die Mauer. Wenn immer mehr Leute sich darüber ärgern, dass die Politik sich nicht um Umweltschutz kümmert, entstehen die Grünen und schaffen es irgendwann sogar in Parlamente.

Umgekehrt bleiben die Minderheitenmeinungen eher unter sich: An Stammtischen, in Freundeskreisen und Vereinen – und eben auch in den modernen Äquivalenten davon: In Internet-Foren, Blogs und anderen Social-Web-Formen. Ja, da steht viel Mist, aber das interessiert auch so gut wie keinen.

Also noch mal zum Mitschreiben in Fettdruck für Frau Schausten: Im Internet steht in der Tat viel Blödsinn, aber an eine relevante Oberfläche schafft es in der Regel nur das, was auch interessant ist, genau wie in der Gesellschaft. Gute Blogs (oder: Polarisierende Blogs) lesen viele Leute, weniger gute oder weniger profilierte Blogs lesen wenige Leute.

Ach so, die Schlussfolgerung von Frau Schausten war übrigens, dass es deswegen Journalisten braucht, die das Internet sortieren und bewerten. Zu einem gewissen Grad mag das sogar stimmen, denn Sortierer sind immer gut, sie müssen aber nicht unbedingt klassisch ausgebildete Journalisten sein, die die Meinungshoheit darüber haben, was wichtig ist und was nicht. Im Grunde ist diese ebenfalls schon häufig geäußerte Meinung aber doch nur eine relativ traurige Selbstrechtfertigung der Journalisten, die sich selbst auf einem sinkenden Schiff sehen.

Worte zum Wochenende

6. November 2009

Es braucht gar keine homogene Mehrheitsmeinung, es reicht, daß sich genügend Menschen für eine machtvolle Minderheitsmeinung zusammenfinden – und das Web 2.0 gibt diesen Menschen die Werkzeuge an die Hand. In den weiten des Netzes finden sich immer genug thymotische angry young men, um eine Kampagne zu starten, findet sich immer jemand, der betroffen ist und diese Betroffenheit in Empörung ummünzt.

Felix Neumann , fxneumann
// Tyrannei der Masse 2.0?

It’s not as if I couldn’t and shouldn’t also blog about what I talk about on Twitter; tweets can become the trial out of town, the blog Broadway (a book Hollywood). But Twitter competes for my time and attention. It is so much faster and easier. It’s good enough for most of my purposes. So the blog suffers. And I suffer. I discuss less here; I’ll lose some of you as a result and you are the value I get from blogging. I lose memory. And I lose the maypole around which we can gather.

Jeff Jarvis , Buzzmachine
// The Temporary Web

Der Zeitgeist fordert Partizipation

Peter Kruse , auf dem LPR Forum Medienzukunft
// Slides und Video zum Krusevortrag gestern

Keeping cartoon characters trapped in amber is one of the surest routes to irrelevancy.

Brooks Barnes , New York Times
// After Mickey’s Makeover, Less Mr. Nice Guy

Worte zum Wochenende

18. September 2009

Twitter ist ja eh nicht gerade als das Medium bekannt, das den Siegeszug der Aufklärung endlich abschließen könnte: 140 Zeichen kann man auch eben schnell tippen, ohne dass man das Gehirn zwischen Galle und Finger schalten müsste. Twittern ist oft genug der Sieg des Affekts über die Reflektion, Hauptsache man ist der Schnellste — besonders bei der Eskalation. Heute stehen die Web-2.0er fassungslos vor den rauchenden Trümmern ihres eigenen “Pogroms” (natürlich auch nicht alle) und wirken dabei ein bisschen wie die Schüler am Ende von “Die Welle”, als ihnen gesagt wird, dass sie alle gute Nazis abgegeben hätten.

Lukas Heinser , Coffee and TV
// Ottos Mob kotzt

Leute, kommt schon, macht’s dem Präsidenten nicht so schwer. Ich habe genug am Hals.

Barack Obama , zu off-the-record Aussagen mit CNBC-Reportern
// „Er ist ein Blödmann“

Ich sehe den Tag kommen, an dem mehr Menschen ihre Zeitung auf tragbaren Lesegeräten kaufen als auf zermahlenen Bäumen. (…) Dann gibt es kein Papier mehr, keine Druckereien, keine Gewerkschaften. Das ist großartig!

Rupert Murdoch
// Trendsetter der Digitalisierung

There’s no greater symbol of giving up privacy and embracing publicness, I think, than writing about one’s penis, especially when it malfunctions. But in the hospital, I lost every last vestige of modesty.

Jeff Jarvis , Buzzmachine
// The small c and the big robot

Worte zum Wochenende

4. September 2009

[I]ch habe noch nie so viel Gejammere gehört wie in der letzten Zeit: Was alles nicht mehr geht, wie schlimm die Verlage sind und so weiter. Und nicht selten von Leuten, die immer noch die selbe Stelle haben wie vor einem, zwei oder auch acht Jahren. Und jetzt ist plötzlich alles anstrengender als früher, schwieriger oder sogar unmöglich.

Michalis Pantelouris , Print Würgt
// Wir machen es uns zu einfach

Die meisten übrigens sind gar nicht über Twitter auf die frühe Prognose aufmerksam geworden – sondern über Phoenix. Der TV-Sender hatte über die Tweets berichtet – und die Zuschauer haben sich das einfach mal angeschaut.

Thomas Knüwer , Indiskretion Ehrensache
// Twitter, die Wahlen und der mediale Resonanzboden

Wenn man immer über die 3,4 Milliarden Euro redet, tut man so, als sei der ideale Schuldenstand null.

Thomas Ebeling im Interview mit der FAZ
// Wir laufen besser als der Markt

Anm. d. Bloggers: Ich möchte wirklich gerne wissen, was tatsächlich der ideale Schuldenstand eines Unternehmens ist.

There should be room for four guys to pee without Awkwardness, but because the third guy followed the protocol and chose the middle urinal, there are no options left for the fourth guy (he presumably pees in a stall or the sink).

Randall Munroe , xkcd blag
// Urinal Protocol Vulnerability

Worte zum Wochenende

21. August 2009

Wir haben uns an die Zeichenzahl 140 gehalten.

Gregor Koall , Trendopfer
// Wenn Unternehmen Twittern

Der Amateurfunker aus Nettetal/Germany wird damit zum Star im Warhol’schen Sinne – deutlich länger als 15 Minuten.

Christian Lindner , Rhein-Zeitung
// „Ich bin Presse“, „Maul zu“, „geh sterben“
[via Medienlese]

Der Günther vermittelt dem Publikum seit Jahrzehnten den Eindruck, dass er eigentlich gar nicht ins Fernsehen gehört. Aber weil er schon mal da ist, nimmt er das Kreuz halt auf sich.

Thomas Gottschalk über Günther Jauch, im Zeit Magazin Leben
// Gibt es ein Leben nach dem Fernsehen?

Ein besonders drastisches Beispiel für augenscheinlich kostenlose Übernahme und Vermarktung der Inhalte, die andere teuer erstellt haben, bietet wieder einmal die Bild.

Robin Meyer-Lucht , Carta
// Jauch-Berichterstattung: Enteignet Bild hier das Zeit-Magazin?

Worte zum Wochenende

31. Juli 2009

Fast nichts gab in den letzten Monaten so viel Gesprächsstoff her wie „Twitter”. Jetzt stößt der Kurzmitteilungsdienst an Grenzen – Ende eines Hypes?

Christian Jakubetz , JakBlog
// Und alles Gute noch bei der Revolution

There’s a reason why Coldplay are the biggest band in the world and it has nothing to do with musical innovation or winning personalities. It’s because of that song with the piano bit, the surging chorus and the message about you and me and life and stuff. The one you recognise.

Ben Meyers , The Guardian
// One-trick Ponies

In den Exzessen von Facebook, kurz FB, scheinen sich Medienleute besonders wohl zu fühlen. Ästhetisierung des Lebens zwischen Dada light und Camp light.

Tom Kummer , Freitag
// Moritz trinkt immer noch

Nej, det vore oärligt! Det finns upphovsrätt! De som har skrivit och spelat musiken måste ju ha sitt levebröd.

Knatte, Fnatte och Tjatte , Kalle Anka
// En laddad affär
[via taz]

Nächste Woche keine Worte zum Wochenende, ich bin im Urlaub!

Generation #

2. Juli 2009

Ich glaube es war dieser Beitrag bei Carta, bei dem mir zum ersten mal deutlich auffiel, wie sehr ein neues typografisches Zeichen vom Internet Besitz ergriffen hat. Dank Twitter ist der „Hashtag“ plötzlich überall – die Diskussion heißt nicht „Zensursula-Debatte“ sondern „#zensursula-Debatte“.

Mit dem # – englisch: hash („Gatter“), früher auch gerne „Raute“, „Doppelkreuz“ oder „Lattenzaun“ genannt – markieren und verschlagworten Twitter-User ihre Tweets, wenn sie damit Stellung zu bestimmten Themenkomplexen nehmen wollen. Damit vereinen sich alle Tweets unter einem Banner, was dann über die Twitter Search leichter zu finden ist.

Wenn Twitter und seine Epigonen (wer weiß, was Google da mit „Wave“ zusammenkocht) noch an Popularität gewinnen, könnte das # das typografische Erkennungszeichen der twitternden Generation werden, so wie das @ (oder „at“ – zu dem heute wohl kaum noch jemand „Klammeraffe“ oder „Affenschwanz“ sagt) Zeichen der ersten Internet-Generation wurde (Wikipedia zu den auch mir bisher unbekannten Ursprüngen des Symbols).

Mit der Verortung des @ als fester Bestandteil von E-Mail-Adressen und der steigenden Hipness des Netzes, tauchte der Klammeraffe nämlich plötzlich auch in den abstrusesten anderen Techno-Kontexten auf. Vom einfachen Ersetzen des Buchstaben A in technologischen Wörtern („E-M@il“) bis hin zu der Aufschrift auf einem Internet-Café in der nähe meiner alten Bushaltestelle, das „Call @ home“ und „Surf @ here“ versprach, beides natürlich grammatikalisch völliger Blödsinn.

Ich warte nur darauf, dass in Berlin die erste Bar namens #alkohol aufmacht.

Worte zum Wochenende

12. Juni 2009

Goodness knows, I’m not one to complain, and I’m sure you’re not the sort to, either, but aren’t you growing just a bit tired of reading about the demise of newspapers — in the papers themselves?

Graydon Carter, Vanity Fair
// The Paper Chase
(via Medienlese)

Nicht der Journalismus, die Verlage bewegen sich in einer Todesspirale. Ohne Umsteuern werden die meisten großen Medienhäuser die kommenden Jahre nicht überleben.

Torsten Meise, agorazein
// 10 Sätze zur Zukunft des Journalismus
(via Medienlese)

[T]here must be a legion of Twitterers out there who sign up, tweet once, and never return.

John Swansburg and Jeremy Singer-Vine, Slate
// Orphaned Tweets

Die Tageszeitungen machen meiner Meinung nach jetzt schon keinen Sinn mehr, weil auf den ersten zwei, drei Seiten nur Nachrichten stehen – das ist völliger Schwachsinn! Ich kenne auch niemanden, der das in Wahrheit für klug hält. Doch die Leute, die das machen, können sich offenbar nicht davon lösen. Weil sie auch kein anderes Konzept haben.

Jakob Augstein, im Interview mit der Frankfurter Rundschau
// „Das Netz hat gewonnen“