„Wired“ ist in Deutschland immer noch tired (und klaut)

15. September 2012

Als im vergangenen Jahr eine deutsche „Wired“ angekündigt wurde, stand ich innnerlich Kopf. Endlich! Und mit Thomas Knüwer war auch noch ein Chefredakteur am Ruder, mit dem man nicht immer einer Meinung sein muss, der aber zumindest gut provozieren kann und die neue Medienwelt verstanden hat – sagt er zumindest. Das Ergebnis wirkte dafür dann aber erstaunlich zahnlos, wie ich damals in epd medien schrieb.

Über Ausgabe 2 habe ich damals kein Wort verloren (ich fand sie so la la, der Comic war gut, die Titelstory unausgegoren), und jetzt liegt seit ein paar Tagen Ausgabe 3 an den Kiosks, zum zweiten Mal unter der Regie von Alexander von Streit. Ich gebe ehrlich zu, dass ich aus Zeitmangel noch nicht dazu gekommen bin, sie ganz durchzulesen. Nach der Lektüre der vorderen Teile und der Titelstory ist mein Eindruck jedoch: Sie haben es immer noch nicht verstanden.

„Wired“ Nummer 3 hat einen Leserbrief von mir abgedruckt, den ich auf dem Redaktionsblog hinterlassen hatte. Dort hatte ich geschrieben:

Ich wünsche mir für die nächste WIRED mehr überraschende Geschichten und Entdeckungen, die ich noch nicht vorher in verschiedenen Blogs gelesen habe. Und einen etwas respektloseren Ton, der die WIRED-Philosophie von Optimismus und Begeisterung für Technik vermittelt.

Die amerikanische „Wired“, die ich seit drei Jahren im Abo lese, ist jeden Monat wieder eine Entdeckung. Redakteur Adam Rogers hat die „Wired“-Methode in einem Podcast sehr gut beschrieben. Jedes Thema, erklärt er, kann durch die „Wired“-Brille betrachtet werden – man muss nur herausfinden, was daran neu und aufregend ist. „Wired“ ist mehr als eine Zeitschrift oder eine Website, es ist eine Weltanschauung. Und um diese Weltanschauung Monat für Monat neu mit Leben zu erfüllen, hat „Wired“ hohe journalistische Standards (vgl. Factchecking) und eine starke narrative Komponente. „Wired“-Features sind Geschichten. Mir ist klar, dass ich hier zu einem gewissen Grad die PR des Magazins wiederkaue, aber ich empfinde das auch jeden Monat beim Lesen so. „Wired“ überrascht mich jeden Monat mit spannenden, erkenntnisreichen Geschichten, über Dinge, von denen ich noch nie etwas gehört habe oder in meinen eigenen Fachgebieten zumindest mit bemerkenswerten Denkansätzen, und das obwohl sie gedruckt ist. Und in allem, was die „Wired“-Leute um ihre Features drumherum stricken, bringen sie mich zumindest zum Lachen.

Das meinte ich mit meinem Leserbrief, denn in der deutschen „Wired“ vermisse ich genau das. Die erste Hälfte der dritten Ausgabe hat einige gute Ansätze (mir gefiel die Story über Luke Jerram und die Datensammlung über Schönheits-OPs), aber auch jede Menge WTF-Momente. Warum zum Beispiel steht auf dem Cover nirgendwo, wer dort zu sehen ist? Und warum hat diese Person, ein Musiker der Gruppe Gomma, wie sich später herausstellt, null Bezug zu der Story, die er bebildert? Und warum – und das ist das, was mich am meisten ärgert, ist das Titelthema der „Wired“ eine Kopie eines Artikels, den ich vor sieben Monaten im Netz gelesen habe?

Mein Misstrauen fing schon beim Thema an. „Tracking“, dachte ich mir, „das kommt dir doch irgendwie bekannt vor, hast du da nicht letztens was gelesen?“ Als ich anfing zu lesen, steigerte sich dieses Misstrauen, und in Absatz vier war es dann um mich geschehen. Ich warf mein Archiv an und fand den Artikel „I’m being Followed“ aus dem „Atlantic“ wieder, auf den ich im März dieses Jahres – über Rivva oder einen anderen Aggregator – gestoßen war.

Ich rudere etwas zurück. Der „Wired“-Artikel „Unter Beschuss“ ist keine Kopie von „I’m being followed“. Der Autor Michael Moorstedt hat sich nur in seinem ersten Drittel, in dem erklärt wird, was Tracking ist, freigiebig bei Alexis C. Madrigal bedient. Etwa, indem er einen ähnlichen Einstieg wählt (Morgens den Rechner hochfahren, und schon werde ich verfolgt), indem er das Add-on Collusion benutzt, um die Tracking Cookies sichtbar zu machen, indem er nach seiner Einleitung einen Hintergrund-Absatz einschiebt, in dem erklärt wird, wie Werbung im Internet funktioniert (das hätte wohl jeder andere Journalist auch gemacht) und indem er danach die Firma Adnetik als Beispiel hernimmt. Ach ja, und er klaut einen Witz von Madrigal. Bei dem heißt es nämlich:

Allow me to introduce the list of companies that tracked my movements on the Internet in one recent 36-hour period of standard web surfing: Acerno. Adara Media. Adblade. Adbrite. ADC Onion. Adchemy. ADiFY. AdMeld. Adtech. Aggregate Knowledge. AlmondNet. Aperture. AppNexus. Atlas. Audience Science.

And that’s just the As.

Zum Vergleich, Moorstedt:

Manche der Ziele sind bekannt, Facebook, natürlich, oder die Google-Tochter doubleclick. Zum größten Teil finden sich jedoch Namen, von denen ich noch nie gehört habe: Acerna. Adblade. AdBrite. Adchemy. AddThis. Adify. Admeld. Adnetik. Adrolays. Adsfac. AdSpirit. Adtech. Audience Science. Und das sind nur die Firmen, deren Namen mit A beginnen.

Geschenkt. Wahrscheinlich hat jeder arbeitende Journalist sich schon einmal von einem fremden Artikel für seinen eigenen inspirieren lassen. Und in der zweiten Hälfte von „Unter Beschuss“ besucht Moorstedt dann auch einen deutschen Tracker, bereitet die aktuelle Rechtslage auf und unkt am Ende noch einmal über ein mögliches bevorstehendes Ende des Prozesses (im Gegensatz zu Madrigal, der eher versucht, der ethischen Unangreifbarkeit des Prozesses habhaft zu werden und unter anderm versucht zu entdecken, warum wir dieses Verfolgt-werden „creepy“ finden, obwohl uns eigentlich nichts passiert).

Was ich Besorgnis erregend finde ist nicht einmal das Bedienen aus einem anderen, noch immer frei zugänglichen Artikel aus einem großen US-Magazin, und das in Zeiten, in denen jeder Plagiator im deutschsprachigen Internet sofort aufgeknüpft wird. Ich finde es sehr traurig, dass dies in der Titelstory von „Wired“ geschieht. Der Zeitschrift, die es sich eigentlich auf die Fahnen geschrieben hat, das Neue ausfindig zu machen; Geschichten zu erzählen, die zuvor noch niemand erzählt hat; und die dafür anscheinend ihren Autoren auch ordentliche Arbeitsbedingungen bietet. Das stimmt mich sehr nachdenklich.

Klar, „Wired“ ist, in erster Linie, eine Marke. Diese Marke kann man natürlich in verschiedenen Ländern unterschiedlich besetzen und vielleicht hat der Verlag Condé Nast für Deutschland etwas anderes geplant als das amerikanische Mutterblatt. Sollte das jedoch nicht so sein und falls die deutsche „Wired“ tatsächlich irgendwann so gut sein möchte, wie ihr Vorbild, hat sie noch einen langen Weg vor sich.

7 Antworten to “„Wired“ ist in Deutschland immer noch tired (und klaut)”

  1. Nils Says:

    Hi Alex, also die „Wired“ ist nur der jüngste Nachzügler in dieser Sache („Tracking“).

    Hier findet sich ein ähnlicher Artikel aus dem „Spiegel“:

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-84519398.html

    Ansonsten finde ich deine Kritik solide, wenn auch sprachlich nicht wirklich eine Entdeckungsreise. Da muss mehr Pfiff und Feingefühl rein. Wie sieht es zum Beispiel konkret aus, wenn du „dein Archiv anschmeißt“? ;) Tell me more about it! :D

  2. Jagermo Says:

    Gut geschrieben. Ich bin ebenfalls Abonnent der US-Wired und kaufe mir die UK-Ausgabe, wann immer ich drüben bin – aber die dritte deutsche Ausgabe werde ich mir verkneifen. Was mich an den ersten beiden Ausgaben so störte (abgesehen von den Geschichten rund um Sex and Crime in Nummer 1 oder dem lächerlichen Comic in #2) ist, dass man sich richtig gute US-Geschichten entgehen lässt, die man noch dazu super in Deutsch aufbereiten könnte. Etwa dieses rumänische Dorf, in dem fast jedes zweite Haus eine Western Union Zweigstelle ist (online hier: http://www.wired.com/magazine/2011/01/ff_hackerville_romania/). Und ja, der Tonfall. Das was du mit Schnoderigkeit meinst, das vermisse ich auch – einen etwas mehr geekigen Anstrich. Teilweise wirken Texte „gezwungen nerdig“, aber irgendwie bleib ich dann doch lieber beim Original aus den USA oder UK.
    Schade eigentlich.

  3. Rolf Says:

    Was mir – noch vor Kauf der besagten Ausgabe – aufgefallen ist war die schier endlose Masse an Werbung.
    Das muss doch auch nicht sein!


  4. […] Artikel “‘Wired’ ist in Deutschland immer noch tired (und klaut)”, den ich in der Nacht des vergangenen Samstag in einem Anfall von Kragenplatzen in die Tastatur […]

  5. Philipp M. Says:

    Ich selbst habe die britische WIRED abonniert, da sie mehr Inhalt hat als die amerikanische, und ich muss sagen, dass in den deutschen Ausgaben leider auch sehr viel aus der britischen übernommen wird. So beispielsweise der Artikel über die Babywiege aus Plexiglas (darüber wurde in der britischen WIRED schon Monate vorher berichtet). Wenn sich WIRED in dieser Hinsicht und in der oben bereits genannten Weise nicht verbessert, werde ich die nächste deutsche Ausgabe wahrscheinlich auch nicht mehr kaufen.


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  7. […] Leidenschaft für die deutsche Ausgabe der Zeitschrift “Wired” ist gut dokumentiert. Obwohl ich glaube, dass das Team insgesamt auf einem guten Weg ist (über die letzte Ausgabe gab […]


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