Die deutsche Film-Blogosphäre: Ciprian David von „Negativ“

21. Januar 2013

Für mein polemisches Thesenstück zur deutschen Filmblogosphäre habe ich neun deutschsprachige Filmblogger per E-Mail interviewt. Die Auswahl erfolgte nach persönlichem Geschmack und relativer Findbarkeit im Netz.

„Negativ“ war zuerst mal die Konkurrenz. Zu einer Zeit, als ich noch in einer der fünf Trauerphasen zum langsamen Relevanzverlust von Screenshot war, gab es da plötzlich dieses neue Blog von (im Kern) Mainzer Filmwissenschaftlern, das auch noch gut war. Ich hatte wirklich Respekt vor dem, was Ciprian, Elisabeth und seine Crew dort aufbauen wollten, und mein Respekt wuchs nur noch, als sie sich im Sommer entschieden, umzusteigen auf das, was sie eigentlich wollten. So verschwurbelt manche der Textansätze auf „Negativ“ mir manchmal scheinen, ich finde die dortigen Autoren machen es richtig und mit ihrem ungewöhnlichen, reduzierten Design, gewinnen sie noch an Faszinationsfaktor. Bevor ich Thesen und Interviews hatte, entstand wohl auch mit aus dem Tapetenwechsel von „Negativ“ in mir der Wunsch, das Thema „Deutsche Filmblogs“ anzusprechen – und ursprünglich mal wollte ich nur mit Ciprian darüber reden.

Beschreibst du kurz in eigenen Worten, was ihr bei „Negativ“ macht, warum, wie lange schon, und wie es dazu kam?

Wir schreiben über Filme, Serien, Games, seltener über andere Themen, die mit visuellen Künsten zu tun haben. Wir versuchen uns auch in anderen Formen als der Kritik und hoffen, zu anderen Übersetzungen von Film in Text zu finden. Wir hoffen, der Online-Umgebung immer mehr, möglichst auch in der Form, gerecht zu werden – was nicht zwingend ein Gegebenes ist.

So oft es möglich ist, treffen wir uns, um als Gruppe über diese Künste zu reden, uns auszutauschen. Das klappt manchmal nicht, denn dann artet es in einen fröhlichen Umtrunk aus, doch jedes Treffen hinterlässt einige Textideen oder persönliche Bereicherungen für die Anwesenden. Ich denke, die meisten von uns schreiben, weil diese Künste nicht nur einen wichtigen Bestandteil unserer Leben ausmachen, sondern weil wir auch die Auseinandersetzung mit ihnen brauchen, und dazu gehört auch das Schreiben. In der jetzigen Form gibt es „Negativ“ seit knapp einem halben Jahr, gegründet wurde die Seite aber Anfang 2010, als einige Freunde sich eine eigene, zu ihrem Schreibrhythmus passende Plattform wünschten. Elisabeth und ich wurden mit der Zeit zu den Hauptbetreuern des Projekts und sind es heute noch.

Du hast es eben schon erwähnt: Ihr habt anders angefangen als ihr jetzt auftretet. Kannst du beschreiben, was den Wandel hervorgebracht hat, wie er vonstatten ging und wie es euch jetzt mit dem Blog geht?

Am Anfang wollten wir ein Publikum, darum haben wir uns auch zusammengetan, der Idee nachgehend, dass mehr Texte zu mehr Aufmerksamkeit führen werden. Da dies relativ schnell geschah, sahen wir „Negativ“ als einen möglichen Karriereweg nach dem Studium und gaben der Seite eine immer kommerziellere Ausrichtung. Wir wurden zu einem richtigen Magazin, das im Durchschnitt über 20 Texte am Tag brachte und irgendwann sogar mehr als 50 mehr oder weniger aktive Autoren und Redakteure einte. Doch nach zwei Jahren wurde uns klar, dass ohne angemessene Gehälter die Wenigsten auf Dauer motiviert bleiben, eine immer größer werdende Seite zu betreiben und dass diese Seite sich immer mehr thematisch und qualitativ einem wirtschaftlichen Diktat unterordnet, und sich somit von unserem ursprünglichen Ideal, gut und immer besser über Film zu schreiben, entfernte. Als es klar wurde, dass die wirtschaftliche Ausrichtung in eine Sackgasse führte und das Verfolgen dieses Ziels für einige von uns Selbstdestruktion oder zumindest geistige Stagnation bedeutete, zogen wir die Notbremse. Nun sind wir eine offene Plattform, wo jeder schreiben kann, was er will. Wenn es Elisabeth und mir gefällt, dann wird es veröffentlicht. Wenn nicht, wird darüber diskutiert. Also weniger Blog, wie kuratierte Plattform, die prinzipiell jedem zur Verfügung steht.

Weil ich euch zum Teil persönlich kenne, weiß ich, dass die meisten von euch studierte Filmwissenschaftler aber keine gelernten Journalisten sind. Braucht man deiner Ansicht nach generell Qualifikationen, um über Film zu bloggen? Braucht man welche, um bei „Negativ“ zu bloggen?

Um zu bloggen, ließe sich allgemein behaupten, braucht man nur Lust am Schreiben. Um generell über Film zu bloggen braucht man Leidenschaft für Filme, für die Sprache und für das Schreiben. Essenziell ist meiner Meinung nach aber auch die Bereitschaft, sich mit seinem Thema wie mit dem Schreiben auseinanderzusetzen und diese zu perfektionieren, was mehr als nur learning by doing mit sich bringt. Nichts anderes verlangen wir bei „Negativ“, auch wenn wir das intern auf mehreren Seiten aufgeschrieben haben, die wir neuen Autoren zur Verfügung stellen.

Wonach wählt ihr heute eure Themen aus?

Alle schreiben über das, was sie beschäftigt, ob neu oder ein Jahrhundert alt. Das antworten wir auch allen, die bei uns anfangen wollen. Das macht das Schreiben schwierig, habe ich den Eindruck, besonders heute, wenn alle Augen der Schreiber instinktiv auf das Aktuelle gerichtet sind, aber ich denke, dass eine gute Seite so verfahren muss, denn so überwindet man die Schwelle der leichten Auswahl von Filmen, die gerade irgendwo zu einem Markt finden, und man findet schließlich zu sich selbst.

Wie messt ihr den Erfolg eures Blogs? Geht es noch um Erfolg und seid ihr in deinen Augen mit dem was ihr jetzt erreichen wollt, erfolgreich?

Erfolg im klassischen Sinne interessiert uns nicht mehr. Wir machen, was wir wollen, und das ist diesbezüglich synergetisch. Wir freuen uns, wenn Diskussionen, intern oder extern, um die Texte entstehen, wenn wir durch unsere Posts zu anderen finden, wenn wir die Landschaft bereichern können.

Bekommst du regelmäßig Feedback auf das, was du schreibst? Bist du im Dialog mit deinen Lesern?

Ja, Feedback gibt es, aber sehr selten auf dem klassischen Weg, durch die Kommentarfunktion. Das meiste passiert unter Freunden, die sich für ähnliche Themen oder für das Schreiben interessieren, und vor allem im Facebook, wo sich die meisten internetaffinen Filmschreiber zu einer großartigen Gemeinde mehr oder weniger zusammengetan haben. Nicht immer kompakt, doch genug, um zu wissen, wo man leicht zu einer Diskussion findet.

Welche Blogs (über Film und drumherum) liest du selbst? Zu welchem Zweck?

Ich lese primär Personen, nicht Blogs. Und da viele auf mehreren Plattformen schreiben, schaue ich selektiv auf sehr vielen Seiten. Abonniert habe ich nur 17 deutschsprachige Blogs, bei welchen die üblichen Verdächtigen schreiben: von Cargo, Revolver, new filmkritik über die Blogs von Thomas Groh, Lukas Foerster, Nikolaus Perneczky, sozusagen die Berliner Elite. Eine Ausnahme davon machen „Eskalierende Träume“ und „Hard Sensations sowie der Blog von Oliver Nöding. Ansonsten sehr viel auf Englisch (als Morgenkaffee „Fandor“ und „The Notebook“) und einiges auf Rumänisch, aber die Liste wird ansonsten zu lang.

Was mich dahin treibt, ist die Gewissheit, dass mich die Texte bereichern, ob durch Ideengehalt oder Schreibweise, viel weniger als einzelne Filmtitel. Jedenfalls sehe ich schon länger davon ab, Rezensionen-Magazine zu lesen, da ist die Monotonie der Texte zu groß.

Hast du den Eindruck, dass es so etwas wie eine deutschsprachige Film-Blogosphäre gibt, in der die Blogs miteinander kommunizieren? Wenn ja, kannst du sie beschreiben? Ist „Negativ“ Teil dieser Blogosphäre?

Ja, ich denke es gibt mehrere Blogosphären. Eine, um die Seiten, die ich lese, dann noch eine um Autoren der bekannteren Magazinen, und dann noch eine um Blogger, die aus einer Fan-Perspektive schreiben – die letzteren scheinen mir sogar am meisten miteinander zu kommunizieren. Ich denke aber, dass sich ein Großteil der Kommunikation von den Seiten hin zu Facebook verschoben hat. Vielleicht nicht in all diesen Sphären, aber zumindest in denen, die ich verfolge. Und dass man entsprechend nicht mehr nach Kommentaren die virale Reichweite eines Textes messen kann.

Was „Negativ“ betrifft, ist es mir sehr schwer etwas zu sagen. Diese Verbindungen scheinen zwischen Menschen zu entstehen, nicht zwischen Seiten, und manche von uns sind mit einigen in Kontakt, andere mit anderen, welche mit keinen.

Gibt es im Bereich Film im deutschsprachigen Web so etwas wie Leitmedien? Was wären die?

Die IVW-Statistiken sprechen dazu eine objektive Sprache, aber da ich die meisten dieser Seiten nicht besuche, kann ich nur über die eigene Interessensnische reden, in welcher die „taz“, die „FAZ“ und die „Zeit“, aber auch „Cargo“, „Revolver“, „Perlentaucher“ und „critic.de“ das sind, was ich Leitmedien nennen würde.

Nach deiner Beobachtung: Werden die Bereiche „Arthaus“ und „Mainstream“ beim Bloggen irgendwie anders behandelt?

Um pauschal zu antworten, ja. Auf einer ersten Ebene wird in den meisten Fällen nicht anerkannt, dass im Arthouse schon längst ein Mainstream existiert. Das hat vielleicht mit der Subversivität der Bezeichnung ‚Arthouse‘ zu tun. Es hat auch mit den Auswertungswegen in Deutschland zu tun, mit dem, was Programmkinos geworden sind und wie sie dennoch als Siegel für künstlerisches Kino wahrgenommen werden. Viele Filme der letzten Jahre machen deutlich, dass im Mainstream wie im Arthouse Differenzierungen nötig sind, darum würde ich am liebsten diese Kategorien gesprengt sehen. Namen von Regisseuren sind beispielsweise nicht automatisch ein Garant für die Erfüllungen einiger Erwartungen, ebenso wie Namen von Kritikern nicht ein Maßstab für den eigenen Blick sein sollen. Es gibt generell zu viel Konsens in der Filmkritik, manchmal selbst in der ernstzunehmenden Filmkritik, und das ist online grundsätzlich schlecht, denn die Blogs vervielfachen sich gegenseitig, anstatt sich zu bereichern.

Wenn du an der ganzen Sache mit dem Bloggen, wie es im Moment läuft, etwas ändern könntest, was würdest du ändern?

Ich werde hier etwas radikal sein, mir am liebsten die Idee der Blogs wegwünschen und stattdessen auf Autoren setzen. Es wäre schön, wenn es grob gesehen für jede Art des Schreibens eine Plattform gäbe, und nicht 100. Jeder könnte schreiben, wo er am besten reinpasst, und müsste nicht gleich versuchen, sein eigenes Blog zu pushen. Denn die Clickskämpfe sind nur verlorene Energie, wir haben das durchgemacht und es tut mir jedes Mal weh, wenn ich ein neues Projekt sehe, das vermutlich in wenigen Jahren im Sand verläuft, weil den Betreibern die Energie ausgeht. Aber wie kann man das jedem Neuen klarmachen, dass er doch bei einer bestehenden Plattform schreiben soll – da hat er natürlich eigene Träume bis zum Zerbrechen zu verfolgen. Und die Landschaft, anstatt qualitativ besser zu werden, fragmentiert sich weiter, vervielfacht sich unter neuen Blognamen.

Wäre es anders gewesen, hätten wir bei „Negativ“ vermutlich auch nicht zueinander gefunden, doch solche Plattformen wie Facebook ersetzen dieses Manko zu einem beträchtlichen Teil. Mit vielen Autoren, die nicht bei uns schreiben, kommuniziere ich über Facebook mehr als mit manchen unserer eigenen Autoren. Man soll sich eben nur trauen, Menschen, die einen interessieren, anzufreunden oder zu abonnieren.

Was hat dir das Bloggen gebracht? Was wird es dir noch bringen?

In erster Linie habe ich nach diesen Jahren eine Menge Bekannte und einige sehr gute Freunde gewinnen können. Und ich lerne seit dem ersten Text das Schreiben, das Filmeschauen, und die Beziehung zwischen den beiden. Was kann man sich mehr wünschen?

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