Drei Gründe, warum Festivals aus der Ferne keinen Sinn ergeben

23. Mai 2013

Cannes von Weitem, Bild: Kārlis Dambrāns

Das Filmjahr hat wieder angefangen und in Cannes treffen sich die Reichen und die Journalisten zur alljährlichen Palmenverteilung. Rund 60 Filme in den Hauptsektionen, Tausende im Markt. Weichenstellungen für das Arthaus des nächsten Jahres. Sonne. Stars. Schlangen. Partys.

Das ist so ziemlich alles, was ich über Cannes weiß. Und dabei wird es auch dieses Jahr wieder weitgehend bleiben. Denn ich habe festgestellt: Festivals von weitem zu beobachten ist nicht so mein Ding. Nicht, dass sich nicht ein paar Leute wirklich bemühen, die Croisette auch nach Deutschland zu beamen – etwa die Festivalblogs von Negativ und Kino-Zeit, um nur zwei zu nennen – aber für mich ist das trotzdem nichts. Aus folgenden Gründen:

1. Ich lese Filmkritik ungerne, bevor ich den Film gesehen habe

Das mag dem ein oder anderen merkwürdig erscheinen. Soll eine Kritik nicht auch eine Empfehlung sein, ob es sich lohnt, den Film überhaupt anzugucken? Für einige mag das so sein, aber ich stelle immer wieder nur fest, dass die Lektüre einer Kritik, die mehr tut, als eine oberflächliche Empfehlung zu geben, mir im Grunde den Filmgenuss vermiest – selbst wenn sie keine Plot-„Spoiler“ enthält. Ich glaube, ich bin einfach extrem empfindlich gegenüber Priming. Wenn mir vorher jemand gesagt hat, welche Dinge an einem Film besonders bemerkenswert sind, dann ist klar, dass ich auf diese Dinge später besonders achten werde. Der Anschein eines möglichst unvoreingenommenen Kinobesuchs ist damit dahin. (Mir ist bewusst, dass Kinobesuche nie wirklich unvoreingenommen sind – aber es gibt Abstufungen.) Kritiken lese ich am liebsten nach einem Filmbesuch, um zu sehen, was andere Menschen in einem Film gesehen habe, was ich verpasst habe (oder nicht). Ich weiß, dass ich nicht der einzige mit dieser Präferenz bin. Ein Festival wie Cannes jedoch zeigt die Filme zwangsläufig früher als überall sonst auf der Welt, für mich ist also die Berichterstattung größtenteils ein Spiel mit dem Feuer – vor allem, wenn man Punkt 2 bedenkt.

2. Es dauert sowieso noch ewig, bis die Filme hier ins Kino kommen

Im Grunde ist das eine lange Formulierung für das Wörtchen „Neid“. Mit wenigen Ausnahmen sind Filme, die jetzt in Cannes laufen, frühestens in einem halben Jahr in Deutschland im regulären Kino zu sehen. Eher in neun Monaten, oft sogar nie. Warum also soll ich mir meine eigene Vorfreude auf einen Film wie The Congress dadurch verhageln, dass ich en Detail lese, wie ihn andere Leute fanden?

3. Ein Festival lebt vom Dortsein

Ich war noch nicht auf wirklich vielen Filmfestivals, ehrlich gesagt, und die diesjährige Berlinale war die erste „Hardcore“-Erfahrung über mehr als ein verlängertes Wochenende hinweg. Aber jedes Mal habe ich wieder gemerkt: Ein Festival ist eine Gesamterfahrung. Man schaut nicht nur viele Filme, man schaut sie in verschiedenen Wachheits-Zuständen, mit unterschiedlichem Publikum, mit Q&A anschließend oder ohne, mit Party am Abend oder nicht, im großen Festivalhauptkinopalast oder in einem der generischen Multiplexkinos nebenan, mit Gespräch anschließend oder mutterseelenallein in der großen Stadt. Das Gesamtgefühl des Festivals beeinträchtigt das eigene Urteilsvermögen viel stärker als die Umstände bei isolierten Kinobesuchen. Ich war aber noch nie in Cannes. Wenn Leute von dort erzählen, ihre Festivalerfahrung in ihre Kritiken und Blog-Travellogues miteinfließen, kann ich mir daraus zwar ein innerliches Bild zusammenbasteln – das Bild hat aber wahrscheinlich sehr wenig mit der eigentlichen Cannes-Erfahrung zu tun. Und das finde ich äußerst unbefriedigend.

Was ich stattdessen mache

Natürlich kann ich mir als filminteressierter Mensch und im gewissen Sinne auch als „Profi“ nicht erlauben, das Festival de Cannes zu ignorieren. Ich versuche aber, mich auf das Nötigste zu beschränken – das heißt ich achte darauf, welche Stimmen sich über das Grundrauschen erheben. Das geht besonders gut über Social Media. Wenn in meinen Twitter- und Facebook-Feeds bestimmte Filmtitel, Ereignisse oder Meinungen hochblubbern, dann beschäftige ich mich damit. So habe ich mitbekommen, dass Borgman von Alex van Warmerdam wohl so ein bisschen der Überraschungshit der ersten Festivalhälfte war und Only God Forgives die Kritik so sehr in zwei Lager gespalten hat, dass das Champions-League-Finale am Samstag dagegen ein Witz ist. Ich werde am Ende wissen, wer die Preise gewonnen hat, wo die Überraschungen lagen, und ob Lars von Trier versucht hat, sich mit angeklebtem Bart in eine Pressekonferenz zu schleichen. Aber über das, was ein Festival eigentlich ausmacht, die vielen kleinen, oft gar nicht mal herausragenden Filme, die ein Kritiker oder eine Kritikerin so sieht – darüber breite ich lieber den Mantel der freiwilligen Ignoranz.

Wie geht es euch damit? Verfolgt ihr en detail das Treiben an der Côte d’Azur?

10 Antworten to “Drei Gründe, warum Festivals aus der Ferne keinen Sinn ergeben”


  1. Ich kann dich sehr gut verstehen und stimme Dir da auch in deinem Beitrag zu. Persönlich habe ich Erfahrungen mit kleineren Filmfestivals (Frz. Filmtage in Tübingen, deren Webpräsenz/Öffentlichkeitsarbeit grottig->schlecht ist!) und fühlte mich als Besucher auch nicht wohl. Lag wahrscheinlich daran, dass ich kein Extrem-Cineast bin. Die Filme – auch auf Französisch verstehe ich. So gut ist mein Französisch dann doch noch – oder war es.. ;)

    Ich höre oder lese schon länger keine Filmkritiken zu Filmen, die ich mir anschauen möchte, einfach weil ich die Erfahrung bei den Filmen selber machen möchte. Nachdem ich dann einen Film angesehen habe, checke ich (wenn ich wirklich Zeit und Muße dafür habe) entsprechende Kritiken oder Anmerkungen zum Film und vergleiche sie mit meinen eigenen Erfahrungen. Und bisher hat mein Kinogeschmack mich nicht enttäuscht :)


  2. Ich halte es ganz ähnlich wie Du: Erste Eindrucke von Cannes nehme ich durch Twitter wahr, falls mich ein Film sehr interessiert, lese ich die Kritiken von Kollegen, deren Geschmack ich einschätzen kann – oder zumindest glaube, es zu können.

    Das Besondere an Festivals ist für mich dieser Filmrausch. Nicht nur bei der Berlinale – da ist es sicherlich durch die Länge sehr deutlich -, sondern auch bei kleineren Festivals wie den Nordischen Filmtagen finde ich es toll, dass die Filme, die dort laufen, dann für diese Zeit das Wichtigste sind.

  3. Marco Says:

    Interessante Gedanken und ich kann die genannten Punkte eigentlich nur unterschreiben. Vor allem spielen bei Filmfestivals ja auch Dinge eine Rolle, die keine Berichterstattung wirklich vermitteln kann. Die Stimmung, die Spannung, das Auswählen der Filme (die manchmal nicht so sehr irgendwelchen Vorlieben, sondern einem effektiven Zeitplan folgt). Die Gäste, die Reaktionen des Publikums und – für mich ganz wichtig – der gemütliche Klönschnack zwischen den Vorstellungen. Das macht ja alles den Reiz aus und beeinflusst auch die unterbewusst die Rezeption des Filmes. Somit ist das Lesen über Festivals vergleichbar damit, ob man ein Fußballspiel im Stadion gesehen hat oder am nächsten Tag den Zeitungsartikel darüber ließt. Allerdings muss ich zugeben, dass bei mir auch immer die Neugier überwiegt, wie die neuen Filme meiner Lieblinge ankommen und welche Geheimtipps man sich merken sollte.


  4. […] Alexander Gajic schreibt auf real virtuality einige kluge Worte darüber, dass es eigentlich ziemlich sinnlos ist, die Berichterstattung über ein Filmfestival zu lesen, welches man nicht selber besucht. Da hat er ja auch irgendwie recht. Allerdings überwiegt bei mir […]


  5. Im Prinzip könnte ich deine Ausführungen so copypasten, bis auf das, was ich stattdessen tue. Das bleibt nämlich einfach wie immer. So ähnlich wie beim Fußball, der findet für mich noch weniger statt. Während die Palmengesellschaft feiert, zieht der Ape-Man dann seinen Schlafanzug an und macht sein eigenes Filmfestival.


  6. Mir geht es genauso, was das Nichtlesen vor und das Lesen von Kritiken nach dem Kinobesuch betrifft. Im Freundeskreis gelte ich schon als leicht paranoid, weil ich mir schon im Kino Augen und Ohren zugehalten habe, um einen Trailer nicht zu sehen. (Das wäre auch mal ein Thema für einen Artikel: Trailer, die den ganzen Film erzählen und einen Kinobesuch überflüssig machen). Ich stehe fassungslos vor einem Kumpel, der sich die Handlungsbeschreibung in der Wikipedia genau durchliest, bevor er sich einen Film zum ersten Mal anschaut! AAAAAAAAAAaaaaaa…….


  7. Nun, es gibt Menschen, die sonst auch während des Films ständig fragen, was warum nun gerade passiert ist (und auch die, welche Fragen, was denn nun passieren wird). Man darf nicht vergessen, daß nicht jeder so in der Materie steckt, um gleich beim ersten Mal zu deuten, was da auf der Leinwand eigentlich gezeigt wird. Gerade bei älteren Filmen haben Manche Zuschauer ernsthafte Schwierigkeiten, sich in das Gezeigte hineinzuversetzen. Da kann es schon hilfreich sein, eine Orientierung zu haben.


  8. […] Illustrierten. Die schauspielerischen Talente so mancher Dame treten dabei eher in den Hintergrund. Und wenn man nicht dabei war, bleiben das Festival und die Stadt sowieso zumeist bloß ein beiläufiger Begriff im Punk12 […]


  9. […] Zum japanischen Filmfestival Nippon Connection in Frankfurt hat das SchönerDenken-Team, das sich selbst “Die üblichen Verdächtigen” nennt, ihr Konzept für die gesamte Festivalberichterstattung übernommen. Mal ein anderes Konzept, als die übliche Textwut, die ein Festival produziert und die ja von weitem recht problematisch sein können. […]


  10. […] Dissolve” hat sich außerdem wie ich einige Gedanken dazu gemacht, ob irgendjemand wirklich Lust hat, Filmfestivals von weitem zu […]


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