An Epic kann man sehen, wie es um den US-Animationsfilm steht

2. Juni 2013

© 20th Century Fox

Es ist schwierig, ein gutes Wort dafür zu finden, was in den letzten 15 Jahren mit dem Animationsfilm passiert ist. „Goldenes Zeitalter“ – nee, das waren die 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts. Und auch „Renaissance“ finde ich inzwischen nicht mehr so gelungen, denn so richtig gestorben war der Animationsfilm ja nie. Es ist eher so, dass er nun auch in den USA – und damit automatisch auch im Rest der westlichen Welt – auf eine Art und Weise ein Kinobreitenphänomen geworden ist, wie er es vielleicht vorher höchstens in Japan war.

Ich habe heute Epic ein paar Wochen nach Start im Kino nachgeholt und schon beim Sehen fiel mir auf, dass sich meine ambivalenten Gefühle dem Film gegenüber sehr gut auf die gesamte amerikanische Animationslandschaft übertragen lassen. Denn auch wenn es grundsätzlich großartig ist, dass Animationsfilme heute im Filmkalender so selbstverständlich geworden sind wie Spielfilme, gibt es dennoch einige Hühnchen zu rupfen.

1. Animation ist (noch) eine der letzten Bastionen für wirklich originäre Ideen

Epic ist in seinem Kern eine typische Teenager-Weltenwechsel-Geschichte: Ein Mädchen wird magisch in einer andere Welt transportiert, hilft mit, diese zu retten, und lernt dabei etwas über sich selbst und ihre eigene Umgebung (besser mit ihrem schrulligen Vater klarzukommen). So weit, so schon tausend mal gesehen. Aber die andere Welt ist nunmal eine mystische Blattkrieger-Kultur, die im Wald auf Vögeln reitet und gegen eine Fäulnis-Gang kämpft, in einem schrägen Mensch/Pflanzen-Mischkosmos, der vor Einfällen nur so strotzt.

Weil Animationsfilme dazu einladen, neue Welten zu entwerfen, Unbelebtes zum Leben zu erwecken und durch einen Drehbuchprozess laufen, der sich so völlig von dem eines Spielfilms unterscheidet, ist dort immer noch Raum für wirklich abgefahrene Ideen, die nicht auf bereits etablierten Marken basieren. Mythische Kinderfiguren, die sich wie Superhelden zusammentun. Ein Videospielcharakter, der gerne eine anderes Schicksal hätte. Eine schottische Prinzessin, deren Mutter in einen Bär verwandelt wird. Ein Junge, der seinen toten Hund wiederbelebt. Und das war nur 2012. Schaut man auf die letzten 15 Jahre zurück findet man dutzende originelle Ansätze, auch wenn immer wieder sprechende Tiere dabei sind.

Allerdings: Sobald ein Film wirklich erfolgreich wird, ist er damit automatisch eine Marke, die fortan systematisch ausgeschlachtet wird. Ice Age mag in seinen Fortsetzungen teilweise immer noch ganz nett gewesen sein und Toy Story 3 mochte ich wirklich, aber die Sequelitis, die dieses Jahr auch Rio (WARUM?), Despicable Me und Cloudy with a Chance of Meatballs trifft, könnte in gewisser Weise schon wieder das Ende einer guten Ära einleiten. Chris Wedge jedenfalls hatte echte Probleme, Epic produziert zu bekommen. Henry Selicks letztes Projekt wurde ebenfalls gekillt. Pixar kündigt jeden Monat ein neues Sequel an (neben, das muss man zugeben, originären Stoffen). Man darf auf jeden Fall besorgt sein.

2. Pixar sind immer noch die einzigen, die der Story den Vorrang geben

Epic ist bis zum Rand voll mit Mythologie. Die Leafmen und die Boggens (einmal von unserer Weltenwanderin MK als „Blogger“ bezeichnet, ich musste ja lachen) wirken wie reale Kulturen und ihre Welten sind so liebevoll ausgestaltet, dass es einem das Herz zerreisst, dass ihre Geschichte häufig überhaupt keinen Sinn ergibt. Das Drehbuch von Epic ist so breit in der Landschaft verteilt, dass man eine Rasterfahndung einleiten muss, um den Kern der Geschichte zu finden. Viele Dinge, die angerissen werden, zahlen sich später nicht aus. Die Lösungen, die man erwartet, werden häufig zugunsten von völlig aus dem Nichts kommenden Szenen oder Charakteren torpediert. Und das Ende ist nicht nur merkwürdig unlogisch, sondern auch unbefriedigend.

Aber alle Achtung hat Epic Schauwerte und Setpieces, die einen so richtig in den Sitz drücken. Genau wie Wreck-it Ralph übrigens. Und Madagascar 3. Und so ziemlich jeder andere Animationsilm, der nicht von Pixar stammt. Man kann von Brave halten, was man will, aber hier wird immerhin eine Geschichte von A nach Z erzählt, deren Wendungen aus den Charakteren heraus motiviert sind. Es müssen nicht hunderte Regeln erfunden werden oder Götter aus der Maschine die Geschichte ständig wieder anstupsen, damit das nächste Feuerwerk abgebrannt werden kann. Die Ausnahme, die die Regel bestätigt, ist übrigens ParaNorman.

3. Ton ist nach wie vor die große Unwägbarkeit der Gattung

In Interviews hat Chris Wedge gesagt, er wollte mit Epic einen Actionfilm machen, und zeitweise ist ihm das auch gelungen. In diesen tempogeladenen Szenen rockt der Film ziemlich hart und reizt die wahnwitzigen Möglichkeiten des Mediums so richtig aus. Doch dann entscheidet sich der Film plötzlich, das man jetzt wieder eine Slapstickszene braucht, oder es wird ein eben noch wichtiger Charakter ohne mit der Wimper zu zucken ins Jenseits befördert und das gesamte Drehmoment, in dem man sich eben noch hat herumwirbeln lassen, kommt quietschend zum Stehen.

Wedge hat schon in Robots gezeigt, dass er eine sehr merkwürdige Vorliebe für anzüglichen Humor auf Vorschulniveau hat, doch er steht mit seinen Problemen nicht allein in Hollywood. Die Tatsache, dass Animationsfilme aus finanziellen Gründen in Hollywood de facto immer noch ein Genre (nämlich: Familienfilm) und keine Gattung bilden, führt immer wieder zu merkwürdigen Berg- und Talfahrten, wenn es um den Gesamtton des Films geht. Was frühe CG-Nicht-Pixar-Animationen wie Shrek und Ice Age noch gut hinbekommen haben, nämlich eine kinderfreundliche Geschichte zu erzählen, und nebenbei dennoch die Erwachsenen mit etwas reiferen Gags zum Lachen zu bringen, ist spätestens seit Scheußlichkeiten wie Shark Tale Geschichte. Stattdessen entstehen Filme wie Rio, der in seinem Herzen eine College-Komödie sein will und deswegen auf jede Menge Hiphop-Einlagen und eine Chercher-La-Femme-Geschichte setzt (und schaut euch diesen grausligen Teaser Trailer für Teil 2 an), sich dann aber immer wieder zurückhalten muss. Oder es werden einfach alle Grenzen der Stringenz außer Kraft gesetzt und man fabriziert einen 90-minütigen Acid Trip wie Madagascar 3 für alljene, die immer noch glauben, Animation wäre eben nur für Kinder, deren Eltern sich kein Ritalin leisten können.

Kurzum: Wenn Animationsfilme weniger damit beschäftigt wären, alle fünf Minuten eine andere Zielgruppe zu bedienen, hätten alle Zielgruppen insgesamt mehr davon. Die Macher der oben genannten Ausfälle sollten mit Miyazaki-Studium nicht unter drei Jahren „bestraft“ werden.

4. 3D ist hier schon gut aufgehoben, es geht aber noch besser

Epic ist wie geschaffen für ein 3D-Showcase und nutzt seine Möglichkeiten auch ausgiebig. Im Wald gibt es immer Vorder-, Mittel- und Hintergrund, der Film handelt von Größenunterschieden und die Ritte der Leafmen auf ihren Finken bieten jede Menge Gelegenheit für Bewegungen in drei Dimensionen, „Ghost Ride“-Sequenzen und langen, ungeschnittenen Kameraflügen. Trotzdem wirkt der Film über weite Strecken in seinem 3-D nicht so Wow-Faktor mäßig, wie er könnte, vielleicht weil er einfach nicht tief genug ist und auch auf negative Parallaxen völlig verzichtet. Star Trek Into Darkness hat da mehr draufgehabt, obwohl er postkonvertiert war.

Wirklich gutes 3D bleibt bei Animationsfilmen, die ja gefühlt etwa die Hälfte des 3D-Marktes ausmachen und bei denen die dritte Dimension ja meistens ohnehin mit eingebaut ist, eine Seltenheit. Auf jeden ParaNorman, der die dritte Dimension subtil aber wirkungsvoll eingesetzt hat, um seine Geistergeschichte zu erzählen, und Tintin, dessen Fotorealismus und Spielbergsche Inszenierung in 3D doppelt Spaß machen, kommt ein Wreck-it Ralph oder Gnomeo and Juliet, bei dem man sich fragt, wofür man den 3D-Aufschlag gezahlt hat. Der Rest liegt irgendwo zwischendrin, im Zweieinhalb-D-Mittelmaß.

Was also steht dem amerikanischen Animationsfilm in den nächsten Jahren bevor? Zumindest wohl keine Flaute, dafür haben sich die großen Player – Pixar/Disney, Blue Sky/Fox, DreamWorks und Sony – das Feld inzwischen zu gut aufgeteilt und schieben in schöner Regelmäßigkeit neuen Stoff nach. Aber wohl auch keine erneute Aufwärtskurve, wie man sie in den Anfangsjahren von Pixar erleben durfte. Stattdessen wahrscheinlich eine ganze Menge Filme wie Epic, unentschlossene Materialschlachten deren gute Ideen irgendwann zu Tode gefocusgroupt wurden. Die Perlen, von denen es zum Glück immer wieder welche gibt, bleiben rar. Aber so ist das nun einmal, wenn aus einer Renaissance ein Mainstreamphänomen hervorgeht: Der Durchschnitt bestimmt das Feld. Da bildet auch der Animationsfilm keine Ausnahme.

Eine Antwort to “An Epic kann man sehen, wie es um den US-Animationsfilm steht”


  1. […] in unseren Kinos angelaufene Animationsfilm „Epic“ veranlasst Alexander Gajic dazu, sich mit dem aktuellen Status des US-Animationsfilms auseinanderzusetzen. Seinen sehr interessanten Text dazu findet man auf real […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: