CONTINUITY – So etwas wie eine persönliche Herleitung

12. Januar 2014

Ich habe den bekloppten Plan gefasst, 2014 ein Buchprojekt anzugehen, das den Arbeitstitel „Continuity“ trägt. Da ich den Arbeitsprozess relativ offen angehen will, werde ich immer wieder versuchen, meine Gedanken zum Projekt in diesem Blog niederzuschreiben. Diskussion jeder Art dazu ist mir hochwillkommen.

Vor knappen zwei Stunden habe ich folgenden Tweet abgesendet.

Das Zitat, das ich eingebunden habe stammt aus dem Artikel (in dem es darum geht, dass der Kurzfilm, welcher auf der Thor: The Dark World-DVD enthalten sein wird eventuell auf die Netflix-Serien, die Marvel 2015 produzieren wird, vorausdeutet) und es fasst perfekt die Faszination zusammen, die ich in meinem Buch – das ja perfekterweise sogar auch den Titel „Continuity“ trägt – beschreiben will. Der Autor des Artikels fühlt sich anscheinend, genau wie ich, dadurch wohlig durchströmt, dass da draußen jemand ist, dem erzählerische Einheitlichkeit sehr wichtig ist.

Der Ursprung für „Continuity“ liegt, glaube ich, darin, dass ich immer auf der Suche nach meiner persönlichen Weltformel bin. Das heißt: Ich versuche eigentlich immer, mein eigenes Interessen-Genom zu entschlüsseln. Wenn mich ein neuer kultureller Aspekt zu faszinieren beginnt, leuchtet mir häufig erst nach einiger Zeit ein, dass dieser Aspekt auf gewisse Weise doch sehr gut zu vielen anderen Dingen passt, die mich früher fasziniert haben.

Während ich im Dezember in meiner Hautklinik in Thüringen saß (ich versuche derzeit, meine Neurodermitis in den Griff zu bekommen), Grant Morrisons „Supergods“ über die Geschichte des Superheldencomics las und zum wiederholten Mal über das Marvel Cinematic Universe und die neuen Aspekte filmischen Storytellings nachdachte, die ich dieses Jahr so erforscht hatte, fiel mir irgendwann auf, dass ich schon immer Respekt vor in sich geschlossenen Systemen hatte.

Im Zweifel: Mathematik

Ich versuche mal, ein Beispiel zu bringen, dass nichts mit Erzählen zu tun hat und mit dem ich plane, das Buch zu eröffnen: die Mathematik. Die einzige Naturwissenschaft, in der ich es in der Schule zu etwas gebracht habe, weil sie so schön abstrakt ist. Jedes Mal, wenn ich einem Mathematiker oder eine Mathematikerin begegne, bringe ich wieder zum Ausdruck, wie enorm ich es finde, dass der Mensch hier ein in sich geschlossenes System geschaffen hat, in dem jedes Element fugenlos in alle anderen passt. Und wenn nicht, wird es passend gemacht.

So geschehen mit den komplexen Zahlen. Als in der Mathematik irgendwann das Problem auftauchte, dass für einige Gleichungen eigentlich das Ziehen einer Wurzel aus negativen Zahlen notwendig sein müsste, erfand der Italiener Geronimo Cardano einfach eine neue Zahleneinheit, die imaginäre Zahl i. Diese neue Einheit ermöglichte es ihm, und allen seinen Nachfolgern, weiterzurechnen und das Gesamtsystem der Mathematik intakt zu lassen, also keine „Ausnahme“ nach dem Motto „1 plus 1 ist immer zwei, außer montags“ einführen zu müssen, wie man sie ja zum Beispiel leider in einem so lebendigen und nicht-abstrakten Gebilde wie einer Sprache mit starken und schwachen Verben etc. hat. (Falls übrigens jemand eine anschaulich und für Mathelaien wie mich verständlich geschriebene Geschichte dieser Entdeckung kennt, danach suche ich noch!)

Und genau wie mich in der Mathematik diese Geschlossenheit und Einheitlichkeit fasziniert, tut sie es auch in erzählerischen Kontexten – und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ich der einzige bin, dem das so geht, denn sonst würden sich nicht so viele andere Menschen damit beschäftigen.

Symptome, nicht Ursachen

Mit anderen Worten: Der Grundgedanke hinter „Continuity“ lautet: All die Buzzthemen, die im Moment die Medienlandschaft durchstreifen, und die mich an diesen Punkt geführt haben – Worldbuilding und Transmedial Storytelling, die Verbeugung vor komplex strukturierten und erzählten TV-Serien, Medien-Franchises und Markenuniversen – aber auch andere Phänomene neuerer Zeit wie die oft angebetete Verschmelzung von Design und Leistung bei Apple oder Konzepte wie Corporate Design und Corporate Identity sind eigentlich nur Symptome für eine Art von Einheitlichkeit im Gesamtbild, der wir alle entgegenstreben..

Ich werde mich diesem vermuteten Bedürfnis nicht vollständig widmen können, sonst müsste ich eigentlich ein Psychologie-Buch schreiben und dafür habe ich weder die Ressourcen noch das Wissen, aber ich möchte erforschen, wie sich das ganze im erzählerischen und medialen Bereich niederschlägt. Vorsichtiges Anklopfen bei Menschen, die sich, im Gegensatz zu mir, mit Sozialpsychologie auskennen haben mich auf den Pfad von Leon Festingers Kognitiven Dissonanz geführt, mit dem ich mich dann bald etwas näher beschäftigen werde. Ich suche folgerichtig nach kognitiver Konsonanz: Es macht uns glücklich, wenn alles irgendwie zusammenpasst. (Auch in diesem Bereich bin ich für jede weitere Idee/Studie/Forschungsfeld aus Psychologie oder Medizin dankbar, die in mein Konzept passen könnte.)

Narrative Special Effects

Der nächste Schritt, meine zweite These, die sozusagen auf dieser ersten aufbaut, ist: Wenn wir einmal Blut geleckt haben, wird die Suche nach dem Zusammenpassen zu einem integralen Teil des Genusses des Erzählten. Das ist es, wofür ich im Mai mit der operationellen Ästhetik endlich ein Wort gefunden habe. Jason Mittell nennt es in seinem „Complex TV“-Buch den „narrativen Special Effect“. So, wie man einen Film mit vielen Effekten auch eventuell nur wegen dieser Effekte genießen kann (selbst wenn die Story mau ist) kann man eine Geschichte auch genießen, weil sie sich so nahtlos in alles andere einfügt (selbst wenn das Erzählte einen eigentlich nicht befriedigt).

Zwei Beispiele dafür. Ich habe nun schon mehrfach ausgesagt, dass ich Richard Linklaters Before-Trilogie inhaltlich nicht viel abgewinnen kann. Ich empfinde Celine und Jesse als grundsätzlich sehr unsympathische Charaktere, die mitnichten große Weiheiten über Liebe und Leben von sich geben, sondern viel eher lebendige Beweise dafür sind, wie verknorzt und auf dem Niveau von Teenagern stehen geblieben das Konzept von romantischer Liebe in unserer Gesellschaft nach wie vor ist. Trotzdem fasziniert mich natürlich das Konzept, die Beziehung zweier Menschen über einen sehr langen Zeitraum zu beobachten und dabei die Wechselwirkungen zwischen den Charakteren und den Schauspielern, die sie verkörpern, einzufaktorieren. Dafür liebe ich die Serie trotz ihrer xanthippigen Charaktere.

Genauso habe ich (ebenfalls im Dezember) endlich angefangen, „Lost“ zu gucken, und muss zugeben, dass ich insgesamt, nach dem Ende der ersten Staffel, nicht besonders begeistert bin. Das Mysterium der Insel, auf der die Passagiere des Fluges gestrandet sind, interessiert mich natürlich auch – ich will wissen, was die Auflösung ist – aber die doch manchmal recht holzschnittartigen Charaktere, ihre Beziehungen zueinander und die riesige Menge an Episoden, die nur dazu dienen, Sendezeit zu füllen, ließen mich doch eher gähnen. Trotzdem bin ich mit „Lost“ noch nicht fertig, es interessiert mich zu sehr, wie Abrams, Lindelof und Co die Spannung über sechs Staffeln halten und am Ende eine Lösung präsentieren, die, so habe ich es zumindest empfunden, viele der Rätselrater im Publikum enttäuscht hat. Die operationelle Ästhetik der Serie trumpft den inhaltlichen Gehalt. (Bei „Agents of S.H.I.E.L.D.“ geht es mir derzeit ähnlich).

Hilfe ist willkommen

Auf diesen beiden Thesen möchte ich das Buch aufbauen. Ich möchte die Faszination am Erzählen innerhalb einer Kontinuität (daher der Titel) zurückverfolgen (beispielsweise zur Kanonisierung der Bibel) und heraufinden, welche Faktoren wichtig sind, damit das Prinzip erfolgreich funktioniert (etwa autoriale Kontrolle bzw. Vorausplanung). Ich will Theorien darüber aufstellen, welche Aspekte der menschlichen Psyche hineinspielen und auf welche Art sie sich alle in unserem modernen Erzählzeitalter äußern. Schließlich soll es eine große Fallstudie geben, an der ich alle Thesen überprüfe und ein Erzählkontinuum detailliert beleuchte. Natürlich wird das das Marvel Cinematic Universe sein. Das Schlusskapitel soll den Titel tragen, der unten auf dem Bild zu sehen ist.

Könnt ihr meine Gedankengänge nachvollziehen? Was fällt euch dazu ein? Wo sind euch solche Phänomene begegnet? Ich bin für jede Idee, jeden Kommentar, jede Anregung – und sei sie noch so trivial – dankbar.

Quelle: tumblr, The A-Team © Universal Pictures

4 Antworten to “CONTINUITY – So etwas wie eine persönliche Herleitung”


  1. Hi Alex, interessantes Thema!

    Beim Stichwort Continuity fallen mir spontan zwei Filmserien ein, wobei ich gar nicht sicher bin, ob meine Gedanken den Kern der Sache treffen.

    Zum einen muss ich an die Zurück in die Zukunft-Trilogie denken. Die Kontinuität wurde in den Filmen zum Teil der Handlung gemacht und trägt zu deren Spannung bei. Vielleicht ist ein Faktor für die Beliebtheit von ZIDZ, die in sich schlüssige Story mit all ihrer Detailverliebtheit. Auch heute noch gibt es mir ein wohliges Gefühl der Zufriedenheit, wenn Marty und Doc Brown mittels Zeitmaschine an ihrem eigenen Schicksal herumoperieren. Alles baut aufeinander auf und bedingt sich, ihr Handeln hat (schlimme) Konsequenzen. Am Ende klappt dann doch alles wie erhofft, aber nie durch Zufall. Alles fügt sich zusammen wie ein großes Puzzle.

    Die andere Filmreihe, die mir einfiel war das Harry Potter-Franchise. Ich bin mit den Büchern aufgewachsen und war 12, als Teil I in die Kinos kam. Ich bin sozusagen mit dem jungen Zauberer groß bzw erwachsen geworden.
    Ich habe keine großen Probleme mit der Verfilmung der Reihe, allerdings hat mich eines immer gestört: Das unterschiedliche Aussehen der Filme. Während die ersten beiden Teile wie aus einem Guss wirken, kommt es im Verlauf der Reihe immer wieder zu gestalterischen Änderungen, die mich aus dem Filmerlebnis herausholen. Die Geschichte mag zwar über acht Filme lang ihre Kontinuität bewahren, der Look wechselt jedoch, für meinen Geschmack, zu oft.

    Dies betrifft viele einzelne Teile. So sind es Kleinigkeiten, wie das geänderte Aussehen der Sets. Nur ein Beispiel: Hagrids Hütte steht im dritten Teil nicht mehr an der gleichen Stelle, wie in den Teilen zuvor. Eine Änderung, die für mich die Kontinuität zunichte macht, auch wenn sie für die Geschichte belanglos sein mag.

    Eine Randnotiz in einem Film, in dem auf Besen geritten wird, oder Kobolde eine Zauberer-Bank leiten, sollte man meinen. Doch egal wie unrealistisch der Inhalt auch immer sein mag, solange das Universum in sich stimmig ist, bin ich dabei. Und genau das ist es eben nicht mehr, wenn Hogwarts nicht mehr aussieht wie im letzten Schuljahr, dann fühlt sich das seltsam an. Die vielen Regie-Wechsel mögen im Potter-Franchise unumgänglich gewesen sein, doch hätte man meiner Meinung nach mehr Wert auf die Kontinuität des Looks legen müssen.

    Meine „two cents“ zum Thema.

    Schöne Grüße
    David

  2. Alex Says:

    Hallo David,

    über ZIDZ und die tolle Einheitlichkeit, die dort geschaffen wird, habe ich hier (https://realvirtuality.wordpress.com/2013/04/11/die-kunst-des-drumherumerzahlens/) mal gebloggt.

    Interessant, dass dich das bei Harry Potter so gestört hat. Ich hatte immer gedacht, die Konsistenz bei den Schauspielern (außer Dumbledore) hat dem ganzen genug Einheit verliehen, dass der Rest irrelevant wurde. Aber falls es dich interessiert, ich habe damals auch in meiner RePotter-Podcast-Serie über das wechselnde Layout des Hogwarts-Terrains gesprochen (https://realvirtuality.wordpress.com/2011/06/28/repotter-3-jonas-hahn-und-der-gefangene-von-azkaban/).

    Danke für’s Schreiben
    Alex


  3. Hi Alex,

    den ZIDZ-Artikel kannte ich noch nicht, danke für den Hinweis! :)

    Bei Harry Potter tut sich meiner Meinung nach einfach zu viel. Hogwarts ändert sich zu sehr. Zauberspruch-Effekte sehen anders aus. Was mir da spontan in Erinnerung kommt, ist das Aussehen der Kommunikation via Kamin. Die Darstellung über die Jahre von 2001 bis 2011 einheitlich zu halten mag schwierig sein. Ich glaube auch, dass bei diesem Mammutprojekt wirklich großes geleistet wurde. Trotzdem haben mich diese Unterschiede im Detail immer etwas geärgert.

    Die Umbesetzung von Dumbledore beispielsweise, hat mich nie groß gestört. Warum das so ist, weiß ich nicht genau. Bei der Gestaltung kann ich mir aber einen Grund denken. Es ist das Gefühl des „nach Hause-Kommens“, das teilweise verloren geht. Als Beispiel, wo dies besser gelungen ist, ist die Rückkehr nach Mittelerde. Die Hobbit-Filme sehen zwar anders aus als die zehn Jahre ältere Herr der Ringe-Trilogie, trotzdem wirken die bisher 5 Filme mehr aus einem Guss, als die 8 Potter-Filme.

    Trotzdem bin ich im Großen und Ganzen zufrieden mit der Umsetzung der Bücher. Dass mich die Kleinigkeiten so stören, bleibt für mich trotzdem interessant, da ich mir das auch nicht genau erklären kann.

  4. Juli Sonne Says:

    Wenn du einen biblisch-theologisch-historischen Ausflug wirklich wagen willst, ich glaube hier wäre es äußerst spannend dem Widerspruch auf die Spur zu kommen, dass die Redaktionen und Zusammenstellungen vor allem des Ersten Testaments, aber auch des Zweiten immer einen spannenden Spagat gewagt haben, nämlich sich widersprechende Inhalte, Erzählungen, und Interpretationen aufzunehmen, sofern sie einen recht breiten Korridor nicht verlassen und damit auf Tilgung vieler Widersprüche zu verzichten. Wenn ich mich recht entsinne, hatte das viel mit der rabbinischen Tradition zu tun, die den Diskurs als Weg zur Erkenntnis so hoch schätzt, dass sie lieber den Bruch von kontinuierlichen Erzählungen in Kauf nimmt, um nicht auf Aspekte zu verzichten.

    Als ganz bekannte Beispiele gibt´s da natürlich die zwei sich ergänzenden aber eben auch widersprechenden Schöpfungserzählungen, aber auch die mehreren Versionen der Noah-Geschichte, die eng verwebt wurden, ohne dass alle Widersprüche beseitigt wurden – und natürlich findet sich ähnliches im Evangelienvergleich und selbst in Aussagen der Briefe im Zweiten Testament.

    Und dann, aber ich befürchte das wird ein eigenes Buch, lassen sich natürlich die theologischen Interpretationen durch alle Jahrhunderte immer wieder als der Versuch begreifen, dieses Widersprüche durch das Bilden eines Interpretationssystems aufzuheben. Faszinierend daran bleibt für mich, dass dieser Prozess so oft fruchtbar ist, aber eben auch immer wieder zu ausschließenden, diffarmierenden Resultaten führte und führt. Insoweit scheint dem Schaffen von Kontinuität eben auch eine Gefahr innezuwohnen?

    So viel von mir, hoffentlich zur Anregung, viel Erfolg beim Weiterdenken!


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