Wenn die Filmkritik das Gespräch sucht

3. Februar 2014

The Wolf of Wall Street war nicht jedermanns Sache. Meine zum Beispiel nicht. Doch da ich die Gelegenheit hatte, nach dem Kino noch mit zwei Kollegen kurz über den Film zu sprechen, wusste ich direkt, dass ich mit dieser Meinung nicht überall auf Zustimmung stoßen würde. Lukas Foerster und Ekkehard Knörer ging es anscheinend ähnlich. Die beiden fingen auf Facebook an, ihre konträren Meinungen zum Film auszutauschen und entschieden sich schließlich, ihre Diskussion in Gänze bei „Cargo“ zu veröffentlichen. Das Ergebnis ist faszinierend zu lesen: Zwei Menschen wechseln höchstkluge Argumente – und am Ende darf man sich selbst irgendwo dazwischen positionieren.

Ich bin mir manchmal nicht sicher, ob das so selbstverständlich ist. Kritik, so scheint es mir doch meistens, ist traditionell nach wie vor etwas, was alleine geschmiedet wird. Der Kritiker, die Kritikerin erfassen das Objekt, das sie konsumieren wollen, sie ordnen es ein, bilden sich eine Meinung und gießen diese Meinung dann in Worte. Diese Worte werden dann auf die Welt losgelassen, man darf dann auch auf sie reagieren – aber es ist nicht selbstverständlich, dass ein Kritiker oder eine Kritikerin sich die Blöße gibt, noch nicht in Stein gemeißelte Ideen in den Ring zu werfen, um sie mit anderen zu diskutieren.

Ein Mehrwert für alle

Kritikerinnen und Kritiker, die den Mut haben, ihre Ideen anderen im Gespräch gegenüberzustellen und damit im Zweifelsfall Gefahr laufen, von den Ideen ihres Gegenübers erdrückt zu werden, schaffen für alle Beteiligten einen Mehrwert. Sie selbst werden gefordert, ihre Eindrücke gegenüber Fachgenossen zu verteidigen. Und die Lesenden bekommen auf einen Schlag gleich ein Spektrum von Meinungen, in dem sie sich orientieren können.

Ich will dem Internet nicht die Ehre zuschieben, in diesem Bereich irgendetwas erfunden zu haben. Die Fernsehsendung „At the Movies“ — für US-Amerikaner, die in den 80ern und 90ern groß wurden quasi die filmische Früherziehung — hat in dem Format Geschichte geschrieben. Auch Podiumsdiskussionen und andere Dialogveranstaltungen haben Tradition. Und Dialoge als Textform gehören mit ihren antiken Vorbildern schließlich an den Anfang aller westlichen Gedanken.

Ich glaube aber doch, dass die vernetzte Welt ihren Teil dazu beigetragen hat, der dialogischen Kritik neuen Antrieb zu geben. Denn schließlich ist das Internet, das „Web 2.0“ allemal, im Grunde eine einzige „Conversation“, wie schon das Cluetrain-Manifest behauptete. Es lebt davon, dass man aufeinander reagiert, ins Gespräch kommt, Impulse abgibt und anderswo aufnimmt. Das kann nebenbei geschehen – in Kommentarthreads unter Blogs oder auf Facebook, in Twitter-Hin-und-Hers – oder ganz geplant, wie im Ur-Webformat Podcast, aber es zeigt auf jeden Fall Wege auf, auf die sich gerade die Filmkritik meiner Ansicht nach ruhig viel öfter verirren könnte.

Kleine Topologie des Filmgesprächs

Wie kann ein Filmgespräch praktisch aussehen? Für den Anfang ist der oben genannte Foerster/Knörer-Weg vielleicht der einfachste. Treibt einen ein Film oder ein Thema um, suche man sich einen Kollegen oder eine Kollegin, der man vertraut und auf deren Meinung man etwas gibt und tauscht Argumente aus. Ich habe das hier im Blog auch schon versucht – allerdings waren die Meinungen in diesen Gesprächen weniger konträr. Es gibt auch ein deutschsprachiges Blog, dass sich nur dieser Form verschrieben hat.

Hat man mit einem Gleichgesinnten erstmal eine gewisse Sicherheit im Gespräch erlangt, kann ein Gast das ganze sehr gut aufmischen. So funktionieren nicht wenige Podcasts, nicht zuletzt die Folge von „Kontroversum“, die mich auf den „Cargo“-Artikel gebracht hatte. Auch der „/filmcast“ oder „The Golden Briefcase“ arbeiten gerne mit dem „Zwei plus Eins“ Prinzip.

Die nächste Stufe ist dann eine größere Runde, in der das Thema reihum gereicht wird. Hier ist schon etwas mehr Konzentration vonnöten, weil am Schluss des eigenen Beitrags möglichst immer noch ein Anknüpfungspunkt für den nächsten Redner gegeben werden sollte, um es der Leserin leichter zu machen. Das regelmäßige Feature The Conversation von „The Dissolve“ funktioniert so und auch mein filmjournalistisches Highlight eines jeden Jahres, der „Slate“ Movie Club, in dem vier Journalisten jeweils vier Beiträge schreiben und in diesem Reigen versuchen, die kritische Beurteilung des vergangenen Jahres Revue passieren zu lassen.

Und schließlich ist da die freie Gesprächsrunde mit mehr als drei Teilnehmenden. Wiederum das Feld vieler Podcasts, aber nicht unbedingt derer, die ich persönlich am liebsten höre. Hier ist gute Moderation vonnöten und die Gefahr, dass einzelne Meinungen untergehen, wächst mit jedem zusätzlichen Teilnehmer, ebenso wie bei Podiumsdiskussionen. Im besten Fall entsteht natürlich völlig unabhängig von der Anzahl der Mitredenden brillanter Denkstoff.

Beispiele für weitere Gesprächsformate gerne in die Kommentare!

Bild: Flickr Commons/Arsene Paulin Pujo (1861-1939), Representative from Louisiana (1903-1913)

6 Antworten to “Wenn die Filmkritik das Gespräch sucht”

  1. Marco Says:

    Interessant. In der Tat mag ich die Form des Dialoges bei der Filmkritik, bzw. Verarbeitung des Gesehenen, auch am Liebsten. Wie z.B. in der Reihe „Forced Entry“ auf Hard Sensations. Erst aus dem Gespräch miteinander, öffnen sich einem viele Aspekte, an die man allein im stillen Kämmerchen gar nicht denken würde. Und oftmals ergibt sich ja auch erst durch die Reibung konträrer Ansichten ein ganz neuer Blick. Würde ich auch gerne bei mir im Blog machen, aber dazu muss man sehr viel Zeit investieren und auch den passenden – oder gerade auf den ersten Blick völlig unpassenden – Partner haben. Ich denke auch, der Podcast ist eigentlich die natürliche Form dafür, wobei ich selber aber so gut wie nie Podcasts höre (von El Diabolic mal abgesehen) und somit die schriftliche Form bevorzugen würde. „Film im Dialog“ kannte ich noch gar nicht. Guter Tipp, werde ich mal in meinem Feed-Reader abonnieren.

  2. Jan Says:

    Genau aus diesem Grund, Argumente, insbesondere konträre, besser ausdiskutieren zu können, wollte ich schon seit Jahren einen Podcast machen. Zwar halte ich die „gewöhnliche“ Filmkritik in Schriftform von einer Person nach wie vor für eine hervorragende Möglichkeit, mir eine andere Meinung anzuhören. Doch das schnelle Gespräche, ohne den Umweg über ein ausuferndes Kommentarsystem, ist manchmal einfach besser zu konsumieren und im Idealfall spannend und interessant.

  3. joukoda Says:

    Für diejenigen, die des Englischen mächtigs sind, kann ich nur wärmsten „Filmspotting“ empfehlen. Ein Podcast zweier Filmkritiker aus Chicago, die miteinander durchaus kontrovers und tiefgehend über Filme diskutieren. Seit ich denen zuhöre, habe ich auch schon das ein oder andere Mal mit dem Gedanken gespielt, einen eigenen Podcast auf die Beine zu stellen, weil sich die Diskussionen einfach so spaßig anhören.


  4. […] Ein sehr lesenswerten Artikel hat Alexander Matzkeit auf seinem Blog real virtuality veröffentlicht. Darin geht es um […]


  5. Im Grunde ist es ja gar nichts anderes, als was in einer lebenden Blogosphäre rauskommen kann, nämlich, daß man anhand einer Einzelkritik in den Dialog kommt. Sowas habe ich früher oft erlebt und finde es sehr fruchtbar, gerade wenn die eigene Argumentation noch mal auf die Probe gestellt wird. Mir schwebt sowas auch schon länger zu einem Themenkomplex vor, jedoch ist es nicht einfach, da alles aufs Zeitliche abzustimmen. Grundsätzlich finde ich es aber toll und praktiziere es auch im Real Life, wenn mir denn mal eine Meinung größer als „Die Geschichte fand ich gut umgesetzt.“ entgegenschlägt, was leider ein Beispiel aus meiner eigenen Familie ist, die meine Filmleidenschaft in die Tiefe nicht sonderlich teilt.


  6. […] (sowas hat die Filmwissenschaftlerin Barbara Flückiger vor kurzem gemacht, sieht toll aus) – Kritiken im Dialog – wie in Podcasts oder der YouTube-Sendung “Short Cuts“. Eine Kritik wird […]


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