Met the Bloggers

16. Februar 2013

Es war ein ganz ulkiges Bild: In der Mitte des ersten Stockwerks vom „Mommsen-Eck“ am Potsdamer Platz saßen die „richtigen“ Filmkritiker beim alljährlichen Treffen der „epd film“-Autoren, an dem ich in der Vergangenheit auch schon teilgenommen habe. Ein paar Meter weiter vorne saßen die Blogger an ihrem Tisch. Eingekeilt zwar, zwischen Treppenhaus und Tür zur Männertoilette, aber der Weg führte unweigerlich an ihnen vorbei.

Ich war froh, dass ich zu einem Zeitpunkt, als auf meine Twitvite gerade sechs Zusagen generiert hatte, trotzdem sicherheitshalber einen Tisch für 15 Personen reserviert hatte. Denn der Platz wurde gebraucht. In dem grässlichen Bewusstsein, mit Sicherheit jemanden zu vergessen, kann ich vermelden, dass neben mir und Cutterina außerdem Doreen Butze, Rochus Wolff, Bernd Zywietz, Martin Gobbin, Gerold Marks, Thilo Röscheisen, Frédéric Jaeger, Dennis Vetter und Simon Born, Joachim Kurz, Andreas Tai und Norbert Hillinger vor Ort waren. Gerold, der sich als Frontkämpfer für die gute Sache hervorgetan hat, hatte außerdem zwei Kollegen der Seite „Inside Kino“ dazugeladen, die die Runde zumindest einigermaßen amüsiert betrachteten.

Ich musste nach weniger als zwei Stunden bereits schon wieder gehen, weil der nächste Film rief, aber gelohnt hat sich das Treffen allemal. Über Blog-Politik wurde nur wenig geredet und ich glaube auch nicht, dass dieses Treffen plötzlich eine Blogosphäre herbeizaubern wird. Aber ich fand es trotzdem toll, all diese Internetschreiber an einem Tisch zu versammeln, kennenzulernen und ihnen zuzuhören (zum Beispiel als Frédéric und Joachim auf meine Frage hin versuchten zu verhandeln, ob sie Konkurrenten sind oder nicht). Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich der einzige bin, dem es so ging.

Die Tatsache, dass ähnliche Treffen und Bekanntschaften, Gespräche am Rande von Pressevorführungen und Festivals, schon vorher stattgefunden haben, ändert meiner Meinung nach nichts daran, dass es nichts schadet, diese Treffen ein kleines bisschen zu institutionalisieren und für alljene zu öffnen, die sich angesprochen fühlen möchten. Das fördert den Kontakt und öffnet die Filterbubble-Scheuklappen, die wir ja doch alle tragen, ob wir es zugeben oder nicht, zumindest ein bisschen. Und damit ist meiner Ansicht nach schon viel gewonnen. In diesem Sinne: Bis zum nächsten Mal!

In meinem Festival-Kalender steht als nächstes das Trickfilmfestival Stuttgart. Ich hoffe, die Bloggertreffen-Tradition dort fortzusetzen.

EDIT, 19. Februar: Andreas Tai zur Liste der Anwesenden hinzugefügt.

Wie bereits erwähnt habe ich durch einen glücklichen Zufall – und Hulk sei dank – überraschend zwei Karten für das deutsche Avengers-Fanscreening in Berlin gewonnen. Wenn man schon gewinnt, muss man das auch durchziehen, dachte ich mir. Ich bin also gestern spontan in Mainz in einen Zug nach Berlin gestiegen.

Das Screening fand im UCI Kinowelt auf der Landsberger Allee statt und die Wahl dieses nicht besonders glamourösen Kinos irgendwo im Niemandsland zwischen Friedrichshain und Prenzlauer Berg spricht eigentlich Bände für die Gesamtgestaltung des Abends. Abgesehen von einem armen Willi im Iron-Man-Kostüm, ein paar Kamerateams und jeder Menge Vorab-Kriminalisierung der Zuschauer, die sogar ihre Handys abgeben mussten, wurde sich wenig Mühe gegeben, der Veranstaltung irgendwie einen besonderen Anstrich zu geben. Nicht einmal eine offizielle Begrüßung vonseiten Disneys, Marvels oder deren PR-Vertreter war drin. Nur eine freundliche, amüsierte Kinomitarbeiterin wies uns vor Beginn des Films noch einmal darauf hin, dass wir zu Werbezwecken gefilmt werden und uns doch ducken sollen, wenn wir nicht im Bild erscheinen wollen.

Einem geschenkten Gaul soll man natürlich, wie Pferdehalter weltweit wissen, nicht ins Maul schauen. Und zum Glück war der eigentliche Film alle Strapazen wert. Das Publikum war ein weiterer Pluspunkt – hier wurde an den richtigen Stellen gejubelt, geklatscht und gelacht und die positive Stimmung hing in einer Denkblase über den Kinoreihen, deren Größe jeden Comiczeichner stolz machen sollte. Dass der Film ihnen (wie mir übrigens auch – mehr dazu bald an dieser Stelle) gefiel, sagten mir einige Fans hinterher sogar noch einmal ins Mikrofon:

Ein paar Lektionen zur medialen Begleitung eines solchen Ereignisses habe ich übrigens auch noch gelernt. Vor allem, dass es sich gelohnt hätte, deutlich früher vor Ort zu sein, um vor dem Einlass in Ruhe ein paar Fotos zu machen und gezielt einige Fans anzusprechen. So war ich (nicht zuletzt dank des wie immer chaotischen Berliner S-Bahn-Verkehrs) knapp eine Stunde vor Vorstellungsbeginn am Kino, musste noch für meine eigenen Karten anstehen, meine Gerätschaften abgeben und mir schließlich auch noch einen ordentlichen Platz sichern. Etwas zu hektisch, wie man leider vor allem an der Fotoqualität sehen kann. Wenn also das nächste Mal ein Filmereignis dieser Größe über Deutschland hereinbricht, werde ich vorbereitet sein.

Ich bin nicht nur ein großer Filmfan sondern auch ein Freund des Kinos. Also schmerzt es mich, mitzuerleben, dass ausgerechnet das Kino, mit dem ich großgeworden bin, das Bambi und Camera Kino in meinem Geburtsort Bad Schwalbach zum Jahresende seine Pforten geschlossen hat.

Das verwundert nicht. Obwohl der kleine Kurort Bad Schwalbach im Untertaunus von dem Problem vieler Provinzkinos verschont geblieben ist, in der nächstgrößeren Stadt ein Multiplex zu haben (Wiesbaden ringt seit Jahren darum, hat es aber nicht auf die Reihe bekommen), war die Geschäftslage, wann immer ich in den letzten Jahren in Bad Schwalbach vorbeischaute, nicht gerade rosig. Inhaber Volker Weis ist mittlerweile 68, seit über 40 Jahren im Geschäft und hat sich den Ruhestand redlich verdient. Das Kino hat er bis zuletzt als Familienbetrieb geführt, mit einigen wenigen Aushilfen – unter anderem, von 2000 bis 2004, mit mir.

Das besondere am Bambi und Camera ist für mich aber nicht nur, dass ich dort vier Jahre Karten verkauft und abgerissen, Popcorn geschaufelt und Getränke verkauft habe (und mich bis heute ärgere, dass ich nicht sofort gesagt habe, dass ich auch Vorführen lernen möchte). Mich hat auch immer beeindruckt, dass mein Ex-Chef das Kino konstant auf dem neuesten Stand gehalten hatte. Beide Säle, das Camera mit 125 Plätzen und das Bambi mit 74, waren mit Dolby 5.1 (das Camera auch mit DTS) ausgestattet, hatten immer saubere Leinwände und keine durchgesessenen Sitze – ganz im Gegensatz zu vielen anderen Kinos in kleinen Orten. Das Foyer wurde zuletzt 2002 renoviert. Zusätzlich gab es persönlichen Service vom Chef: Kurgäste wurden nach den späteren Vorstellungen in ihre Kliniken zurückgefahren. Dass es am Ende nicht mehr für eine Digitalisierung gereicht hat, kann ich angesichts der momentanen Lage gut verstehen.

Auf der Website des Kinos steht derzeit, dass eine Wiedereröffnung unter neuer Leitung geplant ist. Auch im Artikel des „Wiesbadener Kurier“ vom 29. Dezember 2010 heißt es, es gebe zwei Bewerber, die „andernorts schon kleinere Kinos [betreiben]“ (was sich etwa mit dem deckt, was ich bei meinem letzten Besuch an Weihnachten erfahren konnte). Es besteht also noch Hoffnung, dass die seit 1926 bestehende Kinotradition in Bad Schwalbach nicht stirbt.

Mir tut die Schließung trotzdem leid. Familie Weis war für mich seit über zehn Jahren eine freundschaftliche Bekanntschaft – und auch eine wertvolle Recherchequelle für die Stimmung „an der Basis“ in der Kinobranche. Selbst wenn das Bad Schwalbacher Kino wiedereröffnen sollte, für mich wird ein Besuch dort nicht mehr das gleiche sein. Ich wünsche Herrn und Frau Weis, Beate und Stefanie und Ralf dem Vorführer daher auch an dieser Stelle noch einmal alles Gute und hoffe für sie, dass auch die Zeit ohne Kino eine schöne wird.

Ein Ton fällt. Hinab an der Fassade des Festspielhauses Hellerau und mit einem enormen Platsch in einen Teich aus schwarzem Wasser. Und das obwohl ein Ton doch eigentlich substanzlos ist. Fällt da etwa, gemeinsam mit dem Ton, doch noch etwas anderes in den dunklen Tümpel? Oder wird der Ton irgendwann so tief, dass seine Ultraschall Infraschallwellen das Wasser aus den Fugen heben? Die „Wahrheit“ ist viel banaler (und wird hier nicht enthüllt werden), aber Anke Eckardts Installation „!“, die den Besucher des 14. Dresdner CyNetArt Festivals für Medienkunst vor dem Eingang begrüßt, ist das perfekte, weil unendlich einfache, Beispiel für die Verschmelzung von Wahrnehmung – und damit auch der Übertragung eines medialen Erlebnisses in eine andere mediale Ebene.

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Der Besuch bei der CyNetArt war mein erster Ausflug in die Welt der Medienkunst, doch was ich gesehen habe, hat mich fasziniert. Nur wenige Exponate, doch jedes von ihnen ein Erlebnis, häufig interaktiv, und immer an der Grenze zwischen Technikspielerei und Kunstwerk, zwischen Sinnerlebnis eins und zwei, zwischen Realität und Virtualität.

Im Projekt „Mirror“ von Matthias Härtig, Johanna Roggan, Frieder Weiß und Michael Lotz, wird die Entfernung zwischen Menschen in Bilder und Töne übersetzt. Zwei identische Aufbauten in angrenzenden Räumen erkennen die Position der jeweiligen Nutzer und geben den Schatten des jeweils anderen auf dem eigenen Boden wieder. Je näher sich die beiden in ihrer relativen Position kommen, umso mehr wird der Soundtrack auf den Kopfhörern mit Störgeräuschen infiziert und die weiße Streifenwelt der Umgebung mit digitalen Artefakten durchsetzt.


„Wir wollten ursprünglich stärkere Harmonie schaffen, je näher man sich kommt“, sagt Mitschöpfer Matthias Härtig und grinst. „Aber dann haben wir uns für das Gegenteil entschieden. Je enger man zusammenwächst, umso mehr Probleme gibt es.“ Heißt das nicht, dass die vielbeklagte Isolation der digitalen Welt, in der man nur noch von Ferne miteinander kommuniziert, die perfekte Lösung für all unsere Probleme wäre? „Ja. Unsere Installation ist ein Plädoyer für Individualität.“ Ich frage mich, ob nicht auch beides zusammen möglich ist.

Matthias Härtig in seinem „Mirror“

Der „MoshpitAmp“ der Kölner Gruppe fur sieht Harmonie vielmehr in Headbanging und Bewegung. Je aufgekratzter man sich vor dem sensorisch ausgestatteten Gitarrenverstärker bewegt, umso intensiver wird der prügelnde Metalsample, der in Höllenlautstärke aus den Boxen dringt. Wenn man sich in völlige Extase tanzt (hier demonstriert von Pressereferentin Julia Rülicke) nickt der Mosh-Master im Fronstpoiler des Amps anerkennend mit dem Kopf – bzw. bangt mit.

Ebenfalls mit der Übersetzung von menschlicher Nähe in Klang und Form spielt Sonia Cillaris Performance-Installation „Sensitive to Pleasure“ (die ich leider nicht live erleben konnte). In einer Box in der Mitte des Raumes bewegt sich der Besucher um eine nackte Frau herum, berührt sie sogar. Seine Nähe oder Distanz wird nicht nur in Töne übersetzt, sondern auch in Lichtflackern auf dem Boden und elektrische Impulse auf dem Bodysuit der Künstlerin. Es gehe ihr dabei um die Identifikation des Künstlers mit seinem Kunstwerk, sagt Cillari. Von Augenzeugen hört man nur, der Besuch in der Box sei, gerade für Männer, durchaus verstörend. Auftrag erfüllt.

Das Übersetzen von einer Wirklichkeit in die andere ist auch das Thema von Verena Friedrichs Installation „Transducers“, die mit dem höchstdotierten Preis des Festivals, dem Förderpreis der Kunstministerin, ausgezeichnet wurde. Menschliche Haare schwingen in von der Decke hängenden Glasbehältern; die Schwingung wird in Töne übersetzt. Jedes Haar klingt anders. Der analoge Datensatz „Haar“ lässt sich eben nicht nur in Attributen wie Länge, Dicke oder Farbe ausdrücken, sondern ist auf diese Weise auch hörbar, eigentlich nichts anderes als die Übersetzung von Zahlenkolonnen in Schaubilder. Der Raum ist von einem stetigen Summen erfüllt. „Irgendwann wird man schon ein bisschen wahnsinnig von dem Geräusch“, sagt Friedrich, „aber dann gewöhnt man sich auch wieder daran.“

Verena Friedrich inmitten ihrer „Transducer“

Eine Attacke auf alle Sinne hat Ritchie Riediger mit seiner Installation „[oszo 34]TM“ geschaffen. Wer sich traut, den Raum zu betreten, steht mitten im undurchdringbaren Theaternebel, verliert die Orientierung und fängt an zu husten. Erst nach einiger Zeit, wenn man bereit ist, sich auf die weiße, pink beleuchtete Welt einzulassen, gibt es Dinge zu entdecken. Ein Griffel an der Wand lädt zum Verewigen ein. Ein asiatisches Mädchen lächelt einem vom Videoscreen entgegen. Man möchte das als Metapher begreifen: Selbst im übelsten Dickicht lauern kleine Freuden.

Entdeckt: die Griffelwand in [oszo 34]TM

Ohne Übersetzung, aber mit einer nicht weniger genialen Verknüpfung von Technik, Wissenschaft und Kunst, kommt Jannis Krefts Installation „Post Mortem“ aus. Wer einen Arm auf den weißen Tisch legt, erfährt: „You are Dead“ und bekommt im Zeitraffer die Verwesung des eigenen Gewebes vorgeführt. Eine Infrarotkamera erfasst den Umriss des Arms und setzt Algorithmen in Gang, die schon bald dafür sorgen, dass sich Fliegen auf dem Arm niederlassen, die Eier legen, aus denen Larven schlüpfen, die neue Fliegen gebären. Währenddessen setzt sich der Verfall des Fleisches, von oben per Beamer projiziert, stetig fort und nach 14 „Tagen“ ist der Arm vollends verwest.

Hinter dem so unschuldig anmutenden Tisch steckt jede Menge Programmierarbeit (vier Wochen laut Kreft) und ein geschickter Einsatz von Formenerkennung, halbdurchlässiger Folie und biologischem Wissen. Das Ergebnis ist eine bizarr-spielerische Auseinandersetzung mit dem Thema Tod, einmal losgelöst von der metaphysischen Ebene, die in der Kunst sonst eher Vorrang hat. „Mann, du hast meinen Verwesungsprozess gestört“, sagen Gäste, die mit der Installation interagieren. Was Gunther von Hagens mit seinen Plastinaten nie wirklich erreicht hat, Kunst mit totem Gewebe, Jannis Kreft ist es bravourös gelungen. Dafür gab es dann auch den Cynetart-Preis der Dresdner Stiftung Kunst und Kultur. „Ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden“, sagt der Künstler.

Jannis Kreft

Eine Ausstellung in der Ausstellung hat Igor Sovij mit seinen Kollegen von Tac.ka geschaffen, den Art Zeppelin „Imaginary Pavillion of Bosnia and Herzegovina“. Mit einem Joystick kann sich der Besucher durch die weißen Wände einer virtuellen Kunstgalerie bewegen, in deren Räumen jeweils verschiedene Objekte das „National Imaginary“ des geteilten und doch eins-seienden Staates Bosnien und Herzegowina illustrieren. Abgetrennt durch die digitalen Ebenbilder von tatsächlich existierenden Türen aus dem Kunstprojekt eines anderen bosnischen Künstlers, stößt man hier sowohl auf die Brücke über den Drina, verewigt im gleichnamigen Buch des Nobelpreisträgers Ivo Andric, als auch auf ein nie endendes Pacman-Spiel, in dem die Geister, gekleidet in die Flaggen der unterschiedlichen Ethnien, einen verzweifelt davonlaufenden, farblosen Pacman jagen. Ohne Wissen über das Land ist die Symbolik der Objekte kaum zu erkennen, doch Sovij gibt bereitwillig Auskunft.

Die Brücke über den Drina

Das Cynetart International Festival for Computer Based Art Dresden ist noch bis zum 17. November im Festspielhaus Hellerau zu sehen

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