Mit „epd Film“ verbindet mich inzwischen eine achtjährige persönliche Geschichte. Im Frühjahr 2006 habe ich in der Redaktion in Frankfurt ein Praktikum gemacht, knapp einen Monat nachdem sie meinen ersten Artikel veröffentlicht hatten. Ich habe mich dort wirklich wohl gefühlt und wurde wohl nicht zuletzt deshalb ein Jahr später gebeten, einen Monat als Aushilfe dort zu arbeiten. Seitdem ist „epd film“ als Autor meine Brücke in die Welt des traditionellen Filmjournalismus geblieben, weil sie netterweise immer noch drei bis viermal pro Jahr Artikel von mir veröffentlichen. Meistens geht es darin um meine Lieblings-Erklärbärthemen wie 3D, Streaming und andere Film-Technik-Schnittstellen, aber sie haben mich auch schon bei ambitionierteren Projekten wie einer Untersuchung von Reboot-Kultur und filmischem Storytelling in Themenpark-Rides unterstützt.

Ich bin also alles andere als ein objektiver Beobachter der Zeitschrift, die mit dem aktuellen Heft nach mehreren Jahren mal wieder ihr komplettes Look and Feel verändert hat. Aber ein echter Insider bin ich auch nicht. Ich wusste, dass der Relaunch in den Startlöchern stand, aber ich hatte – bis ich gestern das Heft in der Hand hielt – keine Ahnung, wie er aussehen würde. Ich denke, das Ergebnis kann man äußerlich als „behutsame Modernisierung“ bezeichnen. Das Titelseiten-Layout ist deutlich zeitgemäßer und sollte an den Kiosks wieder mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen als die etwas biedere Kadrierung der alten Hefte. Das frische Blau, das Logo, die neuen Fonts, sie alle stehen für einen Zeitenwechsel auch für das, was man eigentlich mit Begriffen wie „Kultur“ oder „Feuilleton“ asoziieren will. „epd film“ war nie intellektuelle Avantgarde, nicht „Schnitt“ (†), „Cargo“ oder „Revolver“, sondern immer dezidiert Publikumszeitschrift mit gehobenem Anspruch. Schon irgendwie entschieden „Middlebrow“, aber zum Glück nie ohne eine gewisse Stacheligkeit – zumindest meistens. Mit dem neuen Layout rückt sie noch etwas näher an das meiner Ansicht nach passende Vorbild „Sight and Sound“ heran.

Im vergangenen Juni habe ich Sabine Horst in der Redaktion eine Mail geschrieben mit meinen Ideen für den Relaunch. Mein Plan war schon damals, die Mail später wieder hevorzukramen und zu schauen, welche Vorschläge Gehör gefunden haben – wobei ich keinesfalls andeuten will, dass die Dinge, die geschehen sind, nur auf meine Anregung hin entstanden. Die Mail war mehr so eine Bestandsaufnahme des „Wenn ich heute eine Filmzeitschrift machen würde“ und ich hoffe, dass sie auch jetzt als eine Diskussionsgrundlage dafür angesehen wird.

Liebe Sabine,

als wir das letzte Mal telefoniert haben, hast du gesagt, dass ihr gerade noch in den Planungen für den Relaunch seid und „wenn du noch Ideen hast, immer her damit“. Das hat mich nicht losgelassen, und ich habe viel darauf rumgedacht in den letzten Wochen. Und irgendwann habe ich mich auch mal hingesetzt und mir Notizen gemacht. Und die wollte ich dir jetzt noch schicken, auch wen es wahrscheinlich schon zu spät ist. Nur meine 2 cents.

1. Formen

Ich würde mir wünschen, dass epd Film noch öfter mit Formen experimentiert. Manchmal macht ihr das ja schon und ich freue mich jedes Mal. Aber da geht noch mehr. Sowas kann man doch auch als feste Rubriken einführen, z. B. „die andere Kritik“ oder so. Hier kann man sich vom Internet wunderbar inspirieren lassen.

Beispiele:
– Daten in anregenden Grafiken aufbereiten, z. B. das Kinojahr oder auch mal etwas ungewöhnliches wie „Farbverteilungen in Filmen von 1930 bis 2013“ (sowas hat die Filmwissenschaftlerin Barbara Flückiger vor kurzem gemacht, sieht toll aus)
Kritiken im Dialog – wie in Podcasts oder der YouTube-Sendung „Short Cuts„. Eine Kritik wird interessanter, wenn man mehr als einen Blickwinkel darauf bekommt. Nicht Pro und Contra, einfach ein Dialog von zwei Leuten, die den Film gesehen haben
– „Oral history“ – ein Format, das ich in letzter Zeit häufig gesehen habe. Ein Ereignis in den Worten der Betroffenen erzählt, zusammengesetzt aus Interviewschnipseln.
– Neue Interviewformen, z. B. in Bildern oder in „Fünf Filme, die mich geprägt haben“ etc. Ist fast schon ein alter Hut, funktioniert aber immer wieder.

Ich wurde ein bisschen erhört. Die neue „epd film“ hat in ihrem Einleitungsteil (der jetzt „Foyer“ heißt) jetzt immerhin einen „Listicle“ zu einem aktuellen Thema (dieses Mal, schräge Wahl: „Die relaxtesten Roadmovies“), einen kurzen Fragebogen („E-Mail an Christoph Maria Herbst“) und es gibt einen Film, der ausführlicher besprochen und analysiert wird als die anderen. Ein Anfang. Aber mal im Ernst: Das ist es doch, wie man Filmkritik interessant und frisch halten kann. Wer das – und vieles andere – übrigens sehr genial macht ist die britische Zeitschrift „Little White Lies“, über die Filmfans regelmäßig ins Schwärmen geraten.

2. Optik

Hier habt ihr schon viel mit dem letzten Relaunch gemacht und es entstehen immer wieder tolle Leiter. Aber da geht noch mehr. Dicke Fotos, damit können Printmagazine doch punkten. Wie wäre es mit einer Fotostrecke, nur mit großformatigen Bildern aus Cannes? Oder ein riesiges Schaubild von einem Filmset, wo dann die einzelnen Personen mit Pfeilen erklärt werden. oder oder.

Wie geschrieben, da ist schon viel passiert, und die neuen Ideen für den Titel tragen ihren Teil dazu bei, dass „epd film“ sich einigermaßen zeitgemäß anfühlt. Aber ich glaube, auch hier könnte man noch wesentlich mehr machen ohne traditionelle Leser zu verschrecken. Andere erfolgreiche Magazine wie „brand eins“ machen es vor.

3. Meinungen und Persönlichkeiten

Ihr habt ja schon einige Kritiker und Autoren, die man „erkennt“. Und immer mal wieder kommt da auch ein gewisses Expertentum raus. Aber ich würde mir doch mindestens eine Stelle im Heft wünschen, wo jenseits von normalen, relativ ausbalancierten Filmkritiken mal eine steile Meinung zu lesen ist, an der man sich so richtig reiben kann. Jemand, der sich traut einen Rundumschlag über einen aktuellen Trend oder eine Entwicklung in der Branche oder ein Ereignis auf einem Festival zu schreiben und pointiert zu kommentieren. Sowas schafft Kontroverse und damit Leserbeteiligung (auch online?). Selbst epd medien leistet sich das „Tagebuch“, ich finde ihr braucht sowas auch.

Aber auch sonst wäre ich dafür, öfter mal Autoren zu holen, die für mehr stehen als „seit 30 Jahren FilmkritikerIn“. Sowas wie die Gatsby-Geschichte im letzten Heft. Mehr davon, das steht euch gut! Ihr seid ein Ort, wo Meinungsvielfalt einen Platz hat!

Ich wurde doppelt erhört. Im „Foyer“ gibt es jetzt die Rubrik „Die steile These“. Die erste These, verfasst von Sabine Horst, lautet „Biopics sind überflüssig“. Mal schauen, wie zahm oder bissig diese Rubrik sich noch entwickeln wird. Außerdem hat Wladimir Kaminer jetzt eine Kolumne, „Kaminers Kino“, in der er über Kinoerfahrungen aus dem Alltag philosophieren darf. Für das Middlebrow-Publikum ein guter Wurf, finde ich. Das sind echt zwei Scheiben, die sich gerade Magazine noch stärker von Blogs abschneiden könnten, Antje Schrupp hat gerade erst wieder pointiert aufgeschrieben, warum.

4. Journalismus und Recherche

Mir ist klar, dass Filmjournalismus im Grunde ein Feuilleton-Thema ist. Kritik und Textanalyse. Aber ab und zu finde ich, ihr könntet es euch leisten, ECHTEN Journalismus zu betreiben. Mal eine aufwändige Recherche in Auftrag zu geben, die vielleicht Arbeit kostet und entsprechend entlohnt werden muss, aber wo am Ende mal wirklich was bei rauskommt, was sonst niemand hat! Nicht nur das enzyklopädische Wissen von Georg Seeßlen auf drei Seiten ausbreiten (so interessant es ist), sondern eine echte Geschichte mit Protagonisten und Konflikten. Ist ja nicht so, dass in der deutschen Filmlandschaft nichts passiert. Hier nur mal ein Beispiel für etwas, was ich meinen könnte, aus dem „New York Times Magazine“: „Here is what happens, when you cast Lindsay Lohan in your Movie“.

Dieser Vorschlag wurde leider noch nicht umgesetzt. Und sicherlich ist Geld dabei ein entscheidender Faktor. Aber wäre es nicht cool, wenn für sowas mehr Ressourcen da wären? Dass mal so richtig gute Recherchestücke aus dem Filmmilieu entstehen könnten? Und nicht nur so ein Schwachfug wie das „Zeit“-Dossier zu Cloud Atlas?

5. Haltung

Ich denke, darin seid ihr alles in allem auch schon sehr gut. Aber ich finde man kann das im Zeitalter von Markenidentifikation etc. nicht genug betonen. Es sollte mit jedem Artikel und mit jeder Seite klar sein, wofür „epd film“ steht: Unabhängigkeit, Vielfalt, Anspruch und Spaß am Film. Das klingt zwar irgendwie lahm, aber eigentlich will ich vorher schon wissen, was mich erwartet, wenn eine neue „epd Film“ kommt: Ein frischer Blick auf die Welt des Films, anspruchsvoller als die Hochglanzmagazine, aber nicht so abgehoben wie die Pseudo-Wissenschaftler, die anderswo schreiben. Interessant aufbereitet, am Puls der Zeit. Nur die Themen weiß ich noch nicht – aber ich weiß, dass sie interessant sein werden.

Noch was, was ich aus dem Bloggen abgeleitet habe, ehrlich gesagt. Ich hoffe, dass „epd Film“ da auch in Zukunft ein starkes Rückgrat beweist. In der Vergangenheit fand ich, dass es stärkere und schwächere Hefte gab, aber so ist das nunmal im Leben. Auf der neuen Website gibt es jetzt immerhin ein Blog von Gerhard Midding – ich habe es allerdings noch nicht gelesen, auch deswegen, weil man es nicht als Feed abonnieren kann, womit seine Sinnhaftigkeit wieder in Frage steht!. Als App gibt es „epd Film“ jetzt auch. Da ich seit ein paar Monaten Besitzer eines Tablets bin, werde ich das auch mal ausprobieren.

Ich kann „epd film“ für Filmfans nach wie vor empfehlen. Aber Filmzeitschriften haben trotzdem noch einen langen Weg vor sich!

Werbeanzeigen

© 20th Century Fox

Wes Andersons Neuer, The Grand Budapest Hotel, der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale, ist großartig. Ein 100-minütige Achterbahnfahrt von einem Film – spannend, komisch, absurd und überschäumend vor Ideen. Dieser Ideenreichtum, die Detailverliebtheit und die immense Einbeziehung von (pop-)kulturellen Bezügen war schon immer eine Stärke von Wes Anderson und in seinem zweiten nicht in der Gegenwart angesiedelten Film (nach Moonrise Kingdom), der zum größten Teil in einer Wolkenkuckucks-Version von Mittel-Osteuropa in den 30ern spielt, kommt sie voll zur Geltung.

Neben den Werken von Stefan Zweig, die Anderson als Inspiration in den Credits des Films klar benennt – und anderen Werken von Hannah Arendt und Irène Nemirovsky, denen er in Interviews Tribut gezollt hat, trägt The Grand Budapest Hotel eine Legion von Einflüssen in seiner DNA mit sich herum. In diesem Posting möchte ich versuchen, möglichst viele von ihnen aus meiner eigenen Wahrnehmung und der anderer Kritiker zu sammeln (denn kaum eine Kritik des Films kommt ohne einen Hinweis auf eine Referenz aus, welche die Kritikerin zu erkennen geglaubt hat) und so eine Art „Genom“ des Films generieren.

Grand Hotel (1932)

Ein großer MGM-Klassiker über die Begegnungen der Reichen und nicht ganz so Reichen in einem europäischen Hotelpalast der Zeit, deutscher Titel: Menschen im Hotel. Neben dem Titel, dem Setting und dem Entstehungsjahr, was auch das Handlungsjahr von Andersons Film ist, ist auch Grand Hotel – ähnlich wie sein Budapester Cousin – eine veritable Star-Parade mit John und Lionel Barrymore, Joan Crawford, Wallace Beery, Jean Hersholt und vielleicht der definitiven Performance von Greta Garbo („I vant to be alone …“).

Lubitsch, Ernst

Viele Kritiker erwähnen den Bezug zu den perfekt durchgetakteten Komödien des Berliner Regisseurs, nicht zuletzt The Shop around the Corner, der in Budapest spielt, und To Be or Not to Be, in dem ebenfalls Nazis düpiert werden.

„Der Zauberberg“ (Thomas Mann, 1924)

„Man denkt fast unwillkürlich an Thomas Manns Zauberberg, wenn sich – lange nach Schließung des Hotels – ein Schriftsteller (Tom Wilkinson) an ein abendliches Gespräch mit dem ehemaligem Inhaber Zéro (F. Murray Abraham) erinnert (den jüngeren Autor spielt Jude Law), welcher wiederum von seinem jüngeren Ich und den abenteuerlichen Jahren kurz vor Kriegsbeginn erzählt.“ (Nino Klingler auf „critic.de“)

Chapman, Graham

Joseph Fiennes‘ Charakter M. Gustave parliert in perfektem „Candy Ass“ English mit höchstem Etikette-Grad und rezitiert mit Vorliebe romantische Poesie – außer wenn er sich ärgert und nebenbei diverse F-, S- und sonstige Bomben in seine Repliken einflicht. Es fällt schwer hier kein Echo der Monty-Python-Charaktere von Graham Chapman zu sehen, in denen auch häufig englische Stiff-upper-Lip-Noblesse auf krachende Gewalt und Pöbelei traf.

Inglourious Basterds (2009)

Wie Anderson drehte auch Quentin Tarantino sein Alternativ-Historien-Magnum Opus zu großen Teilen in Deutschland und rekrutierte für die Nebenrollen einige deutsche Schauspieler. The Grand Budapest Hotel enthält deswegen auf gleiche Weise zahlreiche Blinzle-und-du-verpasst-sie-Auftritte von deutschen Mimen. War das eben wirklich Florian Lukas? (auch Tim Lindemann stellt den Bezug her)

Charade (1963) und andere Euro-Thriller der 60er

The Grand Budapest Hotel spielt in dem kleinen europäischen Land Zubrowka. Dessen Einwohner sprechen britisches oder amerikanisches Englisch, deutsch oder Französisch, ohne jede Erklärung dahinter außer der Herkunft des jeweiligen Schauspielers. Auch die Namen von Orten und Figuren sind eine wahllose Mischung aus den drei großen westeuropäischen Sprachen. Spontan musste ich an die opulenten US-europäischen Koproduktionen der Post-Studio-Ära denken, in denen sich Schauspieler aus den verschiedenen Filmnationen auf ähnliche Art die Klinke in die Hand gaben und einander jederzeit perfekt verstanden. (Justin Chang erwähnt in „Variety“ ebenfalls die „transcontinental intrigue of ‚Murder on the Orient Express‘ and ‚The Lady Vanishes‘ und den „deliberate Europudding effect“ der Akzente).

Zeman, Karel

Der tschechische Filmemacher, eine Art osteuropäischer Ray Harryhausen, realisierte in den 50er und 60er Jahren eine Reihe von fantastischen Filmen, in denen er Realaufnahmen von Schauspielern mit deutlich als handgemacht zu identifizierendem Trickmaterial für Sets und Hintergründe kombinierte. Besonders in der Eröffnungs-Tricksequenz von TGPH scheint Zemans Geist über der Szenerie zu schweben.

Warner Bros. Horrorfilme der 30er

Die gesamte Gang der „Desgoffes und Taxis“, von Tilda Swintons schnell versterbender Matriarchin bis zu Willem Dafoes kaltblütigem Katzenkiller, könnten im Grunde direkt einem James-Whale-Film entstiegen sein, besonders was ihre Frisuren angeht.

© 20th Century Fox

Freud, Sigmund

Jeff Goldblums Bart. (aus dem Presseheft)

Bond, James

Ausgemacht von Dirk Knipphals in der „taz“. Vielleicht hat ihn die Ski-Verfolgungsjagd an On Her Majesty’s Secret Service (1967) erinnert. Obwohl Karl Gaulhofer darin eher ein Zitat von Vertigo (1958) erkennt.

Tystnaden (1963), The Sound of Music (1965) und The Shining (1980)

Jeder sieht, was er sehen möchte. Tim Lindemann erkennt in der Idee vom verlassenen Hotel Gemeinsamkeiten mit Ingmar Bergmans Film. Tim Robey vom „Telegraph“ erkennt die Referenz an Kubrick vor allem in einer Fellatioszene und ich musste – vor allem wegen der Zuckergussenen Farben doch an das Musical denken, in dem auch ein großes, schickes Haus in den Bergen plötzlich von Nazis besetzt und zum Offizierskasino umfunktioniert wird – mit Fahnen und allem.

Weitere DNA-Stränge gerne in die Kommentare!

Danke an Björn für den Namen „Movie Genome Project“ und an den Kritikerspiegel von „film-zeit.de“.

© Pandora Film

Manchmal können selbst mittelmäßige romantische Komödien einem den Einstieg in einen Artikel erleichtern. In Marc Lawrences Film Music and Lyrics von 2007 spielt Hugh Grant einen alternden, vergessenen Popstar namens Alex Fletcher, der als Songwriter für eine junge, hippe Sängerin arbeiten soll. Zu diesem Zweck bekommt er einen Ausschnitt aus deren jüngster Single vorgespielt, eine Mischung aus überproduziertem Bubblegum-Pop und indischen Harmonien mit dem Titel „Buddha’s Delight“. Fletcher ist angewidert. Sein Kommentar lautet schlicht: „It simultaneously destroyed two musical cultures in under a minute.“

Ari Folmans Film The Congress gelingt auf eine ganz andere Weise, mit weniger Kalkül und dafür umso mehr Streben nach Bedeutsamkeit, im Endeffekt das Gleiche. Er zerstört seine Vorlage, indem er ihr eine zusätzliche Ebene hinzufügt. Doch weil diese Ebene selbst unabhängig von der Vorlage nicht funktionieren würde, zerstört er auch noch sie und alle positiven Effekte, die sie haben könnte.

Doch zunächst ein Disclaimer

(Ich gebe zu, dass diese Sichtweise eine sehr persönliche ist. Ich war von Folmans letztem Film Waltz with Bashir und dessen Einsatz von Animation zur Visualisierung des Unfilmbaren enorm begeistert und ich bin ein ebenso begeisterter Leser Stanislaw Lems, auf dessen Roman Der futurologische Kongress Folmans The Congress basiert. Das Zusammentreffen von beiden verhieß also doppelt Gutes. Und entsprehend war ich vom Ergebnis dann doppelt enttäuscht. So sehr, dass ich mich auf Facebook zu einem Wutausbruch hinreißen ließ, weil ich mich von dem Film so verraten fühlte. Dieser Artikel bemüht sich, die ruhige und gefasste Version dieses Wutausbruchs zu sein.)

Literatur-Adaptionen sind ein Thema, über das Kritiker bis ans Ende der Zeit Debatten führen können und werden. Ich persönlich bin alles andere als ein Verteidiger von „werkgetreuen“ Adaptionen, die im Endeffekt nicht mehr sind, als eine Bebilderung des geschriebenen Textes. Eine gute Adaption, so scheint inzwischen der kritische Konsens zu herrschen, muss dem Originalwerk „im Geiste“ treu sein. Es muss die Essenz zum Beispiel des Romans erkennen und in ein neues Medium mit eigenen Gesetzen transportieren. Einige der besten Filmadaptionen der Geschichte, von Rebecca bis Blade Runner, adaptieren ihre Vorlage sehr frei, doch wenn man das Buch nach Ansicht des Films liest, sieht man, welchen Kern die Filmemacher darin erkannt und umgesetzt haben.

Ein beliebtes Mittel der Adaption unter gleichzeitiger Modernisierung eines vergangenen Textes ist gerade unter Filmemachern das Verlegen der Erzählung des Urtextes in ein anderes Erzähltes, mit dem Ziel, den „Kern“ so noch besser herausarbeiten zu können. Emma im Teenagermilieu ergibt Clueless. Romeo and Juliet in New York, als Musical, ergibt West Side Story. The Congress steckt irgendwo dazwischen. Es entfernt sich inhaltlich streckenweise sehr weit von der Handlung des Romans Der futurologische Kongress, nähert sich ihm dann aber immer wieder in spezifischen Einzelheiten an.

Eine aktuellere Allegorie

Folman beschreibt in einem Interview im Presseheft zum Film genau diesen Prozess: „Ich […] löste mich weitgehend vom Originaltext, kam aber immer wieder darauf zurück. […] Ich finde der Geist des Romans ist sehr präsent im fertigen Film […].“ Das ist der Punkt, an dem ich Folman zum ersten Mal nicht zustimme. Der Regisseur sagt weiter:

Ich suchte nach einer neuen, aktuelleren Allegorie für die kommunistische Ära, die das Buch beschreibt. Dei Diktatur aus dem Roman verwandelte sich während des Schreibprozesses in eine Diktatur innerhalb der Unterhaltungsindustrie, insbesondere der Filmindustrie, die von den großen Studios kontrolliert wird.

Stanislaw Lem hat in seiner literarischen Laufbahn so ziemlich alles mit seiner beißenden Satire aufgeschlitzt, was ihm vor’s Messer kam. Der futurologische Kongress ist nicht nur eine Parabel auf den Selbstbetrug der Menschen im Kommunismus und auf das Auseinanderklaffen von Utopie und Realität. Am Anfang des Romans zerschmettert Lems Sprache sowohl die Kongresskultur als solche, als auch deren Hilflosigkeit gegenüber den wachsenden Problemen einer Welt auf dem Weg in den Kollaps. Eine kleine Leseprobe.

Über dem Podium prangte eine bekränzte Tafel mit der Tagesordnung. Den ersten Punkt bildete die urbanistische Weltkatastrophe, den zweiten die ökologische, den dritten die atmosphörische, den vierten die energetische […]. Um das Beratungstempo zu steigern, mußte jeder die Referate selbständig vor der Sitzung durchstudieren; der Vortragende sprach ausschließlich in Ziffern, die auf Kernstücke seiner Arbeit verwiesen. […] Stanley Hazelton aus den USA schockierte sofort das Auditorium, denn er wiederholte nachträglich: 4, 6, 11 und somit 22; 5, 9, ego 22; 3, 7, 2, 11 und demzufolge wiederum 22!!! […] Ich suchte im Text seines Referats den Codeschlüssel und entnahm ihm, daß die Zahl die endgültige Katastrophe bezeichnete. (Übersetzung von Irmtraud Zimmermann-Göllheim)

Das Hauptaugenmerk des Romans jedoch liegt auf der (im Kommunismus anscheinend verbreiteten) Fähigkeit und Bereitwilligkeit der Menschen, sich selbst zu täuschen, um den Realitäten des Lebens nicht ins Auge sehen zu müssen. Und tatsächlich ist dies auch der Aspekt des Buches, der zumindest im Geiste unverändert auch in Folmans Film auftaucht, wenn er schließlich eine Welt beschreibt und zeigt, in der sich Menschen mit Hilfe von Chemikalien einer farbenfrohen Simulation hingeben, obwohl ihre Realität trübselig und grausam ist.

Für Nichts zu schade

Alles andere jedoch, was Ijon Tichys Erlebnisse ausmacht, zerstört Folman rigoros, indem er wie oben beschrieben die diktatorischen Prozesse, die der Roman aufs Korn nimmt, durch die unendlich viel plattere „Diktatur“ der Unterhaltungsindustrie ersetzt. Folman ist sich dabei für Nichts zu schade. Den Höhepunkt bildet eine Szene, in dem ein zombiehaftes Publikum der geifernden Brandrede eines Entertainment-Demagogen lauscht, dessen Name „Reeve Bobs“ lautet. Die „Amusing ourselves to death“-Karte zu ziehen ist eine Sache – auch wenn sie seit Mitte der 90er ihr Verfallsdatum überschritten hat – aber eine so direkte Namensparodie auf eine reale Persönlichkeit, egal was man von ihr halten mag, sollte unter der Würde eines Regisseurs wie Folman sein.

Doch weil Folman von seinem Gedanken der Umwandlung von kommunistischem Todesterror in hollywoodschen Spaßterror besessen scheint, fügt er der Handlung des Futurologischen Kongress eine komplette zweite Ebene hinzu, in der eine fiktionale Version der Schauspielerin Robin Wright sich nach Jahren der Erfolglosigkeit entscheidet, das Spielen aufzugeben und stattdessen das Angebot ihres Studios Miramount anzunehmen, eine digitale Version ihrer Persönlichkeit erstellen zu lassen, die ewig jung all die Rollen spielt, die Wright über die Jahre abgelehnt hat – insbesondere eine Laserpistolen schwingende Science-Fiction-Superheldin.

Am Thema vorbei

© Pandora Film

Folman beschreibt seine Motivation im Presseheft: „Seit Avatar muss sich jeder Filmemacher bewusst sein, dass die Schauspieler aus Fleisch und Blut, die unsere Phantasie seit Kindesbeinen beflügelt haben, durch computergenerierte 3D Figuren ersetzt werden können.“

Selbst wenn man, wie ich, der Meinung ist, dass Folmans Umdeutung von Lems Analogie nicht ganz stimmig ist, hätte es ja trotzdem noch sein können, dass ihm mit dem Film eine glänzende Satire auf das moderne Hollywood gelungen wäre. (Etwa so wie The Social Network die Essenz von Facebook verkennt, aber dennoch einen faszinierenden Thriller über Ego und die moderne Geschäftswelt abliefert.) Leider ist auch das nicht der Fall, denn Folman argumentiert an der tatsächlichen Situation vorbei, wie schon lange kein europäischer Arthouse-Regisseur mehr.

In seinem Buch Performing Illusions: Cinema, Special Effects and the Virtual Actor von 2008 schreibt Dan North:

The sophistication of a digital face able to convey facial expressions based on instinctive, even subconscious emotional communication rather than broad mimicry is at present far beyond the scope of any animator and is likely to remain so for many years. This is not to say that it will never be possible […], but we have to factor in the possibility that it might never happen, because it might never be necessary or desirable. At present, though, the state in which the synthespian is made manifest is one of fearful but fascinated mythology, rather than an inevitable path towards a future of artificial entertainers.
(S. 153, Hervorhebungen von mir)

Ganz hinten auf der Liste

Die Tatsache, dass die Digitalisierung Hollywood übernimmt, bringt viele Probleme mit sich, aber – Avatar hin oder her – das Ersetzen von Schauspielern durch willenlose, computergenerierte Versionen ihrer selbst, ist ganz sicher eines, das ganz ganz weit hinten auf der Liste steht. Nicht nur, weil es zum jetzigen Zeitpunkt unendlich viel billiger ist, einfach einen neuen Schauspieler zum Star aufzubauen, statt einen alten mit hunderten Animatoren künstlich am Leben zu erhalten, sondern weil auch hinter den Performances von Avatar Schauspieler standen, ohne deren Persönlichkeit und Handwerk der Film niemals funktioniert hätte. Wenn sich seit den Tagen von S1mone und Final Fantasy: The Spirits Within vor nunmehr über zehn Jahren, als das Thema „digitale Schauspieler“ virulent war, eine Sache herausgestellt hat, dann, dass die Zuschauer genau auf das echte, menschliche Element nicht verzichten können und wollen.

Folman bestätigt, dass ihn genau das, was North „fearful mythology“ nennt, angetrieben hat, wenn er schreibt, sein Film sei ein „Schrei nach Hilfe und eine tief empfeundene Sehnsucht nach dem Vergangenen, nach dem altmodischen Kino, wie wir es kennen und lieben.“ Und das in einem Film, in dem er seine Hauptdarstellerin über weite Strecken durch eine animierte Figur ersetzt, um die „unglaubliche Freiheit, die [die Animation] der filmischen Interpretation lässt“ ausnutzen zu können.

Ironisches Versagen

Genau darin liegt das ultimative und wohl auch zutiefst ironische Versagen von The Congress. Ein fähiger, wahrscheinlich hochintelligenter Filmemacher, bindet über Jahre hinweg die Fördergelder und kreativen Arbeitskräfte mehrerer Nationen (der zwischen fünf und sechs Millionen Euro teure Film ist eine Sechs-Länder-Produktion, allein in Deutschland hat er Gelder von Film und Medienstiftung NRW, DFFF, Medienboard Berlin-Brandenburg, Filmförderung HSH, FFA und ARD Degeto erhalten), um einen hochambitionierten, besserwisserischen Film über ein Problemthema zu machen, das keins ist.

Aber wie so oft in bestimmten Spielarten des kulturpessimistischen Kunstkinos, ist es ja auch viel einfacher, sich ein Problem herbeizufantasieren, das der eigenen Weltwahrnehmung entspricht, statt sich mit den tatsächlichen Problemen einmal wirklich zu beschäftigen. Und wenn das Ganze dann nicht einmal eine besondere poetische Qualität entwickeln kann, ist der Ofen einfach aus. Und Poesie entsteht in The Congress (ganz im Gegensatz zu Waltz with Bashir) aufgrund seiner Plattheit und Sentimentalität (einen Nebenhandlungsstrang über Robin Wrights wahrnehmungskranken Sohn habe ich hier ausgespart) leider nur sehr punktuell – etwa in der spektakulären Animationssequenz nach Wrights Erwachen in der Zukunft. Und so verfehlt das mäandernde Machwerk eines Mannes, dem zu viele Freiheiten gelassen wurden, nicht nur das Thema seiner Vorlage, sondern auch das Thema, dass es sich selbst als Ergänzung gewählt hat.


The Congress startet am 12. September in den deutschen Kinos.

© Disney

Ich arbeite gerade an der Fortsetzung des Gefühlte Gemische-Posts vom Mai über prägende Filmerfahrungen und habe mich dafür in die Untiefen meiner Internetvergangenheit aufgemacht. Seit etwa 1996 hatte ich eine eigene Webseite auf dem T-Online-Webspace meiner Eltern, auf der ich alles veröffentlich habe, was mich interessiert hat – unter anderem auch einige meiner ersten Filmkritiken. Diese waren damals noch sehr stark geprägt, von dem, was ich sonst so als Filmkritik wahrgenommen habe – und das waren hauptsächlich Wertungen in Fernsehzeitschriften.

Star Wars – Episode I ist eines der großen Phänomene der Filmgeschichte. Ein Film, der mit so viel Erwartung beladen war, die Vorfreude bis zum Schluss aufrecht erhalten hat (der Original-Teaser Trailer ist ein kleines Meisterwerk), dann sehr viele Menschen sehr enttäuscht hat und trotzdem Unmengen an Geld generiert und ein multimediales Franchise von unbeschreiblichen Ausmaßen errichtet hat. Sogar einen Meta-Film hat Phantom Menace erschaffen – es gibt nicht viele Filme, die das von sich behaupten können.

Ich war 1999, mit 16 Jahren, sehr privilegiert. Ein Urlaub in den USA erlaubte es mir, den Film vor meinen Schulfreunden zu sehen, und natürlich musste ich darüber schreiben. Ich denke, meine Reaktion ist sehr typisch für die eines Teenagers der Zeit. Der Film hat mich so weggepustet und die Hypemaschine, gepaart mit dem Gefühl des besonderen Privillegs, hat dazu geführt, dass ich The Phantom Menace einfach toll finden musste. Ich hatte die „Special Edition“ in den Jahren davor im Kino gesehen und ich habe mich sehr für Science-fiction und Tricktechnik interessiert – Episode I konnte nur großartig sein.

Dass man der Kritik – insbesondere im letzten Satz – dennoch ansieht, dass der Film mich nicht auf einem tiefer gehenden Niveau befriedigt hat, wie andere Filme des Sommers, etwa The Matrix, spricht hoffentlich für mich. Wirklich auf seinen Instinkt zu hören ist eben etwas, was man als Journalist erst lernen muss – genau wie man als Kritiker lernen muss, seine eigene Stimme zu finden. Letzteres hatte ich zu diesem Zeitpunkt sicherlich auch noch nicht, stattdessen schrieb ich in einer Mischung aus Phrasen, Anspielungen und sehr naiven Beobachtungen.

Aber genug der Vorrede. Als kleiner Vorgeschmack auf „Gefühlte Gemische II“, hier ist meine Original-Kritik zu Episode 1 vom Sommer 1999.

In Deutschland läuft der Film erst in ein paar Wochen an, aber der Rummel der bereits vorher darum gemacht wurde und wird sucht seinesgleichen. Endlich ist sie da: die langerwartete Fortsetzung (Fortsetzung? Nein, Vorgeschichte) zum besten Science Fiction Epos aller Zeiten. Star Wars: Episode 1: The Phantom Menace, oder zu Deutsch: Die dunkle Bedrohung.

Ich hatte die Möglichkeit den Film zu sehen, weil ich in den USA im Urlaub war und hier folgt meine ganz persönliche Kritik:
Die Story ist allen eh schon bekannt, aber ich fasse sie trotzdem noch mal kurz zusammen, viel Inhalt darf man ja gemäss der Star Wars Tradition eh nicht erwarten. Der kleine Planet Naboo wird von den bösen Leuten der Trade Federation (das Imperium gibt es ja noch nicht) zum Unterzeichnen eines Vertrages gezwungen. Königin Amidala (Natalie Portman – verdammt, die Frau sieht gut aus!) steht allerdings noch immer dagegen an. Die Botschafter von Naboo, die Jedis Qui-Gon Jinn (Liam Neeson) und Obi-Wan Kenobi (Ewan McGregor) entkommen einer bösartigen Falle und helfen der Königin, von Naboo zu entkommen. Dabei stolpern sie über die einheimische Laberbacke Jar Jar Binks (Viele Viele Schnelle Rechner, von denen PC-User nur träumen können), der ihnen von nun an nicht mehr von der Seite weicht. Bei einer Notlandung auf Tattooine treffen die Jedis ausserdem Anakin Skywalker (Jake Lloyd). Qui-Gon spürt, dass der Junge etwas besonderes ist, und unterstützt sein waghalsiges POD-Racer Rennen gegen den Fiesling Sebulba (Noch mehr schnelle Rechner)…

Das ist nur ein Bruchteil der komplexen Beziehungen im neuen alten Star Wars Film, der von allen Kritikern verissen wurde und viele Fans enttäuschte. Auch ich war nicht gerade überwältigt, fand ihn aber nicht schlecht. Die Hauptkritikpunkte meinerseits waren:

  • Jar Jar Binks! Er verwandelt den Film zeitweise in Seamstrasse: Der Film und geht allen tierisch auf die Nerven. Seine Computeranimation ist zwar fantastisch, aber er trägt nicht umbedingt zum Star Wars Geist bei – die Welt, die alle durch die ersten Filme lieben gelernt haben.
  • Keine richtige Story. Der Film dient in erster Linie der Erklärung der alten Filme, und das merkt man. Er tut meistens wirklich nichts anderes und ist wahnsinnig vorhersehbar. Zu viel passiert durch „dumme Zufälle“.
  • Charaktere sind Abklatsche von alten Lieblingen. Jar Jar kommt nur leider nicht an Chewie heran, und auch wenn Amidala meiner Ansicht nach besser aussieht als Leia, ist die „Prinzessin in Not“ Idee doch wirklich ein bisschen alt.
  • Die Verschmelzung von Computeranimation und Film ist noch nicht überall ganz perfekt.
  • Alles sieht zu neu, glänzend und schön aus. Irgendwie hat mir das alte Star Wars Flair besser gefallen.

    Es gibt aber auch viele positive Sachen zu vermerken:

  • Charaktere mit coolen Looks. Darth Maul sieht wirklich böse aus, auch wenn er kaum auftritt. Sebulba ist genial und Amidalas Haartrachten lassen jeden Erdenfriseur erblassen. Auch Wattoo ist nicht von schlechten Eltern. Man nimmt ihm das Flattern wirklich ab.
  • Die genialsten Lichtschwertkämpfe der Weltgeschichte!
  • Das beste Rennen seit Ben Hur [*]
  • Viele Insider-Witze. So sagt Qui-Gon ganz am Anfang „I have a vey bad feeling about this!“, die einzigen Jawas im ganzen Film sagen nur ein Wort: „Uttini!“, Greedo taucht als Kind auf, Im republikanischen Rat sitzen E.T.’s, Anakin’s Musikthema zitiert aus dem Imperialen Marsch und noch einiges anderes, was ich übersehen habe.
  • Die Computereffekte sind schlicht unbeschreiblich. Noch nie ist dieses System so gut gelungen wie in Episode 1.
  • John Williams hat einen genialen Soundtrack geschrieben!

    Alles in allem ein guter bis sehr guter Film, man darf ihn nur nicht mit den alten Filmen vergleichen, denn dann ist er schlecht.

  • Bild: Capelight

    Der Film The Perks of Being a Wallflower (dessen fragwürdiger deutscher Verleihtitel „Vielleicht lieber morgen“ lautet, was Gespräche über den Film grundsätzlich kompliziert macht („Was? Warum willst du nicht jetzt drüber reden?!“)) beginnt mit einer traumwandlerischen nächtlichen Fahrt durch einen orange-golden beleuchteten Stadttunnel vor den Toren von Pittsburgh. Dazu spielt Musik. Ich weiß nicht mehr, ob es die Filmmusik von Michael Brook ist oder der Song „Asleep“ von den Smiths, aber ich wusste in diesem Moment dass mich dieser Film gefangen nehmen würde.

    Die self-fulfilling prophecy wurde wahr und ich saß tagträumend im Kino und sah Charlie dabei zu, wie er sein Inneres Licht findet, weil er die richtigen Freunde bekommt, die ihn mitnehmen in eine Welt, die nur aus nächtlichen Tunnelfahrten zu bestehen scheint. In dieser Welt sind die schlechten Dinge des Lebens – Enttäuschungen, Schmerz, Hass – vor allem Inspiration für poetischen Ausdruck. So fügt sich alles zusammen und man kann sich, wie die Catchphrase des Films es ausdrückt, mal so richtig schön „unendlich“ fühlen. Ach ja.

    Während ich all das sah und fühlte, wusste ich gleichzeitig, dass The Perks of Being a Wallflower gar kein so furchtbar guter Film ist. Er bot keinerlei inszenatorische Besonderheiten und auch auf der Storyebene kann man ihm eine Menge vorwerfen, was Peter Bradshaw meiner Ansicht nach gut zusammengefasst hat: Etwa, dass die schwule Figur Patrick nur als Opferlamm für die Heterofigur Charlie existiert und dass das Thema Missbrauch im Film eine sehr oberflächliche, fast schon nervige Charaktermotivationsmaschine ist. („All normal teenage loneliness is not good enough“, was mich auch hieran erinnerte.)

    Ich mag die Smiths gar nicht

    Meine eigene Schulzeit hat nichts mit der von Charlie gemeinsam. Natürlich musste ich als Klassenstreber, dem Schule tatsächlich Spaß gemacht hat, auch meine Dosis Hänselei ertragen, aber spätestens im Oberstufen (=High School)-Alter hatte ich mich irgendwie im Gesamtgefüge der Klasse eingenistet. Ich war weder introvertiert, noch mochte (oder mag) ich die Smiths, noch musste ich mir Manic Pixie Dream Friends suchen, die mich aus meiner Misere herausholten.

    Und trotzdem brauchen sich Filme wie Perks gar nicht mal anzustrengen, um mich mit nur wenigen Würfen umzukegeln. Warum? Vielleicht, weil die Geschichte, die der Film erzählt, inzwischen etwas archetypisches hat. Sie lässt sich auf jeden Fall problemlos durch die Filmgeschichte zurückverfolgen (eine gerade Linie führt von The Perks of Being a Wallflower über Almost Famous und Dead Poets Society zu Harold and Maude und Rebel Without a Cause) und in der Literatur auch mindestens bis „The Catcher in the Rye“, aber sicher auch darüber hinaus: Diesen Geschichten zufolge steckt in jedem depressiven, einsamen (männlichen!) Teenager ein missverstandener Poet, der mal mehr (Perks), mal weniger erfolgreich (Catcher in the Rye) hervorgeholt werden kann. Was mich darüber nachdenken lässt, wie viele frustrierte, missverstandene Philosophen es wohl in der griechischen Antike gegeben haben muss, deren auf Papyrus gekritzelte Depri-Gedichte leider verschollen sind.

    Regisseur Stephen Chbosky, der sein eigenes Buch verfilmt hat, muss sich dieses Archetyps bewusst sein, denn schließlich gibt Charlies Englischlehrer (im Film gespielt von Paul Rudd) seinem Schützling genau diese Bücher und Filme als Anschauungsmaterial, während Chbosky selbst zugegeben hat, dass seine Schulzeit eigentlich auch ganz anders war.

    Mit anderen Worten: Hier zeigt sich wieder einmal (und mir ist bewusst, dass diese Erkenntnis absolut nicht neu ist), was passiert, wenn man junge Autoren Bücher schreiben lässt: sie schreiben über junge Autoren. Nein, sie schreiben über die Tagträume von jungen Autoren. Und hunderttausende junger Autoren und junger Möchtegern-Autoren und nicht mehr junger Autoren, die aber gerne noch mal jung wären, auf dem ganzen Planeten stimmen ebenso träumerisch in den Chor der Mauerblümchen ein, die Figur auf den Seiten oder der Leinwand betrachtend – halb verständnisvoll, halb neidisch. Das ganze ist scheinbar so einfach und so manipulativ, dass man es eigentlich verabscheuen müsste. Aber es ist leider doch viel schöner, sich von der sentimentalen Woge einfach mittragen zu lassen. Ist es, glaubt mir.

    Vielleicht Lieber Morgen startet am 1. November in den deutschen Kinos. Eine Art Kurzfassung dieses Artikels am Samstag in „Close up“.

    A great cultural upheaval like the digitisation of cinema may tempt academics to bury it under a heap of ontological theory. This makes it all the more refreshing that it is an academic of all people, who has now published one of the most grounded accounts of the topic.

    The American film studies guru David Bordwell, wo renewed the popularity of formalist film analysis in the 80s, first approached the digital changeover in a series of blog entries, which he has now assembled and reworked in a compact eBook for Sale on his site. With a real reporter’s spirit, Bordwell set out to learn about the changes on the very scenes they happened – in arthouses and multiplexes, with organizers of film festivals and overseers of film archives.

    Especially these last two chapters allow for surprising insights into the work of institutions that even cinephiles rarely get to see the other side of. Bordwell describes the almost insurmountable chaos of formats in the booth of a festival projectionist, as well as the enormous effort, the costs and problems with data compatibility that figure in the digital storage of movies. All this, the Wisconscin professor enriches with journalistic background knowledge; he describes the institutional and economic history of the changeover without any frills and sketches the moves and motivations in the big business of film, or in this case – as the subtitle of the book makes clear – files.

    Bordwell avoids choosing a clear side in the ongoing debate – even if his affection clearly rests with celluloid, or rather: acetate. As he points out in the introduction, he feels mostly excited about the fact that as a film historian, he finally gets a chance to witness a historic paradigm shift first hand. Istead of just reconstructing the details and the feel of such a change after the fact through a series of educated academic guesses, he enjoys being right in the middle of it – as a sort of embedded student of cinema. And he succeeds outstandingly.

    „Pandora’s Digital Box: Films, Files and the Future oF Movies“ is available for $3.99 from davidbordwell.net.

    A different, German version of this review appeared in epd film 7/2012.

    Tom Cruise als Stacee Jaxx in Rock of Ages

    Bild: Warner Bros.

    Rock. Man möchte meinen, mit einem Soundtrack von Bon Jovi bis Foreigner und dem Wort „Rock“ im Titel, habe Adam Shankmans 80er-Jahre-Revival genug Fels um die Pyramiden von Gizeh in Lebensgröße neu aufzuschütten. Doch neu arrangiert im bombastischen „Night of the Proms“-Stil, überschüttet mit Synthesizern und Kompression, dargeboten von Stimmen der Castingshow-Generation, scheint jede noch so kleine Scharte der Originalsongs abgewetzt. „Wanted: Dead or Alive“ ist damit eindeutig nur noch eins: dead.

    Musical-Feeling. Gar nicht so dumm wäre es, zu hoffen, dass dieser zuckrige Überzug wenigstens für eine ordentliche Portion Broadway-Glamour sorgt. Aber irgendwann muss jemand mal festgestellt haben, dass man selbst auf ein Mashup von „I love Rock and Roll“ und „Hit me with your best shot“ nur schwer tanzen kann. Die Folge: Lahme bis nicht vorhandene Choreografien, die im Schnittchaos verdient untergehen. Wenn Busby Berkeley das noch erleben könnte …

    Sex. Regelmäßig fällt dieses Wort in „Rock of Ages“. Als Anklagepunkt der von Catherine Zeta-Jones angeführten Protesttruppe, als Essenz seines Erfolgs aus dem Mund von Tom Cruises Tyler-Rose-Jovi-Amalgam Stacee Jaxx.* Doch selbst in der explizitesten Beischlafszene des Films muss die von Malin Akerman gespielte Rockjournalistin ihren BH anlassen. Das Spießertum, das Shankman noch im John-Waters-Musical Hairspray so treffend wie komisch anprangerte, hat in Rock of Ages obsiegt. Mothers, no need to hide your daughters, es ist nur eine weitere, mit Retropaste überzogene Franchisefolge von High School Musical. Typisch dafür, wie wenig ernst der Film Sex überhaupt nimmt, auch dieser Dialog: „Ich arbeite als Stripperin in einer Bar.“ – „Ich bin Mitglied einer Boyband.“ – „Okay, du hast gewonnen.“

    Nostalgie. Die Haare, die Klamotten, die backsteingroßen Telefone, die Songs: Wie Archäologen, die versuchen, eine untergegangene Zivilisation aus deren Artefakten zu rekonstruieren, haben die Filmemacher alles zusammengetragen, was vermeintlich die Ära ausmachte, in deren überhöhter Version ihre Geschichte spielt. Die Aura dieser Ära jedoch – dreckiger, düsterer und dennnoch irgendwie schöner – haben sie irgendwo am Wegesrand vergessen. Übrig bleibt nur das übliche Zeichen ohne Bezeichnetes und ein ebenso leeres Gefühl in den limbischen Systemen der Zuschauer.

    Eine Seele. Journeys „Don’t stop believing“ ist gewissermaßen Drehbuchgrundlage („Just a small town girl …“) und zentrale Hymne dieses Films, der sich anschickt, die wahre Religion des Rock vor den dunklen Mächten des Pop zu bewahren. Doch woran soll man noch glauben, wenn die selbsternannten Priester längst selbst einen Deal mit dem vermeintlichen Teufel geschlossen haben und eine unverhohlene filmische Manifestation von „The Man“ als Neues Testament darreichen. Dann lieber zum zehnten Mal This is Spinal Tap gucken. Dort wird der bizarre Pomp und Circumstance jener Spätauswüchse des Rock ’n‘ Roll auch lächerlich gemacht, aber er wird wenigstens ernst genommen. Wie heißt es in „Don’t stop believing“? „Some were born to sing the blues.“ Ja, und andere halt nicht.

    *Cruise, der als reale Persönlichkeit mindestens genauso umstritten ist wie seine Filmfigur Stacee Jaxx, ist das einzig Sehenswerte an Rock of Ages. In seinen Szenen schillert manchmal für Sekundenbruchteile etwas von der Hassliebe durch, die man zu 80s-Bombastorock gefälligst zu pflegen hat.