Nachdem ich nun neun Beiträge lang meinen ehemaligen Jahresendsfavoriten der letzten zehn Jahre nachgespürt habe, ist es an der Zeit, sie für dieses Jahr überhaupt erst zu küren. Deswegen ändert sich hier die Form. Wir gehen über zu einer schnöden Liste der Filme, die ich 2009 am beeindruckendsten fand.

Dabei erneut der Hinweis: Um in der internationalen Award-Season den Überblick zu bewahren, richtet sich diese Liste nicht nach deutschen Kinostarts, sondern nach amerikanischen, wie sie auch der IMDB zugrunde liegen. Entsprechend tauchen Filme wie „Slumdog Millionaire“ oder „The Wrestler“, die in Deutschland erst dieses Jahr gestartet sind, in der Jahresendsliste nicht auf, sondern erst in der nachträglichen Bestenliste, die in der Regel im April des Folgejahres entsteht. Dies ermöglicht mir einen besseren Abgleich mit Oscars, Golden Globes und Co, hat aber auch den Nachteil, dass ich manche Filme, die jetzt und bald in den USA und anderswo nominiert werden („Up in the Air“ zum Beispiel), noch nicht sehen konnte. Ich erwäge noch, dieses System umzustellen. Hilfreiche Kommentare werden gerne genommen.

Nun aber zur Liste:

1. Inglourious Basterds
Obwohl ich nie ein großer Tarantino-Fan war, fand ich den Film durch seinen Aufbau und seine breiten Pinselstriche das gelungenste und eins der mutigsten filmischen Werke des Jahres. Dabei ist nicht nur der überall gefeierte Christoph Waltz ein Pluspunkt, sondern auch die Frechheit der Geschichtsumschreibung, der untergründige Humor und die Vielsprachigkeit.

2. Coraline
Henry Selick weiß, wie Animation funktioniert, er hat 3D durchschaut und versteht sich ausgezeichnet darauf, vor allem erwachsene Zuschauer das fürchten zu lehren. Aus Neil Gaimans bestem Roman hat er den bestmöglichen Film gezaubert, voller Magie und voller Nervenkitzel.

3. Das weiße Band
Michael Hanekes Film ist eine einzige große Frage ohne Antwort. Dennoch besticht er durch seinen stillen Grusel und die übliche Haneke’sche Gnadenlosigkeit in der Inszenierung.

4. Star Trek
Der gelungenste Franchise-Reboot seit Batman Begins und meines Erachtens noch wesentlich gelungener. J J Abrams vermischt die politisch-persönliche Space Opera von Trek mit der Action und der Kinetik von Star Wars. Das clevere Drehbuch umgeht dabei nonchalant die Continuity-Frage und macht einfach ein Paralleluniversum auf. Mehr zu guten und schlechten Reboots

5. Avatar
Er ist nicht die Revolution des Kinos, aber er rumst und kracht und bietet eine glaubwürdige CGI-Welt und darin einige schöne und eindrucksvolle Bilder und eine gute 3D-Inszenierung. Die Story finde ich gar nicht so schlimm wie viele andere Kommentatoren, mich nervten nur die eindimensionalen Charaktere vor allem bei Armee und Konzern. Mehr zu Avatar und 3D

6. (500) Days of Summer
Ein höchstens etwas zu verspielter Film, der den aufmerksamen Zuschauer meiner Generation aber genau ins Herz trifft.

7. The Hurt Locker
Ein Film, der wieder einmal neue Bilder und Szenarios findet, um zu zeigen, was jeder Krieg und hier im speziellen der Irak-Krieg aus den Leuten macht, die ihn führen müssen oder wollen. Dabei dehnt Kathryn Bigelow die Spannung fast bis zum zerbrechen aus.

8. Watchmen
Zack Snyder hat die vielleicht berühmteste Graphic Novel ziemlich direkt umgesetzt und nur ein neues Ende gefunden, das aber auch gefällt. Dabei setzt er auf lange Einstellungen, grafische Gewalt und ein gutes Ensemble, dass auch den Film zu der psychologischen Studie macht, die der Comic war.

9. Taking Woodstock
Die Welt braucht Feelgood-Filme und trotz einiger Klischees ist Ang Lee das mit Taking Woodstock sehr gut gelungen. Im Kino kommt der Summer of Love ein weiteres Mal richtig zur Geltung, man kann Mitlachen und Mitschwelgen und einen der schönsten gefilmten Acid-Trips der neueren Filmgeschichte bewundern.

10. Where the Wild Things Are
Spike Jonzes neuer Film ist vor allem ein Gefühl, er fängt Kindheit ein. Durch den Soundtrack von Karen O und Carter Burwell, durch seine erdigen Farben und durch seine flauschigen Monster. Dabei geht vielleicht die Präzision von Maurice Sendaks Buch etwas verloren, dafür wird das ganze Spektrum kindlicher Gefühlswelten aber noch einmal ganz neu aufgefächert.

Ich plane, diese Serie doch noch einmal zu verlängern und noch einen abschließenden Beitrag zu schreiben, in dem ich die Dekade noch einmal als ganzes betrachte. Das geht allerdings erst mit dem Abstand aus der nächsten Dekade, also wird es 2010 werden. Bis dahin einen guten Jahreswechsel.

Dieser Beitrag ist Teil 10 der Serie
Zehn zu Null – Eine Dekade voller Filme

Edit, 16:47: Links korrigiert

2008 war für mich vor allem ein Jahr starker Animationsfilme, so dass sich im Endeffekt zwei um die Spitzenposition stritten: Sollte ich den politisch und filmisch relevanteren, den beeindruckenden Waltz with Bashir zum Film des Jahres krönen? Oder den fluffigeren aber Animationsgeschichtlich mindestens ebenso interessanteren WALL*E? Im Endeffekt gaben die Filmkritiker von Los Angeles für mich den Ausschlag, die WALL*E ebenfalls zum Film des Jahres wählten. „Dann darf ich auch“, dachte ich mir.

WALL*E, der zweite Film von Pixar-Regisseur Andrew Stanton, der schon Finding Nemo gemacht hatte, ist in vielerelei Hinsicht ein herausragendes Stück Film. Er traut sich, am Anfang des Films in der Animationsgeschichte zurückzugehen und 20 Minuten lang fast nur stumm zu erzählen. Er stellt zwei Looks der SF-Geschichte, die dreckige, staubige Erde und das klnische, weiße Raumschiff, einander gegenüber und setzt einen vermittelnden Charakter dazwischen, der an Liebenswürdigkeit kaum zu überbieten ist.

Man fühlt mit WALL*E, obwohl er nicht spricht und obwohl er ein Roboter ist, und das ist bemerkenswert. Der Grund ist, dass Stanton inmitten seiner robotischen Umgebung Bilder von erstaunlicher Poesie findet, besonders in der zentralen „Define Dancing“-Sequenz des Films, als WALL*E und EVE miteinander durchs All wirbeln. Der sense of wonder, der die SF definiert – hier ist er wieder einmal richtig greifbar.

Das Drehbuch ist diesmal nicht so stark wie bei Nemo, aber die Erzählweise des Films mit wenig Worten und umso mehr Sounds und einem grandiosen Soundtrack von Thomas Newman und Peter Gabriel, machen das wieder wett. WALL*E ist kein großer, bedeutender Film, aber ein kleines Juwel, das einem wirklich ans Herz wächst.

Waltz with Bashir ist dafür bedeutend und mindestens ebenso gut. Ari Folman nutzt hier (so wie im Jahr zuvor Marjane Sartrapi mit Persepolis) Animation um das Unvorstellbare und das Persönliche vorstellbar zu machen. Das gelingt ihm mit Bildern, die einen noch lang verfolgen. Damit man sich aber nicht darin verliert, setzt er als Ausrufezeichen eine Filmsequenz von den realen Schrecken des Massakers von Sabra und Schatila an das Ende des Films und weckt so zwar nicht subtil aber umso effektvoller den Zuschauer wieder auf, der somit die gleiche Reise durchmacht wie der Protagonist.

Slumdog Millionaire, der Liebling der Kritiker und der bisher größte Film von Danny Boyle, konnte mich nicht ganz so überzeugen. Ich fand ihn zwar gut, aber die wesentlich bessere Romanvorlage verdarb mir etwas den Spaß. Besser gefiel mir da schon der brillant geschriebene In Bruges, der mich so zum Lachen brachte wie schon lange davor nichts mehr.

Zwei beeindruckende Charakterstudien, eine fiktional, eine biografisch, hatte 2008 ebenfalls zu bieten: Milk und The Wrestler, die nicht zuletzt auch die Fertigkeit ihrer Regisseure Gus van Sant (Bilder) und Darren Aronofsky (Erzählung) perfekt in Szene setzten. Hunger von Steve McQueen hat beides und lässt einem mit einem eindrucksvoll-beunruhigten Gefühl zurück.

Gewohnt gut, aber jeweils nicht überragend fand ich die beiden neuen Filme von Regisseuren, die beide rund zehn Jahre zuvor ihre Meisterstücke abgeliefert hatten: The Curious Case of Benjamin Button war mir etwas zu überfrachtet , Revolutionary Road packte mich eher intellektuell als im Bauch. Auf beiden Ebenen funktionierte hingegen Gomorra.

2008 war ein Jahr dreier großer Comic-Filme. In erster Linie natürlich The Dark Knight, der aber meiner Ansicht nach (auch nach erneutem Gucken) ein wenig an seiner eigenen Unplausibilität krankt. Hellboy II – The Golden Army liegt mir mit seinen Charakteren und seinem Setting irgendwie mehr. Im Nachhinein gefällt mir aber vermutlich Iron Man wegen seiner coolen Fuck-You-Attitüde am besten.

Einen verdienten Doku-Oscar bekam Man on Wire, der eigentlich einfach nur ein verdammt guter Caper Movie mit bewegendem Finale ist. Zwei kleine Lieblinge sah ich auf dem Filmfestival von Edinburgh: Good Dick, die abgefuckteste romantische Komödie, die man sich vorstellen kann, und L’Heure d’été, der mir wegen seiner Charakterzeichnung sehr gut gefiel.

Was fehlt? Australia (zu recht), der sich nicht entscheiden konnte, was er sein will. Frost/Nixon, den ich nochmal sehen muss, damals aber nur durchschnittlich gut fand. Die völlig verkorkste Bond-Fortsetzung Quantum of Solace. Bienvenue chez les Ch’tis, den ich einfach nicht komisch fand. Und Speed Racer, der sich traute, optisch in Regionen vorzudringen, die noch nie zuvor ein Mensch gesehen hatte, aber sonst einfach gar nichts hatte, Gar Nichts. Schade eigentlich.

Ach ja, Frohe Weihnachten an alle! Nächste Woche dann die Enthüllung meiner Lieblingsfilme dieses Jahres.

Dieser Beitrag ist Teil 9 der Serie
Zehn zu Null – Eine Dekade voller Filme

Dass ich 2007 einen etwas ungewöhnlichen Film als Nummer 1 meines Jahresfilmkonsums festlege, ist kein Zufall. für den ich mich selbst damals schon ein bisschen vor mir selbst rechtfertigen musste. 2007 beendete ich mein Studium der Filmwissenschaft und entschied mich dafür, mein Glück an einer Promotion zu versuchen – über Danny Boyle, den Regisseur von Sunshine, der mir so gut gefallen hatte, dass ich dachte, ich könnte es wagen (warum es nicht geklappt hat, ist eine andere Geschichte).

Tatsächlich aber halte ich Sunshine auch heute noch für einen der besten Science-Fiction-Filme des letzten Jahrzehnts. Er verbindet den „sense of wonder“ von Klassikern wie 2001 mit dem psychologischen Schrecken des ersten Alien-Films und er macht das ziemlich gut. Im Kino hat es mich beim Ansehen enorm in den Sitz gedrückt. Seine Schwäche liegt leider im dritten Akt seines Drehbuchs (von Alex Garland). Sobald die Crew der Icarus auf ihren zum Gottesanbeter gewordenen Vorgänger trifft, driftet die Geschichte manchmal etwas auseinander, der finale Kampf erschließt sich dem Zuschauer nur noch sehr spärlich.

Das ändert nichts an den tollen Bildern, sowohl außerhalb als auch innerhalb des Schiffs, der guten Musik und einem Cast, den ich in seiner Zusammensetzung der Original-Alien-Crew durchaus ebenbürtig finde: Cillian Murphy, Michelle Yeoh, Chris Evans, Rose Byrne, Hiroyuki Sanada.

Aber ich würde Sunshine heute nicht mehr als den besten Film des Jahres 2007 bezeichnen. Diese Ehre geht mit Abstand an There Will Be Blood, Paul Thomas Andersons furiose Schlacht um Öl und Wahnsinn, die mich – als ich den Film dann endlich gesehen hatte – doch stark beeindruckt hat und sicherlich länger halten wird als jener andere sehr gute Film, der den Academy Award mit heim nehmen konnte: No Country for Old Men. Sehr clever und sehr gut war auch Zodiac von David Fincher, der von der Award Season ein bisschen vernachlässigt wurde.

2007 war ein Jahr, in dem die unterschiedlichsten Sachen gut waren. Marjane Sartrapis hervorragender Zeichentrickfilm Persepolis zum Beispiel, Robert Thalheims Am Ende kommen Touristen (allein wegen des Titels), aber auch Hairspray und Enchanted, die quietschigsten Bonbon-Filme der letzten Zeit, und Hot Fuzz, der nur ein bisschen zu verquast ist, manchmal.

Tolle Bilder gab es auch bei The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford (mit einem großen Brad Pitt) und bei Across the Universe, der viele geniale Beatles-Arrangements vorweist aber eben leider nur eine Art Nummernrevue ist. Wahnwitzige Bilder zeigte auch 300, der die Technik von Sin City perfektionierte, nicht ohne allerdings den Faschist-O-Meter noch ein paar Rasten weiterzudrehen.

Unter die Haut gingen mir Le Scaphalage et le Papillon (wahnsinnig gut!) und The Kite Runner, bei dessen Steinigungsszene ich im Kino richtiggehend zusammengezuckt bin. Zwei Komödien standen bei den Kritikern 2007 hoch im Kurs und während ich Knocked Up ebenfalls sehr gut fand, nervte mich Juno wegen seiner abgegriffenen Indie-Klischees leider extrem.

Zwei Award-Season-Filme fehlen zum Schluss noch: Ratatouille setzte für mich leider die Serie der schwächeren Pixar Filme fort (an den Haaren Ziehen? Was soll denn der Quatsch?) und Atonement war eine gelungene Romanadaption mit gut geführten und wohl besetzten Schauspielern.

Dieser Beitrag ist Teil 8 der Serie
Zehn zu Null – Eine Dekade voller Filme

Ich glaube, dass Children of Men einer der unterschätztesten Filme des Jahrzehnts ist, vor allem aber des Jahres 2006 – auch wenn viele Kritiker ihn mochten und lobten, war der Film sowohl an den Kinokassen als auch in der Award Season wenig erfolgreich, und das obwohl er auf so vielen Ebenen begeistert.

Alfonso Cuarons Film enthält einige ewig lange Kameraeinstellungen, deren perfekte Ausführung jedes Filmformalistenherz höher schlagen lassen. Hinzu kommt eine Menge angenehm subtiler Visual Effects und ein so behutsames Design, dass diese Zukunftsvision einfach sehr glaubhaft ist. Man füge außerdem eine Szene mit „In the Court of the Crimson King“ hinzu, und man hat mich schon gewonnen.

Viel wichtiger ist aber, dass Children of Men einfach ein verdammt guter Science-Fiction-Film ist, weil er die eigene Gegenwart so gekonnt in die Zukunft spinnt. Aktuelle Probleme wie Terrorismus, Flüchtlinge und rückläufige Geburtenraten greift er (basierend auf dem Buch von P. D. James) auf und schöpft daraus ein Szenario, das er mit großartigen Schauspielern (Clive Owen, Julianne Moore, Michael Caine, Chiwetel Ejiofor, Peter Mullan) bevölkert und das, weil es so realistisch wirkt, sehr beklemmend ist. Sein Realismus zeichnet den Film aus: Die Kampfszenen im Flüchtlingscamp zum Ende des Films hin scheinen eher wie heutige Kriegsszenen vom Balkan oder aus Bagdad. Eingebettet in ein SF-Szenario können sie aber auf eine andere Weise wirken, die nicht so stark die „Von Krieg will ich nichts wissen“-Reflexe triggert.

Zugegeben, der Film krankt stellenweise an den üblichen Problemen: Exposition über die imaginierte Vergangenheit muss möglichst beiläufig in Dialoge eingeflochten werden, was nicht immer gelingt. Manchmal ist seine Bildsprache ein wenig zu symbolträchtig. In der hervorragenden Gesamtheit seiner künstlerischen Vision jedoch kann man darüber hinwegsehen. Ich würde ihn jederzeit wieder zum Film des Jahres ernennen.

2006 war das Jahr der Mexikaner. Neben Cuarons Children of Men begeisterte auch El Laberinto del Fauno von Guillermo del Toro die Menschen (inklusive mir) und Babel kam auch sehr gut an (ich fand ihn etwas zu betulich bemüht). Es war außerdem das Jahr von Martin Scorsese, der nach all seinen großen Historienschinken mit The Departed mal wieder einen geschliffenen, spannenden Thriller hinlegte. The Last King of Scotland gefiel mir ebenfalls vor allem in seiner Drehbuchkonstruktion sehr gut.

Christopher Nolan machte zwischen seinen beiden Batmans ein kleines Meisterwerk: The Prestige, ein gerne übersehener Geheimtipp. Und wo wir gerade bei Geheimtipps sind, Richard Linklaters A Scanner Darkly ist zwar nicht ganz einfach zugänglich – wenn man ihn aber durchdringt, kann man ihn als Freund guter SF eigentlich nur mögen. Ich mochte auch Michel Gondrys Science of Sleep, auch wenn er die Rafinesse seines Vorgängers Eternal Sunshine vermissen ließ. Und ich fand, dass Das Parfum eine solide, gute Arbeit von Tom Tykwer war, die das Buch angemessen auf den Bildschirm übertrug.

V for Vendetta mochte ich damals auch, ich bezweifle allerdings, dass der Film einer zweiten Sichtung standhält – wo wir allerdings gerade bei Explosionen sind: Mission: Impossible III von JJ Abrams wusste dank Philipp Seymour Hoffmann als guilty Pleasure auch zu begeistern ebenso wie der neue Bond Casino Royale wegen seiner vielen frischen Ideen.

2006 bot auch zwei gute Komödien: Little Miss Sunshine und Thank You For Smoking und viel zu viele – und dafür in der Summe umso enttäuschendere – Animationsfilme, allen voran der schwächste Pixar-Film Cars. Auf den Hype um Borat konnte ich dank mangelnder Witzigfindung leider nicht aufspringen und werde es wohl auch nicht mehr.

Half Nelson mit einem tollen Ryan Gosling und einem sehr atmosphärischen Soundtrack von Broken Social Scene bekam ebenso die verdiente Aufmerksamkeit der Academy wie The Queen, dessen eher zurückgenommener Inszenierungsstil ihm allerdings ein wenig das Kinoformat nahm. Und schließlich war da noch der Doppelschuss von Clint Eastwood, Flags of our Fathers und der hochgelobte Letters from Iwo Jima, den ich allerdings leider noch nicht gesehen habe. Das ist dann etwas fürs nächste Jahrzehnt.

Dieser Beitrag ist Teil 7 der Serie
Zehn zu Null – Eine Dekade voller Filme

King Kong war der lang erwartete Nachfolger von Peter Jacksons Herr der Ringe-Trilogie, auf den die Fans zwei Jahre warten mussten (das Jahr dazwischen wurde zum Glück durch die Extended Edition von Return of the King überbrückt. Und wie schon seine Vorgänger-Epen kam auch dieses 165-Minuten-Werk kurz vor Weihnachten in die Kinos. Angesteckt vom positiven Hype durch die Production Diaries im Web und nicht zuletzt wegen der Empfehlung eines Freundes kürte ich diesen gerade gesehenen Film dann am 30. Dezember zum Film des Jahres.

Vier Jahre später ist die Vorstellung schwer, dass King Kong dieses Schicksal noch einmal ereilen könnte. Im Gegensatz zur vorausgehenden Fantasy-Trilogie ist der Film über den großen Affen eher untergegangen, die Kritik warf ihm hauptsächlich vor, für sein Thema zu lang zu sein und sie hat recht. Schaut man sich King Kong heute noch einmal an (wie ich es vor kurzem getan habe), fällt überdeutlich auf, wie sehr sich Peter Jackson in seinem Epos über eine eigentlich sehr simple Story in Nebenhandlungssträngen und Action-Setpieces versteigt. Die 1933er-Version der Geschichte, auf die der Film basiert, glänzt wahrscheinlich gerade dadurch, dass sie die ganzen Monsterszenen auf Skull Island eher im Hintergrund andeutet, statt sie auf gefühlt halbstündige Sequenzen auszudehnen. Und auch, dass man nicht jedes Kindheitstrauma der Crew des Schiffes erfährt, muss nicht unbedingt ein Nachteil sein.

King Kong ist zu sehr ein „Schau mal was wir können“-Film, und so gerät seine wahre Größe etwas in den Hintergrund. Die ist nämlich nach wie vor vorhanden: Jackson gelingt es, wie schon mit Gollum, einen emotionalen Bezug zu einer computergenerierten, hier sogar sprachunfähigen, Kreatur aufzubauen, der die Zuschauer wirklich packt. Besonders die Abschlusssequenz auf dem Empire-State-Building hat trotz ihres artifiziellen Charakters eine enorme emotionale Wucht, die auch am Ende der Dekade noch sehr rührend ist. Hätte sich der Film mehr darauf konzentriert, statt sich endlos mit Dinosauriern und ekligem Wurmvieh herumzuschlagen, wäre er vielleicht auch insgesamt besser weggekommen.

Insgesamt gesehen war 2005 kein ganz so starkes Jahr für die „großen“ Filme, wie das Jahr zuvor. Bei den Oscars dominierten gute, aber auf lange Sicht vermutlich auch vernachlässigbare Biopics wie Walk the Line und Capote und Filme mit Indie-Anmutung, die in den Wogen der Zeit vermutlich eher Geheimtippstatus behalten werden. Zwei meiner Favoriten, die King Kong dann in einer späteren Phase auch noch vom Thron stießen waren George Clooneys Good Night and Good Luck, der durch seine sachliche Erzählweise und seine bestechende Ästhetik zugleich fesselt und bezaubert und der kaum bekannte The Squid and the Whale von Noah Baumbach, der mich im Kino tief bewegte – und nicht nur, weil ein Pink Floyd Song darin vorkommt.

Was die Sommerblockbuster angeht, so begeisterte Spielbergs War of the Worlds zwar mit tollen Bildern, erschien aber in seiner Inkonsequenz am Schluss doch etwas zu weichgespült. The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy war lustig und schräg, kam aber wie schon so oft zuvor nicht an das Buch heran, Harry Potter and the Goblet of Fire kam einfach an seinen Vorgänger nicht heran, und Batman Begins war zwar gut, aber noch meilenweit vom letztendlichen Einschlag seiner Fortsetzung entfernt.

Neben Tim Burtons guter aber nicht großartiger Adaption von Roald Dahls Charlie and the Chocolate Factory war es vor allem noch ein Film, der 2005 einen nachdrücklichen Eindruck bei mir hinterließ und bei dem ich mich nach wie vor nicht mit mir einigen kann, ob er faszinierend oder abstoßend ist. Robert Rodriguez‘ Sin City gelang es, einen neuen ästhetischen Stil zu schaffen, die Live-Action-Graphic-Novel in vollkommen synthetischen Sets, der später von 300 perfektioniert wurde. Die beeindruckende Ästhetik des Films wird allerdings konterkariert durch eine Orgie an sinnloser Gewalt, faschistoider Grundhaltung, Misogy- und Zynismus, der ich bis heute nicht viel abgewinnen kann. Interessanterweise wurde Sin City auch in der breiten Masse weniger wahrgenommen als zwei Jahre später 300, der allerdings (da er auch auf einer Frank-Miller-Vorlage basiert) natürlich die gleichen Probleme hat.

Dieser Beitrag ist Teil 6 der Serie
Zehn zu Null – Eine Dekade voller Filme

Ich weiß noch, dass ich aus dem Kino kam, nachdem ich Eternal Sunshine of the Spotless Mind gesehen habe, und wusste, dass ich gerade Zeuge der Vorführung eines perfekten Films gewesen war. Es gibt diese Filme, bei denen einfach alles stimmt, bei denen alle Aspekte des Filmemachens perfekt ineinander greifen — auf der visuellen, der schauspielerischen und der Story-Ebene. Diese Perfektion muss nicht unbedingt bedeuten, dass der Film einem auch gefällt, aber man kann nicht anders, als sich vor einer Meisterleistung zu verbeugen.

Eternal Sunshine kombiniert die Vorstellungskraft von zwei erstaunlichen Individuen der Noughties, Drehbuchautor Charlie Kaufmann und Regisseur Michel Gondry. Die zwei hatten vorher schon einen Film gemacht (den vergessbaren Human Nature) und sie haben später alleine Filme gemacht, aber bei Eternal Sunshine schien einfach alles zu klappen: Jim Carrey spielt seine beste ernste Rolle, Kate Winslet scheint wie ein Stern, in den Nebenrollen brillieren Kirsten Dunst, Tom Wilkinson und Mark Ruffalo, die Visuellen Effekte sind einfallsreich und nahtlos, die Musik von Jon Brion traumhaft.

Dazu kommt eine Geschichte, die jeden Menschen, der schon einmal über Liebe und Schicksal nachgedacht hat, packen muss. Können zwei Menschen füreinander geschaffen sein, gar zum ewigen Scheitern geschaffen?
Wachsen oder zerbrechen wir an unseren Erinnerungen? Und wieviel ist „wahre“ Liebe wirklich wert? Solange diese Fragen weiter gestellt werden, wird Eternal Sunshine of the Spotless Mind seine Wirkung behalten.

Über Gondry-Kaufmann hinaus war 2004 vor allem ein gutes Jahr für erstaunlich gute Fortsetzungen. Spider-Man 2, mit Alfred Molina als Doc Ock, ist mit Abstand der Beste der Reihe (und The Incredibles nahm das ganze Genre gut auf die Schippe). Kill Bill Vol. 2 gab dem wahnwitzigen Schlachtfest aus Folge 1 plötzlich einen psychologischen Sinn und gefiel mir sehr gut. The Bourne Supremacy prägte deutlicher als sein Vorgänger einen neuen Typ von Actionfilm — die Häcksel-Action mit gebrochenem Held.

Phantastik mit guten Bildern würde ich als einen weiteren Trend des Jahres nennen, das definitiv zu meinen Lieblingsfilmjahren der Noughties gehört. Mit Hellboy und Harry Potter and the Prisoner of Azkaban adaptierten zwei mexikanische Regisseure, Guillermo del Toro und Alfonso Cuaron, fantastische Welten mit einem faszinierenden Gespür für Bild und Herz. Und Brad Silberling kochte in Lemony Snicket’s A Series of Unfortunate Events eine Suppe, die Tim Burton sicher auch gefallen hätte. Einer meiner Lieblingsfilme des Jahres wird allerdings wohl kaum in die Geschichte eingehen: Sky Captain and the World of Tomorrow gefiel mir mit seiner Pulp-Attitüde dennoch sehr gut.

Shaun of the Dead ist vielleicht die beste Komödie des Jahrzehnts, gerade weil sie ihr Parodieobjekt so ernst nimmt. Aber 2004 war auch das Jahr von Team America: World Police, dem wohl besten und bösesten Film über den neuen amerikanischen Post-9/11-Imperialismus-Traum. I Heart Huckabees hingegen geht von seiner Stimmung eher in eine ähnliche Richtung wie Eternal Sunshine.

Die Tatsache, dass ich die großen Oscar-Filme des Jahres, Million Dollar Baby und Finding Neverland beispielsweise, jetzt erst erwähne, zeigt, dass 2004 einfach ein verdammt gutes Jahr für Mainstream-Kino war, abseits der großen Gefühle. Der Oscar für Million Dollar Baby ist verdient — der Film war sehr gut — aber ich bezweifle, dass er in den Köpfen so lange überleben wird. Den Auslandsoscar gewann Alexandro Amenabars Mar Adentro, ebenfalls verdient (vor allem gegen den Untergang).

Dieser Beitrag ist Teil 5 der Serie
Zehn zu Null – Eine Dekade voller Filme

2003 schaffte es zum ersten Mal in diesem Jahrzehnt ein Animationsfilm an die Spitze meiner Jahrescharts. Und vermutlich würde ich ihn jederzeit wieder dorthin setzen, denn Finding Nemo gehört bis heute zu den Filmen, die ich am häufigsten gesehen habe – nicht ohne Grund. Der Film ist ein Powerhouse an Witz, Design und Story, wie es auch unter den besten Unterhaltungsfilmen selten ist.

Das war keinesfalls Liebe auf den ersten Blick. Ich glaube, erst beim dritten Sehdurchgang hatte ich den Film so richtig ins Herz geschlossen. Weil ich immer noch, oder sogar noch mehr, über die Gags lachen konnte und weil ich immer noch narrative Details entdeckte, die mich beim ersten Sehen einfach erschlagen hatten. Die ganzen Anspielungen auf australische Stereotypen beispielsweise; die Ansammlung von psychischen Problemfällen im Aquarium von P. Sherman (42 Wallaby Way, Sydney); die vielen kleinen brillanten Ideen in der Gestaltung von Nebencharakteren und in der Ausschöpfung der Unterwasserwelt.

Die einfache Geschichte von einem kleinen Clownfisch, der entführt wird und von seinem überängstlichen Vater gesucht wird, springt dabei über so viele Steine, dass es eine reine Freude ist. Im klassischer Questenmanier bekommt Vater Marlin einen Helfer zur Seite und roadmoviet sich von Station zu Station: Scharadige Schwarmfische, Quallenwald, Schildkröten, Wal, Pelikane. Währenddessen hat der im Aquarium gelandete Nemo ganz andere Probleme: Er muss verantwortliches Handeln lernen und einem tödlichen Schicksal entrinnen. Das ganze kulminiert im vielleicht einzigen etwas zu kitschigen Moment des ganzen Films – wenn dann eigentlich alle vereint sind, es aber noch eine letzte Hürde zu nehmen gilt und das gelernte angewendet werden muss. Zum Glück folgt dann kurz darauf der Epilog, der zur alten Leichtigkeit zurückfindet.

Finding Nemo hat als erster Pixar-Oscarpreisträger bisher seinen Fisch gestanden. Trotz seiner vielen Abschweifungen in der Story, hält alles zusammen – ist nicht so zerfasert wie die beiden Brad Bird-Werke The Incredibles und Ratatouille. Und ebenso wie das spätere Stanton-Werk Wall*E kommt Nemo eigentlich ohne Bösewicht aus. Der Antrieb der Figuren, den Plot voran zu treiben, stammt aus ihnen selbst.

2003 war natürlich auch das Jahr in dem ein Film, zumindest in der Award Season, alles überschattete. Der Abschluss der Lord of the Rings-Trilogie, The Return of the King hat zwar von den drei Filmen den meisten emotionalen Oomph, besteht aber gleichzeitig zu großen Teilen (wie schon The Two Towers) aus Kampfspektakel und FrodoSamGollum, die sich durch die Wüstenei schleppen. Das kann auf drei Stunden gesehen dann auch irgendwann ein bisschen anstrengen.

Und 2003 war auch ein gutes Jahr für kleinere Filme, die immer noch in meinem Gedächtnis sitzen. Elephant zum Beispiel, von Gus van Sant. Oder Herr Lehmann, mit Detlev Buck und Christian Ulmen wohl die perfekte Bebilderung von Sven Regeners kratzigem Roman. Lost in Translation, allerdings, der Indie-Hit des Jahres ist auch bei wiederholtem Sehen nicht wirklich an mich gegangen. Im Gegensatz zu 21 Grams – denn damals war das Inarritu-Prinzip noch nicht so ausgelutscht. Auch Dogville gehört mit seiner Zerstörung der Illusionskunst des Films zu den besten Filmen des Jahres. Kill Bill Volume 1 wiederum nicht – hier ist die Gewalt noch zu sinnlos und gewinnt erst durch die Vollendung der Saga einen Sinn.

Außerdem gab es noch die Fortzsetzungen der Matrix. Aber sich darüber zu beschweren, könnte ein eigenes Blog füllen.

Dieser Beitrag ist Teil 4 der Serie
Zehn zu Null – Eine Dekade voller Filme

Man kann die Wirkung dieses Films einfach nicht unterschätzen. Vor Bowling for Columbine gab es kaum einen so regelmäßigen Massenmarkt für Dokumentarfilme, wie er jetzt gang und gäbe ist. Außerdem, sagen wir es doch mal ganz deutlich, brachte Michael Moores erstes, auch im Mainstream sehr erfolgreiches Werk, den latenten Anti-Amerikanismus der in Deutschland nicht erst (aber verstärkt) seit Bush und dem 11. September 2001 schwelte, auf den Punkt zu bringen. Moore wurde zum Superstar in Deutschland. Sein Gesicht prangte noch und nöcher auf Büchern und in Zeitschriften. „Endlich ein Amerikaner, der auch was gegen die bekloppten Amis hat“. Na, Gott sei Dank.

Auch ich fand Bowling for Columbine damals ziemlich toll und schwer beeindruckend, habe gelacht und geweint – und ich denke, der Film hat seine Kraft durchaus behalten, anders als beispielsweise der Nachfolger Fahrenheit 9/11, dessen Message einfach zu platt war, und anders auch als Sicko, der sich für mich (und vermutlich für viele Miteuropäer) allein dadurch diskreditierte, dass er europäische Gesundheitssysteme als den Himmel auf Erden darstellte.

Bowling For Columbine aber bewegt sich in einem wesentlich kleineren Kosmos und das macht ihn so stark. Er verbindet die sehr bewegend rekonstruierte Tragödie des High School Massakers von Littleton mit dem generellen Sicherheits- und Waffenwahn des amerikanischen Volkes und ich denke er hat recht damit. Klar bedient sich Moore seiner üblichen Überzeichnungen, manchmal auch Einseitigkeiten – beispielsweise wenn er sich nach Kanada begibt, aber dass das Right to Bear Arms (immerhin der zweite Zusatz zur US-Verfassung nach der freien Meinungsäußerung) ein tief in die US-amerikanische Psyche eingegrabenes Problem ist, stellt er treffend dar. Für eins der besten Segmente des Films, eine Zusammenfassung der US-Gewaltgeschichte in einer knappen Minute, zeichnen die South Park-Schöpfer Matt Stone und Trey Parker verantwortlich.

Ein weiterer beeindruckender Film des Jahres, in dem ich mein Filmwissenschafts-Studium aufnahm war The Pianist von Roman Polanski. Im Grunde zeigt er die Geschichte eines Menschen, der während der ganzen Schrecken der Nazizeit unglaublich viel Glück hatte und oft gerade noch so vor dem Schlimmsten entkommen konnte. Während er allerdings diesen vom Glück beschienenen Pfad beschreitet, geschehen um ihn herum, quasi in seinem Augenwinkel die schlimmsten Dinge, die sich ein Mensch vorstellen kann: Furchtbare Tode, brennende Leichen, Vergewaltigungen, Familientragödien. Und gerade weil Polanski die Schreckensherrschaft der Nazis nicht ausstellt, den Zuschauer nicht direkt damit konfrontiert (wie beispielsweise Spielberg einige Jahre zuvor in Saving Private Ryan), wirken sie noch viel schlimmer, viel traumatischer – echter als wenn sie in der ünwirklichen Vision der Leinwand im Mittelpunkt stehen würden.

Disney gelangen meines Erachtens 2002 noch einmal zwei richtig gute Filme, bevor das Animationsdepartment den Bach runterging.Lilo & Stitch war anarcho-witzig, wie es The Emperor’s New Groove gewesen war und Treasure Planet bot, wenn schon keine neuartige Story, doch zumindest ein wunderschönes Design und ein paar tolle Action-Sequenzen. Das steampunkige Piraten-im-Weltall-Konzept würde ich gerne mal irgendwo wiedersehen. Den Animations-Oscar gewann allerdings Hayao Miyazaki mit Chihiros Reise – zu recht: Der Film hat die Zeiten mühelos überdauert und verzaubert heute so wie damals.

Die cleverste Cleverness im Jahr 2002 leistete sich eindeutig das Duo Charlie Kaufmann/Spike Jonze mit Adaptation. Ein Film, der noch immer darauf wartet, ein zweites Mal von mir gesehen zu werden.

Dieser Beitrag ist Teil 3 der Serie
Zehn zu Null – Eine Dekade voller Filme

Ich sage den Titel so gerne im französischen Original. Le Fabuleux Destin d’Amélie Poulain, rollt gut von der Zunge, auf jeden Fall besser als Die Fabelhafte Welt der Amélie. Den Film habe ich natürlich trotzdem zuerst in der deutschen Synchronfassung gesehen, in dem Kleinstadtkino, in dem ich 2001 während meines Zivildienstes noch nebenher arbeitete. Als ich aus dem Kino kam, war ich wie bezaubert. Ich konnte mich eine ganze Weile nicht auf die anfallenden Aufgaben konzentrieren, so sehr spukte mir die visuelle Fanta- und Poesie von Jean-Pierre Jeunets Meisterwerk noch im Kopf herum.

Wie überhaupt allen Filmen, die in großen Teilen durch ihre Form begeistern, kann man Amélie einiges vorwerfen. Der Film spielt in einer kitschigen Traumwelt, seine Figuren sind keine echten Personen, er romantisiert Paris, Montmartre und menschliche Beziehungen. Als Antwort darauf gibt es nur den zentralen Satz des Films: „Les temps sont durs pour les reveurs.“ – Die Zeiten sind hart für Träumer. Aus der Kritik spricht meistens nur – genau wie bei den Kritikern von Tim Burton oder Danny Boyle – die Verachtung dafür, dass viele Regisseure, die mit kantigen, düsteren visuell starken Filmen anfangen (Delicatessen, Beetlejuice, Shallow Grave) ein ziemlich großes, sehr weiches Herz haben.

Amélie ist viel, aber kein schlechter Film. Er ist ein Meisterwerk des Hyperrealismus und passt mit seiner ausdrucksstarken Farbgestaltung, seiner poetischen Paris-Bricollage und dem subtilen, traumtänzerischen Einsatz von visuellen Effekten (Bilder im Himmel, sprechende Fotos) nahtlos in eine Reihe mit anderen Formalismus-Spielen wie The Cook, the Thief, His Wife and Her Lover. Er hat eine ikonische Figur erschaffen, die weit über die Schauspielleistung von Audrey Tautou hinausgeht. Die Figur Amélie ist eine Marke, die sich auch in Graffiti-Schablonen auf Anhieb wiedererkennen lässt. Der Film besitzt darüber hinaus einen sogar für Laien sehr gut erkennbaren Schnitt und einen der großen Filmsoundtracks unserer Zeit.

Aber außerdem hat er eine schöne Geschichte. Amélie, die den Leuten in ihrer Umgebung ständig eine gute Fee ist aber nicht genug Selbstvertrauen für echte Liebe hat, ist Identifikationsfigur für jeden, der schon mal einen Traum gehabt hat. Sie findet schließlich einen Gefährten, der ein bisschen ist wie sie, und sie deswegen auf Anhieb versteht, wenn sie ihm bedeutet, wo er sie hinküssen soll. Ein Märchen, na klar, aber wer verliert sich nicht gerne mal in Märchen. Das ganze ist so kunstvoll in seinen Verästelungen erzählt, dass die 122 Minuten des Films wie im Flug vorbei gehen. Und dazwischen ist der Film auch immer wieder komisch.

Es ist eine Weile her, dass ich Amélie zuletzt gesehen habe, aber der Film gehört mit Sicherheit noch immer zu meinen zehn liebsten Filmen. Ebenso wie der große Heavy Hitter des Jahres 2001, der erste Teil der Lord of the Rings-Trilogie. Weil der eine linearere Handlung und einen größeren sense of wonder hat, als seine zwei Nachfolger, ist er immer noch mein Favorit des Dreigestirns.

Mit dem Herrn der Ringe, Harry Potter und dem Siegeszug der Animationsfilme (Einführung einer neuen Oscar-Kategorie, erster Gewinner: Shrek) und Musicals (Baz Luhrmanns phänomenale Schnittorgie Moulin Rouge) zog überdies 2001 endgültig ein neues Zeitalter für Phantastik im Kino auf, das durch eskapistische Tendenzen nach dem 11. September nur noch verstärkt wurde. A Beautiful Mind, der Oscar-Gewinner, ist ein schönes Beispiel für gut eingesetze visuelle Effekte, aber nicht viel mehr. Der Film ist nicht umsonst kein moderner Klassiker geworden.

Dieser Beitrag ist Teil 2 der Serie
Zehn zu Null – Eine Dekade voller Filme

2000 ist das einzige Jahr, von dem ich keine zeitgenössischen Listen habe. Ich habe Almost Famous allerdings definitiv noch während des Jahres gesehen und fand ihn sehr gut, deswegen kann diese Wahl wohl als gültig erachtet werden.

Almost Famous hat mich begeistert. Eine gute Weile bevor ich wusste, wer Cameron Crowe ist, war klar, dass ich hier einen Film vor mir hatte, der zwei Dinge, die mich faszinierten, geschickt miteinander verknüpfte: Journalismus und die Popkultur der siebziger Jahre. Der Quasi-Roadmovie eines 14-jährigen Schreiberlings, der mit einer aufsteigenden Band anno 1973 auf Tour geht und dabei nicht nur erwachsen wird, sondern auch jede Menge über das wilde Leben und die internen Querelen des Pop-Business erfährt, sich aber in bester Journalistenmanier davon nicht vereinnahmen lässt – das fand ich toll. Lachen konnte man auch und schließlich war da ein Soundtrack, der seinesgleichen suchte: Ich hatte nicht gedacht, dass mir Yes tatsächlich mal von einer Kinoleinwand entgegen schallen würden. Ein Jahr später kam ich endlich dazu, meine eigene Band zu gründen, leider wiederholte sich die Geschichte des Films nicht.

Almost Famous hat sich gut gehalten. Es ist weder der rundeste (das ist wohl eher Jerry Maguire) noch der ausuferndste (Elizabethtown) von Cameron Crowes Filmen geworden, dafür bleibt er aber, wahrscheinlich nicht zuletzt wegen seines autobiografiktionalen Inhalts, ziemlich bewegend. Seine Qualität liegt nicht zuletzt in seiner ausgefeilten Besetzung in den Nebenrollen: Jason Lee als Sänger von „Stillwater“, Frances McDormand als paranoide Mutter, Zooey Deschanel als Schwester, Jay Baruchel als Über-Fan und natürlich Philipp Seymour Hoffmann als Rock-Kritiker Lester Bangs. Hinzu kommt eine der besten Rollen von Billy Crudup und die wahrscheinlich einzig gute Rolle jemals von Kate Hudson – in Penny Lane kann ich mich heute noch ein bisschen verlieben.

Der Film malt ein nostalgisches aber interessantes Bild seiner Zeit, untermalt von einem bis heute wohlklingenden Soundtrack: Neben Yes finden sich dort auch noch Simon & Garfunkel, The Who, Todd Rundgren, Beach Boys, Zeppelin und Lynyrd Skynyrd. Der schönste Einsatz dieses Soundtracks belegt eine Theorie von mir besser als jeder andere Film: Wenn Figuren im Film singen – und zwar nicht als Musicalnummer und nicht auf der Bühne – dann geht das immer mitten ins Herz, in diesem Fall ist es Elton Johns bezauberndes Tiny Dancer, das die ganze Crew im Tourbus trällert. Almost Famous bleibt in seinem gut verquirlten Mix aus Drama, Komödie und Period Pic ein besonderer Film.

Wirft man einen Blick auf die Oscars des Jahres (2001), dann zeigt sich, dass Gladiator die meisten Trophäen abräumte und Steven Soderbergh mit Traffic und Erin Brockovich seine starke Zeit hatte. Gladiator habe ich zwar mal gesehen, aber Film hat nicht den geringsten Eindruck bei mir hinterlassen (außer wegen seiner Effekte), was aber auch an Russel Crowe liegen kann. Ein starker Film im Jahr 2000 war Memento, der zwar nicht als erster aber doch zum ersten Mal massenwirksam die zerhäckselte Erzählweise propagierte und der nicht zuletzt durch seinen düsteren Kern und seinen erfreulichen Low-Budget-Look noch heute tief in mein Hirn eingegraben ist. 2000 war kein Jahr der eindeutigen Überflieger, Almost Famous aber (der schließlich den Oscar für das beste Originaldrehbuch gewann) bleibt auch im Nachhinein gesehen ein Highlight der Noughties.

Dieser Beitrag ist Teil 1 der Serie
Zehn zu Null – Eine Dekade voller Filme
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