This Is How I Work

14. Mai 2013

Wer gedacht hatte, so ein Blogosphären-Mem würde einfach an mir vorbeiziehen, hat sich deftig geschnitten. Ich habe nur darauf gewartet, dass mir jemand mal diese Fragen stellt.

Bloggerinnen-Typ: Aca-Fan mit Journalismus im Blut

Gerätschaften digital: Seit mittlerweile fast vier Jahren ein MacBook Pro mit 13″-Monitor, dass ich im Zweifelsfall überall mit hinnehmen kann. Seit Herbst letzten Jahrs ein iPhone 5. Ein Samson Meteor Mic zum Podcasten.

Gerätschaften analog: Mein wichtigster Speicher: mein Hirn, Kugelschreiber, ein Moleskine-Notizbuch, dass ich selten benutze, und wenn ich mal Mindmaps und Flussdiagramme zeichnen muss: alles Papier, was sonst gerade zur Hand ist.

Arbeitsweise: Ich versuche, neben meinem Vollzeitjob mindestens einmal die Woche einen interessanten Beitrag zum Film- und Mediengeschehen zu produzieren, allerdings nicht unbedingt orientiert an aktuellen Trends, sondern einfach zu Themen, die mich umtreiben. Früher hatte ich wechselnde andere Ambitionen, aber seit ich das Gefühl habe, ich werde tatsächlich gelesen (also seit meiner Blogosphären-Aktion im Januar) hat es sich im positivsten Sinne darauf zusammengedampft. Dafür sammle ich jetzt auch viel methodischer Ideen, die mir in den unmöglichsten Momenten kommen, und dafür zwinge ich ich jetzt auch mindestens einmal die Woche für zwei bis vier Stunden an den Rechner (zum Schreiben, die Vorarbeit erledige ich meistens on the go, s.u.). Bisher klappt mein Vorhaben ganz gut, ich habe allerdings Angst, dass mir entweder die Ideen ausgehen oder irgendwann niemand mehr was zum Marvel Cinematic Universe lesen möchte.

Welche Tools nutzt du zum Bloggen, Recherchieren und Bookmark-Verwaltung?

Ich wäre völlig aufgeschmissen ohne Netvibes, mein Feedreader/Monitoring-Überallschreibtisch und Pocket, das seit seiner Umbenennung noch viel genialer geworden ist, und alle Artikel verwaltet, die ich nicht sofort lesen kann oder von denen ich ahne, dass ich sie später mal wieder aufgreifen werde. Außerdem die unsortierten Bookmarks des Firefox, um kurz mal was für später zu speichern (dran denken: hinterher das Sternchen wieder wegklicken) und ordentliches Googeln (statt Durchklicken lieber mit Operatoren arbeiten). Meinen Medienmix habe ich in diesem Blog schon einmal aufgeschrieben.

Wo sammelst du deine Blogideen?

In meinem Kopf, in der Notiz-Funktion meines Handys und seit einiger Zeit auch in WordPress-Drafts.

Was ist dein bester Zeitspar-Trick/Shortcut fürs Bloggen/im Internet?

Ich habe keinen. Mein bester Zeitspartrick ist meine bevorzugte Art zu arbeiten, die darin besteht, dass ich mich in der Regel erst hinsetze und losschreibe, wenn ich den Artikel im Kopf (und manchmal auf dem Papier) schon voll durchkonzipiert habe. Dann muss ich weniger vor der Tastatur sitzen und nachdenken.

Benutzt du eine To-Do List-App? Welche?

Die Erinnerungsfunktion des iPhones, die dann ja auch mit meinem Rechner synchronisiert wird. Aber eher für private Erinnerungen. Auch eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen ich tatsächlich Siri benutze – zum Beispiel wenn mir abends im Bett noch etwas einfällt, woran ich am nächsten Morgen auf jeden Fall noch denken muss.

Gibt es neben Telefon und Computer ein Gerät, ohne das du nicht leben kannst?

Ich spare mir die Hinweise auf diverse Geräte in der (Wasch-)küche und sage: nein. Die zwei Geräte zusammen enthalten alles, was ich für den Standardworkflow brauche. Klar, wenn ich Interviews mitschneide, podcaste, Videos drehe etc. brauche ich natürlich mehr. Und ich mag meinen großen Fernseher. Aber ich habe auch lange ohne gelebt.

Gibt es etwas, das du besser kannst als andere?

Es wäre leichter, zu sagen, was ich nicht so gut kann wie andere, und das ist: genau hinsehen und Filme nur aufgrund von Beobachtungen analysieren. Das kann ich lediglich simulieren und deswegen ist aus mir auch nie ein Filmkritiker geworden. Ich bewundere alljene, die Filme mit Worten einfangen und ihre tieferen Bedeutungsschichten freilegen können. Darin bin ich ziemlich mies.

Ich glaube, ich kann einigermaßen komplizierte Dinge ganz gut erklären; ihnen eine menschliche Brücke bauen. Und ich kann ganz gut einen Schritt zurücktreten, das Ganze betrachten, und versuchen, etwas zu finden, was seinen einzelnen Elementen gemein ist. Deswegen schreibe ich solche Analyse-Stücke auch am liebsten – obwohl ich weiß, dass ich damit manchmal ziemlich daneben liege. Was ich auf jeden Fall gut kann, ist, mich für etwas zu begeistern, und diese Begeisterung für mich zu nutzen. Dinge, die ohne eine gewisse Begeisterung stattfinden, mag ich nicht.

Was begleitet dich musikalisch beim Bloggen?

Wenn ich wirklich analytisch und sprachlich denken muss, nichts. Vor allem nichts mit Gesang. Wenn ich, so wie jetzt gerade, nur eigene Gefühle aufs Blatt bringen muss, darf ein bisschen was Instrumentales laufen, gerne Postrock oder Ähnliches. Im Moment läuft The American Dollar.

Wie ist dein Schlafrhythmus – Eule oder Nachtigall?

Hauptsache regelmäßig. Und mehr als sieben Stunden pro Sitzung (Liegung?). Wenn ich genug geschlafen habe, habe ich kein Problem damit, früh aufzustehen. Und ich mag es, in den frühen Morgenstunden unterwegs zu sein. Mehr, als erst mittags durch die Gegend zu zombien.

Eher introvertiert oder extrovertiert?

Eindeutig extrovertiert. Hätte ich sonst diese Fragen mit Freude beantwortet? Aber ich habe das Gefühl, dass ich das inzwischen ganz gut im Griff habe.

Wer sollte diese Fragen auch beantworten?

Sascha, Denis, Sidney, Christian und Maria.

Der beste Rat, den du je bekommen hast?

Ich hatte viele tolle Förderer und Ratgeber auf meinem Arbeits- und Lebensweg, aber ich kann mich kaum an einzelne Ratschläge erinnern. Aus der jüngeren Vergangenheit ist mir nichts so sehr in Erinnerung geblieben wie Neil Gaimans Rede an der University of the Arts im vergangenen Jahr. Zu dem Bild von dem Berg, auf den man immer weiter zugehen sollte, auch wenn man Gelegengheit bekommt, sich abzuwenden, kehre ich immer wieder zurück, wenn ich unzufrieden bin. Außerdem zu seiner Gleichung, dass man in Kreativberufen pünktlich, nett und qualitativ hochwertig sein muss – und das zwei von drei Eigenschaften genügen (vollkommen ohne falsche Bescheidenheit: ich glaube, ich bin der Typus pünktlich und nett, siehe oben, „was andere besser können“).

Noch irgendwas wichtiges?

Ich liebe das, was ich hier tue, obwohl ich damit direkt kein Geld verdiene. Ich liebe es, dass andere Leute ihre Bloggerei lieben. Ich ärgere mich jedes Mal, wenn die teilweise großartige Arbeit, die von Leuten in ihrer Freizeit in ihren Blogs geleistet wird, als minderwertig abgekanzelt wird. Und deswegen ist es mir so wichtig, dass die Blogger zusammenhalten und sich gegenseitig Mut machen. Und deswegen ist mir auch diese Film-Blogosphären-Kiste, die schon einige erstaunliche Blüten getrieben hat (dazu in ein paar Monaten mal mehr), weiterhin ein Anliegen.

Es gibt keine deutsche Film-Blogosphäre. Ich habe wochenlang überlegt, wie ich diesen Artikel beginnen soll, unter Lese- und SEO-, unter Ego- und Zielpublikums-Gesichtspunkten, aber letztendlich bringt es ja doch nichts, lange um den heißen Brei herumzureden. Ich bin der Meinung, dass die deutschen Medien zum Thema Film im Netz kaum etwas miteinander verbindet, was unter eine „Sphäre“ Platz hätte. Mein Bauchgefühl war das schon länger, aber meine Beobachtungen des letzten halben Jahres und die Interviews, die ich geführt habe, haben es zum großen Teil bestätigt.

Das hier ist eine Streitschrift. Aber ich will nicht stänkern. Ich will zum Diskutieren anregen, indem ich zwei meiner Leidenschaften verbinde und Medienjournalismus über Filmjournalismus mache, was viel zu selten passiert. Weil ich zur Diskussion anregen will, habe ich meine Meinung auf vier Thesen zugespitzt und lehne mich für’s erste nur auf die Zitate, die sie bestätigen. Ich hoffe natürlich, dass die kommende(n) Woche(n), wenn ich nach und nach auch die vollen Texte der Interviews hier veröffentliche, tatsächlich über die Thesen diskutiert wird und die Bandbreite der Meinungen damit klarer wird.

Ich weiß, dass – wenn überhaupt – auch auf Facebook und Co. diskutiert werden wird, aber denkt auch daran, dass die zweite Absicht dieser Artikel ist, die deutsche Film-Blogosphäre vielleicht doch noch zu einer zur machen. Hört auf Papa Haeusler.

These 1: Es gibt keine deutsche Film-Blogosphäre

Vielleicht ist meine Wahrnehmung schief, und ich verstehe unter einer Blogosphäre das falsche. Für mich ist das Bild des Netzes wichtig, das einzelne Knoten miteinander verbindet, darüber aber eben das der Sphäre, die wie eine Glocke, wie ein Himmelszelt, über allem schwebt. Wenn man von der „deutschen Blogosphäre“ spricht, denken doch hoffentlich alle ungefähr an dasselbe. Die deutsche Blogosphäre, das sind die, die sich jedes Jahr auf der re:publica treffen, ihre Gallionsfiguren sind Leute wie Lobo, Beckedahl, Gröner, Häusler, Borchert – unsere digitale Bohème. Die gehören irgendwie zusammen, denkt man sich so. Die reden miteinander und hecken bestimmt gemeinsam einen Plan aus, stecken unter einer Decke vor allem auch gegen die etablierten Printmedien, die uns immer noch erzählen wollen, Bloggen wäre minderwertiges Schreiben.

Kleinere Blogosphären gibt es wohl auch für bestimmte Themen. Essen. Technik. Gadgets. Medien. Mode. Aber nicht für Film. Zumindest nicht in Deutschland. Im englischsprachigen Raum hat man das Gefühl, dass sich die Blogger untereinander kennen und gleichzeitig jeder für sich und alle zusammen arbeiten. „Ich denke da schwärmend an Comic-Con-Videologs, in denen Autoren von /Film, Collider, First Showing, Joblo und Cinema Blend wie Kumpels zusammenhängen“, schreibt mir Sidney Schering alias Sir Donnerbold. Und fügt dann hinzu: „Das scheint es hier nicht zu geben.“

In Deutschland gibt es höchstens Cluster. Sozusagen: Mini-Blogosphären. Einen dieser Cluster nennt Ciprian „Chip“ David von „Negativ“, die „Berliner Elite“. Christoph Hochhäusler, der selbst ein Teil davon ist (und einer der wenigen deutschen bloggenden Filmemacher), nennt sie natürlich nicht so, antwortet aber mit den gleichen Namen wie Chip auf die Frage, ob es eine deutsche Blogosphäre gibt: „Ja die gibt es. Zwischen new filmkritik (als einer der ältesten Seiten dieser Art in Deutschland) und Cargo und critic.de und Lukas Förster und Thomas Groh und The Wayward Cloud und Eskalierende Träume und auch Revolver natürlich gibt es viele Verbindungen.“ Und dann schreibt er, es gebe auch „andere Cluster dieser Art“ (daher habe ich mir dann auch den Begriff geborgt).

Ein weiterer Cluster gruppiert sich zum Beispiel um moviepilot.de. Zu diesem würde ich die „Fünf Filmfreunde“ zählen, das größte deutsche Filmblog, und das einzige, das auf meine Kontaktanfrage leider nicht reagiert hat – denn „Batzman“ Oliver Lysiak arbeitet bei Moviepilot, ähnlich wie etwa Jenny „The Gaffer“ Jecke. Und ich würde auch noch Sascha Brittner von pewpewpew.de dazuzählen, einfach weil er mit seinem Blog ähnlich erfolgreich ist und auf Twitter von den gleichen Luten verlinkt wird (er hat das selber nie gesagt). Und zu Sascha gehört dann wiederum Stefan Rybkowski und ein paar mehr.

Das „Medienjournal“ vereint noch ein paar Leute, die relativ weit weg sind vom „professionellen“ Bloggen, aber gerne über Filme im Netz schreiben, die sie mögen, mit seinem „Media Monday“. Kein Wunder also auch, dass Wulf Bengsch von „Medienjournal“, der Meinung ist, dass „die deutsche Filmblogosphäre mehr als quicklebendig ist“ und „einen regen Austausch untereinander pflegt“.

Ich glaube aber, dass das nicht stimmt. Es findet insgesamt kein Austausch statt, sondern eben nur in solchen Clustern, die nur sehr wenig Berührungspunkte haben. Einer der Gründe dafür ist meine These zwei.

These 2: Den deutschen Netzfilmschreibern fehlen die deutschsprachigen Leitmedien

Die Frage war eine der kontrovers beantworteten in meinem Mail-Fragebogen. Brauchen wir überhaupt Leitmedien? Ist das Leitmedium einfach „Facebook, Traurig aber wahr“ wie Martin Beck meint? Weil dorthin die Diskussion abgewandert ist? Oder sind es einfach die großen amerikanischen Filmseiten wie /film, Twitchfilm oder Collider, von denen alle deutschen Blogs ihre Informationen bekommen (und deren Autoren übrigens – das muss man an dieser Stelle einmal mindestens sagen – bezahlt werden)? Eine definitive Antwort konnte mir jedenfalls niemand geben. Niemand konnte mir eine Seite nennen, die jeder, der in Deutschland über Film bloggt, lesen sollte, einfach aus Prinzip, egal ob er sie gut findet oder nicht (wie etwa turi2 im Medienjournalismus).

Klar, es geht „nichts an den Fünf Filmfreunden vorbei“ (Sascha Brittner), aber die „Fünf Filmfreunde“ posten Trailer und Infos weiter über einen sehr begrenzten Radius von Filmen, und die Infos kommen fast immer von den US-Seiten. „Es gibt natürlich beliebte Filmblogs und Aushängeschilder wie die fuenf-filmfreunde.de, über die man garnicht nicht stolpern kann, wenn man den deutschen Film-Blog-Wald durchforstet, wie auch die grossen Filmportale wie Moviepilot.de. Letztere sind jedoch viel zu breit aufgestellt, inhaltlich verwässert und selten mit Charakterköpfen besetzt“, sagt Severin Auer von ANIch. Die Antwort? „Wir brauchen mehr und selbstbewusstere Aggregatoren, die eine Art Portalfunktion übernehmen und vielleicht auch bestimmte Fragen ‚plakatieren‘, den Streit organisieren, die Arena dafür bieten“, sagt Christoph Hochhäusler.

Das einzig Dumme dabei? Die paar Seiten, die es wirklich versucht haben; die wirklich versucht haben, auf einem hohen Niveau umfangreich zu informieren und zu deutschen Leitmedien neben den großen Printmarken zu werden, sind eingeknickt. Martin Beck, der „so eine Art deutsches Twitch“ mit reihesieben.de bauen wollte, stellte fest, dass sich das „einfach nicht stemmen ließ“. Und den prominentesten Untergang (inklusive Wiedergeburt) hatte sicherlich „Negativ“:

„Nach zwei Jahren wurde uns klar, dass ohne angemessene Gehälter die Wenigsten auf Dauer motiviert bleiben, eine immer größer werdende Seite zu betreiben und dass diese Seite sich immer mehr thematisch und qualitativ einem wirtschaftlichen Diktat unterordnet, und sich somit von unserem ursprünglichen Ideal, gut und immer besser über Film zu schreiben, entfernte. Als es klar wurde, dass die wirtschaftliche Ausrichtung in eine Sackgasse führte und das Verfolgen dieses Ziels für einige von uns Selbstdestruktion oder zumindest geistige Stagnation bedeutete, zogen wir die Notbremse.“
– Ciprian David

Wir brauchen also einen guten, deutschsprachigen Aggregator. Ein Must-Read-Blog, das die deutsche Film-Blogosphäre irgendwie über ihre Cluster hinweg eint und Diskussionen befeuert. Denn:

These 3: Die guten Inhalte, die es gibt, werden nicht gefunden

Als ich damit anfing, die deutschen Netz-Filmschreiber zu vermessen, habe ich mir Blogrankings angeschaut und mich von da an weiter vorgearbeitet. Ich fand einiges, was mir gefiel, einiges, was ich langweilig fand. Aber viel interessanter fand ich, dass ich manchmal Monate später noch auf Blogs stieß, von denen ich noch nie zuvor etwas gehört hatte (und nein, sie waren nicht erst in der Zwischenzeit entstanden).

Es ist nämlich mitnichten so, dass alle nur entweder private Filmtagebücher führen oder Trailernews von großen US-Seiten abschreiben (wie ich am Anfang dachte). Nein, es gibt Leute, die fantastische Ideen haben, die mit Stills arbeiten wie die Könige, die interessante Meta-Analysen über ganze Genres oder Epochen fabrizieren. Aber eben auch sehr gute Blogs, die auf bestimmte Themen spezialisiert sind. Es gibt sogar etwas, was mir im deutschen Filmjournalismus generell oft fehlt, den „typischen US-Mix aus Wissen und Passion“ (Sidney Schering) – den Willen, Service für unerfahrene zu bieten, diesen aber leidenschaftlich rüberzubringen (zu meinen persönlichen Favoriten gehören, auch der Themen wegen, „Digitale Leinwand“ und das Blog eben von Sidney Schering, „Sir Donnerbolds Bagatellen“).

Aber:

Es gibt regen Austausch auf Plattformen wie Facebook zwischen miteinander bekannten (Online) publizierenden Filmnerds, zu denen ich mich auch gerne zähle. Und natürlich gibt es Blogrolls. Aber es fehlen doch ein wenig die Netzwerkeffekte, was möglicherweise mit der grundlegenden Tendenz in Deutschland zusammenhängt, im eigenen Blog oder Magazin nur wenig die Artikel anderer zu zitieren.
– Frédéric Jaeger, critic.de.

Also (und ich kann mich da selber nur mit einschließen): Vertraut nicht auf die Blogrolls, auf die Twitterfeeds und Facebook-Updates. Radikal gesagt: Wer sich nicht zu schade dafür ist, einem neuen Trailer zu Film X einen Blogpost zu widmen (vielleicht auch in der Hoffnung auf Klicks), der kann auch die Arbeit eines Kollegen mit einem Blogpost würdigen. „Natürlich ist es sehr schön, wenn man als relevante Quelle erkannt wird, einige Seiten sind aber auch sehr erfolgreich darin, meine Inhalte umfassend zu kopieren und zu veröffentlichen, natürlich weder zitiert noch verlinkt“, sagt Gerold Marks von „Digitale Leinwand“. „Es ist auch für mich frustrierend, wenn ein lange erarbeiteter Artikel mit viel Rechercheleistung nur ein paar hundert Leser interessiert, das Publikum auf das neue Bild vom nächsten Star Trek-Film aber abfliegt wie Wespen auf Butterkuchen.“

Es ist ein ewig frommer und ewig unerfüllter Wunsch, dass der harte Journalismus mehr (oder genauso viel) Aufmerksamkeit erfährt, wie der grellste Boulevard. Die deutsche Film-Blogosphäre wird ihn nicht erfüllen können, aber sie kann zumindest ihr bestes geben, Juwelen auszugraben. „Da sind schon einige Perlen dabei, die leider nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen“, sagt Sascha Brittner. Allerdings:

These 4: Die nervige Trennung zwischen E- und U-Kultur lebt im Netz fort

Und damit wären wir wieder am Anfang. Einer der Gründe, warum die „Cluster“ nicht zueinander finden ist, dass ausgerechnet Film, das Medium, das Pop- und Hochkultur so gut vereint, wie kein anderes, noch immer von verschiedenen Seiten betrachtet wird. Und wer auch immer auf einer dieser beiden Seiten steht, scheint die andere Seite für vernachlässigbar zu halten.

Das Interessante, aber auch Tragische dabei ist, dass es anders als bei der traditionellen Hoch-/Pop-Demarkationslinie beim Schreiben über Film nicht mehr um das Objekt (also den Film) geht, sondern um das Subjekt, also den Autoren. Es geht also um das E und U innerhalb der Kritik. „Das Publikum ist heute sehr ausdifferenziert, entmischt sozusagen, und das schlägt auf das Kino zurück“, schreibt mir Christoph Hochhäusler. Man kann also die gleichen Genres lieben und trotzdem nicht miteinander reden wollen. Ist das nicht zum Kotzen?

Mir ist in meinen Interviews zum ersten Mal der Begriff „Stuntschreiber“ untergekommen. Martin Beck von „Reihe Sieben“ hat ihn benutzt. „Das sind verzwirbelte Typen, die vor allem dadurch auf die Pauke hauen, dass sie a) möglichst viele Fremdwörter in möglichst lange Sätze packen und/oder b) ihre ‚Meinung‘ immmer konträr zur kollektiven Empfindung postieren.“ Das klingt übel. Es hat mir zwar keiner so gesagt, aber ich habe das Gefühl, dass die andere Seite über die „Fan-Kultur“, die auf der anderen Seite der Linie herrscht, genauso denkt.

Eine meiner Ursprungs-Thesen, die sich nicht bestätigt hat, ist, dass die Linie zwischen „Profis“ und „Amateuren“ verläuft, also zwischen denjenigen, die Film oder Medien „gelernt“ haben, und denen, die einfach gerne Filme sehen. Ich glaube aber, es ist vielmehr einfach eine Einstellungssache. Ein Mangel an Bereitschaft, andere Sichtweisen zuzulassen. „Reine Filmblogs, noch dazu professionelle oder semiprofessionelle, scheinen mir im deutschsprachigen Raum doch giftiger zueinander zu stehen als US-Seiten“, sagt Sidney Schering.

Zusammenfassend: Bloggen ist in Deutschland immer noch als Niederes Schreiben verpönt. Im Filmbereich liegt das aber auch daran, dass die Film-Blogger keine Lobby haben und sich auch keine Mühe geben, eine zu bilden. Sie mosern lieber herum, statt sich gegenseitig zu unterstützen. Einfacher wäre das natürlich, wenn jemand voranschreiten würde, den es noch nicht gibt, mit dem sich aber FilmwissenschaftlerInnen und Fanboys und -girls gleichermaßen arrangieren könnten. Vielleicht kommt ein derart messianisches Blog eines Tages des Wegs, vielleicht nicht. Aber es könnte auf jeden Fall besser sein, als jetzt. Oder?

„Die unhaltbaren Missstände in der Filmpolitik und der Filmkultur fördern hoffentlich die vereinende Kraft zutage, gegen sie aufzubegehren. Das ist eine Utopie, mit der ich mich identifizieren kann: ein Kampf freilich, aber ein gemeinsamer.“ – Frédéric Jaeger, critic.de

Disclaimer: Ich entdecke täglich neue Filmseiten. Es ist also hoffentlich klar, dass es nicht beabsichtigt ist, dass ich manche Ecken der deutschen Filmblogosphäre wahrscheinlich völlig unbeleuchtet gelassen habe. Ciprian David kenne ich persönlich, wir haben ein oder zweimal lose gemeinsam über das Thema diskutiert.

Meine erste persönliche Bilanz gibt es hier.

Ich wünsche allen Lesern dieses Blogs ein gutes und erfolgreiches neues Jahr!

Ich folge Johnny Häuslers Aufruf und werde auch 2013 dieses Blog weiter regelmäßig nutzen, um meine Gedanken zu Filmen und Filmtrends zu formulieren, in meiner „Quotes of Quotes“-Serie Zitate zu kommentieren, die ich interessant finde, und meine sonstigen Aktivitäten an einem Ort zu sammeln.

Ich habe mir für 2013 schon jetzt Einiges vorgenommen. Noch im Januar möchte ich mich endlich einem Thema annehmen, das ich schon seit mindestens einem Jahr im Auge habe: eine Betrachtung der deutschsprachigen Film-Blog-Landschaft in einer Serie von Interviews und Artikeln, die sich – wenn alles gut läuft – über mehrere Monate ziehen könnte. Im Mai wird außerdem meine Excel-Tabelle, mit der ich alle Filme registriere, die ich gucke, 10 Jahre alt, was ich für eine gute Gelegenheit halte, mich endlich mal in Datenjournalismus und Infografiken einzufuchsen.

2013 wird also gut, aber wer jetzt erst zuschaltet, dem möchte ich ganz unbescheiden noch einmal meine persönlichen Blog-Highlights des vergangenen Jahres ans Herz legen. Jeder Klick, der nicht durch die Suche nach „jennifer connelly naked“ entsteht, freut mich doppelt.

Navel Gazing: A Media Consumption Case Study (of Myself)
In vier Teilen habe ich mein persönliches Mediennutzungsverhalten aufgeschrieben.

John Carter and Company: Hype, Expectation and Forgiveness
Ein Ratgeber zum Umgang mit übererwarteten Blockbustern.

The Avengers: The Astounding Culmination of an Extraordinary Venture
Mein definitiver Text zu meinem Film des Jahres.

Why Bilingual Blogging Sucks
Der Text, der dazu führte, dass ich jetzt wieder hauptsächlich auf Deutsch blogge.

David Bordwell comes to Mainz and supports my Meta-Fandom
Vielleicht mein geekigster Moment 2012.

„Wired“ ist in Deutschland immer noch tired (und klaut)
Mein erfolgreichster Blogartikel aller Zeiten, dank einer Verlinkung im BildBlog. Hier die Statistik, was das bedeutet.

I like Evangelisch: Angebote der Kirche im Bereich Social Media
Mein Vortrag vom 2. Evangelischen Medienkongress in voller Länge.

Die Sehnsucht des Kinos nach dem Untergang
Gedanken zu einem der dominantesten Zeitgeist-Trends 2012.

Die Annehmlichkeiten des Mauerblümchendaseins
Über den Archetypen des High-School-Outsiders anhand von The Perks of Being a Wallflower.

Die deterministischen Schräglagen von Ralph Reicht’s
Warum der neueste Disney an seinem Übermaß an internen Regeln erstickt.

Alex und Bernd besprechen das Filmjahr 2012
Der dritte Real Virtuality Podcast.

Genießt euer barockes Kino, so lange ihr noch könnt!
Ein Plädoyer für den überbordenden Film der Gegenwart.

Mein Artikel „‚Wired‘ ist in Deutschland immer noch tired (und klaut)“, den ich in der Nacht des vergangenen Samstag in einem Anfall von Kragenplatzen in die Tastatur gehackt hatte, wurde am Dienstag in der Rubrik „6 vor 9“ eines der ersten und – ich schätze nach wie vor größten – Blogs Deutschlands verlinkt, dem „BildBlog“. Es hat mich sehr gefreut, dass mein Thema anscheinend von Kurator Ronnie Grob als relevant genug eingestuft wurde. Auf Facebook habe ich gewitzelt, dass ich den Punkt „vom BildBlog verlinkt werden“ jetzt auch von meiner Bucket List streichen kann, und natürlich ist ein bisschen Aufmerksamkeit auch immer gut für’s Ego.

Da mir eine solche Verlinkung zum ersten Mal passiert ist, dachte ich mir, ich schreibe mal kurz eine Zusammenfassung dessen auf, was das ganze auf meiner Seite des Links ausgelöst hat. Vorweg: An normalen Tagen hat mein Blog 20 bis 30 Pageviews pro Tag – eine gewisse Anzahl fast immer über Google Image Search, die nach Jennifer Connelly Naked oder Ähnlichem suchen.

Am Tag der Bildblog-Verlinkung kletterte diese Zahl auf

2.271 Pageviews.

Mein „busiest day“ ever, laut WordPress. Insgesamt wurde der Artikel seit Veröffentlichung

2.646 Mal

angeklickt. Ich hoffe/vermute, dass er meistens auch gelesen wurde. Als ich die Verlinkung sah, stellte ich mich drauf ein, mich für meine Meinung gegen eine Flut von Trollen rechtfertigen zu müssen, aber das war nicht der Fall, denn insgesamt rief der Artikel dann doch nur

4 Kommentare

hervor (einen davon von einem Kollegen, den ich direkt nach seiner Meinung gefragt hatte). Ich weiß nicht, ob das daran lag, dass er nicht so furchtbar polemisch war (ich bin kein guter Polemiker, eher ein Analytiker, und wenn ich mal polemisch werde ende ich meistens damit, mich dafür auch ein bisschen zu entschuldigen), oder einfach an der üblichen 90/9/1-Kultur des Netzes.

Ein bisschen schade fand ich das schon, ich hatte mich auf den vielbeschworenen Austausch und Rückkanal des Netzes gefreut. Dass der bei 20 Hits pro Tag verhalten bleibt, hat mich nie gewundert. Aber bei 2.200 Hits dachte ich: Da passiert mal was.

Inwieweit mir die Verlinkung erweiterte Publicity gebracht hat, kann ich nicht genau sagen. Ich habe einen neuen Follower bei WordPress (aber nicht jeder benutzt WordPress), aber leider

keine neuen Follower

bei Twitter gewonnen (was ich eher erwartet hätte). Ob ich in den Feedreadern weiterer Leute gelandet bin wird sich wohl erst zeigen, wenn ich wieder neue Artikel poste. Grundsätzlich kann ich aber auch verstehen, dass diejenigen, die wegen eines Medienartikels hierher gekommen sind und dann sehen, dass ich hauptsächlich über Film blogge und twittere, sich gegen eine Verfolgung entscheiden.

Last but not least fand ich die Durchklick-Rate interessant. Von den über 2.000 Menschen, die am Dienstag den Artikel angeklickt haben, in dem ich jemandem im Grunde Plagiarismus vorgeworfen habe, haben sich gerade mal

24 den Originalartikel angesehen.

Vielleicht kannten ihn manche auch schon, immerhin lief er Ende Februar durchs Netz, aber die Zahl fand ich dann doch erschreckend klein. Etwas interessanter (36 Klicks) schien einigen Christian Jakubetz‘ Blogeintrag, den ich hinter „ordentlichen Arbeitsbedingungen“ verlinkt hatte. Und jeweils unter 20 Menschen klickten sich zu den Podcasts durch, die ich als Belege für die „Wired“-Strategie verlinkt hatte.

Von wem ich mir natürlich eine Reaktion erhofft hatte ohne wirklich damit zu rechnen – der Redaktion der dritten deutschen „Wired“ – kam erwartungsgemäß nichts. Immerhin: Chefredakteur Alexander von Streit folgt mir jetzt auf Twitter. Der Autor des von mir angegriffenen Artikels, Michael Moorstedt, ist im öffentlichen Social Web nicht sehr stark unterwegs (gut, muss man jetzt auch nicht, so als „Wired“-Redakteur), deswegen konnte ich ihn schlecht direkt ansprechen. Wäre ich er weiß ich aber auch nicht, ob ich auf einen Anpinkler wie mich reagiert hätte.

Ich will mich nicht beschweren, aber der insgesamte Mangel an Feedback trotz so vieler Klicks hat mich dann doch gewundert. Andererseits: Ich weiß, wie viel ich im Netz lese ohne zu kommentieren. Also bin ich wahrscheinlich selbst daran (mit) Schuld.

Worte zum Wochenende

23. Oktober 2009

Wie viele deutsche Blogger sind auch die, die sich hinter “muentefering” verbargen, medienkritische Menschen. Ganz klar: Das ist gut so, sowas braucht die Mediengesellschaft. Dass aber immer mehr Menschen auf die Idee kommen, Journalisten mehr oder weniger gezielt an der Nase herum zu führen, und das dann als großes medienkritisches Experiment verkaufen, ist ein schlechter Witz.

Johannes Boie , Schaltzentrale
// Falsche Fälscher
[via BildBlog]

Ich liebe die Freiheit, das Nachdenken mit anderen, das Fremde, das Querverbinden. Frau Schwarzer findet, ich sollte Journalistin sein. Und nun?

Meike Winnemuth , SZ-Magazin
// Projekt Neustart
[via BildBlog]

Unfortunately, a chief executive only a few years from retirement is hardly motivated to sack loyal colleagues to bring on board lots of teenagers to turn their company upside down.

Luke Johnson , Financial Times
// Generation game redefines business
[via Buzzmachine]

„There is a whitewashed, idealised version of childhood that is popular in movies. It has the kids sitting neatly in their chairs, talking with some adult, in a sarcastic, overly sophisticated but polite way – a concoction that bears no resemblance to an actual kid”

Dave Eggers , im Interview mit dem Guardian
// New film Where the Wild Things Are sends parents into a ‚rumpus‘

Netzartikel VIII

1. September 2009

Eine kleine Glosse zu Alternativen für Journalisten, wie sie das Netz gerne hätte. Und weil Verlinkungen im Print ja leider nicht gehen, hier die Links, auf die ich mich im Artikel beziehe:

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