Cannes von Weitem, Bild: Kārlis Dambrāns

Das Filmjahr hat wieder angefangen und in Cannes treffen sich die Reichen und die Journalisten zur alljährlichen Palmenverteilung. Rund 60 Filme in den Hauptsektionen, Tausende im Markt. Weichenstellungen für das Arthaus des nächsten Jahres. Sonne. Stars. Schlangen. Partys.

Das ist so ziemlich alles, was ich über Cannes weiß. Und dabei wird es auch dieses Jahr wieder weitgehend bleiben. Denn ich habe festgestellt: Festivals von weitem zu beobachten ist nicht so mein Ding. Nicht, dass sich nicht ein paar Leute wirklich bemühen, die Croisette auch nach Deutschland zu beamen – etwa die Festivalblogs von Negativ und Kino-Zeit, um nur zwei zu nennen – aber für mich ist das trotzdem nichts. Aus folgenden Gründen:

1. Ich lese Filmkritik ungerne, bevor ich den Film gesehen habe

Das mag dem ein oder anderen merkwürdig erscheinen. Soll eine Kritik nicht auch eine Empfehlung sein, ob es sich lohnt, den Film überhaupt anzugucken? Für einige mag das so sein, aber ich stelle immer wieder nur fest, dass die Lektüre einer Kritik, die mehr tut, als eine oberflächliche Empfehlung zu geben, mir im Grunde den Filmgenuss vermiest – selbst wenn sie keine Plot-„Spoiler“ enthält. Ich glaube, ich bin einfach extrem empfindlich gegenüber Priming. Wenn mir vorher jemand gesagt hat, welche Dinge an einem Film besonders bemerkenswert sind, dann ist klar, dass ich auf diese Dinge später besonders achten werde. Der Anschein eines möglichst unvoreingenommenen Kinobesuchs ist damit dahin. (Mir ist bewusst, dass Kinobesuche nie wirklich unvoreingenommen sind – aber es gibt Abstufungen.) Kritiken lese ich am liebsten nach einem Filmbesuch, um zu sehen, was andere Menschen in einem Film gesehen habe, was ich verpasst habe (oder nicht). Ich weiß, dass ich nicht der einzige mit dieser Präferenz bin. Ein Festival wie Cannes jedoch zeigt die Filme zwangsläufig früher als überall sonst auf der Welt, für mich ist also die Berichterstattung größtenteils ein Spiel mit dem Feuer – vor allem, wenn man Punkt 2 bedenkt.

2. Es dauert sowieso noch ewig, bis die Filme hier ins Kino kommen

Im Grunde ist das eine lange Formulierung für das Wörtchen „Neid“. Mit wenigen Ausnahmen sind Filme, die jetzt in Cannes laufen, frühestens in einem halben Jahr in Deutschland im regulären Kino zu sehen. Eher in neun Monaten, oft sogar nie. Warum also soll ich mir meine eigene Vorfreude auf einen Film wie The Congress dadurch verhageln, dass ich en Detail lese, wie ihn andere Leute fanden?

3. Ein Festival lebt vom Dortsein

Ich war noch nicht auf wirklich vielen Filmfestivals, ehrlich gesagt, und die diesjährige Berlinale war die erste „Hardcore“-Erfahrung über mehr als ein verlängertes Wochenende hinweg. Aber jedes Mal habe ich wieder gemerkt: Ein Festival ist eine Gesamterfahrung. Man schaut nicht nur viele Filme, man schaut sie in verschiedenen Wachheits-Zuständen, mit unterschiedlichem Publikum, mit Q&A anschließend oder ohne, mit Party am Abend oder nicht, im großen Festivalhauptkinopalast oder in einem der generischen Multiplexkinos nebenan, mit Gespräch anschließend oder mutterseelenallein in der großen Stadt. Das Gesamtgefühl des Festivals beeinträchtigt das eigene Urteilsvermögen viel stärker als die Umstände bei isolierten Kinobesuchen. Ich war aber noch nie in Cannes. Wenn Leute von dort erzählen, ihre Festivalerfahrung in ihre Kritiken und Blog-Travellogues miteinfließen, kann ich mir daraus zwar ein innerliches Bild zusammenbasteln – das Bild hat aber wahrscheinlich sehr wenig mit der eigentlichen Cannes-Erfahrung zu tun. Und das finde ich äußerst unbefriedigend.

Was ich stattdessen mache

Natürlich kann ich mir als filminteressierter Mensch und im gewissen Sinne auch als „Profi“ nicht erlauben, das Festival de Cannes zu ignorieren. Ich versuche aber, mich auf das Nötigste zu beschränken – das heißt ich achte darauf, welche Stimmen sich über das Grundrauschen erheben. Das geht besonders gut über Social Media. Wenn in meinen Twitter- und Facebook-Feeds bestimmte Filmtitel, Ereignisse oder Meinungen hochblubbern, dann beschäftige ich mich damit. So habe ich mitbekommen, dass Borgman von Alex van Warmerdam wohl so ein bisschen der Überraschungshit der ersten Festivalhälfte war und Only God Forgives die Kritik so sehr in zwei Lager gespalten hat, dass das Champions-League-Finale am Samstag dagegen ein Witz ist. Ich werde am Ende wissen, wer die Preise gewonnen hat, wo die Überraschungen lagen, und ob Lars von Trier versucht hat, sich mit angeklebtem Bart in eine Pressekonferenz zu schleichen. Aber über das, was ein Festival eigentlich ausmacht, die vielen kleinen, oft gar nicht mal herausragenden Filme, die ein Kritiker oder eine Kritikerin so sieht – darüber breite ich lieber den Mantel der freiwilligen Ignoranz.

Wie geht es euch damit? Verfolgt ihr en detail das Treiben an der Côte d’Azur?

Unternehmen rechnen in Geschäftsjahren, die nicht unbedingt etwas mit Kalenderjahren zu tun haben müssen, sondern häufig um ein bis drei Quartale verschoben sind. Ähnlich ist es mit dem großen, weltumspannenden Unternehmen Kino. Dort geht das Jahr, vor allem in Deutschland und Resteuropa, eigentlich nicht von Januar bis Dezember, sondern von Mai bis Februar. Das fällt mir immer mehr auf, jedes Mal wieder, wenn ich versuche, in der letzten Dezemberwoche meine besten Filme des Jahres zu küren und dann denke: Eigentlich müsstest du noch eine Weile warten.

Warum Mai? Im Mai (morgen) starten die Filmfestspiele in Cannes. Sie sind der erste Indikator dafür, welche Filme im Filmjahr 2009 eine Rolle spielen könnten. Beispielsweise wäre da der Eröffnungsfilm, Pixars neues Abenteur Up, der in Deutschland im Juli startet, ein Sommererfolg werden und pünktlich zur Weihnachtszeit in den USA in den DVD-Regalen liegen wird. Auch andere bekannte und preisträchtige (vor allem nichtamerikanische) Regisseure warten in de Regel bis Cannes ab, um ihre neuen Filme vorzustellen. Dieses Jahr sind das beispielsweise Pedro Almodóvar, Jane Campion, Michael Haneke, Ken Loach, Lars von Trier, Michel Gondry und Quentin Tarantino. Cannes ist der Vor-Fühler für Industrie und Journalismus. Nicht selten höre ich im Gespräch mit Kollegen Ende des Jahres den Satz „Ich kann mich nicht mehr gut dran erinnern, den habe ich damals in Cannes gesehen.“ Was hier hinterher hochgeschrieben und verkauft wird hat danach eine gute Chance, weiterhin mitspielen zu können. Was nicht so gut wegkommt startet gerne auch erst ein bis mehrere Jahre später (z. B. Steven Soderberghs Che).

Nach Cannes kommt noch Venedig. Dann kommt der langweilige Sommer, der hauptsächlich mit großen Blockbustern bevölkert wird, die zwar viele Leute gucken, die aber Filmkritiker (meistens) eher die Nase rümpfen lassen. Ungefähr im Oktober beginnt dann die „Awards Season“. Jetzt fängt Hollywood an, noch schnell vor Ende des Jahres seine Filme rauszuhauen – natürlich nicht in Europa, sondern meist erstmal in wenigen ausgewählten Kinos in New York und L.A. Trotzdem sind dies dann die Filme, die bei den Kritikern am Ende des Jahres auf den Bestenlisten auftauchen – denn wer erinnert sich noch an die verzögerten Starts aus Januar bis April des Jahres, von denen die meisten längst in unzähligen Preiszeremonien abgefeiert wurden (weil diese ja, wiederum, eigentlich schon im limited release oder auf Festivals Premiere hatten). Dann kommt der Januar, die Golden Globe Verleihung und die Awards all der Gilden in Amerika. Der Februar bringt die Berlinale mit sich, auf der jene Filme gezeigt werden, die irgendwie auch ganz nett sind, sich aber nie Chancen auf die Spitzenplätze am Ende des Jahres erhoffen würden. Und Ende Februar ist dann die Oscarverleihung, Hollywood klopft sich und dem Rest der Welt auf die Schultern und die Filmbranche fällt in einen erschöpften, kurzen Schlaf. Eine Art Power-Nap.

Februar, März und April sind die Monate, in denen es sich in Deutschland häufig am meisten lohnt, ins Kino zu gehen. Dann nämlich hieven die deutschen Verleiher all die Filme ins Kino, die in Hollywood ausgezeichnet wurden. Deren lächelnde Vertreter man mit Statuetten in der Hand anblickte, ohne zu wissen, ob sie den Preis verdient haben, weil man den Film noch nicht gesehen hat. Und hinzu kommen einige der ersten „echten“ Filme des neuen Jahres, hauptsächlich die, denen das Zeug zum Sommerblockbuster irgendwie fehlt, weil sie nicht genug Massen-Appeal haben – dieses Jahr zum Beispiel Watchmen und Star Trek.

Und dann, gerade wenn man alles gesehen und verdaut hat und endlich weiß, welche Filme im Vorjahr tatsächlich gut waren, geht das neue Filmjahr los und alle Augen richten sich nach Cannes. In diesem Sinne: Prost! Auf ein neues Filmjahr.

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