Nachdem ich den Filmemacher und Blogger Christoph Hochhäusler im Januar schon im Rahmen meiner Untersuchung zur Film-Blogosphäre per E-Mail interviewen konnte, hatte ich im März auch Gelegenheit, ihn persönlich in Berlin zu treffen.

Das Ergebnis unseres Gesprächs ist jetzt online zu bewundern, in Form einer Gastkritik in der aktuellen „Close up“-Sendung – und in einem Videointerview mit sieben weiteren Fragen zu seiner Arbeitsweise.

Christoph dreht dieses Jahr einen neuen Film namens Lichtjahre – über einen Journalisten, der manipuliert wird, ohne es zu wissen. Ich frage mich, ob er mir damit irgendwas sagen will?

„Close up“ läuft heute abend um 22.10 Uhr in ZDFkultur und wird am Dienstag um 21.45 Uhr in 3sat wiederholt.

Für mein polemisches Thesenstück zur deutschen Filmblogosphäre habe ich neun deutschsprachige Filmblogger per E-Mail interviewt. Die Auswahl erfolgte nach persönlichem Geschmack und relativer Findbarkeit im Netz.

Christoph Hochhäusler ist Filmemacher. Und er bloggt. Mit anderen Worten: Er ist einer von denen und er ist einer von uns. Das allein ist schon Grund für Faszination und damit auch für ein Interview. Doch sein elektronisches Notizbuch „Parallel Film“ ist auch so das Lesen wert, vor allem wenn man sich für Inspiration interessiert. Denn Christoph notiert dort wirklich meist nur wenige Sätze, manchmal ein paar Bilder, aber man spürt, wie dahinter die Räder in seinem Kopf mahlen. Und vielleicht taucht eine Umsetzung der Notizen dann eines Tages in einem seiner Filme auf.

Du bist einer der wenigen deutschen Filmemacher, die bloggen. Wie lange machst du das schon und wie kam es dazu?

Angefangen habe ich vor etwas mehr als sechs Jahren, im August 2006. Seitdem habe ich fast 500 Einträge online gestellt, mehr oder weniger regelmäßig über die Jahre verteilt. Der erste Eintrag umreißt das Projekt so: „Hier sollen in loser Folge Gedanken zum Film veröffentlicht werden, als parallele Bewegung zu meiner filmischen Arbeit“ (16.08.2006). Deshalb auch der Name „Parallelfilm“. Wobei „parallel“ nicht heisst, dass ich die Einträge zeitgleich zur praktischen filmischen Arbeit veröffentliche. Eher schreibe ich in den Lücken zwischen Film und Film an einem „Parallelfilm“. Seit anderthalb Jahren betreue ich auch das „Revolver Blog“, als aktuelles Fenster der halbjährlich erscheinenden Filmzeitschrift, die ich 1998 mitgegründet habe und mitherausgebe. Seitdem fokussiere ich auf meinem eigenen Blog noch stärker auf die Dinge, die meine eigene Arbeit betreffen, Links und Hinweise finden sich hingegen verstärkt bei „Revolver“.

Hat sich etwas geändert, seit du angefangen hast? Warum bloggst du heute?

Es hat sich wenig Grundsätzliches verändert. Ich veröffentliche noch immer Gedanken über das Filmemachen, die mir von allgemeinem Interesse zu sein scheinen, manchmal schreibe ich über Filme, die ich gesehen habe, gelegentlich weise ich auf film- oder netzpolitische Aktualitäten hin. Daneben gibt es Lektürehinweise und Links. Das Netz hat sich in den sechs Jahren erheblich verändert, gerade auch die cinephile Szene ist lebendiger geworden, finde ich (oder ich habe sie besser kennengelernt). Meine Gründe sind immer noch die selben: Ich will ins Gespräch kommen über das Medium, mir selbst klar werden über bestimmte Fragen und Interessierte über meine Aktivitäten informieren.

In den USA finden sich einige Filmemacher, insbesondere solche die ohnehin schreiben, die auch bloggen. Hast du eine Theorie darüber, warum das in Deutschland nicht mehr Filmschaffende machen?

Es gibt durchaus einige Kollegen, die bloggen. Interessanter Weise sind einige der aktivsten keine digital natives: Hans-Jürgen Syberberg, Rudolf Thome, Romuald Karmakar zum Beispiel. Von den jüngeren fallen mir spontan Rainer Knepperges und Dietrich Brüggemann ein. Die amerikanische Filmblog-Szene ist ohne Zweifel lebendiger und vielfältiger als unsere, aber sehr viele US-Filmemacher, die bloggen, kenne ich nicht.

Wie verknüpfen sich dein Blog und deine Arbeit für „Revolver“?

„Revolver“ ist ja im Wesentlichen ein O-Ton-Format. Das heisst wir veröffentlichen Interviews mit und Texte von Filmemachern. Die Perspektive ist arbeitspraktisch. Als Herausgeber stellen wir natürlich Fragen, schreiben gelegentlich mal einen Text, aber im Kern geht es um die Positionen der Anderen. In meinem Blog kann ich mich dagegen den Fragen widmen, die mich interessieren und bin in der Art der Äusserung freier. Die wenigsten Einträge erfüllen die formalen Voraussetzungen oder Erwartungen an einen Artikel. Es ist eben wirklich ein (Web-) Logbuch. Oft blogge ich nur ein einzelnes Bild oder einen Satz, auf den ich gestossen bin.

Wie misst du für dich den Erfolg deines Blogs? Ist dein Blog erfolgreich?

Schwer zu sagen. Die Google-Statistik zählt 160.000 Seitenaufrufe insgesamt. Ich kann nicht beurteilen, was das bedeutet. Das Revolver-Blog hatte in einem Jahr mehr Leser als Parallelfilm in sechs. Subjektiv gesprochen aber habe ich durchaus das Gefühl, dass in den Kreisen, in denen ich mich bewege, bestimmte Stichworte aus meinem Blog „landen“, also diskutiert werden. Und um diese Art Austausch geht es mir letztlich. Entscheidend sind nicht die Klickzahlen, sondern das Gefühl, von meinen „Wahlverwandten“ wahrgenommen zu werden.

Bekommst du regelmäßig Feedback auf das, was du schreibst? Bist du im Dialog mit deinen Lesern?

Viel weniger als ich dachte. Und sehr abhängig vom Thema. Es gab in den sechs Jahren vielleicht vier, fünf Mal einen Eintrag, der wirklich kontrovers diskutiert wurde, mit 20 und mehr Kommentaren und einer „überregionalen“ Verlinkung. Die übrige Zeit ist es eine kleine Gruppe von Leuten, die immer mal wieder kommentiert. Gelegentlich trifft man sich dann auch in der realen Welt oder lernt sich überhaupt erst über das Blog kennen. Das ist ein paar Mal vorgekommen, aber es passiert sehr selten. Nach Dreileben hat mir einer – anonym – geschrieben, ich solle mir doch Imamuras Vengeance is Mine ansehen. Dafür bin ich sehr dankbar. Imamura war wirklich eine Entdeckung für mich. Nur schade, dass ich Vengeance nicht vor den Dreharbeiten von Eine Minute Dunkel gesehen habe.

Welche Blogs über Film etc. liest du selbst? Zu welchem Zweck?

Ich habe über die Jahre eine riesige Blogroll angesammelt und lese da quer, wenn ich Zeit habe. Viele amerikanische Blogs. Mubi Notebook lese ich gerne. „Perlentaucher“ Filmkritiken. Das Cargo-Blog (auch wenn es dort nicht mehr so hoch her geht, seit Ekkehard Knörer bei „Merkur” ist). „New Filmkritik“, vor allem, wenn Rainer Knepperges schreibt. David Bordwell. „Dirty Laundry“ (Lukas Förster). „Filmtagebuch“ (Thomas Groh). „Fandor Keyframe“ (David Hudson und Kevin B. Lee vor allem). Eskalierende Träume ab und zu. „Girish“. „The Playlist“. Den Filmfeuilleton-Aggregator Film-Zeit. Critic.de ist ziemlich gut geworden in letzter Zeit. „Artechock“. Die Blogroll von unserem Revolver Blog ist einigermassen aktuell, da finden sich dann noch einige Namen mehr. Warum ich das alles lese? Ganz allgemein gesprochen: aus Erkenntnisinteresse. In der Summe bekommt man einen ganz guten Eindruck über den Status Quo unserer Kunst.

Hast du den Eindruck, dass es so etwas wie eine deutschsprachige Film-Blogosphäre gibt, in der die Blogs miteinander kommunizieren? Wenn ja, kannst du sie beschreiben? Bist du ein Teil davon?

Ja, die gibt es. Zwischen „new filmkritik“ (als einer der ältesten Seiten dieser Art in Deutschland) und „Cargo“ und critic.de und Lukas Förster und Thomas Groh und „The Wayward Cloud“ und „Eskalierende Träume“ und auch „Revolver“ natürlich gibt es viele Verbindungen. Das merkt man an Verlinkungen, an Kommentaren, an personellen Überschneidungen (natürlich gibt es auch noch andere, kommerziellere Cluster dieser Art). Parallelfilm ist da eher ein Trabant, weil ich da ja sozusagen als Produzent schreibe. Aber ich fühle mich durchaus als Teil dieser Welt.

Die von dir aufgezählten Blogs klingen gemeinsam nach so einer Art Arthaus-Feuilleton-Club. Meinst du es gibt auch Brückenschläge zu den eher geekig-nerdigeren Ecken des Filmnetzes oder bleiben die beiden Sphären eher getrennt – ähnlich so, wie es ja im Kino auch nur wenige Filme schaffen, Massenpublikum und Film-Intelligentsia in ihrem Zuspruch zu vereinen?

Also „geekig-nerdig“ sind die „Eskalierenden Träume“ bestimmt. Auch „Wayward Cloud“ bemüht sich sehr um die Grenzen des guten Geschmacks. Thomas Groh und Lukas Förster kommen so weit ich weiss aus der Richtung Fanzine/“Splatting Image“, sind also bestimmt nicht auf Konsens-Arthouse abonniert. Ich selbst bewege mich da auf deutlich kanonischeren Bahnen, verstehe mich nicht als Fan, bin kein Trash-Liebhaber oder Genre-Aficionado usw. Ganz grundsätzlich würde ich dir zustimmen: das Publikum ist heute sehr ausdifferenziert, entmischt sozusagen, und das schlägt auf das Kino zurück. Im Oktober 2006 habe ich dazu selbst einmal etwas geschrieben.

Gibt es im Bereich Film im deutschsprachigen Web so etwas wie Leitmedien, wie es sie auch im Printbereich gibt?

„Spiegel Online“ hat glaube ich die größte Reichweite unter den deutschen Seiten, aber mindestens in kulturellen Dingen ist das natürlich reinster Boulevard. Es gibt ein paar respektierte Namen, die schon länger dabei sind, etwa „telepolis“ oder „Perlentaucher“ – aber Leitmedien? Vielleicht könnte man Seiten wie Wikipedia so einordnen? Aber gerade in Sachen Film ist die deutsche Wikipedia-Gemeinde leider sehr schwach.

Wie würde dieser Komplex „Schreiben über Film im Netz“ in einer perfekten Welt aussehen?

Ich würde mir vor allem mehr Streit wünschen. Die deutsche Filmszene kennt viele Beißhemmungen. Und ich fände langfristig gut, wenn man gute Texte unaufwändig belohnen könnte. Flattr geht zwar in die richtige Richtung, ist mir aber immer noch zu kompliziert. Dass die großen Printmarken sich im Netz so einzäunen verhindert viele Diskussionen. Wir brauchen mehr und selbstbewusstere Aggregatoren, die eine Art Portalfunktion übernehmen und vielleicht auch bestimmte Fragen „plakatieren“, den Streit organisieren, die Arena dafür bieten. Wenn ich die „taz“, „faz“ oder „sz“ wäre, würde ich ein großes, unabhängig kuratiertes Schaufenster (nicht nur) für die deutschen Filmblogs einrichten. Natürlich müssten die „Auslagen“ im Schaufenster irgendwie bezahlt werden, aber entscheidender ist das Bewusstsein, dass journalistische Autorität nicht (mehr) durch Exklusivität, sondern durch Auswahl und Kontext entsteht.

Es gibt keine deutsche Film-Blogosphäre. Ich habe wochenlang überlegt, wie ich diesen Artikel beginnen soll, unter Lese- und SEO-, unter Ego- und Zielpublikums-Gesichtspunkten, aber letztendlich bringt es ja doch nichts, lange um den heißen Brei herumzureden. Ich bin der Meinung, dass die deutschen Medien zum Thema Film im Netz kaum etwas miteinander verbindet, was unter eine „Sphäre“ Platz hätte. Mein Bauchgefühl war das schon länger, aber meine Beobachtungen des letzten halben Jahres und die Interviews, die ich geführt habe, haben es zum großen Teil bestätigt.

Das hier ist eine Streitschrift. Aber ich will nicht stänkern. Ich will zum Diskutieren anregen, indem ich zwei meiner Leidenschaften verbinde und Medienjournalismus über Filmjournalismus mache, was viel zu selten passiert. Weil ich zur Diskussion anregen will, habe ich meine Meinung auf vier Thesen zugespitzt und lehne mich für’s erste nur auf die Zitate, die sie bestätigen. Ich hoffe natürlich, dass die kommende(n) Woche(n), wenn ich nach und nach auch die vollen Texte der Interviews hier veröffentliche, tatsächlich über die Thesen diskutiert wird und die Bandbreite der Meinungen damit klarer wird.

Ich weiß, dass – wenn überhaupt – auch auf Facebook und Co. diskutiert werden wird, aber denkt auch daran, dass die zweite Absicht dieser Artikel ist, die deutsche Film-Blogosphäre vielleicht doch noch zu einer zur machen. Hört auf Papa Haeusler.

These 1: Es gibt keine deutsche Film-Blogosphäre

Vielleicht ist meine Wahrnehmung schief, und ich verstehe unter einer Blogosphäre das falsche. Für mich ist das Bild des Netzes wichtig, das einzelne Knoten miteinander verbindet, darüber aber eben das der Sphäre, die wie eine Glocke, wie ein Himmelszelt, über allem schwebt. Wenn man von der „deutschen Blogosphäre“ spricht, denken doch hoffentlich alle ungefähr an dasselbe. Die deutsche Blogosphäre, das sind die, die sich jedes Jahr auf der re:publica treffen, ihre Gallionsfiguren sind Leute wie Lobo, Beckedahl, Gröner, Häusler, Borchert – unsere digitale Bohème. Die gehören irgendwie zusammen, denkt man sich so. Die reden miteinander und hecken bestimmt gemeinsam einen Plan aus, stecken unter einer Decke vor allem auch gegen die etablierten Printmedien, die uns immer noch erzählen wollen, Bloggen wäre minderwertiges Schreiben.

Kleinere Blogosphären gibt es wohl auch für bestimmte Themen. Essen. Technik. Gadgets. Medien. Mode. Aber nicht für Film. Zumindest nicht in Deutschland. Im englischsprachigen Raum hat man das Gefühl, dass sich die Blogger untereinander kennen und gleichzeitig jeder für sich und alle zusammen arbeiten. „Ich denke da schwärmend an Comic-Con-Videologs, in denen Autoren von /Film, Collider, First Showing, Joblo und Cinema Blend wie Kumpels zusammenhängen“, schreibt mir Sidney Schering alias Sir Donnerbold. Und fügt dann hinzu: „Das scheint es hier nicht zu geben.“

In Deutschland gibt es höchstens Cluster. Sozusagen: Mini-Blogosphären. Einen dieser Cluster nennt Ciprian „Chip“ David von „Negativ“, die „Berliner Elite“. Christoph Hochhäusler, der selbst ein Teil davon ist (und einer der wenigen deutschen bloggenden Filmemacher), nennt sie natürlich nicht so, antwortet aber mit den gleichen Namen wie Chip auf die Frage, ob es eine deutsche Blogosphäre gibt: „Ja die gibt es. Zwischen new filmkritik (als einer der ältesten Seiten dieser Art in Deutschland) und Cargo und critic.de und Lukas Förster und Thomas Groh und The Wayward Cloud und Eskalierende Träume und auch Revolver natürlich gibt es viele Verbindungen.“ Und dann schreibt er, es gebe auch „andere Cluster dieser Art“ (daher habe ich mir dann auch den Begriff geborgt).

Ein weiterer Cluster gruppiert sich zum Beispiel um moviepilot.de. Zu diesem würde ich die „Fünf Filmfreunde“ zählen, das größte deutsche Filmblog, und das einzige, das auf meine Kontaktanfrage leider nicht reagiert hat – denn „Batzman“ Oliver Lysiak arbeitet bei Moviepilot, ähnlich wie etwa Jenny „The Gaffer“ Jecke. Und ich würde auch noch Sascha Brittner von pewpewpew.de dazuzählen, einfach weil er mit seinem Blog ähnlich erfolgreich ist und auf Twitter von den gleichen Luten verlinkt wird (er hat das selber nie gesagt). Und zu Sascha gehört dann wiederum Stefan Rybkowski und ein paar mehr.

Das „Medienjournal“ vereint noch ein paar Leute, die relativ weit weg sind vom „professionellen“ Bloggen, aber gerne über Filme im Netz schreiben, die sie mögen, mit seinem „Media Monday“. Kein Wunder also auch, dass Wulf Bengsch von „Medienjournal“, der Meinung ist, dass „die deutsche Filmblogosphäre mehr als quicklebendig ist“ und „einen regen Austausch untereinander pflegt“.

Ich glaube aber, dass das nicht stimmt. Es findet insgesamt kein Austausch statt, sondern eben nur in solchen Clustern, die nur sehr wenig Berührungspunkte haben. Einer der Gründe dafür ist meine These zwei.

These 2: Den deutschen Netzfilmschreibern fehlen die deutschsprachigen Leitmedien

Die Frage war eine der kontrovers beantworteten in meinem Mail-Fragebogen. Brauchen wir überhaupt Leitmedien? Ist das Leitmedium einfach „Facebook, Traurig aber wahr“ wie Martin Beck meint? Weil dorthin die Diskussion abgewandert ist? Oder sind es einfach die großen amerikanischen Filmseiten wie /film, Twitchfilm oder Collider, von denen alle deutschen Blogs ihre Informationen bekommen (und deren Autoren übrigens – das muss man an dieser Stelle einmal mindestens sagen – bezahlt werden)? Eine definitive Antwort konnte mir jedenfalls niemand geben. Niemand konnte mir eine Seite nennen, die jeder, der in Deutschland über Film bloggt, lesen sollte, einfach aus Prinzip, egal ob er sie gut findet oder nicht (wie etwa turi2 im Medienjournalismus).

Klar, es geht „nichts an den Fünf Filmfreunden vorbei“ (Sascha Brittner), aber die „Fünf Filmfreunde“ posten Trailer und Infos weiter über einen sehr begrenzten Radius von Filmen, und die Infos kommen fast immer von den US-Seiten. „Es gibt natürlich beliebte Filmblogs und Aushängeschilder wie die fuenf-filmfreunde.de, über die man garnicht nicht stolpern kann, wenn man den deutschen Film-Blog-Wald durchforstet, wie auch die grossen Filmportale wie Moviepilot.de. Letztere sind jedoch viel zu breit aufgestellt, inhaltlich verwässert und selten mit Charakterköpfen besetzt“, sagt Severin Auer von ANIch. Die Antwort? „Wir brauchen mehr und selbstbewusstere Aggregatoren, die eine Art Portalfunktion übernehmen und vielleicht auch bestimmte Fragen ‚plakatieren‘, den Streit organisieren, die Arena dafür bieten“, sagt Christoph Hochhäusler.

Das einzig Dumme dabei? Die paar Seiten, die es wirklich versucht haben; die wirklich versucht haben, auf einem hohen Niveau umfangreich zu informieren und zu deutschen Leitmedien neben den großen Printmarken zu werden, sind eingeknickt. Martin Beck, der „so eine Art deutsches Twitch“ mit reihesieben.de bauen wollte, stellte fest, dass sich das „einfach nicht stemmen ließ“. Und den prominentesten Untergang (inklusive Wiedergeburt) hatte sicherlich „Negativ“:

„Nach zwei Jahren wurde uns klar, dass ohne angemessene Gehälter die Wenigsten auf Dauer motiviert bleiben, eine immer größer werdende Seite zu betreiben und dass diese Seite sich immer mehr thematisch und qualitativ einem wirtschaftlichen Diktat unterordnet, und sich somit von unserem ursprünglichen Ideal, gut und immer besser über Film zu schreiben, entfernte. Als es klar wurde, dass die wirtschaftliche Ausrichtung in eine Sackgasse führte und das Verfolgen dieses Ziels für einige von uns Selbstdestruktion oder zumindest geistige Stagnation bedeutete, zogen wir die Notbremse.“
– Ciprian David

Wir brauchen also einen guten, deutschsprachigen Aggregator. Ein Must-Read-Blog, das die deutsche Film-Blogosphäre irgendwie über ihre Cluster hinweg eint und Diskussionen befeuert. Denn:

These 3: Die guten Inhalte, die es gibt, werden nicht gefunden

Als ich damit anfing, die deutschen Netz-Filmschreiber zu vermessen, habe ich mir Blogrankings angeschaut und mich von da an weiter vorgearbeitet. Ich fand einiges, was mir gefiel, einiges, was ich langweilig fand. Aber viel interessanter fand ich, dass ich manchmal Monate später noch auf Blogs stieß, von denen ich noch nie zuvor etwas gehört hatte (und nein, sie waren nicht erst in der Zwischenzeit entstanden).

Es ist nämlich mitnichten so, dass alle nur entweder private Filmtagebücher führen oder Trailernews von großen US-Seiten abschreiben (wie ich am Anfang dachte). Nein, es gibt Leute, die fantastische Ideen haben, die mit Stills arbeiten wie die Könige, die interessante Meta-Analysen über ganze Genres oder Epochen fabrizieren. Aber eben auch sehr gute Blogs, die auf bestimmte Themen spezialisiert sind. Es gibt sogar etwas, was mir im deutschen Filmjournalismus generell oft fehlt, den „typischen US-Mix aus Wissen und Passion“ (Sidney Schering) – den Willen, Service für unerfahrene zu bieten, diesen aber leidenschaftlich rüberzubringen (zu meinen persönlichen Favoriten gehören, auch der Themen wegen, „Digitale Leinwand“ und das Blog eben von Sidney Schering, „Sir Donnerbolds Bagatellen“).

Aber:

Es gibt regen Austausch auf Plattformen wie Facebook zwischen miteinander bekannten (Online) publizierenden Filmnerds, zu denen ich mich auch gerne zähle. Und natürlich gibt es Blogrolls. Aber es fehlen doch ein wenig die Netzwerkeffekte, was möglicherweise mit der grundlegenden Tendenz in Deutschland zusammenhängt, im eigenen Blog oder Magazin nur wenig die Artikel anderer zu zitieren.
– Frédéric Jaeger, critic.de.

Also (und ich kann mich da selber nur mit einschließen): Vertraut nicht auf die Blogrolls, auf die Twitterfeeds und Facebook-Updates. Radikal gesagt: Wer sich nicht zu schade dafür ist, einem neuen Trailer zu Film X einen Blogpost zu widmen (vielleicht auch in der Hoffnung auf Klicks), der kann auch die Arbeit eines Kollegen mit einem Blogpost würdigen. „Natürlich ist es sehr schön, wenn man als relevante Quelle erkannt wird, einige Seiten sind aber auch sehr erfolgreich darin, meine Inhalte umfassend zu kopieren und zu veröffentlichen, natürlich weder zitiert noch verlinkt“, sagt Gerold Marks von „Digitale Leinwand“. „Es ist auch für mich frustrierend, wenn ein lange erarbeiteter Artikel mit viel Rechercheleistung nur ein paar hundert Leser interessiert, das Publikum auf das neue Bild vom nächsten Star Trek-Film aber abfliegt wie Wespen auf Butterkuchen.“

Es ist ein ewig frommer und ewig unerfüllter Wunsch, dass der harte Journalismus mehr (oder genauso viel) Aufmerksamkeit erfährt, wie der grellste Boulevard. Die deutsche Film-Blogosphäre wird ihn nicht erfüllen können, aber sie kann zumindest ihr bestes geben, Juwelen auszugraben. „Da sind schon einige Perlen dabei, die leider nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen“, sagt Sascha Brittner. Allerdings:

These 4: Die nervige Trennung zwischen E- und U-Kultur lebt im Netz fort

Und damit wären wir wieder am Anfang. Einer der Gründe, warum die „Cluster“ nicht zueinander finden ist, dass ausgerechnet Film, das Medium, das Pop- und Hochkultur so gut vereint, wie kein anderes, noch immer von verschiedenen Seiten betrachtet wird. Und wer auch immer auf einer dieser beiden Seiten steht, scheint die andere Seite für vernachlässigbar zu halten.

Das Interessante, aber auch Tragische dabei ist, dass es anders als bei der traditionellen Hoch-/Pop-Demarkationslinie beim Schreiben über Film nicht mehr um das Objekt (also den Film) geht, sondern um das Subjekt, also den Autoren. Es geht also um das E und U innerhalb der Kritik. „Das Publikum ist heute sehr ausdifferenziert, entmischt sozusagen, und das schlägt auf das Kino zurück“, schreibt mir Christoph Hochhäusler. Man kann also die gleichen Genres lieben und trotzdem nicht miteinander reden wollen. Ist das nicht zum Kotzen?

Mir ist in meinen Interviews zum ersten Mal der Begriff „Stuntschreiber“ untergekommen. Martin Beck von „Reihe Sieben“ hat ihn benutzt. „Das sind verzwirbelte Typen, die vor allem dadurch auf die Pauke hauen, dass sie a) möglichst viele Fremdwörter in möglichst lange Sätze packen und/oder b) ihre ‚Meinung‘ immmer konträr zur kollektiven Empfindung postieren.“ Das klingt übel. Es hat mir zwar keiner so gesagt, aber ich habe das Gefühl, dass die andere Seite über die „Fan-Kultur“, die auf der anderen Seite der Linie herrscht, genauso denkt.

Eine meiner Ursprungs-Thesen, die sich nicht bestätigt hat, ist, dass die Linie zwischen „Profis“ und „Amateuren“ verläuft, also zwischen denjenigen, die Film oder Medien „gelernt“ haben, und denen, die einfach gerne Filme sehen. Ich glaube aber, es ist vielmehr einfach eine Einstellungssache. Ein Mangel an Bereitschaft, andere Sichtweisen zuzulassen. „Reine Filmblogs, noch dazu professionelle oder semiprofessionelle, scheinen mir im deutschsprachigen Raum doch giftiger zueinander zu stehen als US-Seiten“, sagt Sidney Schering.

Zusammenfassend: Bloggen ist in Deutschland immer noch als Niederes Schreiben verpönt. Im Filmbereich liegt das aber auch daran, dass die Film-Blogger keine Lobby haben und sich auch keine Mühe geben, eine zu bilden. Sie mosern lieber herum, statt sich gegenseitig zu unterstützen. Einfacher wäre das natürlich, wenn jemand voranschreiten würde, den es noch nicht gibt, mit dem sich aber FilmwissenschaftlerInnen und Fanboys und -girls gleichermaßen arrangieren könnten. Vielleicht kommt ein derart messianisches Blog eines Tages des Wegs, vielleicht nicht. Aber es könnte auf jeden Fall besser sein, als jetzt. Oder?

„Die unhaltbaren Missstände in der Filmpolitik und der Filmkultur fördern hoffentlich die vereinende Kraft zutage, gegen sie aufzubegehren. Das ist eine Utopie, mit der ich mich identifizieren kann: ein Kampf freilich, aber ein gemeinsamer.“ – Frédéric Jaeger, critic.de

Disclaimer: Ich entdecke täglich neue Filmseiten. Es ist also hoffentlich klar, dass es nicht beabsichtigt ist, dass ich manche Ecken der deutschen Filmblogosphäre wahrscheinlich völlig unbeleuchtet gelassen habe. Ciprian David kenne ich persönlich, wir haben ein oder zweimal lose gemeinsam über das Thema diskutiert.

Meine erste persönliche Bilanz gibt es hier.

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