Ich habe den bekloppten Plan gefasst, 2014 ein Buchprojekt anzugehen, das den Arbeitstitel „Continuity“ trägt. Da ich den Arbeitsprozess relativ offen angehen will, werde ich immer wieder versuchen, meine Gedanken zum Projekt in diesem Blog niederzuschreiben. Diskussion jeder Art dazu ist mir hochwillkommen.

Vor knappen zwei Stunden habe ich folgenden Tweet abgesendet.

Das Zitat, das ich eingebunden habe stammt aus dem Artikel (in dem es darum geht, dass der Kurzfilm, welcher auf der Thor: The Dark World-DVD enthalten sein wird eventuell auf die Netflix-Serien, die Marvel 2015 produzieren wird, vorausdeutet) und es fasst perfekt die Faszination zusammen, die ich in meinem Buch – das ja perfekterweise sogar auch den Titel „Continuity“ trägt – beschreiben will. Der Autor des Artikels fühlt sich anscheinend, genau wie ich, dadurch wohlig durchströmt, dass da draußen jemand ist, dem erzählerische Einheitlichkeit sehr wichtig ist.

Der Ursprung für „Continuity“ liegt, glaube ich, darin, dass ich immer auf der Suche nach meiner persönlichen Weltformel bin. Das heißt: Ich versuche eigentlich immer, mein eigenes Interessen-Genom zu entschlüsseln. Wenn mich ein neuer kultureller Aspekt zu faszinieren beginnt, leuchtet mir häufig erst nach einiger Zeit ein, dass dieser Aspekt auf gewisse Weise doch sehr gut zu vielen anderen Dingen passt, die mich früher fasziniert haben.

Während ich im Dezember in meiner Hautklinik in Thüringen saß (ich versuche derzeit, meine Neurodermitis in den Griff zu bekommen), Grant Morrisons „Supergods“ über die Geschichte des Superheldencomics las und zum wiederholten Mal über das Marvel Cinematic Universe und die neuen Aspekte filmischen Storytellings nachdachte, die ich dieses Jahr so erforscht hatte, fiel mir irgendwann auf, dass ich schon immer Respekt vor in sich geschlossenen Systemen hatte.

Im Zweifel: Mathematik

Ich versuche mal, ein Beispiel zu bringen, dass nichts mit Erzählen zu tun hat und mit dem ich plane, das Buch zu eröffnen: die Mathematik. Die einzige Naturwissenschaft, in der ich es in der Schule zu etwas gebracht habe, weil sie so schön abstrakt ist. Jedes Mal, wenn ich einem Mathematiker oder eine Mathematikerin begegne, bringe ich wieder zum Ausdruck, wie enorm ich es finde, dass der Mensch hier ein in sich geschlossenes System geschaffen hat, in dem jedes Element fugenlos in alle anderen passt. Und wenn nicht, wird es passend gemacht.

So geschehen mit den komplexen Zahlen. Als in der Mathematik irgendwann das Problem auftauchte, dass für einige Gleichungen eigentlich das Ziehen einer Wurzel aus negativen Zahlen notwendig sein müsste, erfand der Italiener Geronimo Cardano einfach eine neue Zahleneinheit, die imaginäre Zahl i. Diese neue Einheit ermöglichte es ihm, und allen seinen Nachfolgern, weiterzurechnen und das Gesamtsystem der Mathematik intakt zu lassen, also keine „Ausnahme“ nach dem Motto „1 plus 1 ist immer zwei, außer montags“ einführen zu müssen, wie man sie ja zum Beispiel leider in einem so lebendigen und nicht-abstrakten Gebilde wie einer Sprache mit starken und schwachen Verben etc. hat. (Falls übrigens jemand eine anschaulich und für Mathelaien wie mich verständlich geschriebene Geschichte dieser Entdeckung kennt, danach suche ich noch!)

Und genau wie mich in der Mathematik diese Geschlossenheit und Einheitlichkeit fasziniert, tut sie es auch in erzählerischen Kontexten – und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ich der einzige bin, dem das so geht, denn sonst würden sich nicht so viele andere Menschen damit beschäftigen.

Symptome, nicht Ursachen

Mit anderen Worten: Der Grundgedanke hinter „Continuity“ lautet: All die Buzzthemen, die im Moment die Medienlandschaft durchstreifen, und die mich an diesen Punkt geführt haben – Worldbuilding und Transmedial Storytelling, die Verbeugung vor komplex strukturierten und erzählten TV-Serien, Medien-Franchises und Markenuniversen – aber auch andere Phänomene neuerer Zeit wie die oft angebetete Verschmelzung von Design und Leistung bei Apple oder Konzepte wie Corporate Design und Corporate Identity sind eigentlich nur Symptome für eine Art von Einheitlichkeit im Gesamtbild, der wir alle entgegenstreben..

Ich werde mich diesem vermuteten Bedürfnis nicht vollständig widmen können, sonst müsste ich eigentlich ein Psychologie-Buch schreiben und dafür habe ich weder die Ressourcen noch das Wissen, aber ich möchte erforschen, wie sich das ganze im erzählerischen und medialen Bereich niederschlägt. Vorsichtiges Anklopfen bei Menschen, die sich, im Gegensatz zu mir, mit Sozialpsychologie auskennen haben mich auf den Pfad von Leon Festingers Kognitiven Dissonanz geführt, mit dem ich mich dann bald etwas näher beschäftigen werde. Ich suche folgerichtig nach kognitiver Konsonanz: Es macht uns glücklich, wenn alles irgendwie zusammenpasst. (Auch in diesem Bereich bin ich für jede weitere Idee/Studie/Forschungsfeld aus Psychologie oder Medizin dankbar, die in mein Konzept passen könnte.)

Narrative Special Effects

Der nächste Schritt, meine zweite These, die sozusagen auf dieser ersten aufbaut, ist: Wenn wir einmal Blut geleckt haben, wird die Suche nach dem Zusammenpassen zu einem integralen Teil des Genusses des Erzählten. Das ist es, wofür ich im Mai mit der operationellen Ästhetik endlich ein Wort gefunden habe. Jason Mittell nennt es in seinem „Complex TV“-Buch den „narrativen Special Effect“. So, wie man einen Film mit vielen Effekten auch eventuell nur wegen dieser Effekte genießen kann (selbst wenn die Story mau ist) kann man eine Geschichte auch genießen, weil sie sich so nahtlos in alles andere einfügt (selbst wenn das Erzählte einen eigentlich nicht befriedigt).

Zwei Beispiele dafür. Ich habe nun schon mehrfach ausgesagt, dass ich Richard Linklaters Before-Trilogie inhaltlich nicht viel abgewinnen kann. Ich empfinde Celine und Jesse als grundsätzlich sehr unsympathische Charaktere, die mitnichten große Weiheiten über Liebe und Leben von sich geben, sondern viel eher lebendige Beweise dafür sind, wie verknorzt und auf dem Niveau von Teenagern stehen geblieben das Konzept von romantischer Liebe in unserer Gesellschaft nach wie vor ist. Trotzdem fasziniert mich natürlich das Konzept, die Beziehung zweier Menschen über einen sehr langen Zeitraum zu beobachten und dabei die Wechselwirkungen zwischen den Charakteren und den Schauspielern, die sie verkörpern, einzufaktorieren. Dafür liebe ich die Serie trotz ihrer xanthippigen Charaktere.

Genauso habe ich (ebenfalls im Dezember) endlich angefangen, „Lost“ zu gucken, und muss zugeben, dass ich insgesamt, nach dem Ende der ersten Staffel, nicht besonders begeistert bin. Das Mysterium der Insel, auf der die Passagiere des Fluges gestrandet sind, interessiert mich natürlich auch – ich will wissen, was die Auflösung ist – aber die doch manchmal recht holzschnittartigen Charaktere, ihre Beziehungen zueinander und die riesige Menge an Episoden, die nur dazu dienen, Sendezeit zu füllen, ließen mich doch eher gähnen. Trotzdem bin ich mit „Lost“ noch nicht fertig, es interessiert mich zu sehr, wie Abrams, Lindelof und Co die Spannung über sechs Staffeln halten und am Ende eine Lösung präsentieren, die, so habe ich es zumindest empfunden, viele der Rätselrater im Publikum enttäuscht hat. Die operationelle Ästhetik der Serie trumpft den inhaltlichen Gehalt. (Bei „Agents of S.H.I.E.L.D.“ geht es mir derzeit ähnlich).

Hilfe ist willkommen

Auf diesen beiden Thesen möchte ich das Buch aufbauen. Ich möchte die Faszination am Erzählen innerhalb einer Kontinuität (daher der Titel) zurückverfolgen (beispielsweise zur Kanonisierung der Bibel) und heraufinden, welche Faktoren wichtig sind, damit das Prinzip erfolgreich funktioniert (etwa autoriale Kontrolle bzw. Vorausplanung). Ich will Theorien darüber aufstellen, welche Aspekte der menschlichen Psyche hineinspielen und auf welche Art sie sich alle in unserem modernen Erzählzeitalter äußern. Schließlich soll es eine große Fallstudie geben, an der ich alle Thesen überprüfe und ein Erzählkontinuum detailliert beleuchte. Natürlich wird das das Marvel Cinematic Universe sein. Das Schlusskapitel soll den Titel tragen, der unten auf dem Bild zu sehen ist.

Könnt ihr meine Gedankengänge nachvollziehen? Was fällt euch dazu ein? Wo sind euch solche Phänomene begegnet? Ich bin für jede Idee, jeden Kommentar, jede Anregung – und sei sie noch so trivial – dankbar.

Quelle: tumblr, The A-Team © Universal Pictures

Vor einigen Monaten hatten wir in meinem alten Job bei 3sat eine Hospitantin, die kurz vor der Bachelorarbeit stand. Wir kamen ins Plaudern und sie fragte mich, worüber ich meine Abschlussarbeit schreiben würde, wenn ich heute noch einmal die Gelegenheit dazu hätte. Meine Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. Dann musste ich allerdings erstmal erklären, was ich damit meine – was ich wissenschaftlich gesehen ebenfalls als gutes Zeichen sah.

Tatsächlich habe ich mich im Verlauf dieses für mich höchst erfolgreichen Blogjahres, in dem ich so viele Menschen erreicht, Bekannte gefunden und Diskussionen geführt habe, wie in keinem Jahr zuvor, öfter bei dem Gedanken ertappt, dass ich wirklich gerne noch einmal eine Film-Abschlussarbeit schreiben würde. Die Geschichte meiner tatsächlichen Magisterarbeit, die ich vor mittlerweile fast sieben Jahren eingereicht habe, ist ein bisschen durchwachsen, und ich würde diesmal alles besser machen wollen. Dummerweise habe ich meinen Magister eben schon, und für eine Doktorarbeit habe ich keine Nerven. Erstens habe ich das schon einmal ein Jahr lang versucht und bin nicht zuletzt am System gescheitert. Zweitens habe ich den Prozess bei Freunden verfolgt und beneide sie nicht darum.

Meine Faszinationen

Wer mein Blog regelmäßig liest, weiß, dass mich bestimmte Dinge besonders stark faszinieren. Da gibt es die Ästhetik des digitalen Zeitalters, inzwischen ergänzt durch 3D, HFR, Atmos und andere neue Filmtechnologien, die auch schon in der erwähnten Magisterarbeit Thema war. Und seit einiger Zeit ist es die Konstruktion von Storywelten und Universen – allerdings weniger über die kreative Seite, über die sich ihr die meisten Menschen nähern (und die derzeit als Buzzword-Thema sehr beliebt ist) – sondern über die dahinter liegenden, fast schon logistischen Mechanismen und Struktuiren: Kanonisierung, Vernetzung, Zusammenhalt und schließlich Marketing und Wirkung. Die Faszination reicht weit zurück, denn als Teenager habe ich selbst Welten erfunden und ins Netz gestellt. Und vor fünf Jahren habe ich zu einem Artikel über Reboots in „epd film“ zum ersten Mal eine Reaktion aus dem Netz auf etwas bekommen, was ich geschrieben hatte. Ich habe im vergangenen Jahr schon viel darüber gebloggt und einige wertvolle Hinweise bekommen, zum Beispiel auf den Begriff der „operationellen Ästhetik„, der in meinem Kopf einige Türen geöffnet hat.

In den letzten zwei Wochen hatte ich mehr Zeit zum Nachdenken als sonst und plötzlich kam mir die Idee, die zwei Dinge miteinander zu verbinden: den Wunsch, eine längere Abhandlung über ein Thema zu verfassen und die Faszination mit modernen Erzählprinzipien. Und daraus wiederum entstand die völlig verrückte Idee, mir als Projekt für das nächste Jahr doch einfach vorzunehmen, ein Buch zu schreiben, in dem ich all diese Ideen und Faszinationen mal aus dem System bekomme. Man muss ja heute gar keinen Verlag mehr finden, dachte ich mir, ich kann das ganze ja einfach als eBook selbst veröffentlichen. Dann redet mir auch keiner rein und ich muss mich nicht streng an wissenschaftliche Vorgaben halten, sondern kann daraus ein journalistisches Projekt machen, in dem ich auch Interviews und andere Formate verquirlen kann.

Zuschauen möglich

Ich werde mir außerdem eine Scheibe von Dirk von Gehlens Kultur als Software-These abschneiden und den ganzen Prozess des Schreibens relativ offen hier auf dem Blog dokumentieren. Es geht mir schließlich, wie im Blog auch, nicht ums Geld verdienen, sondern um den Diskurs und um das öffentliche Äußern meiner Gedanken. Ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich das ganze Buch offen schreiben will (z. B. als Google-Doc) oder ob ich nur Ausschnitte hier im Blog veröffentlichen will, aber ich hoffe auf jeden Fall, dass sich Andere finden, die das Thema auch interessiert, und die mich mit Diskussionsbeiträgen und Vorschlägen (z. B. für Literatur) unterstützen.

2013 habe ich (einigermaßen erfolgreich) versucht, „Real Virtuality“ vor allem durch Thesenstücke zu aktuellen Kinostarts zu profilieren. Wenn sich herausstellt, dass ich das mit dem Buchprojekt ernst meine, könnte es sein, dass diese Art von Beiträgen abnimmt, auch durch meinen neuen Job, durch den ich leider nicht mehr so viele aktuelle Kinofilme werde sehen können wie noch als Filmredakteur (und generell viel zu tun haben werde). „Aber“, so sagte ich mir, „man muss sich ja schließlich auch weiterentwickeln und neue Dinge wagen.“

Was bleibt

Andere Dinge werden bleiben, zum Beispiel meine Leidenschaft für die Filmblogosphäre. Im Januar, wenn meine Vier Thesen ein Jahr alt werden, will ich auf jeden Fall Bilanz ziehen, denn es hat sich einiges getan. Und auch der Film Blog Group Hug, der ja gerade mit dem Adventskalender einen zauberhaften Erfolg feiert, wie ich finde, soll weiter seine Runden drehen.

Vielleicht schaffe ich es 2014 außerdem endlich mal, dieses Blog auf einen echten Webspace, von wordpress.com auf wordpress.org umzuziehen, und ihm einen zeitgemäßeren Anstrich zu geben. (Unterstützung dabei wird gerne angenommen, ich müsste mir nur mal ein Wochenende freischaufeln).

Große Pläne also. Der Arbeitstitel lautet Continuity: Unsere Suche nach erzählerischer Einheitlichkeit. Was meinen meine werten Leser? Bin ich bekloppt oder nur größenwahnsinnig?

(Bild: Flickr Commons)
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