© Warner Bros.

Falling at your feet in sheer joy
That you were able to receive me like a favourite chair
Soaking up the tears if by magic it’ll make me
Ever warmer even after you’re not here
– KT Tunstall, „Yellow Flower“

Es ist noch einen guten Monat hin, bis der zweite Teil des Hobbit, genannt The Desolation of Smaug, in die Kinos kommt, aber mit einem neuen Trailer, einem weltweiten Fan-Event, der Veröffentlichung der Extended Edition von Teil Eins in den USA und der Enthüllung des Schluss-Songs „I See Fire“ von Ed Sheeran haben Peter Jackson und Warner Bros. diese Woche damit begonnen, die Vorfreude auf das HFR-3D-Event anzufachen. Und wenn die Deutsche Bahn nur halb so pünktlich wäre, wie die Reaktionen aus der Filmguckergemeinschaft, die jetzt schon deklarieren, wie egal ihnen der Film ist, müsste ich auf meinen Reisen nie wieder Pufferzeiten einbauen.

Was ist hier los? War es nicht schon letztes Jahr, 24 Stunden nach Filmstart veraltet, sich darüber zu mokieren, dass Jackson aus einem 300-Seiten-Buch drei Drei-Stunden-Filme produzieren will? Dass The Hobbit endgültig aussieht, wie aus einem beliebigen Fantasy-Bild-Computergenerator? Und dass Tolkiens fröhliche kleine Kindergeschichte von einem Regisseur, den niemand mehr im Zaum hält, zu einer Action-Schlachtplatte jenseits aller Proportionen aufgeblasen wurde?

Niemand gebietet ihm mehr Einhalt

Ich freue mich auf The Desolation of Smaug, trotz der Tatsache, dass alle drei Kritikpunkte absolut ins Schwarze treffen. An Unexpected Journey, der erste Teil der Trilogie, war viel zu lang und unnötig kampflastig. Smaug sieht ähnlich aus, zeigt schon im Trailer jede Menge Charaktere, die nicht im Buch vorkommen und wartet zumindest dem ersten Eindruck nach mit nichts auf, was man nicht so oder so ähnlich derzeit in jedem fantastischen Film zu sehen bekommt. Folgt man den Production Diaries von Peter Jackson, mit seinen endlosen Pickup Shoots und Greenscreen-Orgien kann man zudem wirklich den Eindruck gewinnen, dass hier ein Filmemacher ist, dem niemand mehr Einhalt gebietet, obwohl er es dringend nötig hätte. Andererseits mag es genau das sein, was in mir Vorfreude erzeugt: Ich weiß genau, was mich erwartet, und ich weiß, dass es sehr viel davon geben wird.

Im kulturellen Alltag ist das völlig normal. Wie oft hört man das Argument, dass Leute bestimmte Romane lesen oder Fernsehserien schauen, eben weil sie dort das bekommen, was sie immer bekommen – und was sie gern haben. Ich könnte ad hoc mehrere Bands aufzählen, die den Zenit ihrer Kreativität lange überschritten haben, von denen ich mich aber immer noch auf jedes neue Album freue. Erstens weil ich weiß, was ich bekomme, zweitens, weil ich einfach Fan bin und die Musizierenden unterstützen will und drittens, weil man ja nie weiß, ob sich nicht vielleicht doch irgendwo eine kreative Perle versteckt. Ich rede nicht davon, etwas zu genießen, weil es dumm und hirnlos ist (das steht auf einem anderen Blatt), sondern weil es vertraut ist. Wie der Lieblingspulli. Oder die Fischstäbchen, die man schon als Kind immer mochte.

Nicht auf die Kinder hören!

Künstler werden älter. Das ist eine unangenehme Tatsache, die einem meist erst dann so richtig bewusst wird, wenn man selbst nicht mehr als „jugendlich“ wahrgenommen wird. Und gerade die Künstler, denen all das passiert, was man ihnen wünscht, verändern sich daraufhin meist auf eine bestimmte Art, die der ikonoklastischen Kraft ihrer Kunst ein bisschen das Mojo raubt. Peter Jackson schreibt in seinem Facebook Post zum Ed Sheeran-Song, dass ihn seine Tochter Katie auf den britischen Folkpop-Rapper gebracht habe – und daran merkt man schon, was hier falsch läuft. Ein Revolutionär, der Macher von Braindead, der die Produktion LotR-Filme damals scheinbar dem Universum mit bloßen Händen abrang, hört doch nicht auf seine Kinder, wenn es darum geht, wie er die Revolution gestalten sollte. Ed Sheeran ist wiederum Jacksons perfektes Spiegelbild – als Straßenkünstler und YouTuber (lies: Underground-Regisseur) bekannt geworden und nun ein gemachter Mann mit mehreren Millionenhits. Wünschen wir ihm wirklich, dass er wieder zum Straßenmusiker wird, damit seine Songs nicht mehr so gesetzt klingen wie „I See Fire“?

Manche Künstler schaffen es, sich trotz Erfolg und Geld hellwach zu halten, indem sie die Umgebung verändern; indem sie die Menschen, mit denen sie zusammenarbeiten (wie Produzenten) wechseln und sich immer neue Herausforderungen stellen. Andere sind happy, dass sie sich irgendwann die Infrastruktur geschaffen haben, um gleichzeitig ein künstlerisches und ein einigermaßen bequemes Leben zu führen – und werden höchstens im Alter noch einmal durchgerüttelt, um ein „Alterswerk“ zu schaffen. Jackson scheint zur letzteren Gruppe zu gehören. Er hat sich in Wellington ein eigenes privates Fürstentum aufgebaut mit allem, was er braucht, um einen Film zu machen. Er muss keine Kämpfe mehr kämpfen, um zu bekommen, was er will, und er scheint sich gut damit zu fühlen.

Tim Burton ist schlimmer

In einem Interview hat Jackson mehr oder weniger gesagt, wie er zu der ganzen Sache steht: Der Erfolg gebe ihm recht und wenn die Hobbit-Filme vorüber sind, will er wieder kleinere Filme machen. Dummerweise hatte er das vor The Lovely Bones auch schon gesagt, der dann alles andere als klein wurde. Aber wenn man es ehrlich besieht, ist Jackson dennoch längst nicht so zahnlos wie einige seiner schlecht gealterten Kollegen – etwa Prequelist George Lucas oder Tim Burton, der jetzt für genau den Konzern austauschbar-schrullige Gothic-Märchen fabriziert, dem er dreißig Jahre zuvor voller Verachtung den Rücken gekehrt hatte. Die Filme sind von tollen Schauspielern gut gespielt, solide geschrieben und inszeniert; noch treibt Jackson immerhin die Kino- und VFX-Technik in großen Sprüngen vorwärts, und wie ich vor einem Jahr schon geschrieben hatte könnte man die Hobbit-Filme auch als sonderbaren Sieg des Barocken über das Klassizistische feiern. Mal ganz abgesehen davon, dass man problemlos argumentieren kann, dass alle anderen Fantasy-Filme aussehen wie der Hobbit und nicht umgekehrt, weil Jackson und sein Designteam vor zwölf Jahren mit Lord of the Rings ein für alle Mal dieses definitive Template eines „High Concept“-Fantasyfilms vorgegeben haben.

Aber für einen Hobbit scheint es, zumindest wenn man cool und abgebrüht wirken will, unangemessen zu sein, sich einfach in einen vertrauten, gemütlichen Sessel zurückzulehnen. Und der Grund ist klar: Es liegt daran, dass die global anlaufende Marketingmaschine wieder mal so tut, als wäre The Desolation of Smaug nichts anderes als der krasseste Scheiß, den man je gesehen hat. Obwohl wir doch alle wissen, dass er das nicht ist. Da kann man schon mal sauer werden und lautstark nach einem unbequemen Klappstuhl verlangen. Muss man aber nicht. Man kann den Sessel auch einfach genießen und sich freuen, dass man schon wieder mit Peter Jackson nach Mittelerde reisen darf. Manchmal ist das okay. Oder?

%d Bloggern gefällt das: