The Wolf of Wall Street war nicht jedermanns Sache. Meine zum Beispiel nicht. Doch da ich die Gelegenheit hatte, nach dem Kino noch mit zwei Kollegen kurz über den Film zu sprechen, wusste ich direkt, dass ich mit dieser Meinung nicht überall auf Zustimmung stoßen würde. Lukas Foerster und Ekkehard Knörer ging es anscheinend ähnlich. Die beiden fingen auf Facebook an, ihre konträren Meinungen zum Film auszutauschen und entschieden sich schließlich, ihre Diskussion in Gänze bei „Cargo“ zu veröffentlichen. Das Ergebnis ist faszinierend zu lesen: Zwei Menschen wechseln höchstkluge Argumente – und am Ende darf man sich selbst irgendwo dazwischen positionieren.

Ich bin mir manchmal nicht sicher, ob das so selbstverständlich ist. Kritik, so scheint es mir doch meistens, ist traditionell nach wie vor etwas, was alleine geschmiedet wird. Der Kritiker, die Kritikerin erfassen das Objekt, das sie konsumieren wollen, sie ordnen es ein, bilden sich eine Meinung und gießen diese Meinung dann in Worte. Diese Worte werden dann auf die Welt losgelassen, man darf dann auch auf sie reagieren – aber es ist nicht selbstverständlich, dass ein Kritiker oder eine Kritikerin sich die Blöße gibt, noch nicht in Stein gemeißelte Ideen in den Ring zu werfen, um sie mit anderen zu diskutieren.

Ein Mehrwert für alle

Kritikerinnen und Kritiker, die den Mut haben, ihre Ideen anderen im Gespräch gegenüberzustellen und damit im Zweifelsfall Gefahr laufen, von den Ideen ihres Gegenübers erdrückt zu werden, schaffen für alle Beteiligten einen Mehrwert. Sie selbst werden gefordert, ihre Eindrücke gegenüber Fachgenossen zu verteidigen. Und die Lesenden bekommen auf einen Schlag gleich ein Spektrum von Meinungen, in dem sie sich orientieren können.

Ich will dem Internet nicht die Ehre zuschieben, in diesem Bereich irgendetwas erfunden zu haben. Die Fernsehsendung „At the Movies“ — für US-Amerikaner, die in den 80ern und 90ern groß wurden quasi die filmische Früherziehung — hat in dem Format Geschichte geschrieben. Auch Podiumsdiskussionen und andere Dialogveranstaltungen haben Tradition. Und Dialoge als Textform gehören mit ihren antiken Vorbildern schließlich an den Anfang aller westlichen Gedanken.

Ich glaube aber doch, dass die vernetzte Welt ihren Teil dazu beigetragen hat, der dialogischen Kritik neuen Antrieb zu geben. Denn schließlich ist das Internet, das „Web 2.0“ allemal, im Grunde eine einzige „Conversation“, wie schon das Cluetrain-Manifest behauptete. Es lebt davon, dass man aufeinander reagiert, ins Gespräch kommt, Impulse abgibt und anderswo aufnimmt. Das kann nebenbei geschehen – in Kommentarthreads unter Blogs oder auf Facebook, in Twitter-Hin-und-Hers – oder ganz geplant, wie im Ur-Webformat Podcast, aber es zeigt auf jeden Fall Wege auf, auf die sich gerade die Filmkritik meiner Ansicht nach ruhig viel öfter verirren könnte.

Kleine Topologie des Filmgesprächs

Wie kann ein Filmgespräch praktisch aussehen? Für den Anfang ist der oben genannte Foerster/Knörer-Weg vielleicht der einfachste. Treibt einen ein Film oder ein Thema um, suche man sich einen Kollegen oder eine Kollegin, der man vertraut und auf deren Meinung man etwas gibt und tauscht Argumente aus. Ich habe das hier im Blog auch schon versucht – allerdings waren die Meinungen in diesen Gesprächen weniger konträr. Es gibt auch ein deutschsprachiges Blog, dass sich nur dieser Form verschrieben hat.

Hat man mit einem Gleichgesinnten erstmal eine gewisse Sicherheit im Gespräch erlangt, kann ein Gast das ganze sehr gut aufmischen. So funktionieren nicht wenige Podcasts, nicht zuletzt die Folge von „Kontroversum“, die mich auf den „Cargo“-Artikel gebracht hatte. Auch der „/filmcast“ oder „The Golden Briefcase“ arbeiten gerne mit dem „Zwei plus Eins“ Prinzip.

Die nächste Stufe ist dann eine größere Runde, in der das Thema reihum gereicht wird. Hier ist schon etwas mehr Konzentration vonnöten, weil am Schluss des eigenen Beitrags möglichst immer noch ein Anknüpfungspunkt für den nächsten Redner gegeben werden sollte, um es der Leserin leichter zu machen. Das regelmäßige Feature The Conversation von „The Dissolve“ funktioniert so und auch mein filmjournalistisches Highlight eines jeden Jahres, der „Slate“ Movie Club, in dem vier Journalisten jeweils vier Beiträge schreiben und in diesem Reigen versuchen, die kritische Beurteilung des vergangenen Jahres Revue passieren zu lassen.

Und schließlich ist da die freie Gesprächsrunde mit mehr als drei Teilnehmenden. Wiederum das Feld vieler Podcasts, aber nicht unbedingt derer, die ich persönlich am liebsten höre. Hier ist gute Moderation vonnöten und die Gefahr, dass einzelne Meinungen untergehen, wächst mit jedem zusätzlichen Teilnehmer, ebenso wie bei Podiumsdiskussionen. Im besten Fall entsteht natürlich völlig unabhängig von der Anzahl der Mitredenden brillanter Denkstoff.

Beispiele für weitere Gesprächsformate gerne in die Kommentare!

Bild: Flickr Commons/Arsene Paulin Pujo (1861-1939), Representative from Louisiana (1903-1913)

Der Babo: Siegfried Kracauer

Am Wochenende wurde in Berlin zum ersten mal der Siegfried Kracauer Preis für Filmkritik verliehen – von der MFG Filmförderung Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit dem Verband der deutschen Filmkritik (VdFk). Den Preis für die beste Filmkritik gewann Cristina Nord für einen Beitrag in der „taz“, doch mit dem Jahresstipendium über 12.000 Euro wurde ein Online-Schreiber ausgezeichnet: Nino Klingler, der regelmäßig für „critic.de“ Rezensionen und Artikel verfasst. Freundlicherweise war Nino gestern zu einem kurzen E-Mail-Interview bereit.

Herzlichen Glückwunsch zu diesem Preis. Ich weiß, es ist eine blöde Frage, aber wie fühlt es sich an, ein Preisträger-Pionier zu sein?

Hm. Gut, denke ich. Ist ja auch ein feiner Preis.

In deiner Biografie auf „critic.de“ steht, dass du Filmwissenschaft und Philosophie studierst. War der Weg zur Filmkritik für dich ein logischer oder wie bist du dahin gekommen, wo du jetzt stehst?

Nein, logisch im Sinne von zwangsläufig oder selbstverständlich war das ganz und gar nicht. Aus eigenen Antrieb wäre ich womöglich niemals zur Filmkritik gekommen, dafür fehlt mir so einiges. Ich wurde allerdings einmal nach einem Seminar angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, probeweise einen Text bei „critic.de“ zu veröffentlichen. So hat das angefangen. Also: Das Studium war insofern wichtig, als es die Verbindung ermöglicht hat. Am Institut für Theaterwissenschaft der FU Berlin geht es ja durchaus familiär zu. Aber ein logischer Schritt aus Perspektive meines Studienerlebens war es nicht, Kritiken zu schreiben. Ich war lieber allein mit Buch und Filmen und streitbar abends mit meinen Freunden.

„Ich lasse mich vom Film anstoßen“

Was ist dir wichtig, wenn du einen Text schreibst? Worauf versuchst du zu achten?

Ein System habe ich nicht. Deswegen sitze ich ziemlich oft ziemlich lange vor einem weißen Bildschirm, was durchaus quälerisch sein kann. Wenn ich derart bei Null anfange, fühle ich mich gezwungen, woanders anzufangen als bei mir. Heißt: beim Film und bei meinen Notizen und Erinnerungen an die Seance. Ich lasse mich letztlich immer vom Film (oder was auch immer) anstoßen, versuche, allem so vorurteilsfrei wie möglich zu begegnen. Auch, wenn ich dann manchmal ziemlich weit weg vom Terrain des Filmes lande. Das ist die Gefahr.

Du hast den Preis für deine Texte auf „critic.de“ bekommen, was ja auch für eine gewisse Wertschätzung der Online-Filmkritik seitens des VdFk spricht. Macht es für dich einen Unterschied, ob du für eine Online-Publikation oder eine Print-Publikation schreibst? Hast du eine grundsätzliche Meinung zur Lage der Filmkritik im deutschsprachigen Internet?

Zuallererst: Der Preis wurde nicht von der VdFk vergeben, sondern von einer unabhängig besetzten Jury, die nach eigener Aussage die Texte anonym gelesen hat. (Das stimmt natürlich. Eine schlechte Recherche meinerseits und ein gutes System. – Alex) Dass ich online veröffentliche, sollte also keinen Einfluss auf die Entscheidung gehabt haben. Davon abgesehen bin ich sicherlich zu hundert Prozent Produkt der Möglichkeiten von Online-Filmkritik. Ich wäre ja angesichts meiner schwach ausgeprägten Ambitionen niemals an ein Printmedium heran getreten. Nur durch die vergleichsweise niedrige Eintrittsschwelle ins Netz konnte ich überhaupt anfangen. Ich sehe das absolut positiv. Niedrige Eintrittsschwelle bedeutet für mich eben nicht, dass das Niveau leidet, sondern dass der Zugang freier wird. Und die Stimmen diverser. Ich habe bisher vielleicht vier Texte auf Papier veröffentlicht, das heißt so gut wie gar nicht. Aber es fühlt sich schon fein an, definitiver irgendwie. Ich kann ja nicht verhehlen, dass ich den altgedienten Anerkennungsstrukturen noch anhänge.

„Ich mag Diskutieren unglaublich gerne“

Hast du das Gefühl, gut mit anderen Online-Filmkritikern und Bloggern vernetzt zu sein? Oder ist das überhaupt notwendig und wichtig?

Oh … Ich bin sehr, sehr schlecht vernetzt. Das liegt an mir. Im digitalen wie im materiellen Leben gehört das Kontaktaufbauenundpflegen nicht gerade zu meinen Stärken. Hier in Berlin kenne ich schon einige meist ganz famose Kritiker, da begegnet man sich von Zeit zu Zeit. Ansonsten bin ich eher auf Tauchstation, allerdings ohne Überzeugung. Ich mag ja Diskutieren unglaublich gerne. Ich will meine Position da schon lange mal überdenken, gerade was Social Media angeht hänge ich zu innig an meinen Skrupeln.

Du hast jetzt zwar selbst einen Nachwuchspreis bekommen, aber gibt es trotzdem etwas, was du angehenden Filmschreibern mit auf den Weg geben würdest?

Oh Gott, nein. Oder doch: Vermeidet den Nominalstil! Und bringt mir bei, wie das geht …

Weißt du schon, wie es weitergeht mit dir und der Filmkritik?

Ich habe mir vorgenommen, da Anfang nächstes Jahr mal im Sinne von Planung drüber nachzudenken. Jetzt lasse ich alles, wie es ist.

„Ich bin ein verwerflicher Opportunist“

Letzte Frage: Dein Preis ist nach Siegfried Kracauer benannt. Bist du Fan von Kracauers Sichtweise auf Film als „Errettung der äußeren Wirklichkeit“? (Ich persönlich bin ja eher ein Anhänger der Arnheim-Balazs-Tradition)

Oh, ich bin kein Schul-Anhänger. Ich bin ein wahrscheinlich recht verwerflicher Opportunist. Die Sache mit der Errettung erklärt eben einiges ziemlich gut. Vor allem aber lässt sich mit diesem Gedanken eine bestimmte Art, sich filmisch mit der Welt auseinanderzusetzen, gut beurteilen. Aber das ist keine Glaubenssache für mich. Und auf Balazs wollte ich deswegen schon gar nicht verzichten. Ansonsten halte ich es eher mit dem frühen Kracauer. Wenn ich den Photographie-Aufsatz von 1927 lese, wird mir jedes Mal wieder schwindelig. Da bin ich dann schon Fan.

Danke für deine Mühen und viel Erfolg in der Zukunft.

Ninos „Chef“ Frédéric Jaeger habe ich Anfang des Jahres interviewt.

Gefühlte Gemische II

6. August 2013

In „Gefühlte Gemische“ erzähle ich, basierend auf einer Idee von Christoph Hochhäusler, von meiner Filmsozialisation und von Filmsichtungen, die mein späteres Leben geprägt haben. Im ersten Teil habe ich mich mit meiner Kindheit befasst. Die Resonanz war so positiv, dass ich mich entschieden habe, eine Fortsetzung zu schreiben.

Mit ungefähr 15 Jahren, ich lebte inzwischen wieder in Deutschland und besuchte ein Gymnasium in Wiesbaden, veränderte sich etwas in meinem Selbstbild. In den Jahren zuvor hatte ich automatisch gefolgert, dass ich – weil ich Computer spannend fand – irgendwann Informatik studieren würde. Doch irgendwann sah auch ich ein, dass ich mit Sprache wesentlich besser umgehen konnte als mit logischen Operatoren. Schließlich hatte ich meine BASIC und Turbo-Pascal-Kenntnisse auch bisher hauptsächlich dafür genutzt, Textadventures und ähnliche narrative Programme zu erschaffen. Als in der elften Klasse die Wahl der Leistungskurse anstand, entschied ich mich sehr bewusst für Deutsch und Englisch. Und wo immer ich konnte, begann ich zu schreiben.

copy; Kinowelt

Meine erste veröffentliche Filmkritik erschien in einer kurzlebigen Schülerzeitung. Der besprochene Film hieß Lost in Space, ein wohl fast vergessenes Remake der gleichnamigen Fernsehserie mit William Hurt, Gary Oldman und Matt LeBlanc in den Hauptrollen, und er kam bei mir nicht gut weg. Die Kritik endet mit dem denkwürdigen Satz: „Wer eine effektlastige Space Opera mit mäßiger Story sehen will, für den ist ‚Lost in Space‘ das Richtige. Wer anspruchsvolle Science-fiction gewöhnt ist sollte meiner Meinung nach lieber auf ‚Star Wars: Episode 1‘ warten.“ Wie das dann ausging, ist ja bekannt. Weitere Kritiken veröffentlichte ich auf meiner ersten eigenen Internetseite, lange bevor es Blogs gab.

Ungefähr zur gleichen Zeit veränderte sich auch mein Verhältnis zu Filmen. Meine Freizeit verbrachte ich zwar immer noch hauptsächlich mit Karten- und Rollenspielen wie „Magic: The Gathering“, doch zum Glück verschlang ich auch die dazugehörige Fachliteratur. Die inzwischen eingestellte Zeitschrift InQuest, die ich mit religiöser Anbetung las, hatte eine Liste mit den 100 besten fantastischen Filmen veröffentlicht und ich machte mich immer stärker systematisch, in Bibliotheken und der Fernsehzeitschrift, auf die Suche nach den dort erwähnten Klassikern. Inzwischen hatte ich sogar einen eigenen Fernseher im Zimmer. Ich sah Escape from New York und Jason and the Argonauts, Zardoz und Metropolis, Planet of the Apes, Conan the Barbarian und einiges mehr. Bis heute habe ich noch nicht alle Filme der Liste gesehen, hole aber immer noch nach.

Screenshot: DVD "2001: A Space Odyssey"

Mein Fernseher hatte etwa eine Bilddiagonale von 30 Zentimetern. Meistens machte mir das nichts aus, doch die erste gespannte Sichtung von 2001: A Space Odyssey endete im Disaster. Als ich völlig entnervt am „Beyond the Infinite“-Punkt angelangt war, griff ich zur Fernbedienung und spulte die gesamte Sequenz vor. Zusätzlich hatte die VHS-Aufnahme aus dem Fernsehen etwas zu früh aufgehört, so dass das finale Bild von „Star Child“ fehlte. Ich war, gelinde gesagt, sehr verwirrt. Zum Glück kam der Film im Jahr 2001 noch einmal ins Kino – und dann begriff ich ihn. Inzwischen ist 2001 der Film, bei dem ich mit dem besten Gewissen sagen kann, dass er mein Lieblingsfilm ist.

Parallel zu Zeitschriften und Büchern nahm auch das Internet eine immer dominantere Rolle in meinem Leben ein. Ich baute weitere eigene Webseiten zu Bands und Fantasy-Welten, trat Mailinglisten bei und traf mich mit Gleichgesinnten aus ganz Deutschland. Parallel dazu bekam ich einen Job in unserem örtlichen Kino. Mein großartiger Chef ließ mich nicht nur kostenlos in aktuelle Vorstellungen, er nahm mich sogar mit auf Branchen-Tradeshows, wo ich erstmals Filme sah, die noch gar nicht im Kino liefen.

© New Line Cinema

Die Kombination aus beiden Faktoren habe ich wohl nie wieder so intensiv erlebt wie im Vorfeld von The Fellowship of the Ring. Auf Stefan Servos‘ Seite verfolgte ich jeden Nachrichtenschnipsel zur Verfilmung meines damaligen Lieblingsbuchs. Den ersten Teaser-Trailer habe ich sicherlich 20 Mal gesehen. Und dann konnte ich auf einer Tradeshow ganze drei Monate vor Kinostart die 20-minütige Sizzle Reel sehen, die Peter Jackson für Cannes zusammengestellt hatte. Ich war begeistert. Und noch heute sind die Herr-der-Ringe-Filme die einzigen Filme, die ich in regelmäßigen Abständen immer wieder sehen muss.

In der zwölften Klasse, im Jahr 2000, hatte ich die Gelegenheit, an der Uni Mainz einen ausführlichen Informationstag zum Filmwissenschaftsstudium zu besuchen. Marcus Stiglegger, damals noch mit langen Dreadlocks, setzte sich vor einen Raum voller Schüler und bat jeden, einen Film zu nennen, der ihn in jüngerer Zeit beeindruckt hatte. Er ordnete den Film dann historisch und phänomenologisch ein. Die Gruppe besuchte eine Vorlesung zum deutschen Film und Norbert Grob sagte, es gäbe eigentlich keine großen deutschen Autorenfilmer mehr. Ich dachte: „Und was ist mit Tom Tykwer?“. Jemand meldete sich und fragte: „Und was ist mit Tom Tykwer?“ Zähneknirschend gab Grob zu, dass Tykwer sich wohl qualifizierte. Ich wusste, dass ich dieses Fach studieren würde.

Screenshot: Blu-ray "The Apartment"

An The Apartment habe ich im ersten Semester Filmanalyse gelernt. All den Dingen, die ich bisher nur unterbewusst wahrgenommen hatte – Einstellungsgrößen, Kamerawinkel, Schnittfolgen – konnte ich nun plötzlich Namen geben. Billy Wilders bittersüße Komödie, mit ihren klaren Bildern und präzisen Kadrierungen und Charakterzeichnungen, eignete sich perfekt als Anschauungsobjekt. Mein Blick auf Filme änderte sich für immer und ich wusste, dass ich das richtige Fach gewählt hatte. Zuletzt habe ich The Apartment vor zwei Jahren im „Babylon“ in Berlin gesehen – ich musste ihn einfach mit der Frau sehen, die ich in zwei Wochen heiraten werde.

Wenn man Filme durch ein Studienfach – und später durch die Wahl des Arbeitsplatzes – zum Beruf macht, bekommen sie einen anderen Platz im Leben. Sie werden manchmal Mittel zum Zweck, manchmal Ware, manchmal Notwendigkeit. Obwohl einen gute Filme noch immer sehr beeindrucken können – das naive Staunen früher, „ungelernter“ Filmerfahrungen kehrt leider nicht mehr zurück. Wer weiß, vielleicht ist aber doch noch irgendwann Raum für eine dritte Folge. In diesem Sinne:

Fortsetzung folgt – vielleicht

Screenshot: ZDF

Seit nun ziemlich genau einem Jahr bin ich, neben meiner Superhelden-Identität als Blogger, im bürgerlichen Leben Mitglied der Filmredaktion ZDFkultur/3sat. Dort gehöre ich unter anderem auch zu dem Team, dass das monatliche Kinomagazin „Close up“ produziert – für das ich nun, da die Sendung ein gutes halbes Jahr existiert, an dieser Stelle einmal Werbung machen möchte.

„Close up“ läuft einmal monatlich auf ZDFkultur, samstags (zum Beispiel morgen) um 22:15 Uhr, und mit gleichem Inhalt aber anderem Layout danach dienstags auf 3sat – und steht anschließend zum Abruf in der Mediathek. Die Sendung hat drei Teile – zwei aktuelle Filmkritiken und eine „Gastkritik“, in der deutsche Filmemacher von ihren Lieblingsfilmen erzählen dürfen.

Dass vielleicht der ein oder andere meinen könnte, die Filmkritiken seien eben der Standard, den man aus EPK-Schnipseln und Interviews im Fernsehen ständig zu sehen bekommt; dass vielleicht manche meinen möchten, andere hätten das sogar schon besser/zeitgemäßer gemacht – geschenkt. Wir geben unser Bestes und versuchen uns stetig weiterzuentwickeln!

Das allerbeste an „Close up“ aber, sind wahrscheinlich die Gastkritiken. Hier lassen wir Regisseure, Schauspieler und andere Filmschaffende Filme vorstellen, die ihnen persönlich am Herzen liegen. Und das geht, so finde ich zumindest, oft genug ziemlich unter die Haut und ich kann jedem nur empfehlen, sich diese Fünf-Minuten-Segmente einmal genauer anzugucken, denn so viel Raum wird „alten“ Filmen im Fernsehen heute nur noch sehr selten gegeben.

Da erzählt zum Beispiel der Schauspieler Lars Eidiniger, wie für ihn Lars von Triers Antichrist mit der Geburt seines Sohnes zusammenhängt. Christian Petzold referiert beeindruckend über die Verfolgungsjagd in French Connection. Der Doku-Kameramann Thomas Plenert schwärmt über die Plansequenzen in den Filmen von Sergej Urussewski. Und Anna Brüggemann gibt zu, wie neidisch sie ist, wenn sie Sandra Hüller in Über uns das All spielen sieht.

Zusätzlich zu den Segmenten in der Sendung gibt es als Bonus online immer noch ein „7 Fragen an …“ Video-Interview mit den Filmemachern, das sich immer ebenfalls lohnt. Und wann immer wir können: zusätzlichen Content, wie Interviews, die wir nicht in der Sendung unterbringen konnten oder sogar eine zusätzliche Gastkritik. Ich hoffe, wir werden noch lange die Gelegenheit dazu bekommen, dieses Prinzip immer weiter zu verbessern.

In der August-Sendung sagen wir unsere Meinung zu Magic Mike (mein erster eigener Beitrag, ich hatte mich bisher auf die Online-Aufbereitung konzentriert) und This Ain’t California. Und der Regisseur Matthias Luthardt spricht über Sidney Lumets Dog Day Afternoon. Schaut doch mal rein – und gebt mir ruhig auch Feedback hier im Blog.

Kritiker bei der Arbeit

21. Januar 2010

Ich mag es ja, wenn Filmkritiker zwischendurch in ihren Artikeln mal von ihrer Arbeit berichten, weil es meine beiden Hauptinteressenfelder, Film und Medien, so schön zusammenführt. Ich fand schon Peter Bradshaws Artikel über kreative Zwischenrufe sehr amüsant. Und diese Woche ließ sich „Guardian“-Kritiker Jason Solomons in meinem Pflichthörprogramm Film Weekly ebenfalls zu einem kleinen Exkurs hinreißen. Es ging um die kritische Rezeption von Jacques Audiards Film Un Prophète. Jason erzählt (bei 19:15 im Podcast):

I was sitting in Brothers this week, the press screening of Brothers. Mark Lawson, „Front Row“, was, in fact, behind me in the back row, and Chris Tookey the critic of the „Mail“ wandered in and went: „Oh, I see…“ And then he said to Henry Fitzherbert of the „Daily Express“ and Cosmo Landesman of the „Sunday Times“: „Well, it’s only us three, who don’t like A Prophet, then.“ Henry said: „Yes, it’s a bit overrated…“ And Chris said: „Yeah, it just doesn’t make any sense.The screenplay makes no sense.“ And I just put down my notes and said: „Chris, what are you on about? In what way does the screenplay of this not make any sense?“ „Well, you never knew why he was doing, what he was doing…“ „It’s perfectly clear. I’ve seen the film three times and I knew from the off that he’s doing it for…“ such and such reasons, don’t want to spoil it for the listeners. I nearly stabbed the man with my biro!

Seit ich meinen day job bei epd medien begonnen habe, war ich leider nicht mehr auf vielen Pressevorführungen (und um ehrlich zu sein auch davor nicht so wahnsinnig oft, denn Kritiker bin ich ja eher in zweiter Linie), aber man konnte auch hier schon immer erkennen, dass ein Teil der Anwesenden ein ziemlich eingeschworener Club ist, dessen Mitglieder sich kannten und vermutlich auch teilweise gegenseitig lasen (die Pressereferenten der Verleiher gehörten natürlich auch zu diesem Club).

Nach den Vorstellungen unterhielten sich die Clubmitglieder gerne mal über ihre Eindrücke vom Film, aber jeder war immer vorsichtig, nicht zu viel zu erzählen, um den anderen keine zu guten Ideen zu geben. Ich fand es immer faszinierend, zuzusehen, was für eine inzestuöse Branche die große demokratische Welt der Medien dann im Endeffekt doch ist – das muss wohl doch in allen Branchen so sein, wo man eben gleichzeitig Konkurrent und Kollege sein kann. Und Medienjournalisten sind natürlich noch viel schlimmer. Wer ein Jahr lang den Tagungs-Circuit mitgemacht hat, trifft eigentlich kaum noch neue Gesichter.

Amüsant können solche Geschichten aus dem Hinterzimmer natürlich trotzdem sein, weil sie jene ungekannte, mondäne Seite eines Berufs zeigen, der darin besteht, der Welt eine wohlgeformte Version der eigenen Erfahrungen zu präsentieren

Direkt vom Erzeuger

20. August 2009

Dass Filmjournalisten, wie fast alle Fachjournalisten, gelegentlich dazu neigen, bei ihren Berichterstattungsobjekten ein wenig befangen zu sein, ist kein Geheimnis. Wer lange genug dabei ist, kennt Schlüsselfiguren der Branche und hat vielleicht auch gewisse Loyalitäten. Es sollte im Allgemeinen davon ausgegangen werden, dass schlechte Filme trotzdem verrissen werden und, sagen wir mal, in der Regel passiert das auch. Gute Kritiker treten beispielsweise davon zurück, Filme zu besprechen, mit deren Machern sie irgendwie verbandelt sind.

Aber wie wäre es denn, wenn die Filmemacher ihre Berichterstattung einfach selbst machen könnten? Dann könnte man sich die ganze Debatte über Fachjournalistenbefangenheit sparen und wüsste direkt woran man ist. Die wohl immer noch größte deutsche seriöse Kinozeitschrift Cinema hat jetzt genau das gemacht und lässt Michael „Bully“ Herbig einfach mal die zwölfseitige „Reportage“ über seinen neuen Streifen „Wickie und die starken Männer“ im aktuellen Heft selber gestalten, als „Chefredakteur für einen Tag“. Wie praktisch, da konnte er auch gleich noch „exklusiv[e] Fotos von den Dreharbeiten“ mit unterbringen.

Zwar legt der reguläre Chefredakteur Artur Jung Wert darauf, dass die Filmkritik erst einen Tag später geschrieben wurde, aber für vom „Erzeuger“ generierte Inhalte, die journalistisch präsentiert werden, kenne ich eigentlich trotzdem nur einen Ausdruck und der lautet PR.

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