Indie-Mainstream, das klingt wie ein Oxymoron. Ist es auch, was nicht heißt, dass der Begriff nicht trotzdem einen gewissen Grad an Wahrheit besitzen kann. Denn spätestens seit der Umbenennung von Robert Redfords Filmfestival in Salt Lake City in Sundance Film Festival und dem Aufstieg von Miramax in den 90ern, hatte sich im amerikanischen Independent Kino eine neue Strömung von Filmen ergeben, die – obwohl sie „unabhängig“ von den großen Studios produziert worden waren – ein Publikum ansprechen konnten, das von der Arthaus-Schiene in den Mainstream hinüberblutete (Das bekannteste Buch dazu).

Am 29. Januar 2010 wurde Miramax von seinem Inzwischen-Eigentümer Disney endgültig geschlossen, der finale Todesstoß für einen Geschäftszweig, der sich in den Noughties sowieso schon immer stärker dem Siechtum hingegeben hatte. Vermutlich ist jetzt die Zeit gekommen, ein neues unabhängiges US-Kino aufzubauen. Oder wie es in diesem extrem lesenswerten „New York Times“-Artikel heißt: „Independent film is dead (again)! Long live independent film!“

Aber der Reihe nach. Zuerst mal kann man den ganzen Komplex sowohl wirtschaftlich wie auch inhaltlich bzw. künstlerisch betrachten. Wirtschaftlich ist die Situation relativ klar: Die meisten Major-Studios haben ihre Independent-Divisionen, die sie Ende der Neunziger mit jeder Menge Marketing-Geld aufgeblasen hatten, inzwischen zugemacht: New Line Cinema, Warner Independent, Paramount Vantage und die eben schon erwähnten Miramax existieren nicht mehr oder nur noch als knochige Skelette. Immerhin: Fox Searchlight und Sony Pictures Classics gibt es noch und auch die große Independent-Firma Lions Gate macht noch von sich reden. Aber der Boom des mainstream-tauglichen Independent-Kinos ist trotz Oscar-Gewinnern wie No Country for Old Men gerade mal wieder deftig vorbei.

Künstlerisch ist die ganze Sache schon komplexer. Glaubt man Menschen wie Justin Wyatt (Koautor dieses Buchs), so waren schon in den 90ern „supposedly groundbreaking and iconoclastic ‚indie films'“ bereits „firmly located within the safe domain of dominant ideological and commercial practices“ (zitiert hier).

Ich bin teilweise geneigt, mich dieser Meinung anzuschließen. Als ich 2008 Juno sah, schrieb ich in meiner Kritik für Zuckerkick (leider nicht online), der Film sei „quirlig und mit ein paar Ecken, aber eben nicht so, dass es weh tut. Mehr auf eine Art, dass das ‚etwas andere‘ Publikum ab und zu mal ‚Huch!‘ sagen darf, um dann herzlich und ein bisschen beschämt zu lachen“ – und ich war damit wie immer einer der Letzten, dem das auffiel.

Aus dem in den Mainstream dringenden Independent-Kino, das noch immer irgendwie gegen das konservative Filmästhetik- und Gesellschaftsbild Hollywoods rebelliert, war zu dem Zeitpunkt längst ein Kino für die Prenzlberg-Generation geworden, die sich an ein bisschen Abwegigkeit erfreuen, damit aber ja nicht aus ihrem trotz aller „Kanten“ doch sehr bequemen Lebensentwurf herausgerissen werden will. Man darf sich durchaus mit Chris Holmlund (auch hier) fragen: „Has Indie become merely a brand, a label to market biggish budget productions that aim to please many by offending few?“ (Holmlunds Antwort ist differenzierter als meine Schlussfolgerungen es hier leisten können, es lohnt sich, seinen Einleitungs-Essay zu lesen, auch wenn er schon fünf Jahre alt ist.)

Der amerikanische Independent-Film in der Form, wie er sie in den letzten zwanzig Jahren erreicht hatte, ist also mehr oder weniger dahin: er wird nicht mehr finanziert oder er ist so weit aufgeweicht, dass er seinen eigenen Ansprüchen eigentlich nicht mehr genügt. Das heißt dennoch nicht, dass er tot ist, denn gleichzeitig ist es nie einfacher geworden, einen Film mit geringem Budget und einer gewissen Portion Frechheit zu realisieren und über viele neue Kanäle in die Welt zu pusten, sei es über Video on Demand, Videoplattformen wie YouTube, den gigantischen weltweiten Festival-Circuit, Direct-To-DVD und so weiter und so fort. Es muss nur der nächste findige Geschäftsmann des Wegs kommen, der in rund zehn Jahren dem neu gewachsenen Untergrund wieder zu einer breiten Öffentlichkeit verhilft.

Erste Ansätze für eine interessante neue Indie-Strömung hat Kai Mihm beispielsweise in epd Film 10/09 aufgezeigt. Seiner Ansicht nach beginnen Filmemacher wie Jeff Nichols, Craig Brewer, David Gordon Green und Kelly Reichardt schon mit der Etablierung einer neuen amerikanische Filmkultur abseits des Mainstreams in der amerikanischen Provinz. Es bleibt also spannend im Indieland.

Bonus-Track: Eine ziemlich gute Montage aus Noughties-Filmen [via Fünf Filmfreunde]

Dieser Beitrag ist Teil 17 der Serie
Zehn zu Null – Eine Dekade voller Filme (Zweite Staffel)
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