Für mein polemisches Thesenstück zur deutschen Filmblogosphäre habe ich neun deutschsprachige Filmblogger per E-Mail interviewt. Die Auswahl erfolgte nach persönlichem Geschmack und relativer Findbarkeit im Netz.

Sollte ich irgendwann mal dem Print endgültig den Rücken kehren und mein „epd film“-Abo kündigen, ich glaube, ich würde stattdessen regelmäßiger „critic.de“ lesen (wenn ich überhaupt mal Kritiken lesen würde, bin ja mehr so der Meta-Film-Mensch). Klar, bei der Autorenliste sind die Texte natürlich nicht nur gelegentlich etwas verkopft, aber – so merkwürdig das klingt – ich finde, das ganze wird ausgeglichen durch das ruhige und klare Design der Seite und die außergewöhnlich gute Navigierbarkeit.

„critic.de“ hat (ähnlich wie „Moviepilot“) meiner Ansicht nach das Zeug zum „Leitmedium“ (einen Begriff, den ich bald noch einmal näher erläutern werde, weil er viele schlechte Assoziationen geweckt hat). Zumindest ist klar: Wenn hier mal was passiert, erfährt es filmnetzweite Beachtung – zurecht. Mehr davon!

„critic.de“-Chef Frédéric Jaeger hat bereits kommentiert, dass er sich in meiner „Beschreibung nicht wieder[findet]“, aber ich glaube, da haben wir uns (wahrscheinlich aufgrund meiner Zuspitzung) missverstanden. Seinen Interview-Aussagen kann ich mich jedenfalls zu großen Teilen anschließen.

Beschreibst du kurz in eigenen Worten, was ihr bei critic.de macht, warum, wie lange schon, und wie es dazu kam?

Bei critic.de betreiben wir seit 2004 Filmkritik, wie wir sie verstehen. Filmkritik ist eine Haltung und eine journalistische Textgattung, die Haltung ist mir um Längen wichtiger. Angefangen hat es aus Verdruss über bestehende, konservative und marktschreierische Onlinemagazine und aus dem Vergnügen daran, etwas eigenes aufzubauen. Die Unabhängigkeit von ökonomischen Interessen bei der Gestaltung unseres Magazins war einer der Grundsätze. Der zweite, Film als Ausdrucksform oder Sprache zu betrachten (mehr denn als Vehikel), stammt sicherlich maßgeblich aus dem Filmwissenschaftsstudium, das viele Autoren verbindet. Ein dritter Grundsatz kam erst über die Jahre hinzu: Wir wollen uns einsetzen für eine Filmkultur in Deutschland, die ein Selbstbewusstsein jenseits von Quartalszahlen und Oscarnominierungen kennt, die sich weder hinter öffentlich-rechtlichen Relevanzkriterien (Themenfilme, leichtverdaulich aufbereitet und quotenfixiert) versteckt, noch einer sogenannten Professionalisierung hinterherhechelt, die fast immer an Unvermögen und fehlenden Mitteln scheitern muss (gute Beispiele sind zuletzt Til Schweiger und Oskar Roehler, die auch immer die Qualität ihres „Handwerks“ glauben betonen zu müssen). Wir treten ein für eine Filmkultur, die gleichermaßen experimentell, forschend und lustvoll ist.

Auch wenn ihr von der Form nicht hundertprozentig blogähnlich seid, empfinde ich euch als Blog. Wie seht ihr euch selbst?

An guten Blogs schätze ich, dass die Autoren voll und ganz einstehen für ihre Meinung, sich nicht in journalistische Distanz oder Anonymität zurückziehen. Als Medium, das sich insbesondere durch Meinungsartikel, persönliche Freiheiten und Engagement definiert, sind wir also wirklich kaum unterscheidbar von Blogs. Dass wir formal (d.h. technisch) kein Blogsystem haben, ist sicherlich irrelevant. Wichtig ist uns aber, ganz wie bei redaktionell organisierten Blogs, dass wir uns in der Redaktion überlegen, welche Filme, Regisseure und Themen wir ins Zentrum rücken möchten, und darüber mit unseren Autoren kommunizieren. Allerdings ist das nicht streng hierarchisch zu verstehen. Viele schöne und wichtige Artikel entstehen, weil die Autoren selbst die Idee dazu haben. Last but not least gibt es bei uns einen ausführlichen Redigierprozess, in dessen Zuge wir auch oft zu mehreren über die Erstfassungen gucken und sie diskutieren und mit dem Autor zusammen überarbeiten. Das ist vor allem wichtig bei Einsteigern, aber dazu kommen wir in der nächsten Frage.

Viele von euren Autoren werden anderswo auch für’s Schreiben bezahlt oder haben Filmstudiengänge studiert. Denkst du, man braucht irgendeine Art von professionellem Hintergrund, um sinnvoll über Film bloggen zu „dürfen“?

Das Schöne ist ja, dass es keine Instanz gibt, die die Lizenz zum Kritiker oder Blogger erteilt. Zum Glück, denn sonst würden uns sicherlich Stimmen fehlen, die etwa Zeitungsredakteuren nicht stromlinienförmig genug wären. Nur: Übung beim Schreiben und Sehen ist wichtig, und das passiert nicht von alleine. Erst in der Kommunikation mit anderen lernen wir es besser zu machen, auch die Filme einzuordnen und zu „lesen“. Weil uns so etwas wie die filmische Perspektive, der Zugriff auf Fiktion und Welt, sowie deren Vermittlung als ganz zentral erscheinen, würde ich durchaus für eine filmische Bildung plädieren. Die muss nicht über Universitäten laufen, aber am obsessiven Sehen, Lesen und Schreiben führt nichts vorbei.

Was ist euer Ziel mit critic.de, und wonach wählt ihr eure Themen aus?

Abgesehen von unseren weiter oben genannten Grundsätzen verfolgen wir sicherlich mehr unterschiedliche Ziele, als Autoren für critic.de schreiben. Zweifelsohne steht im Zentrum die Kommunikation und Übersetzung unserer Leidenschaft, unserer persönlichen Entdeckungen, unserer Thesen und Ansätze ins Schriftliche. In Zeiten wachsenden (kommerziellen) Drucks auf die Kritik, ihre Unabhängigkeit aufzugeben, wollen wir freilich auch ein Gegengewicht darstellen. Im Alltag motiviert unsere Entscheidung für bestimmte Themen allerdings immer das persönliche Interesse. Es muss klar sein, dass wir weder Filme bevorzugen, weil sie kleine Budgets haben, noch große Produktionen für ihr Kapital benachteiligen. Arthaus oder Festivalfilme sind nicht besser als Genrebeiträge. Im Zweifelsfall rücken wir gerne Ränder ins Zentrum, aber die kritische Auseinandersetzung mit Mainstream ist hierzulande ebenso marginal und förderungsbedürftig.

Hast du den Eindruck, dass es darüber hinaus so etwas wie eine deutschsprachige Film-Blogosphäre gibt, in der die Blogs miteinander kommunizieren? Wenn ja, kannst du sie beschreiben?

Das fällt mir schwer zu beurteilen. Es gibt regen Austausch auf Plattformen wie Facebook zwischen miteinander bekannten (Online) publizierenden Filmnerds, zu denen ich mich auch gerne zähle. Und natürlich gibt es Blogrolls. Aber es fehlen doch ein wenig die Netzwerkeffekte, was möglicherweise mit der grundlegenden Tendenz in Deutschland zusammenhängt, im eigenen Blog oder Magazin nur wenig die Artikel anderer zu zitieren. Neben film-zeit.de fehlt vielleicht auch ein Aggregator, der den Austausch anregen könnte.

Würdest du mir zustimmen, wenn ich behauptete, dass ihr eines der Leitmedien innerhalb der Film-Netz-Sphäre seid? Ein Ort, den zumindest irgendwie alle kennen und wahrnehmen?

Mit meinem Verständnis des Netzes verträgt sich der Begriff des Leitmediums schlecht. Wenn man so will, sind die Leitmedien Google und die Aggregatoren. Als Knotenpunkt würde ich uns allerdings schon gerne sehen. Jedenfalls sind solche Rückmeldungen von Kollegen durchaus ein Ansporn, die Arbeit, die wir uns machen, fortzusetzen und critic.de immer weiterzuentwickeln. Für 2013 haben wir zum Beispiel eine große Blattkritik geplant, wo wir Kollegen und interessierte Filmemacher einladen wollen, mit uns gemeinsam über Schwächen und Stärken von critic.de zu diskutieren und über die Zukunft nachzudenken.

Gibt es in ebendieser Film-Netz-Spähre so etwas wie eine Grenze zwischen Arthaus-Liebhabern und Mainstream-Liebhabern? Falls ja, gibt es Berührungspunkte?

Eine solche Trennung gehorcht lediglich einer Marktlogik, die Filme in Segmente unterteilt und Zielgruppen zuspricht. Mit der Bedeutung von Filmen für den einzelnen Zuschauer hat das wenig zu tun. Eine sinnvollere Grenze ließe sich vielleicht zwischen denjenigen ziehen, die Filme als Konsumwaren verstehen, die mehr oder weniger den Durst stillen oder satt machen, und denjenigen, die versuchen, Filme zu verstehen. Ich glaube zwischen diesen beiden Gruppen gibt es recht wenig Berührungspunkte, nur manchmal eher zufällig durch persönliche Bekanntschaften, und da führt die Kommunikation ohnehin meistens zu Missverständnissen.

Wie regelmäßig und wie wertvoll ist das Feedback, das ihr von euren Lesern bekommt?

Feedback gibt es viel und von unterschiedlichster Seite. Wertvolle Rückmeldungen (die über Lob oder Leid hinausgehen) sind rar, und Diskussionen entstehen zu selten. Die wichtigsten Impulse kommen tatsächlich aus persönlichen Gesprächen mit Lesern, für die wir sehr dankbar sind.

Welche Blogs (über Film und drumherum) liest du selbst? Zu welchem Zweck?

Ich lese viel und nicht alles regelmäßig. Gerne auch auf Englisch oder Französisch. Einen Zweck verfolge ich beim Lesen nicht. Um nur ein paar deutsche Blogs zu nennen: „Eskalierende Träume“, „Filmtagebuch“, „Dirty Laundry“, „Revolver“, „Perlentaucher“, Cargo, „Wayward Cloud“, „Artechock“, „Getidan“. Und doppelt so viele habe ich sicherlich gerade ausgelassen. Beim Lesen orientiere ich mich im Übrigen öfter an einzelnen Autoren als an Publikationsorganen.

Wie würde der Komplex „Schreiben über Film im Netz“ in einer perfekten Welt aussehen?

Perfekte Welten widerstreben mir. Nach der Logik der geringsten Widerstände dürfte ich nicht in Deutschland über Film als Kunstform schreiben wollen. Die unhaltbaren Missstände in der Filmpolitik und der Filmkultur fördern hoffentlich die vereinende Kraft zutage, gegen sie aufzubegehren. Das ist eine Utopie, mit der ich mich identifizieren kann: ein Kampf freilich, aber ein gemeinsamer.

Es gibt keine deutsche Film-Blogosphäre. Ich habe wochenlang überlegt, wie ich diesen Artikel beginnen soll, unter Lese- und SEO-, unter Ego- und Zielpublikums-Gesichtspunkten, aber letztendlich bringt es ja doch nichts, lange um den heißen Brei herumzureden. Ich bin der Meinung, dass die deutschen Medien zum Thema Film im Netz kaum etwas miteinander verbindet, was unter eine „Sphäre“ Platz hätte. Mein Bauchgefühl war das schon länger, aber meine Beobachtungen des letzten halben Jahres und die Interviews, die ich geführt habe, haben es zum großen Teil bestätigt.

Das hier ist eine Streitschrift. Aber ich will nicht stänkern. Ich will zum Diskutieren anregen, indem ich zwei meiner Leidenschaften verbinde und Medienjournalismus über Filmjournalismus mache, was viel zu selten passiert. Weil ich zur Diskussion anregen will, habe ich meine Meinung auf vier Thesen zugespitzt und lehne mich für’s erste nur auf die Zitate, die sie bestätigen. Ich hoffe natürlich, dass die kommende(n) Woche(n), wenn ich nach und nach auch die vollen Texte der Interviews hier veröffentliche, tatsächlich über die Thesen diskutiert wird und die Bandbreite der Meinungen damit klarer wird.

Ich weiß, dass – wenn überhaupt – auch auf Facebook und Co. diskutiert werden wird, aber denkt auch daran, dass die zweite Absicht dieser Artikel ist, die deutsche Film-Blogosphäre vielleicht doch noch zu einer zur machen. Hört auf Papa Haeusler.

These 1: Es gibt keine deutsche Film-Blogosphäre

Vielleicht ist meine Wahrnehmung schief, und ich verstehe unter einer Blogosphäre das falsche. Für mich ist das Bild des Netzes wichtig, das einzelne Knoten miteinander verbindet, darüber aber eben das der Sphäre, die wie eine Glocke, wie ein Himmelszelt, über allem schwebt. Wenn man von der „deutschen Blogosphäre“ spricht, denken doch hoffentlich alle ungefähr an dasselbe. Die deutsche Blogosphäre, das sind die, die sich jedes Jahr auf der re:publica treffen, ihre Gallionsfiguren sind Leute wie Lobo, Beckedahl, Gröner, Häusler, Borchert – unsere digitale Bohème. Die gehören irgendwie zusammen, denkt man sich so. Die reden miteinander und hecken bestimmt gemeinsam einen Plan aus, stecken unter einer Decke vor allem auch gegen die etablierten Printmedien, die uns immer noch erzählen wollen, Bloggen wäre minderwertiges Schreiben.

Kleinere Blogosphären gibt es wohl auch für bestimmte Themen. Essen. Technik. Gadgets. Medien. Mode. Aber nicht für Film. Zumindest nicht in Deutschland. Im englischsprachigen Raum hat man das Gefühl, dass sich die Blogger untereinander kennen und gleichzeitig jeder für sich und alle zusammen arbeiten. „Ich denke da schwärmend an Comic-Con-Videologs, in denen Autoren von /Film, Collider, First Showing, Joblo und Cinema Blend wie Kumpels zusammenhängen“, schreibt mir Sidney Schering alias Sir Donnerbold. Und fügt dann hinzu: „Das scheint es hier nicht zu geben.“

In Deutschland gibt es höchstens Cluster. Sozusagen: Mini-Blogosphären. Einen dieser Cluster nennt Ciprian „Chip“ David von „Negativ“, die „Berliner Elite“. Christoph Hochhäusler, der selbst ein Teil davon ist (und einer der wenigen deutschen bloggenden Filmemacher), nennt sie natürlich nicht so, antwortet aber mit den gleichen Namen wie Chip auf die Frage, ob es eine deutsche Blogosphäre gibt: „Ja die gibt es. Zwischen new filmkritik (als einer der ältesten Seiten dieser Art in Deutschland) und Cargo und critic.de und Lukas Förster und Thomas Groh und The Wayward Cloud und Eskalierende Träume und auch Revolver natürlich gibt es viele Verbindungen.“ Und dann schreibt er, es gebe auch „andere Cluster dieser Art“ (daher habe ich mir dann auch den Begriff geborgt).

Ein weiterer Cluster gruppiert sich zum Beispiel um moviepilot.de. Zu diesem würde ich die „Fünf Filmfreunde“ zählen, das größte deutsche Filmblog, und das einzige, das auf meine Kontaktanfrage leider nicht reagiert hat – denn „Batzman“ Oliver Lysiak arbeitet bei Moviepilot, ähnlich wie etwa Jenny „The Gaffer“ Jecke. Und ich würde auch noch Sascha Brittner von pewpewpew.de dazuzählen, einfach weil er mit seinem Blog ähnlich erfolgreich ist und auf Twitter von den gleichen Luten verlinkt wird (er hat das selber nie gesagt). Und zu Sascha gehört dann wiederum Stefan Rybkowski und ein paar mehr.

Das „Medienjournal“ vereint noch ein paar Leute, die relativ weit weg sind vom „professionellen“ Bloggen, aber gerne über Filme im Netz schreiben, die sie mögen, mit seinem „Media Monday“. Kein Wunder also auch, dass Wulf Bengsch von „Medienjournal“, der Meinung ist, dass „die deutsche Filmblogosphäre mehr als quicklebendig ist“ und „einen regen Austausch untereinander pflegt“.

Ich glaube aber, dass das nicht stimmt. Es findet insgesamt kein Austausch statt, sondern eben nur in solchen Clustern, die nur sehr wenig Berührungspunkte haben. Einer der Gründe dafür ist meine These zwei.

These 2: Den deutschen Netzfilmschreibern fehlen die deutschsprachigen Leitmedien

Die Frage war eine der kontrovers beantworteten in meinem Mail-Fragebogen. Brauchen wir überhaupt Leitmedien? Ist das Leitmedium einfach „Facebook, Traurig aber wahr“ wie Martin Beck meint? Weil dorthin die Diskussion abgewandert ist? Oder sind es einfach die großen amerikanischen Filmseiten wie /film, Twitchfilm oder Collider, von denen alle deutschen Blogs ihre Informationen bekommen (und deren Autoren übrigens – das muss man an dieser Stelle einmal mindestens sagen – bezahlt werden)? Eine definitive Antwort konnte mir jedenfalls niemand geben. Niemand konnte mir eine Seite nennen, die jeder, der in Deutschland über Film bloggt, lesen sollte, einfach aus Prinzip, egal ob er sie gut findet oder nicht (wie etwa turi2 im Medienjournalismus).

Klar, es geht „nichts an den Fünf Filmfreunden vorbei“ (Sascha Brittner), aber die „Fünf Filmfreunde“ posten Trailer und Infos weiter über einen sehr begrenzten Radius von Filmen, und die Infos kommen fast immer von den US-Seiten. „Es gibt natürlich beliebte Filmblogs und Aushängeschilder wie die fuenf-filmfreunde.de, über die man garnicht nicht stolpern kann, wenn man den deutschen Film-Blog-Wald durchforstet, wie auch die grossen Filmportale wie Moviepilot.de. Letztere sind jedoch viel zu breit aufgestellt, inhaltlich verwässert und selten mit Charakterköpfen besetzt“, sagt Severin Auer von ANIch. Die Antwort? „Wir brauchen mehr und selbstbewusstere Aggregatoren, die eine Art Portalfunktion übernehmen und vielleicht auch bestimmte Fragen ‚plakatieren‘, den Streit organisieren, die Arena dafür bieten“, sagt Christoph Hochhäusler.

Das einzig Dumme dabei? Die paar Seiten, die es wirklich versucht haben; die wirklich versucht haben, auf einem hohen Niveau umfangreich zu informieren und zu deutschen Leitmedien neben den großen Printmarken zu werden, sind eingeknickt. Martin Beck, der „so eine Art deutsches Twitch“ mit reihesieben.de bauen wollte, stellte fest, dass sich das „einfach nicht stemmen ließ“. Und den prominentesten Untergang (inklusive Wiedergeburt) hatte sicherlich „Negativ“:

„Nach zwei Jahren wurde uns klar, dass ohne angemessene Gehälter die Wenigsten auf Dauer motiviert bleiben, eine immer größer werdende Seite zu betreiben und dass diese Seite sich immer mehr thematisch und qualitativ einem wirtschaftlichen Diktat unterordnet, und sich somit von unserem ursprünglichen Ideal, gut und immer besser über Film zu schreiben, entfernte. Als es klar wurde, dass die wirtschaftliche Ausrichtung in eine Sackgasse führte und das Verfolgen dieses Ziels für einige von uns Selbstdestruktion oder zumindest geistige Stagnation bedeutete, zogen wir die Notbremse.“
– Ciprian David

Wir brauchen also einen guten, deutschsprachigen Aggregator. Ein Must-Read-Blog, das die deutsche Film-Blogosphäre irgendwie über ihre Cluster hinweg eint und Diskussionen befeuert. Denn:

These 3: Die guten Inhalte, die es gibt, werden nicht gefunden

Als ich damit anfing, die deutschen Netz-Filmschreiber zu vermessen, habe ich mir Blogrankings angeschaut und mich von da an weiter vorgearbeitet. Ich fand einiges, was mir gefiel, einiges, was ich langweilig fand. Aber viel interessanter fand ich, dass ich manchmal Monate später noch auf Blogs stieß, von denen ich noch nie zuvor etwas gehört hatte (und nein, sie waren nicht erst in der Zwischenzeit entstanden).

Es ist nämlich mitnichten so, dass alle nur entweder private Filmtagebücher führen oder Trailernews von großen US-Seiten abschreiben (wie ich am Anfang dachte). Nein, es gibt Leute, die fantastische Ideen haben, die mit Stills arbeiten wie die Könige, die interessante Meta-Analysen über ganze Genres oder Epochen fabrizieren. Aber eben auch sehr gute Blogs, die auf bestimmte Themen spezialisiert sind. Es gibt sogar etwas, was mir im deutschen Filmjournalismus generell oft fehlt, den „typischen US-Mix aus Wissen und Passion“ (Sidney Schering) – den Willen, Service für unerfahrene zu bieten, diesen aber leidenschaftlich rüberzubringen (zu meinen persönlichen Favoriten gehören, auch der Themen wegen, „Digitale Leinwand“ und das Blog eben von Sidney Schering, „Sir Donnerbolds Bagatellen“).

Aber:

Es gibt regen Austausch auf Plattformen wie Facebook zwischen miteinander bekannten (Online) publizierenden Filmnerds, zu denen ich mich auch gerne zähle. Und natürlich gibt es Blogrolls. Aber es fehlen doch ein wenig die Netzwerkeffekte, was möglicherweise mit der grundlegenden Tendenz in Deutschland zusammenhängt, im eigenen Blog oder Magazin nur wenig die Artikel anderer zu zitieren.
– Frédéric Jaeger, critic.de.

Also (und ich kann mich da selber nur mit einschließen): Vertraut nicht auf die Blogrolls, auf die Twitterfeeds und Facebook-Updates. Radikal gesagt: Wer sich nicht zu schade dafür ist, einem neuen Trailer zu Film X einen Blogpost zu widmen (vielleicht auch in der Hoffnung auf Klicks), der kann auch die Arbeit eines Kollegen mit einem Blogpost würdigen. „Natürlich ist es sehr schön, wenn man als relevante Quelle erkannt wird, einige Seiten sind aber auch sehr erfolgreich darin, meine Inhalte umfassend zu kopieren und zu veröffentlichen, natürlich weder zitiert noch verlinkt“, sagt Gerold Marks von „Digitale Leinwand“. „Es ist auch für mich frustrierend, wenn ein lange erarbeiteter Artikel mit viel Rechercheleistung nur ein paar hundert Leser interessiert, das Publikum auf das neue Bild vom nächsten Star Trek-Film aber abfliegt wie Wespen auf Butterkuchen.“

Es ist ein ewig frommer und ewig unerfüllter Wunsch, dass der harte Journalismus mehr (oder genauso viel) Aufmerksamkeit erfährt, wie der grellste Boulevard. Die deutsche Film-Blogosphäre wird ihn nicht erfüllen können, aber sie kann zumindest ihr bestes geben, Juwelen auszugraben. „Da sind schon einige Perlen dabei, die leider nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen“, sagt Sascha Brittner. Allerdings:

These 4: Die nervige Trennung zwischen E- und U-Kultur lebt im Netz fort

Und damit wären wir wieder am Anfang. Einer der Gründe, warum die „Cluster“ nicht zueinander finden ist, dass ausgerechnet Film, das Medium, das Pop- und Hochkultur so gut vereint, wie kein anderes, noch immer von verschiedenen Seiten betrachtet wird. Und wer auch immer auf einer dieser beiden Seiten steht, scheint die andere Seite für vernachlässigbar zu halten.

Das Interessante, aber auch Tragische dabei ist, dass es anders als bei der traditionellen Hoch-/Pop-Demarkationslinie beim Schreiben über Film nicht mehr um das Objekt (also den Film) geht, sondern um das Subjekt, also den Autoren. Es geht also um das E und U innerhalb der Kritik. „Das Publikum ist heute sehr ausdifferenziert, entmischt sozusagen, und das schlägt auf das Kino zurück“, schreibt mir Christoph Hochhäusler. Man kann also die gleichen Genres lieben und trotzdem nicht miteinander reden wollen. Ist das nicht zum Kotzen?

Mir ist in meinen Interviews zum ersten Mal der Begriff „Stuntschreiber“ untergekommen. Martin Beck von „Reihe Sieben“ hat ihn benutzt. „Das sind verzwirbelte Typen, die vor allem dadurch auf die Pauke hauen, dass sie a) möglichst viele Fremdwörter in möglichst lange Sätze packen und/oder b) ihre ‚Meinung‘ immmer konträr zur kollektiven Empfindung postieren.“ Das klingt übel. Es hat mir zwar keiner so gesagt, aber ich habe das Gefühl, dass die andere Seite über die „Fan-Kultur“, die auf der anderen Seite der Linie herrscht, genauso denkt.

Eine meiner Ursprungs-Thesen, die sich nicht bestätigt hat, ist, dass die Linie zwischen „Profis“ und „Amateuren“ verläuft, also zwischen denjenigen, die Film oder Medien „gelernt“ haben, und denen, die einfach gerne Filme sehen. Ich glaube aber, es ist vielmehr einfach eine Einstellungssache. Ein Mangel an Bereitschaft, andere Sichtweisen zuzulassen. „Reine Filmblogs, noch dazu professionelle oder semiprofessionelle, scheinen mir im deutschsprachigen Raum doch giftiger zueinander zu stehen als US-Seiten“, sagt Sidney Schering.

Zusammenfassend: Bloggen ist in Deutschland immer noch als Niederes Schreiben verpönt. Im Filmbereich liegt das aber auch daran, dass die Film-Blogger keine Lobby haben und sich auch keine Mühe geben, eine zu bilden. Sie mosern lieber herum, statt sich gegenseitig zu unterstützen. Einfacher wäre das natürlich, wenn jemand voranschreiten würde, den es noch nicht gibt, mit dem sich aber FilmwissenschaftlerInnen und Fanboys und -girls gleichermaßen arrangieren könnten. Vielleicht kommt ein derart messianisches Blog eines Tages des Wegs, vielleicht nicht. Aber es könnte auf jeden Fall besser sein, als jetzt. Oder?

„Die unhaltbaren Missstände in der Filmpolitik und der Filmkultur fördern hoffentlich die vereinende Kraft zutage, gegen sie aufzubegehren. Das ist eine Utopie, mit der ich mich identifizieren kann: ein Kampf freilich, aber ein gemeinsamer.“ – Frédéric Jaeger, critic.de

Disclaimer: Ich entdecke täglich neue Filmseiten. Es ist also hoffentlich klar, dass es nicht beabsichtigt ist, dass ich manche Ecken der deutschen Filmblogosphäre wahrscheinlich völlig unbeleuchtet gelassen habe. Ciprian David kenne ich persönlich, wir haben ein oder zweimal lose gemeinsam über das Thema diskutiert.

Meine erste persönliche Bilanz gibt es hier.

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