Beim Planen der Themen dieser Serie hatte ich immer wieder auch darüber nachgedacht, über eine bestimmte Strömung der amerikanischen Komödie zu schreiben. Jene Strömung, die vor allem das Siegel eines Mannes trägt, der Kritiker und Publikum als Regisseur, Produzent und Drehbuchautor in den Noughties erfolgreich zum Lachen brachte: Judd Apatow, von Entertainment Weekly zum Smartest Man in Hollywood erklärt.

Mein Bedenken dabei war vor allem, dass es zum x-ten Mal ein sehr USA-zentrisches Thema sein würde, das nach meiner Einschätzung auch in Deutschland gar nicht so deutlich wahrgenommen wurde. Als ich dann aber einen Freund nach Themenvorschlägen für die Serie fragte, und er das Thema ebenfalls nannte, war ich dann aber doch überzeugt.

Die Filme, bei denen Judd Apatow seine Hand im Spiel hatte, zeichnen sich durch drei Hauptmerkmale aus, die ich im Folgenden kurz beschreiben möchte, man sollte aber vorausschicken, dass Apatow keine reine Geburt der Noughties ist. Als Autor, Produzent und schließlich auch als Regisseur hatte er sich in den Neunzigern im amerikanischen Fernsehen hochgearbeitet. Und auch seine direkten Vorfahren, vor allem Kevin Smith, hatten in den Neunzigern mit einer ähnlichen Formel bereits Erfolg, wenn auch nicht ganz so viel wie Apatow und seine Nachbarn, beispielsweise Todd Phillips und das sogenannte Frat Pack um Will Ferrell und Ben Stiller.

Was also zeichnet Apatows Filme (bisher vor allem: The 40-Year-Old Virgin, Knocked Up und Funny People als Regisseur und Autor, Walk Hard und Pineapple Express als Autor und Produzent und Superbad, Forgetting Sarah Marshall sowie mit Einschränkungen Anchorman, Talladega Nights, Step Brothers und Year One als Produzent) aus? Abgesehen davon, dass sie einen neuen Stamm von komischen Schauspielern (Seth Rogen, Jason Segel, Jonah Hill, Bill Hader) aufgebaut haben?

Für den amerikanischen Markt ist eines der wichtigsten Merkmale, dass Apatows Komödien R-Rated, also ohne Begleitung erst ab 17 anschaubar sind. Das erlaubt den Charakteren, so oft „Fuck“ zu sagen, wie sie wollen (und sie wollen häufig) und generell viel über Sex zu reden, was in der amerikanischen Komödie, ein traditionell ja eher familienfreundliches oder höchstens exkrement-derbes Genre, ein deutliches Zeichen für „NUR FÜR ERWACHSENE“ ist.

Auch Todd Philips (Old School, The Hangover) hat in Interviews darauf hingewiesen, dass es ihm wichtig ist, erwachsene Komödien zu machen. Man braucht sich nur einmal die deutsche Kontroverse um Keinohrhasen in Erinnerung zu rufen (im Film wird freigiebig über Cunnilingus geplaudert und er war zunächst ab 6 freigegeben), um zu sehen, dass Deutschland, und vermutlich ganz Europa, bei Sex, Gewalt und Altersfreigaben wie immer anders tickt.

Zweitens sind Apatows Filme in der Regel das, was Jeffrey M. Anderson Smart-Stupid nennt. Mit anderen Worten: Sie wirken an der Oberfläche zunächst oft dumm, dahinter steckt aber oft ein kluger Kern. Ich bin damals voll drauf reingefallen und hatte absolut keine Lust, The 40-Year-Old-Virgin zu schauen, weil Trailer und Kampagne mich darauf sensibilisiert hatten, einen Film voller Exkrementenwitze zu erwarten, statdessen bekam ich einen Film mit dem ein oder anderen derben Witz, aber auch ein bisschen Tiefgang und viel intelligentem Humor.

Cleverer absurd-ironischer Humor ist auch in den Frat Pack Filmen (Zoolander, Tropic Thunder und auch die oben genannten Talladega Nights und Anchorman) vorhanden, dort ist er aber ein wenig breiter aufgetragen, und die handelnden Charaktere sind eher Typen und Parodien als echte Menschen. Dennoch sind die Filme verwandt: Sie nutzen die Möglichkeiten von Albernheit und Derbheit, um eher subtile Sticheleien vor allem auf die moderne Wertegesellschaft loszuwerden und Bigotterie und Selbstgerechtigkeit (beispielsweise in Bezug auf Sexualmoral, Geschlechterbilder und Rassismus) bloßzustellen. Insofern passen auch die Filme von Sacha Baron Cohen und Larry Charles in diese Reihe.

Drittens schließlich reitet diese besondere Spielart der US-Komödie auf einer Welle, die durchaus auch mit dem Boom von fantastischen und Comic-Filmen in den Noughties zusammenhängt: Ihre Hauptfiguren sind Slacker, allerdings nicht mehr die desillusionierten Slacker der Generation X und von Richard Linklater, sondern die Slacker-Geeks, die Comics lieben und Actionfiguren sammeln – und am Ende trotzdem die tollen Frauen abbekommen. David Denby erkennt in Apatows Konstruktionen den „struggle between male infantilism and female ambition“ und verortet den Anfang dieser Bewegung in Stephen Frears‘ High Fidelity (2000) nach Nick Hornbys gleichnamigem Roman.

Meistens stellen Apatow und Co dabei ihrem Helden ein paar Comic-Relief-Sidekicks zur Seite, die noch schlimmer sind als dieser und ihn dadurch besser aussehen lassen, etwa in Knocked Up, The Hangover und Forgetting Sarah Marshall. Der infantile Mann wird dadurch zum Mann, der erwachsen werden kann, während er sich aber dennoch selbst treu bleibt. Es ist nicht auszuschließen, dass darin eine gehörige Portion Wunschtraum steckt, aber für die Selbstbehauptung der weltweiten Geekkultur hat es auf jeden Fall sein Scherflein beigetragen.

Bei Apatow ist das moralische Element – der geläuterte Held, die Selbsterkenntnis, die ehrliche Liebe (oder eben nicht) – dabei noch etwas stärker als bei seinen Nachbarn, die gerade diese Vor-allem-dies-dir-selbst-sei-treu-Moral gerne mit einem letzten Paukenschlag beiseite wischen. Wenn er in dieses Fahrwasser gerät, nähert sich Apatow manchmal sogar Jason Reitman (Juno) an, der dabei aber noch einen Hauch hipster-melancholischer ist. Es sei jedem selbst überlassen, wie sehr er sich mit Apatows Message identifizieren will.

The Hangover ist dieses Jahr für Golden Globe und Oscar nominiert (gewesen), noch scheint das Thema also zu ziehen. Mein persönlicher Eindruck ist allerdings, dass ein Teil des Publikums der Geek-Helden langsam auch überdrüssig wird, es wird also zu beobachten sein, ob Apatow weiter erfolgreich bleibt.

Noch ein paar Worte zur deutschen Komödie zum Abschluss, um nicht gänzlich in Amerika zu bleiben. Deren zwei größten Dickschiffe waren in den Nullern Michael „Bully“ Herbig und Til Schweiger. Herbig trieb die Nostalgie-Parodie auf die Spitze und war damit oft genug lustig, genauso oft aber auch so albern, dass es selbst mir zu doof wurde. Keinohrhasen hingegen (die Fortsetzung habe ich mir gespart) traf mit eben seiner spießig-deutschen Mischung aus Gedöns, Klamauk und Machismo perfekt den Nerv des deutschen Massenpublikums und verschenkte damit alle intelligenten Ideen und Momente, die dem Film durchaus stellenweise innewohnten. So. Das musste mal raus.

Mit Dank an Max

Dieser Beitrag ist Teil 18 der Serie
Zehn zu Null – Eine Dekade voller Filme (Zweite Staffel)
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