Als das Auto im Film in einen Tunnel fährt, beginnen die gelben Punkte auf dem Monitor zu tanzen. In einem Gitterkasten am rechten unteren Bildschirmrand fliegen sie von vorne nach hinten, immer wieder. Auf der Leinwand sieht man passend dazu die Lichter des Tunnels über dem Dach des Autos vorbeiziehen. Und weil jeder gelbe Punkt ein Geräusch darstellt, rauschen auch im Raum die Lampen mit einem deutlichen „Wuusch“ über einen hinweg.

Der Ort für dieses eindrucksvolle Klangerlebnis ist das frisch eingeweihte und zertifizierte Dolby Atmos-Studio der Babelsberger Firma Rotor Film. Der erste Film, dessen Tonspur hier im neuen Mischungsformat entstanden ist, heißt Lost Place, ein 3D-Mystery-Thriller aus unabhängiger deutscher Produktion, dessen Start gerade vom April in den September verschoben wurde.

Die optische Tonspur des Kinofilms wechselte, nach ihrem Sprung von Mono auf Stereo in den 70ern, schon Anfang der 90er Jahre unter allgemeiner Zustimmung auf digitale Formate. So wuchsen die bis dahin üblichen Stereokanäle auf insgesamt fünf plus einen Subwoofer-Kanal und ließ bisherige Experimente wie „Sensurround“, ein System mit erhöhtem Bassumfang aus Earthquake von 1974, damit hinter sich. Dass im Tonbereich trotzdem noch Luft nach oben ist zeigt aktuell eine neue Welle von sogenannten 3D-Audioformaten, von denen Dolby Atmos eines ist.

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Gefühlte Gemische

1. Mai 2013

Nach einer Idee von Christoph Hochhäusler

Es liegt nicht auf der Hand, dass ich heute mit Film arbeite. Zwar bin ich nicht medienlos aufgewachsen, aber doch mit einem wohlkontrollierten Medienkonsum. Mehr als eine halbe Stunde „Die Sendung mit der Maus“ war sehr lange nicht drin, einen eigenen Fernseher hatte ich erst mit 16. Ich habe jede Menge frühe Lese-Erinnerungen aber sehr wenige frühe Film-Erinnerungen.

Mein erster Kinobesuch muss The Jungle Book (USA 1967) gewesen sein, als der Film Weihnachten 1987 noch einmal ins Kino kam. Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, wirklich im Kino gesessen zu haben. Aber zu Fasching wollte ich auf jeden Fall King Louie sein. Meine Mutter bastelte mir ein Kostüm aus einem brauen Pullover und buntem Krepp-Papier.

Die ersten sechs Jahre meines Lebens wohnte ich mit meinen Eltern und meiner Schwester in einer Vier-Zimmer-Wohnung. Meine bevorzugte Abendbeschäftigung bestand darin, „Verlängerungstaktik“ zu fahren, also nach dem Zu-Bett-Gehen wieder aufzustehen, ins Wohnzimmer zu stiefeln und nach einem Glas Wasser oder Ähnlichem zu verlangen. Der eigentliche Zweck war natürlich, an den „erwachsenen“ Aktivitäten wie Fernsehen teilzunehmen.

Eines Abends wurde mir die Verlängerungstaktik zum Verhängnis, als ich just in dem Moment ins Zimmer kam, als die einzig gruselige Szene in Back to the Future (USA 1985) über die Mattscheibe flimmerte. Marty McFly erscheint seinem Vater im Strahlenschutzanzug, schockt ihn mit lauter Musik und erklärt, er sei „Darth Vader vom Planeten Vulkan“. Heute ein großartiger Geek-Witz, damals die Garantie für mehrere Wochen voller Albträume.

1991 zog meine Familie für fünf Jahre in die Niederlande, was mein Verhältnis zum Kino sowohl komplett veränderte, als auch nachhaltig prägte. Niederländer synchronisieren nicht. Bei Gängen ins Kino – anfangs noch mit Eltern, später zunehmend alleine, Mobilität war ja in einer Großstadt kein Problem mehr – lernte ich zwei Fremdsprachen gleichzeitig: Hollywood-Englisch und Untertitel-Niederländisch.

Ein Klassenkamerad hatte Terminator II – Judgment Day (USA 1991) auf VHS – seine Eltern waren in Sachen Medienkonsum wesentlich laxer als die der meisten anderen Freunde. Jedes Mal, wenn ihn jemand aus der Klasse besuchte, musste S. mit ihm Terminator gucken – auch mit mir. Vor der Szene mit der Milchtüte ließ ich mich aber von ihm warnen – und machte rechtzeitig die Augen zu.

Obwohl meine Kinolust mit zehn Jahren endgültig geweckt war, und ich zum Beispiel anfing, meine Kinokarten zu sammeln, war ich damals schon kein genauer Hingucker und bin es auch nie geworden. Kino war für mich immer ein Illusionsphänomen. Mich interessierten die Prozesse dahinter, über die ich vor allem in Zeitschriften wie „Limit“ und „TV Movie“ allerhand lernte. Mit der Video 8-Kamera meiner Eltern drehte ich eigene Stopptrickfilme und Flüge, in denen die Linse der Kamera den Blick aus dem Cockpit einfing.

Die Diskussion um Jurassic Park (USA 1993) war hart. Der Film hatte in Deutschland eine FSK 12, war aber in Holland ab 0 Jahren freigegeben. Ich war zehn und durfte nicht reingehen. Als der Film etwa ein Dreivierteljahr nach Kinostart noch einmal im „Rijksbioskoop“ lief – einem Kino, das Filme kurz vor Heimvideostart noch einmal für kleinen Preis wiederaufführte – gaben meine Eltern nach und ließen mich gehen. Vom sense of wonder beim Anblick der Dinos, über deren Erschaffung im Computer ich längst alles wusste, zehre ich bis heute.

Wenn Bekannte davon berichten, dass Sie Filme immer und immer wieder gesehen haben, muss ich passen. Spätestens ab 1995 war ich zu sehr von diversen anderen Hobbies besessen, die meisten davon hatten mit Fantasy-Rollen- und Kartenspielen zu tun und verschlangen meine gesamte Freizeit.

The Lion King (USA 1995) war einer der wenigen Filme, den meine Eltern für uns auf VHS kauften. Statt ihn immer wieder zu gucken, überspielte ich mir nur den Ton auf eine Kassette und transkribierte sie, lernte dabei weiter Englisch. Daher bleibt Disneys Meisterwerk der silbernen Ära der einzige Film, den ich fast komplett mitsprechen kann.

Alle meine Kindheits-Filmerinnerungen drehen sich also um Trick-Filme. Und bis heute ist es wohl das Erlebnis-Gemisch als Durch-Schauer und Verzaubert-Werder, die Kino für mich nach wie vor zum Faszinosum macht.

Fortsetzung folgt – falls gewünscht

Ich bin nicht nur ein großer Filmfan sondern auch ein Freund des Kinos. Also schmerzt es mich, mitzuerleben, dass ausgerechnet das Kino, mit dem ich großgeworden bin, das Bambi und Camera Kino in meinem Geburtsort Bad Schwalbach zum Jahresende seine Pforten geschlossen hat.

Das verwundert nicht. Obwohl der kleine Kurort Bad Schwalbach im Untertaunus von dem Problem vieler Provinzkinos verschont geblieben ist, in der nächstgrößeren Stadt ein Multiplex zu haben (Wiesbaden ringt seit Jahren darum, hat es aber nicht auf die Reihe bekommen), war die Geschäftslage, wann immer ich in den letzten Jahren in Bad Schwalbach vorbeischaute, nicht gerade rosig. Inhaber Volker Weis ist mittlerweile 68, seit über 40 Jahren im Geschäft und hat sich den Ruhestand redlich verdient. Das Kino hat er bis zuletzt als Familienbetrieb geführt, mit einigen wenigen Aushilfen – unter anderem, von 2000 bis 2004, mit mir.

Das besondere am Bambi und Camera ist für mich aber nicht nur, dass ich dort vier Jahre Karten verkauft und abgerissen, Popcorn geschaufelt und Getränke verkauft habe (und mich bis heute ärgere, dass ich nicht sofort gesagt habe, dass ich auch Vorführen lernen möchte). Mich hat auch immer beeindruckt, dass mein Ex-Chef das Kino konstant auf dem neuesten Stand gehalten hatte. Beide Säle, das Camera mit 125 Plätzen und das Bambi mit 74, waren mit Dolby 5.1 (das Camera auch mit DTS) ausgestattet, hatten immer saubere Leinwände und keine durchgesessenen Sitze – ganz im Gegensatz zu vielen anderen Kinos in kleinen Orten. Das Foyer wurde zuletzt 2002 renoviert. Zusätzlich gab es persönlichen Service vom Chef: Kurgäste wurden nach den späteren Vorstellungen in ihre Kliniken zurückgefahren. Dass es am Ende nicht mehr für eine Digitalisierung gereicht hat, kann ich angesichts der momentanen Lage gut verstehen.

Auf der Website des Kinos steht derzeit, dass eine Wiedereröffnung unter neuer Leitung geplant ist. Auch im Artikel des „Wiesbadener Kurier“ vom 29. Dezember 2010 heißt es, es gebe zwei Bewerber, die „andernorts schon kleinere Kinos [betreiben]“ (was sich etwa mit dem deckt, was ich bei meinem letzten Besuch an Weihnachten erfahren konnte). Es besteht also noch Hoffnung, dass die seit 1926 bestehende Kinotradition in Bad Schwalbach nicht stirbt.

Mir tut die Schließung trotzdem leid. Familie Weis war für mich seit über zehn Jahren eine freundschaftliche Bekanntschaft – und auch eine wertvolle Recherchequelle für die Stimmung „an der Basis“ in der Kinobranche. Selbst wenn das Bad Schwalbacher Kino wiedereröffnen sollte, für mich wird ein Besuch dort nicht mehr das gleiche sein. Ich wünsche Herrn und Frau Weis, Beate und Stefanie und Ralf dem Vorführer daher auch an dieser Stelle noch einmal alles Gute und hoffe für sie, dass auch die Zeit ohne Kino eine schöne wird.

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