Für mein polemisches Thesenstück zur deutschen Filmblogosphäre habe ich neun deutschsprachige Filmblogger per E-Mail interviewt. Die Auswahl erfolgte nach persönlichem Geschmack und relativer Findbarkeit im Netz.

„Negativ“ war zuerst mal die Konkurrenz. Zu einer Zeit, als ich noch in einer der fünf Trauerphasen zum langsamen Relevanzverlust von Screenshot war, gab es da plötzlich dieses neue Blog von (im Kern) Mainzer Filmwissenschaftlern, das auch noch gut war. Ich hatte wirklich Respekt vor dem, was Ciprian, Elisabeth und seine Crew dort aufbauen wollten, und mein Respekt wuchs nur noch, als sie sich im Sommer entschieden, umzusteigen auf das, was sie eigentlich wollten. So verschwurbelt manche der Textansätze auf „Negativ“ mir manchmal scheinen, ich finde die dortigen Autoren machen es richtig und mit ihrem ungewöhnlichen, reduzierten Design, gewinnen sie noch an Faszinationsfaktor. Bevor ich Thesen und Interviews hatte, entstand wohl auch mit aus dem Tapetenwechsel von „Negativ“ in mir der Wunsch, das Thema „Deutsche Filmblogs“ anzusprechen – und ursprünglich mal wollte ich nur mit Ciprian darüber reden.

Beschreibst du kurz in eigenen Worten, was ihr bei „Negativ“ macht, warum, wie lange schon, und wie es dazu kam?

Wir schreiben über Filme, Serien, Games, seltener über andere Themen, die mit visuellen Künsten zu tun haben. Wir versuchen uns auch in anderen Formen als der Kritik und hoffen, zu anderen Übersetzungen von Film in Text zu finden. Wir hoffen, der Online-Umgebung immer mehr, möglichst auch in der Form, gerecht zu werden – was nicht zwingend ein Gegebenes ist.

So oft es möglich ist, treffen wir uns, um als Gruppe über diese Künste zu reden, uns auszutauschen. Das klappt manchmal nicht, denn dann artet es in einen fröhlichen Umtrunk aus, doch jedes Treffen hinterlässt einige Textideen oder persönliche Bereicherungen für die Anwesenden. Ich denke, die meisten von uns schreiben, weil diese Künste nicht nur einen wichtigen Bestandteil unserer Leben ausmachen, sondern weil wir auch die Auseinandersetzung mit ihnen brauchen, und dazu gehört auch das Schreiben. In der jetzigen Form gibt es „Negativ“ seit knapp einem halben Jahr, gegründet wurde die Seite aber Anfang 2010, als einige Freunde sich eine eigene, zu ihrem Schreibrhythmus passende Plattform wünschten. Elisabeth und ich wurden mit der Zeit zu den Hauptbetreuern des Projekts und sind es heute noch.

Du hast es eben schon erwähnt: Ihr habt anders angefangen als ihr jetzt auftretet. Kannst du beschreiben, was den Wandel hervorgebracht hat, wie er vonstatten ging und wie es euch jetzt mit dem Blog geht?

Am Anfang wollten wir ein Publikum, darum haben wir uns auch zusammengetan, der Idee nachgehend, dass mehr Texte zu mehr Aufmerksamkeit führen werden. Da dies relativ schnell geschah, sahen wir „Negativ“ als einen möglichen Karriereweg nach dem Studium und gaben der Seite eine immer kommerziellere Ausrichtung. Wir wurden zu einem richtigen Magazin, das im Durchschnitt über 20 Texte am Tag brachte und irgendwann sogar mehr als 50 mehr oder weniger aktive Autoren und Redakteure einte. Doch nach zwei Jahren wurde uns klar, dass ohne angemessene Gehälter die Wenigsten auf Dauer motiviert bleiben, eine immer größer werdende Seite zu betreiben und dass diese Seite sich immer mehr thematisch und qualitativ einem wirtschaftlichen Diktat unterordnet, und sich somit von unserem ursprünglichen Ideal, gut und immer besser über Film zu schreiben, entfernte. Als es klar wurde, dass die wirtschaftliche Ausrichtung in eine Sackgasse führte und das Verfolgen dieses Ziels für einige von uns Selbstdestruktion oder zumindest geistige Stagnation bedeutete, zogen wir die Notbremse. Nun sind wir eine offene Plattform, wo jeder schreiben kann, was er will. Wenn es Elisabeth und mir gefällt, dann wird es veröffentlicht. Wenn nicht, wird darüber diskutiert. Also weniger Blog, wie kuratierte Plattform, die prinzipiell jedem zur Verfügung steht.

Weil ich euch zum Teil persönlich kenne, weiß ich, dass die meisten von euch studierte Filmwissenschaftler aber keine gelernten Journalisten sind. Braucht man deiner Ansicht nach generell Qualifikationen, um über Film zu bloggen? Braucht man welche, um bei „Negativ“ zu bloggen?

Um zu bloggen, ließe sich allgemein behaupten, braucht man nur Lust am Schreiben. Um generell über Film zu bloggen braucht man Leidenschaft für Filme, für die Sprache und für das Schreiben. Essenziell ist meiner Meinung nach aber auch die Bereitschaft, sich mit seinem Thema wie mit dem Schreiben auseinanderzusetzen und diese zu perfektionieren, was mehr als nur learning by doing mit sich bringt. Nichts anderes verlangen wir bei „Negativ“, auch wenn wir das intern auf mehreren Seiten aufgeschrieben haben, die wir neuen Autoren zur Verfügung stellen.

Wonach wählt ihr heute eure Themen aus?

Alle schreiben über das, was sie beschäftigt, ob neu oder ein Jahrhundert alt. Das antworten wir auch allen, die bei uns anfangen wollen. Das macht das Schreiben schwierig, habe ich den Eindruck, besonders heute, wenn alle Augen der Schreiber instinktiv auf das Aktuelle gerichtet sind, aber ich denke, dass eine gute Seite so verfahren muss, denn so überwindet man die Schwelle der leichten Auswahl von Filmen, die gerade irgendwo zu einem Markt finden, und man findet schließlich zu sich selbst.

Wie messt ihr den Erfolg eures Blogs? Geht es noch um Erfolg und seid ihr in deinen Augen mit dem was ihr jetzt erreichen wollt, erfolgreich?

Erfolg im klassischen Sinne interessiert uns nicht mehr. Wir machen, was wir wollen, und das ist diesbezüglich synergetisch. Wir freuen uns, wenn Diskussionen, intern oder extern, um die Texte entstehen, wenn wir durch unsere Posts zu anderen finden, wenn wir die Landschaft bereichern können.

Bekommst du regelmäßig Feedback auf das, was du schreibst? Bist du im Dialog mit deinen Lesern?

Ja, Feedback gibt es, aber sehr selten auf dem klassischen Weg, durch die Kommentarfunktion. Das meiste passiert unter Freunden, die sich für ähnliche Themen oder für das Schreiben interessieren, und vor allem im Facebook, wo sich die meisten internetaffinen Filmschreiber zu einer großartigen Gemeinde mehr oder weniger zusammengetan haben. Nicht immer kompakt, doch genug, um zu wissen, wo man leicht zu einer Diskussion findet.

Welche Blogs (über Film und drumherum) liest du selbst? Zu welchem Zweck?

Ich lese primär Personen, nicht Blogs. Und da viele auf mehreren Plattformen schreiben, schaue ich selektiv auf sehr vielen Seiten. Abonniert habe ich nur 17 deutschsprachige Blogs, bei welchen die üblichen Verdächtigen schreiben: von Cargo, Revolver, new filmkritik über die Blogs von Thomas Groh, Lukas Foerster, Nikolaus Perneczky, sozusagen die Berliner Elite. Eine Ausnahme davon machen „Eskalierende Träume“ und „Hard Sensations sowie der Blog von Oliver Nöding. Ansonsten sehr viel auf Englisch (als Morgenkaffee „Fandor“ und „The Notebook“) und einiges auf Rumänisch, aber die Liste wird ansonsten zu lang.

Was mich dahin treibt, ist die Gewissheit, dass mich die Texte bereichern, ob durch Ideengehalt oder Schreibweise, viel weniger als einzelne Filmtitel. Jedenfalls sehe ich schon länger davon ab, Rezensionen-Magazine zu lesen, da ist die Monotonie der Texte zu groß.

Hast du den Eindruck, dass es so etwas wie eine deutschsprachige Film-Blogosphäre gibt, in der die Blogs miteinander kommunizieren? Wenn ja, kannst du sie beschreiben? Ist „Negativ“ Teil dieser Blogosphäre?

Ja, ich denke es gibt mehrere Blogosphären. Eine, um die Seiten, die ich lese, dann noch eine um Autoren der bekannteren Magazinen, und dann noch eine um Blogger, die aus einer Fan-Perspektive schreiben – die letzteren scheinen mir sogar am meisten miteinander zu kommunizieren. Ich denke aber, dass sich ein Großteil der Kommunikation von den Seiten hin zu Facebook verschoben hat. Vielleicht nicht in all diesen Sphären, aber zumindest in denen, die ich verfolge. Und dass man entsprechend nicht mehr nach Kommentaren die virale Reichweite eines Textes messen kann.

Was „Negativ“ betrifft, ist es mir sehr schwer etwas zu sagen. Diese Verbindungen scheinen zwischen Menschen zu entstehen, nicht zwischen Seiten, und manche von uns sind mit einigen in Kontakt, andere mit anderen, welche mit keinen.

Gibt es im Bereich Film im deutschsprachigen Web so etwas wie Leitmedien? Was wären die?

Die IVW-Statistiken sprechen dazu eine objektive Sprache, aber da ich die meisten dieser Seiten nicht besuche, kann ich nur über die eigene Interessensnische reden, in welcher die „taz“, die „FAZ“ und die „Zeit“, aber auch „Cargo“, „Revolver“, „Perlentaucher“ und „critic.de“ das sind, was ich Leitmedien nennen würde.

Nach deiner Beobachtung: Werden die Bereiche „Arthaus“ und „Mainstream“ beim Bloggen irgendwie anders behandelt?

Um pauschal zu antworten, ja. Auf einer ersten Ebene wird in den meisten Fällen nicht anerkannt, dass im Arthouse schon längst ein Mainstream existiert. Das hat vielleicht mit der Subversivität der Bezeichnung ‚Arthouse‘ zu tun. Es hat auch mit den Auswertungswegen in Deutschland zu tun, mit dem, was Programmkinos geworden sind und wie sie dennoch als Siegel für künstlerisches Kino wahrgenommen werden. Viele Filme der letzten Jahre machen deutlich, dass im Mainstream wie im Arthouse Differenzierungen nötig sind, darum würde ich am liebsten diese Kategorien gesprengt sehen. Namen von Regisseuren sind beispielsweise nicht automatisch ein Garant für die Erfüllungen einiger Erwartungen, ebenso wie Namen von Kritikern nicht ein Maßstab für den eigenen Blick sein sollen. Es gibt generell zu viel Konsens in der Filmkritik, manchmal selbst in der ernstzunehmenden Filmkritik, und das ist online grundsätzlich schlecht, denn die Blogs vervielfachen sich gegenseitig, anstatt sich zu bereichern.

Wenn du an der ganzen Sache mit dem Bloggen, wie es im Moment läuft, etwas ändern könntest, was würdest du ändern?

Ich werde hier etwas radikal sein, mir am liebsten die Idee der Blogs wegwünschen und stattdessen auf Autoren setzen. Es wäre schön, wenn es grob gesehen für jede Art des Schreibens eine Plattform gäbe, und nicht 100. Jeder könnte schreiben, wo er am besten reinpasst, und müsste nicht gleich versuchen, sein eigenes Blog zu pushen. Denn die Clickskämpfe sind nur verlorene Energie, wir haben das durchgemacht und es tut mir jedes Mal weh, wenn ich ein neues Projekt sehe, das vermutlich in wenigen Jahren im Sand verläuft, weil den Betreibern die Energie ausgeht. Aber wie kann man das jedem Neuen klarmachen, dass er doch bei einer bestehenden Plattform schreiben soll – da hat er natürlich eigene Träume bis zum Zerbrechen zu verfolgen. Und die Landschaft, anstatt qualitativ besser zu werden, fragmentiert sich weiter, vervielfacht sich unter neuen Blognamen.

Wäre es anders gewesen, hätten wir bei „Negativ“ vermutlich auch nicht zueinander gefunden, doch solche Plattformen wie Facebook ersetzen dieses Manko zu einem beträchtlichen Teil. Mit vielen Autoren, die nicht bei uns schreiben, kommuniziere ich über Facebook mehr als mit manchen unserer eigenen Autoren. Man soll sich eben nur trauen, Menschen, die einen interessieren, anzufreunden oder zu abonnieren.

Was hat dir das Bloggen gebracht? Was wird es dir noch bringen?

In erster Linie habe ich nach diesen Jahren eine Menge Bekannte und einige sehr gute Freunde gewinnen können. Und ich lerne seit dem ersten Text das Schreiben, das Filmeschauen, und die Beziehung zwischen den beiden. Was kann man sich mehr wünschen?

Es gibt keine deutsche Film-Blogosphäre. Ich habe wochenlang überlegt, wie ich diesen Artikel beginnen soll, unter Lese- und SEO-, unter Ego- und Zielpublikums-Gesichtspunkten, aber letztendlich bringt es ja doch nichts, lange um den heißen Brei herumzureden. Ich bin der Meinung, dass die deutschen Medien zum Thema Film im Netz kaum etwas miteinander verbindet, was unter eine „Sphäre“ Platz hätte. Mein Bauchgefühl war das schon länger, aber meine Beobachtungen des letzten halben Jahres und die Interviews, die ich geführt habe, haben es zum großen Teil bestätigt.

Das hier ist eine Streitschrift. Aber ich will nicht stänkern. Ich will zum Diskutieren anregen, indem ich zwei meiner Leidenschaften verbinde und Medienjournalismus über Filmjournalismus mache, was viel zu selten passiert. Weil ich zur Diskussion anregen will, habe ich meine Meinung auf vier Thesen zugespitzt und lehne mich für’s erste nur auf die Zitate, die sie bestätigen. Ich hoffe natürlich, dass die kommende(n) Woche(n), wenn ich nach und nach auch die vollen Texte der Interviews hier veröffentliche, tatsächlich über die Thesen diskutiert wird und die Bandbreite der Meinungen damit klarer wird.

Ich weiß, dass – wenn überhaupt – auch auf Facebook und Co. diskutiert werden wird, aber denkt auch daran, dass die zweite Absicht dieser Artikel ist, die deutsche Film-Blogosphäre vielleicht doch noch zu einer zur machen. Hört auf Papa Haeusler.

These 1: Es gibt keine deutsche Film-Blogosphäre

Vielleicht ist meine Wahrnehmung schief, und ich verstehe unter einer Blogosphäre das falsche. Für mich ist das Bild des Netzes wichtig, das einzelne Knoten miteinander verbindet, darüber aber eben das der Sphäre, die wie eine Glocke, wie ein Himmelszelt, über allem schwebt. Wenn man von der „deutschen Blogosphäre“ spricht, denken doch hoffentlich alle ungefähr an dasselbe. Die deutsche Blogosphäre, das sind die, die sich jedes Jahr auf der re:publica treffen, ihre Gallionsfiguren sind Leute wie Lobo, Beckedahl, Gröner, Häusler, Borchert – unsere digitale Bohème. Die gehören irgendwie zusammen, denkt man sich so. Die reden miteinander und hecken bestimmt gemeinsam einen Plan aus, stecken unter einer Decke vor allem auch gegen die etablierten Printmedien, die uns immer noch erzählen wollen, Bloggen wäre minderwertiges Schreiben.

Kleinere Blogosphären gibt es wohl auch für bestimmte Themen. Essen. Technik. Gadgets. Medien. Mode. Aber nicht für Film. Zumindest nicht in Deutschland. Im englischsprachigen Raum hat man das Gefühl, dass sich die Blogger untereinander kennen und gleichzeitig jeder für sich und alle zusammen arbeiten. „Ich denke da schwärmend an Comic-Con-Videologs, in denen Autoren von /Film, Collider, First Showing, Joblo und Cinema Blend wie Kumpels zusammenhängen“, schreibt mir Sidney Schering alias Sir Donnerbold. Und fügt dann hinzu: „Das scheint es hier nicht zu geben.“

In Deutschland gibt es höchstens Cluster. Sozusagen: Mini-Blogosphären. Einen dieser Cluster nennt Ciprian „Chip“ David von „Negativ“, die „Berliner Elite“. Christoph Hochhäusler, der selbst ein Teil davon ist (und einer der wenigen deutschen bloggenden Filmemacher), nennt sie natürlich nicht so, antwortet aber mit den gleichen Namen wie Chip auf die Frage, ob es eine deutsche Blogosphäre gibt: „Ja die gibt es. Zwischen new filmkritik (als einer der ältesten Seiten dieser Art in Deutschland) und Cargo und critic.de und Lukas Förster und Thomas Groh und The Wayward Cloud und Eskalierende Träume und auch Revolver natürlich gibt es viele Verbindungen.“ Und dann schreibt er, es gebe auch „andere Cluster dieser Art“ (daher habe ich mir dann auch den Begriff geborgt).

Ein weiterer Cluster gruppiert sich zum Beispiel um moviepilot.de. Zu diesem würde ich die „Fünf Filmfreunde“ zählen, das größte deutsche Filmblog, und das einzige, das auf meine Kontaktanfrage leider nicht reagiert hat – denn „Batzman“ Oliver Lysiak arbeitet bei Moviepilot, ähnlich wie etwa Jenny „The Gaffer“ Jecke. Und ich würde auch noch Sascha Brittner von pewpewpew.de dazuzählen, einfach weil er mit seinem Blog ähnlich erfolgreich ist und auf Twitter von den gleichen Luten verlinkt wird (er hat das selber nie gesagt). Und zu Sascha gehört dann wiederum Stefan Rybkowski und ein paar mehr.

Das „Medienjournal“ vereint noch ein paar Leute, die relativ weit weg sind vom „professionellen“ Bloggen, aber gerne über Filme im Netz schreiben, die sie mögen, mit seinem „Media Monday“. Kein Wunder also auch, dass Wulf Bengsch von „Medienjournal“, der Meinung ist, dass „die deutsche Filmblogosphäre mehr als quicklebendig ist“ und „einen regen Austausch untereinander pflegt“.

Ich glaube aber, dass das nicht stimmt. Es findet insgesamt kein Austausch statt, sondern eben nur in solchen Clustern, die nur sehr wenig Berührungspunkte haben. Einer der Gründe dafür ist meine These zwei.

These 2: Den deutschen Netzfilmschreibern fehlen die deutschsprachigen Leitmedien

Die Frage war eine der kontrovers beantworteten in meinem Mail-Fragebogen. Brauchen wir überhaupt Leitmedien? Ist das Leitmedium einfach „Facebook, Traurig aber wahr“ wie Martin Beck meint? Weil dorthin die Diskussion abgewandert ist? Oder sind es einfach die großen amerikanischen Filmseiten wie /film, Twitchfilm oder Collider, von denen alle deutschen Blogs ihre Informationen bekommen (und deren Autoren übrigens – das muss man an dieser Stelle einmal mindestens sagen – bezahlt werden)? Eine definitive Antwort konnte mir jedenfalls niemand geben. Niemand konnte mir eine Seite nennen, die jeder, der in Deutschland über Film bloggt, lesen sollte, einfach aus Prinzip, egal ob er sie gut findet oder nicht (wie etwa turi2 im Medienjournalismus).

Klar, es geht „nichts an den Fünf Filmfreunden vorbei“ (Sascha Brittner), aber die „Fünf Filmfreunde“ posten Trailer und Infos weiter über einen sehr begrenzten Radius von Filmen, und die Infos kommen fast immer von den US-Seiten. „Es gibt natürlich beliebte Filmblogs und Aushängeschilder wie die fuenf-filmfreunde.de, über die man garnicht nicht stolpern kann, wenn man den deutschen Film-Blog-Wald durchforstet, wie auch die grossen Filmportale wie Moviepilot.de. Letztere sind jedoch viel zu breit aufgestellt, inhaltlich verwässert und selten mit Charakterköpfen besetzt“, sagt Severin Auer von ANIch. Die Antwort? „Wir brauchen mehr und selbstbewusstere Aggregatoren, die eine Art Portalfunktion übernehmen und vielleicht auch bestimmte Fragen ‚plakatieren‘, den Streit organisieren, die Arena dafür bieten“, sagt Christoph Hochhäusler.

Das einzig Dumme dabei? Die paar Seiten, die es wirklich versucht haben; die wirklich versucht haben, auf einem hohen Niveau umfangreich zu informieren und zu deutschen Leitmedien neben den großen Printmarken zu werden, sind eingeknickt. Martin Beck, der „so eine Art deutsches Twitch“ mit reihesieben.de bauen wollte, stellte fest, dass sich das „einfach nicht stemmen ließ“. Und den prominentesten Untergang (inklusive Wiedergeburt) hatte sicherlich „Negativ“:

„Nach zwei Jahren wurde uns klar, dass ohne angemessene Gehälter die Wenigsten auf Dauer motiviert bleiben, eine immer größer werdende Seite zu betreiben und dass diese Seite sich immer mehr thematisch und qualitativ einem wirtschaftlichen Diktat unterordnet, und sich somit von unserem ursprünglichen Ideal, gut und immer besser über Film zu schreiben, entfernte. Als es klar wurde, dass die wirtschaftliche Ausrichtung in eine Sackgasse führte und das Verfolgen dieses Ziels für einige von uns Selbstdestruktion oder zumindest geistige Stagnation bedeutete, zogen wir die Notbremse.“
– Ciprian David

Wir brauchen also einen guten, deutschsprachigen Aggregator. Ein Must-Read-Blog, das die deutsche Film-Blogosphäre irgendwie über ihre Cluster hinweg eint und Diskussionen befeuert. Denn:

These 3: Die guten Inhalte, die es gibt, werden nicht gefunden

Als ich damit anfing, die deutschen Netz-Filmschreiber zu vermessen, habe ich mir Blogrankings angeschaut und mich von da an weiter vorgearbeitet. Ich fand einiges, was mir gefiel, einiges, was ich langweilig fand. Aber viel interessanter fand ich, dass ich manchmal Monate später noch auf Blogs stieß, von denen ich noch nie zuvor etwas gehört hatte (und nein, sie waren nicht erst in der Zwischenzeit entstanden).

Es ist nämlich mitnichten so, dass alle nur entweder private Filmtagebücher führen oder Trailernews von großen US-Seiten abschreiben (wie ich am Anfang dachte). Nein, es gibt Leute, die fantastische Ideen haben, die mit Stills arbeiten wie die Könige, die interessante Meta-Analysen über ganze Genres oder Epochen fabrizieren. Aber eben auch sehr gute Blogs, die auf bestimmte Themen spezialisiert sind. Es gibt sogar etwas, was mir im deutschen Filmjournalismus generell oft fehlt, den „typischen US-Mix aus Wissen und Passion“ (Sidney Schering) – den Willen, Service für unerfahrene zu bieten, diesen aber leidenschaftlich rüberzubringen (zu meinen persönlichen Favoriten gehören, auch der Themen wegen, „Digitale Leinwand“ und das Blog eben von Sidney Schering, „Sir Donnerbolds Bagatellen“).

Aber:

Es gibt regen Austausch auf Plattformen wie Facebook zwischen miteinander bekannten (Online) publizierenden Filmnerds, zu denen ich mich auch gerne zähle. Und natürlich gibt es Blogrolls. Aber es fehlen doch ein wenig die Netzwerkeffekte, was möglicherweise mit der grundlegenden Tendenz in Deutschland zusammenhängt, im eigenen Blog oder Magazin nur wenig die Artikel anderer zu zitieren.
– Frédéric Jaeger, critic.de.

Also (und ich kann mich da selber nur mit einschließen): Vertraut nicht auf die Blogrolls, auf die Twitterfeeds und Facebook-Updates. Radikal gesagt: Wer sich nicht zu schade dafür ist, einem neuen Trailer zu Film X einen Blogpost zu widmen (vielleicht auch in der Hoffnung auf Klicks), der kann auch die Arbeit eines Kollegen mit einem Blogpost würdigen. „Natürlich ist es sehr schön, wenn man als relevante Quelle erkannt wird, einige Seiten sind aber auch sehr erfolgreich darin, meine Inhalte umfassend zu kopieren und zu veröffentlichen, natürlich weder zitiert noch verlinkt“, sagt Gerold Marks von „Digitale Leinwand“. „Es ist auch für mich frustrierend, wenn ein lange erarbeiteter Artikel mit viel Rechercheleistung nur ein paar hundert Leser interessiert, das Publikum auf das neue Bild vom nächsten Star Trek-Film aber abfliegt wie Wespen auf Butterkuchen.“

Es ist ein ewig frommer und ewig unerfüllter Wunsch, dass der harte Journalismus mehr (oder genauso viel) Aufmerksamkeit erfährt, wie der grellste Boulevard. Die deutsche Film-Blogosphäre wird ihn nicht erfüllen können, aber sie kann zumindest ihr bestes geben, Juwelen auszugraben. „Da sind schon einige Perlen dabei, die leider nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen“, sagt Sascha Brittner. Allerdings:

These 4: Die nervige Trennung zwischen E- und U-Kultur lebt im Netz fort

Und damit wären wir wieder am Anfang. Einer der Gründe, warum die „Cluster“ nicht zueinander finden ist, dass ausgerechnet Film, das Medium, das Pop- und Hochkultur so gut vereint, wie kein anderes, noch immer von verschiedenen Seiten betrachtet wird. Und wer auch immer auf einer dieser beiden Seiten steht, scheint die andere Seite für vernachlässigbar zu halten.

Das Interessante, aber auch Tragische dabei ist, dass es anders als bei der traditionellen Hoch-/Pop-Demarkationslinie beim Schreiben über Film nicht mehr um das Objekt (also den Film) geht, sondern um das Subjekt, also den Autoren. Es geht also um das E und U innerhalb der Kritik. „Das Publikum ist heute sehr ausdifferenziert, entmischt sozusagen, und das schlägt auf das Kino zurück“, schreibt mir Christoph Hochhäusler. Man kann also die gleichen Genres lieben und trotzdem nicht miteinander reden wollen. Ist das nicht zum Kotzen?

Mir ist in meinen Interviews zum ersten Mal der Begriff „Stuntschreiber“ untergekommen. Martin Beck von „Reihe Sieben“ hat ihn benutzt. „Das sind verzwirbelte Typen, die vor allem dadurch auf die Pauke hauen, dass sie a) möglichst viele Fremdwörter in möglichst lange Sätze packen und/oder b) ihre ‚Meinung‘ immmer konträr zur kollektiven Empfindung postieren.“ Das klingt übel. Es hat mir zwar keiner so gesagt, aber ich habe das Gefühl, dass die andere Seite über die „Fan-Kultur“, die auf der anderen Seite der Linie herrscht, genauso denkt.

Eine meiner Ursprungs-Thesen, die sich nicht bestätigt hat, ist, dass die Linie zwischen „Profis“ und „Amateuren“ verläuft, also zwischen denjenigen, die Film oder Medien „gelernt“ haben, und denen, die einfach gerne Filme sehen. Ich glaube aber, es ist vielmehr einfach eine Einstellungssache. Ein Mangel an Bereitschaft, andere Sichtweisen zuzulassen. „Reine Filmblogs, noch dazu professionelle oder semiprofessionelle, scheinen mir im deutschsprachigen Raum doch giftiger zueinander zu stehen als US-Seiten“, sagt Sidney Schering.

Zusammenfassend: Bloggen ist in Deutschland immer noch als Niederes Schreiben verpönt. Im Filmbereich liegt das aber auch daran, dass die Film-Blogger keine Lobby haben und sich auch keine Mühe geben, eine zu bilden. Sie mosern lieber herum, statt sich gegenseitig zu unterstützen. Einfacher wäre das natürlich, wenn jemand voranschreiten würde, den es noch nicht gibt, mit dem sich aber FilmwissenschaftlerInnen und Fanboys und -girls gleichermaßen arrangieren könnten. Vielleicht kommt ein derart messianisches Blog eines Tages des Wegs, vielleicht nicht. Aber es könnte auf jeden Fall besser sein, als jetzt. Oder?

„Die unhaltbaren Missstände in der Filmpolitik und der Filmkultur fördern hoffentlich die vereinende Kraft zutage, gegen sie aufzubegehren. Das ist eine Utopie, mit der ich mich identifizieren kann: ein Kampf freilich, aber ein gemeinsamer.“ – Frédéric Jaeger, critic.de

Disclaimer: Ich entdecke täglich neue Filmseiten. Es ist also hoffentlich klar, dass es nicht beabsichtigt ist, dass ich manche Ecken der deutschen Filmblogosphäre wahrscheinlich völlig unbeleuchtet gelassen habe. Ciprian David kenne ich persönlich, wir haben ein oder zweimal lose gemeinsam über das Thema diskutiert.

Meine erste persönliche Bilanz gibt es hier.

Dass das, was ich Metakritik nenne – Filmkritiker, die über Filmkritik reden – zu meinen aktuellen Lieblingsthemen gehört, weil es meine journalistischen Felder Medien und Film so schön miteinander verschmilzt, ist kein Geheimnis. Umso mehr freut es mich, dass das Webmagazin „Negativ“, für die ich (Disclaimer) auch schon einmal etwas geschrieben habe, zu seinem ersten Geburtstag Interviews mit Filmkritikern geführt hat und weiter führt. Zwar muss ich anmerken, dass ich diese Art von „generischen“ Interviews mit durchnummerierten Fragen für verschenktes Potenzial halte – was aber dabei rauskommt, ist durchaus lesenswert, wenn man sich für Filmkritik auch auf einer Metaebene interessiert.

Rapunzel – Neu Verföhnt

28. November 2010

Es gibt einige Momente in Rapunzel, in denen niemand spricht. In diesen Momenten darf man noch einmal erleben, was Animationsfilm bedeuten kann: Charme und Emotionen übertragen, nur durch die Kraft von bewegten Bildern und nachempfundenen Gesten. Kurze Zeit später fangen dann alle wieder an zu reden und zu singen und der Zauber ist vorbei. Das liegt nicht einmal daran, dass Alexandra Neldel und Moritz Bleibtreu Sache als deutsche Synchronsprecher von Rapunzel und ihrem love interest Flynn Rider irgendwie schlecht machen würden, im Gegenteil. Es fällt einfach nur schwer, hinter all den kitschigen Phrasen irgendetwas anderes als Klischees zu entdecken. Zumal nachdem Filme wie Shrek und Verwünscht diese Klischees schon vor Jahren so treffend entlarvt haben.

Weiterlesen – meine erste Kritik für NEGATIV

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