„Blick in die Blogosphäre“ ist der neue Name für den viel zu verstaubt klingenden „Blogosphären-Hinweis“.

Wer in diesen Wochen die amerikanische Filmberichterstattung verfolgt, kann leicht den Eindruck gewinnen, die Welt bestehe nur noch aus Preisverleihungen. Seit die Golden Globes das Preisdomino losgetreten haben, verleiht alle Naselang irgendeine Gilde oder Akademie ihre Preise. Dabei wissen wir doch alle, dass es für das breite Publikum sowieso nur eine Zeremonie gibt, die zählt: die Goldstatuen der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die Oscars.

Mindestens ein Blog in Deutschland findet den Preiswahnsinn wahrscheinlich eher sexy als nervig. Laut „Über uns“-Seite aus einer StudiVZ-Gruppe entstanden beschäftigt sich „Die Academy“ fast ausschließlich mit Zahlen, Daten, Fakten und Meinungen rund um die Oscarverleihung. Und weil ich Blogs immer schon mal grundsätzlich positiv gegenüberstehe, die etwas anderes bieten als nur eine Sammlung von privaten Filmkritiken und mir der oberste Akademiker Stephan Ortmann schon ein paar Mal in Podcasts über den Weg gelaufen ist, dachte ich mir, ich nutze den günstigen Zeitpunkt, um „Die Academy“ auch hier mal vorzustellen – in Form eines kurzen Interviews mit Stephan.

Immer wieder wird beweint, dass die Diskussion aus den Blogs in die sozialen Netzwerke abgewandert ist. Bei euch war es anscheinend umgekehrt. Wie ist das Blog „Die Academy“ entstanden?

Das Projekt selber gibt es bereits seit 2006 als Patrick die Gruppe „And the OSCAR goes to…“ bei StudiVZ gründete. Ich bin irgendwann 2008 an Bord gekommen und so im Sommer 2012 rief ich dann die Seite ins Leben. Am Anfang war auch gar keine Seite geplant, sondern nur ein reines Forum als Ersatz für die StudiVZ-Gruppe, weil uns langsam die Technik in den Wahnsinn trieb mit gelöschten Themen.

Die eigentliche Idee zu „Die Academy“ war dann auch eher spontan, weil mir aufgefallen ist, dass es sehr viele US-Seiten mit dem Focus auf Awards gab (was ja auch irgendwie logisch ist), aber keine einzige im deutschsprachigen Raum. Es existieren zig Filmseiten und -blogs, aber kein deutsches Gegenstück zu „The Film Experience„, Awards Daily“ oder „Awards Circuit„. Und wenn wir die Kräfte bereits haben, warum dann nicht direkt eine komplette Seite? Das war der Gedanke und Patrick als Gruppengründer, Heiko und Johannes waren die ersten die an Bord kamen.

Unter „Redaktion“ stehen bei euch insgesamt 11 Namen. Wer sind die treibenden Kräfte hinter „Die Academy“ und wie stimmt ihr euch untereinander ab?

Die treibenden Kräfte hinter dem Projekt ist schon die Gründermannschaft bestehend aus Johannes, Heiko, Patrick und mir. Dazu kommen als regelmäßige Schreiber noch Dennis, Heidi und Stefan, die alle ihren wunderbar eigenen Stil haben. Die Abstimmung klappt tatsächlich blind und jeder kann eigentlich schreiben, worüber er möchte. Ich habe von Anfang an gesagt, dass es mir nichts ausmacht, wenn es zwei bis drei verschiedenen Kritiken zu einem Film gibt, denn jeder hat einen eigenen Stil um sein Filmerlebnis in Worte zu packen und warum sollte man das nicht zeigen weil zu einem bestimmten Film schon eine Kritik online ist? Wobei es aber schon so ist, dass ich mit Patrick, Johannes, Heidi, Melanie und Heiko im fast permanenten Kontakt stehe. Es ist also nicht so, als ob gar keine Kommunikation herrscht. Aber vorschreiben, was einer zu schreiben hat, gibt es nicht.

Kannst du beschreiben, woher eure Faszination für Filmpreise, und besonders für den Oscar, kommt? Anderswo wird auf die Preisfixiertheit ja gerne mal geschimpft, weil man Kunst nicht zueinander in Wettbewerb stellen sollte.

Meine Faszination für den Oscar muss mit der Verleihung 1997 und dem großen Gewinner Der englische Patient angefangen haben, als ich zum ersten Mal bewusst diese Statue in der Tageszeitung sah und mir im Panorama-Teil dann die Sieger durchgelesen habe. Richtig beschäftigt habe ich mich mit dem Thema dann ein oder zwei Jahre später als ich mir das wunderbare Buch „Der Oscar“ mit Mel Gibson auf dem Cover (das ich aber auch schon in der Ausgabe davor irgendwann 1995/1996 mal aus der Bücherei ausgeliehen hatte) vom leider verstorbenen Norbert Stresau in einer kleinen Buchhandlung in Bethel kaufte und wirklich zerlesen habe. Ich habe es noch immer und es wundert mich etwas dass es noch immer alle Seiten hat. So habe ich dann Jahr für Jahr die Gewinner durch die Tageszeitung mitbekommen und im TV schaue ich mir die Verleihung seit 2001 an, als Gladiator zum besten Film gewählt wurde.

Was das Thema „Kunst sollte man nicht zueinander in Wettbewerb stellen“ betrifft: Gerade bei Filmen, die ja noch viel visueller sind als jetzt zum Beispiel Bücher oder Gemälde, bietet es sich doch an zu vergleichen was man jetzt besser findet und einen Sieger zu küren. Es ist ja jetzt auch nicht so, dass wir jetzt alle die Academy Awards als die Krönung der Filmpreise ansehen. Patrick zum Beispiel ist ein großer Fan der BAFTAs, die seiner Meinung nach oft besser die Preise verteilen als die Oscar-Academy. Ich mag die Golden Globes fast einen kleinen Ticken mehr als die Oscars, weil dort auch Serien ausgezeichnet werden und es die schöne Unterteilung zwischen Drama und Comedy/Musical gibt. Außerdem dürfen dort alle essen und trinken und die Stimmung ist immer etwas gelöster und lockerer. Trotzdem bleibt der Oscar natürlich das Highlight der jeweiligen Saison und einigen wir uns darauf, dass es der prestigeträchtigste Filmpreis ist.

Beschreib doch mal, wie man den „Weg zu den Oscars“ am besten beschreitet, mit all seinen Statistiken, Gildepreisverleihungen usw. Bleibt dann am Ende überhaupt noch Spannung übrig oder weiß man sowieso, wer gewinnt?

Ich bin sogar der Meinung, dass es die offensten Oscars seit Jahren sind. Tief in Stein gemeißelt von den großen Kategorien sind nur Hauptdarstellerin und Nebendarsteller. Beim Rest sehe ich überall Zwei- bis Dreikämpfe: Film, Regie, die restlichen Darstellerkategorien und bei den Drehbüchern. Da waren die Gewinner 2013 und 2012 im Vorfeld sehr viel offensichtlicher. Und Spannung wird es eigentlich immer geben. Niemand hat damit gerechnet, dass Russell Crowe 2001 für Gladiator gewinnt; 2003 sah es nach einer Entscheidung zwischen Daniel Day-Lewis für Gangs of New York und Jack Nicholson für About Schmidt aus und am Ende knutschte Adrien Brody für Der Pianist Halle Berry ab.

Ich behaupte mal, dass wir so tief in der Materie drinstecken, dass wir überzeugende Tipps abgeben können, wer am Ende gewinnen könnte. Aber mit Sicherheit sagen, dass Person A den Oscar in der Kategorie Z gewinnt, können wir auch nur im besten Fall 99%. Selbst bei Blanchett und Leto kann es noch zu Überraschungen kommen, aber hier sage ich zu 99%, dass sie gewinnen werden.

Die Verleihung ist am Sonntag. Welche Seiten, Events, oder sonstiges empfiehlst du für optimalen Oscarnacht-Genuss?

Ganz persönlich kann ich die drei oben genannten US-Seiten als gute Vorbereitung nennen, oder auch Goldderby.com wo man einen schönen Überblick über die Tipps verschiedener US-Seiten bekommt, denn fast jede größere Zeitung in den USA hat ja seinen Award-Experten. Bei den deutschsprachigen Seiten empfehle ich blind die Seite von Kollege Sidney und Owley aus der Schweiz. Und in der Oscarnacht bietet sich fast Twitter am besten an. Zumindest mir hat es im letzten Jahr wieder viel Spaß gemacht, mit anderen Leuten die Verleihung zu kommentieren.

Alternativ bietet in meiner Heimatregion das Filmmuseum Frankfurt eine lange Oscar-Nacht an – andere Events gibt es mit Sicherheit auch. Ich bin dieses Jahr leider verhindert, was mich sehr grämt. Danke an Stephan für das E-Mail-Gespräch.

Podgast (IV)

18. Januar 2014

Ich habe mich sehr gefreut, dass mich Sidney mal wieder gefragt hat, ob ich bei einem seiner Podcasts mitmachen möchte. Das Ergebnis, anderthalb Stunden Diskussion zu den Oscar-Nominierungen mit Antje von „Buy a Movie“ und Stephan von „Die Academy“, ist jetzt online.

Quotes of Quotes (VIII)

16. Januar 2013

Hello, I’m Leos Carax, director of foreign-language films. I’ve been making foreign-language films my whole life. Foreign-language films are made all over the world, of course, except in America. In America, they only make non-foreign-language films. Foreign-language films are very hard to make, obviously, because you have to invent a foreign language instead of using the usual language. But the truth is, cinema is a foreign language, a language created for those who need to travel to the other side of life. Good night.
– Leos Carax, in Reaktion auf die Auszeichnung von Holy Motors als „Best Foreign-Language Film“ durch die Los Angeles Film Critics Association

Was für ein großartiges Zitat, das perfekt die Absurdität des Hollywood-zentrischen Blickwinkels vorführt, die in Hollywood (und in Rest-USA eigentlich auch) herrscht, und ihr dann zum Schluss auch noch einen poetischen Twist gibt. Nach welchem merkwürdigen Wahrnehmungswürfelspiel ausländische Produktionen bei den Academy Awards etwa außerhalb ihrer Getto-Kategorie „Best Foreign-Language Film“ auftauchen, wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben. Warum, zum Beispiel, hat ausgerechnet Michael Hanekes Amour in diesem Jahr Nominierungen quer durch die Bank während andere nicht-englische Erfolge der vergangenen Jahre überhaupt nicht wahrgenommen wurden. Hängt das nur an den seltsaen Reglements der Academy, die etwa jedes Land für die Foreign-Language-Kategorie nur einen Film einreichen lässt und überall sonst nur Filme zulässt, die mit einer Mindestzahl von Kopien in den USA zu sehen waren? Oder treffen Filme wie Amour in den USA einen Nerv, der etwa den Ziemlich besten Freunden versagt bleibt (Stichwort: unterschiedliche gesellschaftliche Rollen von Afro-Amerikanern und Afro-Franzosen)?

Holy Motors gehörte ja auch zu meinen Lieblingsfilmen des Jahres. Ich hoffe, dass Leos Carax am Filme machen wieder neuen Gefallen findet und uns in den kommenden Jahren noch mehr Werke beschert.

Die Oscars sind verliehen, das Filmjahr ist vorbei. Herzlichen Glückwunsch an Kathryn Bigelow und ihre Teammitglieder, an Jeff Bridges, Sandra Bullock, Mo’Nique, Christoph Waltz und alle weiteren Gewinner.

Von den Preisen an sich einmal abgesehen – eigentlich doch immer schöner, wenn man sehen kann, wie sich das Team eines Independent-Films freut wie ein Schnitzel, als wenn routinierte Studio-Großmeister (wie Kostüm-Designerin Sandy Powell) die Awards mit einem „habe ich auch verdient“-Blick großzügig annehmen – war die Oscar-Nacht als TV-Ereignis allerdings ein riesiger Rückschritt im Vergleich zum letzten Jahr und denen davor. Trotz oder gerade wegen der vielen Bemühungen der Academy, sie wieder attraktiver zu machen.

Das Moderatoren-Duo Steve Martin und Alec Baldwin war ein neuer Tiefpunkt in Sachen Witzniveau und mangelnder Spritzigkeit. Neil Patrick Harris hatte in seiner Drei-Minuten-Eröffnungs-Musiknummer mehr Charme und Witz als die billige Kopie von Statler und Waldorf in den sich endlos ziehenden kommenden dreieinhalb Stunden. Fast alle Witze waren verbale Faustschläge oder unter der Gürtellinie – aber trotzdem nicht witzig – und das Timing war äußerst mies. Es gab genau einen Einspieler, der ebenfalls auf schwachem Slapstick-Humor basierte. Schwer vorzustellen, dass andere Moderatoren in den vergangenen Jahren wahre Feuerwerke auf der Bühne abgebrannt haben.

Mindestens genauso daneben war die Vorstellung der nominierten Hauptdarsteller durch Kollegen mit rührenden Anekdoten – eine Weiterentwicklung des letztes Jahr ausprobierten „Magischen Zirkel“-Konzepts, in dem bisherige Oscar-Preisträger die Neuankömmlinge in ihre Hexen- und Zauberergemeinschaft aufnehmen durften. Stattdessen ließen sich dieses Jahr vor allem bei den männlichen Nominierten Kolleginnen minutenlang darüber aus, dass diese auch menschlich grundsätzlich die wärmsten und nettesten Personen sind – eine Tatsache, die eigentlich niemanden im Saal interessieren sollte, denn ausgezeichnet wird schließlich die Perfomance der Schauspieler und nicht ihre Persönlichkeit. Dieser zwanghafte Versuch eines Human Touch zog sich endlos in die Länge und war auch den Geehrten sichtbar unangenehm.

Dritter Fehlschlag war die, neben der Eröffnungsnummer, einzige Showeinlage von einer Tänzertruppe, die ihr Können zu den nominierten Scores demonstrieren durfte (Herzlichen Glückwunsch übrigens an Michael Giacchino), dabei aber augenscheinlich nicht die gleiche Musik hörten, wie der Rest der Zuschauer: Denen schallten vom Orchester sinfonische, meist gelassene Klänge entgegen, während die Tänzer schnellen Hip Hop auf den Ohren hatten – anders kann ihr furioses Gefuchtel nicht erklärt werden, das nicht einmal etwas mit den Titeln oder Inhalten der nominierten Filme zu tun hatte. Traurig.

Und warum man die zehn Nominierten für den Besten Film von Leuten ankündigen ließ, die man durch Einstellungsgröße und Beleuchtung kaum erkennen konnte, bleibt ebenfalls für immer ein Mysterium.

Insgesamt war die Show an Einfalls- und Lieblosigkeit schwer zu unterbieten. Bei zehn nominierten Filmen, darunter mehrere, die besonders fürs Auge einiges boten, hätte man aus einer Gala, die diese Filme ehrt, vor allem visuell mehr rausholen können. Stattdessen: Eine staubtrockene Präsentation und Witze darüber, dass James Cameron seiner Ex-Frau im Vorfeld einen Toyota geschenkt hat. Armes Hollywood.

Zum Vergleich: Meine Oscar-Bilanz 2009

Nachtrag: Meine Meinung scheint sich allgemein mit der der Mehrheit zu decken. Alle fanden die Show einigermaßen gräßlich, schlecht koordiniert, erfolglos anbiedernd und unlustig: spiegel.de, Cinematical, Newsweek etc..

Danke an M, die die Nacht mit mir durchgemacht hat.

Als Lord of the Rings: The Return of the KIng bei der Oscarverleihung 2004 (für 2003) seinen etwa achten Oscar bekam, von 11, die es noch werden sollten, witzelte Moderator Billy Crystal: „I don’t think, there’s anyone in New Zealand left to thank.“ Damit sprach er ein wahres Wort gelassen aus. Peter Jacksons Herr der Ringe-Trilogie war der erste „Heavy Hitter“ einer Dekade, in der das, was weltweit als „Hollywood-Kino“ wahrgenommen wird – nämlich das, was bei US-Awardzeremonien gerne belobigt wird – zunehmend gar nicht mehr nur aus Hollywood stammte.

Denn die Trilogie entstand zwar mit amerikanischem Geld, ansonsten wurde sie aber vollständig in Neuseeland produziert und gefertigt, über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg, der aus dem kleinen Land am Ende der Welt plötzlich eine neue Filmnation machte. Nicht nur die Trickspezialisten vom Weta Workshop und Weta Digital durften sich in den kommenden Jahren nicht über zu wenig Arbeit beklagen – am Ende der Dekade drehte auch „König der Welt“ James Cameron den Film, der auf dem Weg ist, seinen eigenen Titanic-Rekord einzustellen, Avatar, in den Wellingtoner Studios.

Doch Neuseeland war nicht die einzige Nation, der es in den Noughties gelang, den USA als Weltfilmland einen Teil ihres Wassers abzugraben. Auch wenn die amerikanische Dominanz im Weltkino immer noch ungebrochen ist: Auch die Filmwelt erlebte im 3. Jahrtausend, dem Zeitalter der G20-Gipfel, eine Globalisierung wie nie zuvor.

Die Gründe sind diverser Natur. Da ist zum einen, wie immer, die digitale Technologie, die durch die Möglichkeit, große Datenmengen problemlos auch von Kontinent zu Kontinent zu transportieren, ein neues globales Zusammenwirken möglich macht und es Peter Jackson (ich bleibe leider doch immer wieder an ihm hängen) beispielsweise erlaubte, in den Abbey Road Studios in London die Musik für seine Trilogie aufzunehmen und täglich per Videokonferenz in Neuseeland weiterhin Hand an Schnitt und Effektshots zu legen.

Zweiter Faktor ist der Boom, den die sogenannten Schwellenstaaten auch im Kino hinterlassen haben. Dass nicht Hollywood, sondern Bollywood, also Indien, die größte Filmnation der Welt ist, ist mittlerweile zur Binsensweisheit geworden, der Einfluss darf aber nicht unterschätzt werden. Aus Teilen der Welt, die bisher nur wenig auf dem Radar des internationalen Kinos waren, gingen in den Noughties wichtige Impulse auch für das westliche Mainstream-Kino aus. Am besten sah man das 2006, als drei mexikanische Regisseure, Alfonso Cuaron, Guillermo del Toro und Alexander Gonzalez Inarritu, Oscars und co mit drei herausragenden Filmen (Children of Men, Pans Labyrinth und Babel) Hollywood im Sturm eroberten.

Babel vor allem, mit seiner Verhandlung von globalem Verständnis und Unverständnis, zeigt die neue Weltläufigkeit des Mainstreamkinos sehr gut. Der Golden Globe-Gewinner ist zu zwei Dritteln untertitelt – eigentlich in den USA kaum vorstellbar. 2009 gelang dem britischen Regisseur Danny Boyle mit Slumdog Millionaire etwas ähnliches: Ein Film, der in Indien spielt und viel (zumindest von der populären Variante des Landes) aufgesogen hat, und ebenfalls viele Untertitel einsetzt, wurde der erfolgreichste Film der Awards Season.

Der dritte Impuls schließlich stammt, wie in Neuseeland, von Staaten überall auf der Welt, die ihr bestes tun, um Hollywoodfilme aus Hollywood abzuziehen. Wie eine fortlaufende Studie des Center for Entertainment Industry Data and Research (CEIDR) zeigt, werden seit den neunziger Jahren immer mehr und immer größere Teile der amerikanischen Filmproduktion ins Ausland verlagert.

Über 45.000 Jobs und rund 23 Milliarden Dollar an Einnahmen pro Jahr soll der Trend zur sogenannten Runaway Production die US-Wirtschaft seit dem Jahr 2000 schon gekostet haben. Zwar sind die Gesamtausgaben für Kinoproduktionen von 1998 bis 2005 von jährlich 5,5 Millarden um rund dreißig Prozent auf 7,2 Millarden Dollar gestiegen. In der gleichen Zeit jedoch erlebte die Summe der in den Vereinigten Staaten ausgegebenen Budgets einen Einbruch von 14 Prozent. Wurden 1998 noch 29 Prozent aller Filme außerhalb Hollywoods produziert, waren es 2005 schon 53 Prozent.

Quentin Tarantino beispielsweise, dem Weltkino ohnehin sehr verpflichtet, setzte schon bei Kill Bill auf Drehs in China, Inglourious Basterds entstand dann sogar fast vollständig in Deutschland und ist mit seinen langen Passagen in deutsch, italienisch und französisch ebenfalls ein gutes Beispiel für das neue globale Kino.

Will man einmal nicht so sehr von den USA ausgehen, braucht man sich nur Deutschland anzusehen, um einen Blick darauf zu erhaschen, wie viele nationale Kinos in den Noughties ihr „Wir sind wieder wer“-Erlebnis hatten. Der Anteil deutscher Filme am gesamten Verleihumsatz lag stetig um die 20 Prozent, in Erfolgsjahren deutlich mehr, die Anzahl der produzierten Filme stieg deutlich (mehr Statistiken sind leider nicht online). Auch in Europa ist kaum mehr ein Film wirklich ein rein nationales Projekt: Dank der EU und ihrer mannigfaltigen Förderprogramme überschreiten auch hier immer mehr Filme die Ländergrenzen und werden im großen Stil international produziert.

Wie bereits weiter oben erwähnt: Das heißt alles nicht, dass die kulturelle Dominanz der USA auf dem Weltkinomarkt plötzlich nicht mehr vorhanden wäre und sicherlich sind einige der oben geschilderten Eindrücke auch wirklich eher Befindlichkeiten (man muss sich nur den Inhalt von neueren Blockbustern wie Avatar und Transformers 2 ansehen, um zu merken, dass nicht-westliche Länder ideologisch noch immer eher belächelt werden), aber allein als wirtschaftlicher Faktor ist die Globalität von Hollywood längst ein Fakt, der sich sicherlich in den Teens auch noch ausweiten wird.

Anmerkung: Ich habe im Februar 2008 für epd film über die Globalisierung der Produktion geschrieben. Die anderen Faktoren kann man auch anders sehen. Für Kommentare bin ich wie immer dankbar.

Dieser Beitrag ist Teil 14 der Serie
Zehn zu Null – Eine Dekade voller Filme (Zweite Staffel)

Der digitale Animationsfilm konnte in den Noughties so richtig zeigen, was er drauf hat. Der daraus entstehende Boom dieser Art Film nach dem Rezept, das Pixar in den Neunzigern entwickelt hatte, übertrug sich dann bis zum Ende der Dekade schließlich auch auf die anderen Spielarten der Animation, so dass 2009 nach Meinung einiger sogar das beste Jahr aller Zeiten für Animationsfilme wurde.

Diese letzte Behauptung kann man gut und gerne als überhöht vom Tisch wischen, aber fest steht, dass in den Jahren 2000 bis 2009 vermutlich so viele qualitativ hochwertige und weltweit Eindruck schindende animierte Langfilme entstanden wie seit den Vierzigern nicht mehr. Die Oscar-Academy würdigte diesen aufkommenden Trend bereits 2001, als sie einen neuen Award für „Best Animated Feature Film“ auslobte.

Zu diesem Zeitpunkt (Shrek gewann den ersten Award gegen Monsters Inc.) war das Feld der animierten Filme noch relativ übersichtlich. Es gab Disney, den Disney-Kooperationspartner Pixar und DreamWorks PDI, die bereits seit Mitte der Neunziger Jahre versucht hatten, beiden Firmen auf ihrem Home Turf Konkurrenz zu machen. Im Konkurrenzkampf mit Pixar ging das sogar so weit, dass beide Firmen irgendwann immer scheinbar direkt vergleichbare Filme über Insekten (Antz/A Bug’s Life), Monster (Shrek/Monster’s Inc.), Fische (Finding Nemo/Shark Tale) und Roboter (Robots/WALL*E) produzierten – einen Kampf den DreamWorks außer bei Shrek immer verlor.

In den darauffolgenden Jahren strömten jedoch immer mehr Player, beauftragt von den großen Studios, ins Feld, mit denen man rechnen musste. 2002 traten die Blue Sky Studios (20th Century Fox) von Chris Wedge mit dem phänomenal erfolgreichen Ice Age auf den Plan, Imageworks (Sony) versuchte sich (nicht sehr erfolgreich) an Hunting Season, Animal Logic (Warner) (erfolgreich) an Happy Feet. Hinzu kamen die bereits 2001 für Jimmy Neutron: Boy Genius nominierten Nickelodeon Pictures (The Barnyard) sowie einzelne Player, die auf der neuen Woge in den internationalen Markt zurückströmten, wie Hayao Miyazaki, Aardman (Wallace and Gromit), die sogar einen Deal mit DreamWorks schlossen, und Henry Selick (Coraline).

Nicht zu vergessen ist auch das Feld „Performance Capturing“, in dem vor allem Robert Zemeckis die Speerspitze bildete, meist als Regisseur (Polar Express, Beowulf, Christmas Carol) aber auch als Executive Producer (Monster House). Als 2006 Monster House und Happy Feet, die beide zu (unterschiedlich großen) Teilen auf Performance Capturing zurückgegriffen hatten, neben Pixars Cars nominiert waren und Happy Feet auch noch gewann, ging ein Raunen durch die Branche. Vor diesem Hintergrund ist auch die Diskussion interessant, ob Avatar theoretisch einen solchen Oscar gewinnen könnte.

Doch nicht nur im Oscar-Rennen machte sich der Animationsfilm in den Noughties wieder breit. So wählten die LA Film Critics WALL*E, der ohne berühmte Stimmen und generell mit sehr wenig Dialog auskommt, 2008 zum Film des Jahres und 2009 eröffnete mit Pixars Up erstmals ein Animationsfilm die Filmfestspiele von Cannes, nachdem im Jahren zuvor mit Waltz with Bashir schon ein Animationsfilm im Rennen ganz vorne gelegen hatte.

Woher stammt dieser neuerliche Erfolg einer Gattung, die selbst im großen Family-Entertainment-Land USA in den Achtzigern und Neunzigern in Fernseh-Cartoons für Kids einerseits und Erwachsene (Simpsons, Beavis and Butthead) anderseits und Disney-Geputzel zu Weihnachten zerfallen war? Abgesehen davon, dass wegen des immer höheren Bedarfs an Special Effects computergenerierte Bilder generell akzeptierter geworden sind?

Ende der Neunziger hatten Pixar und DreamWorks eine Formel entwickelt, die einzuschlagen schien. Sie entwickelten originäre Stories, die nicht auf bekannten Vorlagen basierten, besetzten die Hauptrollen mit bekannten Hollywood-Darstellern – was die Publicity für den Film deutlich erleichterte – kickten das über Jahre bewährte Musical-Konzept über Bord, und wurden wieder etwas „edgier“, indem sie den Erwachsenen genauso etwas zu lachen gaben wie den Kids. Außerdem trieben sie mit jedem Film den technischen „sense of wonder“ wieder ein Stück voran – waren die Menschlichen Charaktere in Toy Story (1995) noch sehr krude geformt, sah das in Toy Story 2 (1999) schon viel besser aus.

In den Noughties drifteten die Studios in ihrem Grundverständnis wieder weiter auseinander, aber der Rest von Hollywood hatte Blut geleckt (und Geld gerochen) und sich längst in eigene Produktionen gestürzt. Pixar setzte weiterhin auf künstlerische Konzepte, definierte sich als Director’s Studio (z. B. indem sie Brad Bird zu sich holten) und nahm sich bald auch schon wieder den Mut zur Abstraktion im Design heraus. DreamWorks prügelte, zumal nach dem Erfolg von Shrek das Prominenten-Stimmen-Konzept zu Tode und versuchte, mit jedem Film noch ein bisschen hipper und zeitgemäßer zu sein (trauriger Tiefpunkt dieser Entwicklung war Shark Tale) – Sony und Nickelodeon gingen in die gleiche Richtung.

Nachdem die erste Welle an Wahnsinn aber vorbei war (2005/06 war so ziemlich das übelste Jahr in der Hinsicht) kam die ganze Branche in Schwung und traute sich richtig was; merkte, dass Animationsfilm die Ideale Form für filmische Experimente ist. Surf’s Up, zum Beispiel, ist ein Mockumentary über surfende Pinguine, das bei allen Schwächen, die der Film hat, zumindest ein paar Märkchen für Originalität verdient hat. Und ob für Persepolis, Marjane Sartrapis persönlichen Memoiren über ihre Kindheit im Iran, und Waltz with Bashir, Ari Folmans unheimliche Rekonstruktion seiner Kriegserfahrungen, vorher überhaupt Geld dagewesen wäre, ist fraglich.

Auch Regisseure, die aus dem Live-Action-Fach kamen, sahen in Animation plötzlich neue Chancen. George Miller (Babe) machte Happy Feet, Wes Anderson „drehte“ Fantastic Mr. Fox – die Herkunft aus einer anderen Gattung ist in beiden Fällen durchaus zu sehen. Auch die Abenteuer von Tintin werden derzeit per Motion-Capture verfilmt, Regisseure/Produzenten sind Steven Spielberg und Peter Jackson. Und umgekehrt funktioniert es auch: Pixar-Regisseur Andrew Stanton (Nemo, WALL*E) dreht jetzt John Carter of Mars.

Selbst Disneys Stern geht langsam, nach dem Kauf von Pixar und John Lasseters Verpflichtung als Chefkreativem, wieder auf. 2009 kam fünf Jahre nach dem abgrundtief furchtbaren Home on the Range wieder ein 2D-animierter Film (The Princess and the Frog) in die Kinos, der zumindest manchen Kritikern auch gefiel.

Last but not least waren animierte Filme ein wichtiger Triebmotor für die langsame Etablierung von 3D, was sich besonders in Deutschland sehr gut daran festmachen lässt, dass die CineStar-Kette sich erst mit dem Start von Ice Age 3 entschied, eine größere Menge Säle auf 3D umzurüsten. Und nach wie vor sind es computeranimierte Filme, die sich eben am einfachsten in 3D umsetzen lassen.

Der Animationsfilm, besonders der computeranimierte Animationsfilm aber auch seine handanimierten Geschwister, hat sich in den Noughties als eine neue feste Größe etabliert, mit der man auf jeden Fall auch weiterhin rechnen muss. Das Medium Animationsfilm wird von immer mehr Seiten wirklich als Medium und nicht als Genre wahrgenommen, mit dem man auch andere Geschichten als Märchen für Kinder erzählen kann. Mit dem zusehenden Verschwimmen von Live-Action und Animation kann man also erwarten, dass es in den Zehner Jahren noch von viel mehr Regisseuren für sich entdeckt wird und eventuell noch wesentlich mehr Erfolg haben wird.

Dieser Beitrag ist Teil 13 der Serie
Zehn zu Null – Eine Dekade voller Filme (Zweite Staffel)

King Kong war der lang erwartete Nachfolger von Peter Jacksons Herr der Ringe-Trilogie, auf den die Fans zwei Jahre warten mussten (das Jahr dazwischen wurde zum Glück durch die Extended Edition von Return of the King überbrückt. Und wie schon seine Vorgänger-Epen kam auch dieses 165-Minuten-Werk kurz vor Weihnachten in die Kinos. Angesteckt vom positiven Hype durch die Production Diaries im Web und nicht zuletzt wegen der Empfehlung eines Freundes kürte ich diesen gerade gesehenen Film dann am 30. Dezember zum Film des Jahres.

Vier Jahre später ist die Vorstellung schwer, dass King Kong dieses Schicksal noch einmal ereilen könnte. Im Gegensatz zur vorausgehenden Fantasy-Trilogie ist der Film über den großen Affen eher untergegangen, die Kritik warf ihm hauptsächlich vor, für sein Thema zu lang zu sein und sie hat recht. Schaut man sich King Kong heute noch einmal an (wie ich es vor kurzem getan habe), fällt überdeutlich auf, wie sehr sich Peter Jackson in seinem Epos über eine eigentlich sehr simple Story in Nebenhandlungssträngen und Action-Setpieces versteigt. Die 1933er-Version der Geschichte, auf die der Film basiert, glänzt wahrscheinlich gerade dadurch, dass sie die ganzen Monsterszenen auf Skull Island eher im Hintergrund andeutet, statt sie auf gefühlt halbstündige Sequenzen auszudehnen. Und auch, dass man nicht jedes Kindheitstrauma der Crew des Schiffes erfährt, muss nicht unbedingt ein Nachteil sein.

King Kong ist zu sehr ein „Schau mal was wir können“-Film, und so gerät seine wahre Größe etwas in den Hintergrund. Die ist nämlich nach wie vor vorhanden: Jackson gelingt es, wie schon mit Gollum, einen emotionalen Bezug zu einer computergenerierten, hier sogar sprachunfähigen, Kreatur aufzubauen, der die Zuschauer wirklich packt. Besonders die Abschlusssequenz auf dem Empire-State-Building hat trotz ihres artifiziellen Charakters eine enorme emotionale Wucht, die auch am Ende der Dekade noch sehr rührend ist. Hätte sich der Film mehr darauf konzentriert, statt sich endlos mit Dinosauriern und ekligem Wurmvieh herumzuschlagen, wäre er vielleicht auch insgesamt besser weggekommen.

Insgesamt gesehen war 2005 kein ganz so starkes Jahr für die „großen“ Filme, wie das Jahr zuvor. Bei den Oscars dominierten gute, aber auf lange Sicht vermutlich auch vernachlässigbare Biopics wie Walk the Line und Capote und Filme mit Indie-Anmutung, die in den Wogen der Zeit vermutlich eher Geheimtippstatus behalten werden. Zwei meiner Favoriten, die King Kong dann in einer späteren Phase auch noch vom Thron stießen waren George Clooneys Good Night and Good Luck, der durch seine sachliche Erzählweise und seine bestechende Ästhetik zugleich fesselt und bezaubert und der kaum bekannte The Squid and the Whale von Noah Baumbach, der mich im Kino tief bewegte – und nicht nur, weil ein Pink Floyd Song darin vorkommt.

Was die Sommerblockbuster angeht, so begeisterte Spielbergs War of the Worlds zwar mit tollen Bildern, erschien aber in seiner Inkonsequenz am Schluss doch etwas zu weichgespült. The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy war lustig und schräg, kam aber wie schon so oft zuvor nicht an das Buch heran, Harry Potter and the Goblet of Fire kam einfach an seinen Vorgänger nicht heran, und Batman Begins war zwar gut, aber noch meilenweit vom letztendlichen Einschlag seiner Fortsetzung entfernt.

Neben Tim Burtons guter aber nicht großartiger Adaption von Roald Dahls Charlie and the Chocolate Factory war es vor allem noch ein Film, der 2005 einen nachdrücklichen Eindruck bei mir hinterließ und bei dem ich mich nach wie vor nicht mit mir einigen kann, ob er faszinierend oder abstoßend ist. Robert Rodriguez‘ Sin City gelang es, einen neuen ästhetischen Stil zu schaffen, die Live-Action-Graphic-Novel in vollkommen synthetischen Sets, der später von 300 perfektioniert wurde. Die beeindruckende Ästhetik des Films wird allerdings konterkariert durch eine Orgie an sinnloser Gewalt, faschistoider Grundhaltung, Misogy- und Zynismus, der ich bis heute nicht viel abgewinnen kann. Interessanterweise wurde Sin City auch in der breiten Masse weniger wahrgenommen als zwei Jahre später 300, der allerdings (da er auch auf einer Frank-Miller-Vorlage basiert) natürlich die gleichen Probleme hat.

Dieser Beitrag ist Teil 6 der Serie
Zehn zu Null – Eine Dekade voller Filme