© Pandora Film

Waltz with Bashir

Mir wurden – wie wahrscheinlich einer Menge anderer Menschen – vor fünf Jahren auf neue Art die Augen geöffnet. In Waltz with Bashir verarbeitet Regisseur Ari Folman sein Trauma aus dem Libanonkrieg auf ungewöhnliche Weise. Er mischt Gespräche mit alten Weggefährten mit ihren und seinen Erinnerungen, und weil es gerade für die Erinnerungen kein Bildmaterial gibt, ist der ganze Film animiert. Die Animation erlaubt es Folman, aus realen Begebenheiten, Eindrücken, Träumen und Wahnvorstellungen ein stimmungsvolles Gesamtkunstwerk zu schaffen, das tief sitzende Wahrheiten zutage fördert. Waltz with Bashir ist kein Spielfilm, es geht nicht um eine dramatische Nacherzählung eines realen Ereignisses wie etwa in United 93, er ist im Grunde ein Dokumentarfilm. Aber er ist auch animiert.

Folman brachte eine Filmgattung an die breite Öffentlichkeit, die es eigentlich schon lange gibt, nur eben nicht in diesem Ausmaß, den animierten Dokumentarfilm, kurz: AnimaDok. Wenn man es genau bedenkt hat die Animation immer schon ihren Platz im Dokumentarischen gehabt, man denke an Propagandafilme aus dem Zweiten Weltkrieg, an Grafiken in naturwissenschaftlichen Dokus und an Produktionen wie „Walking with Dinosaurs“. Seit dem Bashir-Knall aber versuchen auch immer wieder Filmemacher, sich damit größeren dokumentarischen Subjekten zu nähern.

Die Expertin

Annegret Richter kennt sich mit dem Thema animierte Dokumentarfilme perfekt aus. Sie ist Bereichleiterin Animationsfilm beim Festival DOK Leipzig, das dieses Jahr einen Preis für den besten animierten Dokumentarfilm ins Leben gerufen hat, und auch ihre Dissertation widmet sich dem Thema. Als ich anfing, über das Thema für einen Blogeintrag nachzudenken, habe ich ihr ein paar Fragen per E-Mail geschickt, die sie freundlicherweise beantwortet hat.

© DOK Leipzig

Annegret Richter

Das Absurde am animierten Dokumentarfilm ist ja eigentlich, dass die beiden Filmgattungen einander unähnlicher nicht sein könnten. Der Dokumentarfilm versucht, in bester Bazinscher Manier, Ungeplantes einzufangen – hingegen gibt es kaum etwas, was mehr sorgfältiger Planung bedarf, als ein Animationsfilm. Doch den Gegensatz lässt Annegret Richter nicht gelten.

„Der Ansatz beim animierten Dokumentarfilm ist ein anderer. Denn es handelt sich hier oft um Dokumentarfilme, die Themen bearbeiten, bei denen man nicht ausschließlich reale Bilder verwenden kann. Animation wird dann benutzt, wenn man Erinnerungen, historische Momente oder psychologische Aspekte aufzeigen will oder wenn die Protagonisten geschützt werden müssen. Durch den puren Gebrauch der Animation und die Wahl der jeweiligen Ästhetik kann außerdem eine zusätzliche Ebene der Erzählung – eine Art Subtext – geschaffen werden, der sich nur dadurch und rein visuell erschließt. Deshalb können sich Dokumentarfilm und Animationsfilm sehr gut ergänzen, aber nicht jeder Dokumentarfilm braucht Animation und umgekehrt.“

Drei Beispiele

Die animierten Dok-Langfilme, die mir in den letzten Jahren über den Weg gelaufen sind, gehen unterschiedliche Wege in dieser Hinsicht. Couleur de Peau: Miel etwa, in dem der Cartoonist Jung seine Kindheit als koreanisches Adoptivkind in Belgien reflektiert (und die wir dieses Frühjahr in 3sat gezeigt haben), wird in seinen animierten Szenen eigentlich zum fiktionalisierten Film, mit geskripteten Dialogen, die von Sprechern gelesen werden. Und doch basiert der Film auf den Erinnerungen seines Protagonisten, spiegelt dessen Zeichenstil wieder und bemüht sich (im Gegensatz etwa zu Persepolis) um einen gewissen Naturalismus.

Pequeñas Voces, eine Aufarbeitung von Kindersoldaten-Schicksalen in Kolumbien, versucht, Authentizität in die Künstlichkeit zu retten, indem er Elemente aus Kinderzeichnungen in seine animierten Sequenzen einbaut. Leider wirken dadurch alle anderen Figuren und Umgebungen umso künstlicher, eine idealisierte Version von Kinderzeichnungen, die den bewegenden Schicksalen mit ihrem Kitschfaktor den Punch raubt. A Liar’s Autobiography schließlich, die animierte Fassung des Lebens von Python-Frontmann Graham Chapman, die ich gerade in „Close up“ besprochen habe, weist ja schon im Titel auf seine Mischung aus Fakt und Fiktion hin. Doch der Film basiert auf dem realen Leben von Chapman und seine Stimme trägt den Film. Aus den Aufnahmen spricht das Dokumentarische des Films, selbst wenn alles andere um sie herum in Phantasterei explodiert.

© Senator

A Liar’s Autobiography

Das Post-Bashir-Zeitalter

Annegret Richter stimmt mir zu, als ich sie frage, ob Waltz with Bashir in Sachen AnimaDok einige Schleusentore geöffnet hat.

„Vor 2008 haben selbst Leute aus dem Filmgeschäft irritiert geschaut, wenn wir von animierten Dokumentarfilmen gesprochen haben. Es gab nur eine kleine Gruppe von Filmwissenschaftlern und Filmemachern weltweit, die sich ernsthaft damit auseinander gesetzt haben. Durch den Erfolg von „Walz with Bashir „ist die Wahrnehmung in der breiten Öffentlichkeit größer geworden und Produzenten haben sich plötzlich dafür interessiert. Aber es ist spürbar, dass im Dokumentarfilmbereich gerade ein Ausloten der Gattungsgrenzen und natürlich auch das Überschreiten dieser Grenzen ein Thema sind. Es ist sehr erfrischend, Filme zu sehen, die vor einigen Jahren so nie hätten gemacht werden können. Oft sind das dann Arbeiten von jungen Regisseuren, die weniger Berührungsängste haben und bei ihren Projekten sowieso schon in Cross Genre / Cross Media denken.“

Dass sich im Dokumentarfilm derzeit einiges bewegt, ist allerorten zu spüren. Selbst in den USA wird das Thema dieses Jahr immer wieder aufs Tapet gebracht, auch dank Filmen wie The Act of Killing und Leviathan (die ich beide noch nicht gesehen habe). Was den animierten Dokumentarfilm angeht, sagt Annegret Richter trotzdem:

Aber eigentlich ist das alles nicht neu und aus diesem Grund haben wir in diesem Jahr die Einführung der Goldenen Taube für den besten animierten Dokumentarfilm auch mit dem Sonderprogramm „Film Unlimited – Grierson, McLaren und die Anfänge von Animadok“ flankiert. Wir haben dafür Filme ausgewählt, die unserer Meinung nach zeigen, dass bereits ab den 1930er Jahren in England und Kanada viele bekannte Filmemacher jenseits der Gattungsbegriffe von Dokumentar- und Animationsfilm ihre Filmthemen umsetzten und dabei eine visuelle Experimentierfreudigkeit und Fantasie an den Tag legten, wie sie heute kaum noch zu finden ist.

Bei DOK Leipzig, ein Festival, das ja sowieso Dokumentar- und Animationsfilme zeigt (und sich deswegen als ein gutes Zuhause für den weltweit ersten AnimaDok-Preis begreift), sind animierte Dokumentarfilme (meist in ihrer kurzen Form) schon seit 17 Jahren ein Thema.

Seit einigen Jahren fordern wir Filmemacher aktiv auf, ihre animierten Dokumentarfilme bei uns einzureichen und viele haben bereits Preise beim Festival gewonnen, aber jeweils in unserer bisherigen Festivalkategorien (z.B. „Tying your own Shoes“ von Shira Avni aus Kanada, gewann 2009 die Goldene Taube für den besten kurzen Dokumentarfilm im Internationalen Wettbewerb, „Father“, ein Film aus Deutschland, gewann 2012 im Internationalen Wettbewerb Animationsfilm die Goldene Taube, etc.) Das zeigt, dass Filmemacher aus beiden Bereichen sich mittlerweile sehr intensiv mit den Möglichkeiten dieser Hybridform auseinandersetzen. Wobei man sagen muss, dass im Animationsbereich schon immer sehr offen mit dem Dokumentarischen umgegangen wurde, und es deshalb seit Anbeginn des Filmschaffens animierte Dokumentarfilme aus der Animation heraus gab.

© Gebeka Films

Couleur de Peau: Miel

Ein offener Begriff

Diese Offenheit bedeutet jedoch auch, dass der Begriff „animierter Dokumentarfilm“ weit gefasst werden kann. Er ist „noch nicht definiert“ meint Annegret Richter, und das sei auch gut so.

Denn auch bei DOK Leipzig reicht die Bandbreite der Filme, die wir unter dem Begriff zusammenfassen von Dokumentarfilm mit geringem Animationsanteil bis zum 100% animierten Film. Denn der Begriff lässt sich nicht an der Menge an Animationssequenzen festmachen, sondern daran, welche inhaltliche Bedeutung die Animation bzw. das Dokumentarische im Film einnimmt. Es geht ja auch immer um ein Gefühl das beim Publikum erzeugt wird und das im besten Falle Authentizität vermittelt.

Insgesamt jedenfalls stehen alle Zeichen auf Hybridität. „Ich denke, dass Animadok-Filme, aber auch andere hybride Mischformen immer mehr an Bedeutung gewinnen und gerade für die Vernetzung von Film mit Games und Internet eine große und wichtige Rolle spielen werden.“ Sind nicht „Let’s Play“-Videos im Grunde auch animierte Dokumentarfilme? Was ist der Unterschied zwischen einem mit Xtranormal umgesetzten Abschrift eines Gerichtsprotokolls und einem Film wie Chacago 10? Scheint, als stünde uns in diesem Bereich noch eine sehr interessante Zukunft bevor.


DOK Leipzig beginnt am 28. Oktober.