© Walt Disney Pictures

Captain America: The Winter Soldier wird derzeit für die Presse gezeigt und die ersten Reaktionen sind sehr positiv – unter anderem auch, weil das Ende des Films anscheinend einige Auswirkungen auf die Zukunft des Marvel Cinematic Universe, besonders in Avengers: Age of Ultron zu haben scheint. Inzwischen haben für Age of Ultron sogar bereits die Dreharbeiten begonnen, aber schon im vergangenen Juli haben die Regisseure von The Winter Soldier, Joe und Anthony Russo, einer Gruppe von Bloggern ein Roundtable Interview gegeben, in dem sie einige interessante Aussagen dazu treffen, wie es ist, in einer fortlaufenden Continuity wie dem Marvel Cinematic Universe zu arbeiten. Joe Russo erklärt:

the fun part of that, if you are a comic book geek like me, you get off on [easter eggs and connections]. That’s the exciting component of that, “What can we set up for the future?” And they’re constantly pitching out ideas that not only just effects your movie, but might also have a ripple effect in the other films, and Joss [Whedon] is reading the scripts, the Thor script and the Cap script, and going, “Okay, this is where I’m getting the characters and this is where I have to pick them up in the next movie.” So, it’s a a weird sort of, I don’t know, tapestry of writers and directors working together to create this universe. It’s sort of organic, it’s not structured.

Das im Endeffekt doch relativ wenig fest vorgeplant ist, scheint mir interessant, vor allem, wenn man bedenkt, dass Marvel ja auch noch eine Supra-Storyline über Thanos und die Infinity Gems aufbaut. Anthony Russo ergänzt an dieser Stelle, dass ihnen ihre Erfahrung mit metatextuellen, komplexen Fernsehserien wie „Arrested Development“ und „Continuity“ „Community“ ihnen gute Voraussetzungen lieferte. (Eine Verbindung, auf die ich vor einem Jahr zum ersten Mal hingeweisen habe.)

I think it comes very natural to us […], we played with a lot of foreshadowing and callbacks and […] tracking that stuff over a season of television, or multiple seasons, it’s just something [that] we’re sort of patterned for […] It’s like we sort of understand how you take a larger story and wrangle it into a moment, yet keep them connected.

Joe Russo weist zudem explizit darauf hin, wie wichtig die zentrale Figur von Studiopräsident Kevin Feige ist, um den Filmkosmos inhaltlich wie kommerziell zusammenzuhalten. Feige fungiert also als eine Art Showrunner und passt sich somit auch perfekt ins zunehmend mythologische Konstrukt ein, das um diese Aufgabe herum gebaut wird.

If you knew how difficult it is to line up those kinds of salaries, stars, get that material pushed through, have ownership of that material, have control of that material, quality control, to the extent that he did, it’s almost impossible.

Feige selbst geht schließlich in einem anderen Interview kurz auf die Verbundenheit der MCU-Filme mit der „Agents of SHIELD“-Fernsehserie ein. Wenig überraschenderweise trumpfen hier interne Konzernstrukturen nach wie vor das kreative Gewebe.

[T]he studio is not involved in the day-to-day of the show. Jeph Loeb and the TV division is overseeing that. But of course there’s crossover. I was just in a meeting with those guys and I’m about in two minutes to go back to a meeting with those guys to hear the overall picture and to, you know, to hear their ideas and how they deal with the events and Thor and the events of the Cap. Their ideas for season two, should there be one, to make sure they lead into Avengers and don’t … the key to that show, just like they key to all the movies is that, it has to stand alone. It has – if you stripped out all the connective tissue, is it worth watching? And it has to be – and then it’s all bonus and it’s all gravy when there’s that connective tissue.

Übrigens: Erstmals seit einer Featurette auf der Avengers-DVD stellt Marvel sein Worldbuilding auch mal wieder öffentlich in den Mittelpunkt. In einem Fernseh-Special namens „Assembling a Universe“, das am 18. März auf ABC läuft. Für mich bleibt zu hoffen, dass es eine nette Seele anschließend irgendwo online stellt.

I feel like, if you can do a movie, say two or three words and one of them is the F-bomb and get out, don’t try and repeat that, move on! I always feel about that, because I didn’t get paid for it, but Fox very kindly made a charitable donation to my kids’ schools and I always felt slightly weird handing over the check when, “Listen … Don’t ask me how I got this, but …” I think I may have been the only person to be rewarded charitably and get a tax deduction for swearing on film!
– Hugh Jackman, im Interview mit „/film“ über seinen Cameo-Auftritt in X-Men: First Class

We realized that by only doing minimally what we needed physically on set and adding in the digital effects later on, we could actually just bring a lot more richness to the film, and I think that became one of the big sea changes that we saw in the way The Hobbit was done from when we started shooting till the time we were finished.
– Joe Letteri, Senior Visual Effects Supervisor, The Hobbit: An Unexpected Journey

Meine Liebe zu den „Anhängen“ von Peter Jacksons Tolkien-Filmen habe ich ja bereits im Adventskalender zum Ausdruck gebracht. Heute habe ich endlich die zweite Disc zu Ende geschaut und wieder einmal genossen, welch detaillierte Einblicke man doch in die Prozesse der Filme bekommt – auch in die Fehlschläge.

Die Geschichte des Bösewichts des ersten Films, man könnte ihn auch so eine Art Levelboss nennen, ist so ein Fehlschlag. Azog the Defiler ist ein Ork, gegen den Thorin Oakenshield in der Schlacht von Moria gekämpft hat, den er aber (im Film) nicht töten konnte und der ihn seitdem verfolgt. Das entsprechende Segment auf der Blu-ray zeigt, dass Azog einen besonders schwierigen Designprozess durchlaufen musste. (Davon, dass er überhaupt erst so wichtig wurde, nachdem sich Jackson sehr kontrovers dazu entschieden hatte, aus zwei Filmen drei zu machen, ist nicht die Rede.)

Azog sollte ursprünglich, wie fast alle Orks in Lord of the Rings, von einem Schauspieler im Kostüm gespielt werden. Doch die erste Designstrategie – Azog als massiv großer, barbarischer Schlächter – ging nach Jacksons Meinung nicht auf. Der Schauspieler wurde gefeuert und eine neue Strategie ins Feld geführt: Azog als ein sehr alter, zerfurchter Kämpe, der unter anderem einen Rock aus Zwergenhaut trägt. Die Bilder, die man im Film zu sehen bekommt, sind erstaunlich. Mit diesem Schauspieler im Kostüm wurde gedreht, obwohl Jackson immer noch nicht ganz glücklich war.

Man entschied sich schließlich, Azog einfach doch im Computer zu erzeugen. Sechs Wochen vor Fertigstellung des Films wurden die abgesegneten Designs an das Digitalteam übergeben, dass die entsprechenden Szenen mit dem Hauptantagonisten des Films in einem gewaltigen Kraftakt aus Motion Capture und Animation irgendwie über und auf die Bühne brachte. Ich will nicht wissen, welche Extrakosten das verursacht hat.

Zum Abschluss des Azog-Segments auf der Blu-ray sagt VFX-Chef Letteri den oben stehenden Satz, der gemeinsam mit der ganzen Azog-Episode emblematisch für vieles stehen, was am ersten Hobbit-Film schiefgelaufen ist – und das sage ich, obwohl ich den Film mag. Die Lord of the Rings-Filme wurden unter anderem so sehr dafür geliebt, dass es Peter Jackson mit seinem Indie-B-Movie-Hintergrund gelang, physische Effekte und Computerzauberei zu einem harmonischen Ganzen zu verbinden.

Im Hobbit sind nicht nur die Miniaturen-Sets verschwunden, die verständlicherweise der Stereoskopie geopfert wurden, sondern Jackson scheint allgemein so vom digitalen Virus infiziert zu sein, dass er viele genau der Mechanismen geopfert hat, die seine letzte Mittelerde-Trilogie so besonders gemacht haben (und von der ich den ersten Film auch am liebsten mag, weil zu diesem Zeitpunkt die VFX-Technologie noch am wenigsten fortgeschritten war): Lasst uns real machen, was immer geht, und mit den Einschränkungen, die das beinhaltet, arbeiten, statt sie zu verteufeln.

The Hobbit ist voll von Entscheidungen, die dieses Prinzip über den Haufen werfen (auch die Goblins sollten ursprünglich zu großen Teilen praktisch realisiert werden) und Jackson sagt in den Anhängen tatsächlich Sachen wie: „Als Filmemacher ist es für mich großartig, dass ich jetzt die Kamera in digitalen Sets bewegen kann, wie immer ich will.“ – Aussagen, für die zuvor George Lucas bei seinen Star Wars-Prequels berüchtigt wurde.

Genau diese Philosophie der totalen Wunscherfüllung ist es, die dem Hobbit einen oftmals so luftigen, ungeerdeten, und manchmal – wie im Fall von Azog – auch beliebigen Look verleiht, denn der finale, hastig generierte Computer-Ork ist um ein vielfaches langweiliger als seine Vorgänger-Versionen. Eine stark immaterielle, CGI-lastige Ästhetik ist ja eine visuelle Entscheidung, die man treffen kann und die in manchen Filmen (etwa 300) schon beeindruckende Ergebnisse erbracht hat – für Mittelerde finde ich persönlich, dass sie in die falsche Richtung führt. The Desolation of Smaug werde ich leider erst nach Weihnachten sehen können – aber ich hoffe, dass er eine kleine Kurskorrektur vornimmt.

Quotes of Quotes (XVII)

3. November 2013

When being bullied Keisha Blake found it useful to remember that if you read the relevant literature or watched the pertinent movies you soon found that being bullied was practically a sign of a superior personality, and the greater the intensity of the bullying the more likely it was to be avenged at the other end of life (…), and that this remained true even if the people in the literature and the movies looked nothing like you, came from a different socio-economic and historical universe, and – had they ever met you – would very likely have enslaved you or, at best, bullied you to precisely the same extent (…).
– Zadie Smith, NW

Ich habe bereits 56 Prozent von Zadie Smiths neuestem Roman NW gelesen, und obwohl ich diese erste Hälfte bisher nicht so prägnant finde wie ihre großen Romane White Teeth und On Beauty, die mich durch die Uni begleitet haben, findet sich in der Mitte des Buchs eine von einem besserwisserischen Erzähler wunderbar beobachtete Sektion über die Entwicklung einer Freundschaft vom Kindes- ins Erwachsenenalter, die genau das widerspiegelt, was ich an Smiths Büchern bewundere.

Geschaffen von den Underdogs, die ihr Underdog-Dasein überwunden haben, erzählen Filme, Bücher, Erzählungen von Underdogs, die ihr Underdog-Dasein überwinden, die gar dazu prädestiniert sind, ihr Underdog-Dasein zu überwinden. In jedem Mobbing-Opfer steckt ein Mensch, der zu großem berufen ist. In jedem stillen Außenseiter, steckt ein missverstandener Poet. Und wir identifizieren uns mit ihren Geschichten, egal wie wenig unsere Geschichten den ihren gleichen, und können gar nicht anders als unser Schicksal an ihres anzulehnen.

Werden wir angelogen? Oder inspiriert? Imitiert das Leben die Kunst? Oder verklärt die Kunst das Leben? Gibt es Statistiken, an denen man ablesen kann, wie viele unpopuläre Schulkinder später zu populären Inspiratoren werden? Wie viele zu neurotischen Wracks? Und sollten wir deswegen aufhören, solche Geschichten zu erzählen, oder erst recht damit anfangen?

It seems that, like lemmings, we are all racing faster and faster into the sea, each of us trying to outrun and outspend and out-earn the other in a mad sprint toward the mirage of making the next blockbuster.
– Jeffrey Katzenberg, Some Thoughts on Our Business, 1991

I have started reading James B. Stewart’s book Disney War about the twenty years of Disney under Michael Eisner and I’m only 200 pages in, when Disney was at the height of its power with the success of The Beauty and the Beast still fresh and the Eisner-Wells-Katzenberg team still together.

The book does not dwell on the industry’s changing mechanisms during the late 80s, when the advent of home video and globalisation started turning the mechanisms of the business on its head. But it does quote extensively from Jeffrey Katzenberg’s infamous 1991 memo, which is now fully available online.

It’s hard not to see a direct line from Katzenberg’s words in 1991 – in which he goes on to say that „[i]f every major studio release must aspire to repeat the 1989 success of ‚Batman,‘ then we will undoubtedly soon see the 1990’s equivalent of ‚Cleopatra,‘ a film that was made in the hope of repeating the 1959 success of ‚Ben Hur.'“ – to this summer’s speeches by Spielberg/Lucas and Soderbergh about ballooning marketing costs and a possible „implosion“ of the business (which, despite a summer of flops, is unlikely to happen).

You can derive two possible conclusions from this: 1. Things „broke“ in Hollywood long before the Noughties and what we’re experiencing at the moment are just the last ripples of a child that fell into a well long ago (to use a German expression that denotes a lost cause). 2. The „problem“ of today is not really a problem, it’s just the way Hollywood works and there has always been some version of the same problem around.

Your choice.

Sie müssen so’n Produkt im Handel auch immer frisch halten. […]. Es wird immer weiterentwickelt, neue Inhalte, neue Geschichten, neue Produkte. Wir wechseln zum Beispiel bei Star Wars jedes Jahr das Artwork. […]. Sie dürfen ihre Produkte auch nicht länger als zwei Jahre im Handel haben. Sie müssen also permanent an den Designs arbeiten, damit das Programm frisch ist. Das ist ’ne richtige Maschinerie, die dahinter steckt.
– Marlies Rasel, The Licensing Company über Star Wars

Christian Schiffers „Zündfunk Generator“-Podcast „Masters of the Universe“ (Link führt direkt zum mp3, einen Permalink zur Episode gibt es nicht, nur die Übersicht) ist schon einen Monat alt, doch reinhören lohnt sich. In 50 Minuten schlägt er geschickt den Bogen vom wissenschaftlich-erzählerischen Blick auf die Erschaffung von Story-Universen zur geschäftlichen Seite des Ganzen und wieder zurück. Highlight sind dabei eindeutig die oben angerissenen, recht offenherzigen Äußerungen der Geschäftsführerin eines Münchner Lizenzunternehmens. Und der Boba-Fett-Song.

There’s a significant shift in the universe at the end of this movie. (…) I mean, this movie draws upon The French Connection and The Conversation and Three Days of the Condor and all of these ’70s thrillers in a way that there is paranoia and mistrust at the heart of the movie. (…) The movie was shot largely in a very verité style, which is unique for Marvel’s movies. They really embraced the approach to it, and it’s a very experimental approach. (…) It’s energetic, but we also like to track the action. We really want people to understand what’s going on from beat to beat. The characters move very quickly because they are superheroes and we really wanted to convey that. We didn’t want it to feel like Bourne.
– Anthony und Joe Russo über Captain America: The Winter Soldier

Es dauert noch fast ein ganzes Jahr, bis Captain America: The Winter Soldier am 1. Mai 2014 ins Kino kommt, aber die Regisseure Anthony und Joe Russo haben „/film“ schon ein Interview gegeben, in dem sie einiges über Stil und Ziel des Films verraten. Mal ganz abgesehen von der ersten Aussage mit dem „significant shift“ – was für mich vor allem eine Andeutung in Richtung Universum-Öffnung zu sein scheint, ist es doch spannend, wieviel Wert sie darauf legen, dass sie vom traditionellen Superhelden-Filmmodell wegwollen, hin zu anderen Filmgenres, deren Protagonisten nunmal Supermenschen sind. Falls es Marvel nach ihrem letzten Coup, dem ersten Shared Universe der Filmgeschichte, auch noch gelingen sollte, das formulaische Gefühl der Comicfilme zu durchbrechen – was eins der größten Probleme der momentanen Blockbuster-Filmlandschaft ist – kann man ihnen wirklich eine Art Krone aufsetzen. Ich bin gespannt.

Quotes of Quotes (XIII)

25. Juni 2013

„That’s how Zack Snyder works. Who needs subtext? It’s text. Overtext. Supertext!“
Devindra Hardawar über die Bildsprache und Jesus-Metaphorik in Man of Steel (bei Minute 44:30)

„Supertext“. Man hätte kein besseres Wort finden können. Ich werde es in meinen Wortschatz aufnehmen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit gebrauchen.

Wouldn’t that be awesome? I’ll happily take more suggestions in the Comments.

[Y]ou lie to raise money. You lie all the time. I remember to sell Slumdog Millionaire, we said it was Amélie with a bit of Trainspotting thrown in.
– Danny Boyle in the April issue of „Sight and Sound“

This is a little bit old already, but it’s genius nevertheless!