Aus den Aufzeichnungen eines Traumatisierten

Mit meinem Faible für Fantasy und Science-Fiction in Film- und Buchform, dürfte es vermutlich die wenigsten Leser verwundern, dass ich auch dem Rollenspiel und auch dem Live-Rollenspiel (LARP – Live Action Role Playing) nicht abgeneigt bin. Ich bin alles andere als ein Hardcore-Larper, aber ich spiele konstant im Schnitt null- bis zweimal pro Jahr seit ich ungefähr 16 bin. Manchmal auf „traditionellen“ Fantasy-Larps mit 50 bis 100 Teilnehmenden, meistens aber auf kleinen, speziell gestalteten Events in dem Freundeskreis, mit dem ich seit Jahren spiele.

In der Regel bin ich nur Spieler, aber in diesem Jahr habe ich nach längerer Zeit mal wieder eine Spiel-Leitung übernommen, die mich in den vergangenen Wochen jede Menge Zeit und Nerven gekostet hat. Irgendwann ist mir aufgegangen, dass sich in einem LARP viele Aspekte wiederfinden, die ich unter dem aktuellen Buzzword „Transmedia Storytelling“ schon öfter hier im Blog gestreift habe, weil sie mich sehr interessieren – und die auch in der Filmwelt immer wichtiger werden. Ich dachte mir, es könnte von Interesse sein, ein paar meiner Erkenntnisse hier zu dokumentieren.

Unser LARP

Wer noch nie auf einem LARP war, sich aber für den Rest des Artikels interessiert, für den könnte es sich lohnen, vorher eine Einführung zu lesen. Wer so viel Zeit nicht hat, dem sei gesagt, dass LARP eine Art Mischung aus Schnitzeljagd und Improtheater ist, bei dem die Spieler in Rollen schlüpfen und gemeinsam eine Geschichte erzählen.

Mein Freundeskreis hat sich auf One-Shot-LARPs spezialisiert, bei denen zehn bis 20 Spielende und in der Regel drei Spielleitende (SLs) für ein Wochenende zusammenkommen. Die Charaktere werden – basierend auf groben Persönlichkeitswünschen der Spielenden – von der SL gestaltet. Das Spiel selbst ist in der Regel stark narrativ, wenig kampflastig und kommt mit minimalen Regeln aus.

Vor dem diesjährigen Event stand der Wunsch, ein LARP vor dem Hintergrund des kalten Krieges und der Atombomben-Angst der 80er Jahre zu machen. Die 80er sind lang genug her, dass sich die meisten von uns nur noch vage daran erinnern können, sie lassen sich aber durch ihre hinterlassene Popkultur und die diversen Revivals gut zuspitzen und bieten genug technologische Einschränkungen, um die für ein LARP so wichtige Isolation der Spieler herzustellen.

Der Plot

Das hier ist der Plot des LARPs, wie wir SLs ihn vor dem Spiel konzipiert hatten:

Seit sieben Jahrhunderten schon beobachtet eine Alien-Rasse die Erde als möglichen Planeten für eine Invasion und anschließende Besiedelung. Sie warten auf den richtigen Zeitpunkt, an dem die Atmosphäre und die aufgebaute Infrastruktur ein Leben auf der Erde sinnvoll erscheinen lässt. Dafür haben die Aliens im bayerischen Odenwald einen Signalsender versteckt, allerdings muss dieser in regelmäßigen Abständen händisch gewartet werden. Die Besuche der Aliens zur Wartung des Senders wurden im 14. Jahrhundert als Heiligenerscheinungen gedeutet und haben das Waldstück zu einem nicht offiziell anerkannten Pilgerort gemacht – doch jeder, der sich der Strahlung zu lange aussetzt, wird erst verrückt und stirbt dann einen grausamen Tod. Mit Beginn des Atomzeitalters wurde die besondere Strahlensignatur des Senders auch in anderen Kontexten wahrgenommen. Die Nazis hatten dort, wo heute eine Pilgerherberge ist, eine Forschungsstation – deren Mitglieder sich jedoch irgendwann gegenseitig zerfleischten. In den 1960ern hatte der Luft- und Raumfahrtkonzern Rockwell-Collins eine Expedition vor Ort, die jedoch ähnlich tragisch endete. Im Herbst 1982, die Wartung steht unmittelbar bevor, treffen in der Pilgerherberge drei Wissenschaftler, drei Esoterik/Ufologie-Autorinnen und drei Rockwell-Collins-Leute sowohl auf den einzigen Überlebenden der Expedition aus den 60ern, als auch auf die Alien-Bedrohung selbst. Können sie den Sender rechtzeitig deaktivieren, bevor die Erde der Alien-Invasion zum Opfer fällt?

Unnötig zu sagen, wahrscheinlich, dass die Spieler die Aufgabe natürlich gemeistert haben – auch wenn sie, wie üblich, vorher diverse Abwege beschreiten mussten. Die Invasion der Erde jedenfalls wurde verhindert.

Wie aber funktioniert das Ganze als immersives Transmedia Storytelling? Wenn man mal an das Transmedia Manifest denkt, möchte ich zwei Aspekte herausheben: Die unterschiedlichen Zugänge zur Geschichte und die tatsächliche Transmedialität, das heißt das Arbeiten mit verschiedenen Medien, um die Geschichte zu erzählen.

(Wer sich nicht so stark für die Details und eher für die allgemeine These interessiert, kann direkt zur Überschrift „Conclusio“ springen.)

Rabbit Holes

Da wir die Charaktere vorkonzipiert hatten und es eine umfangreiche und vielschichtige Vorgeschichte an Ereignissen gab, die auf die geplanten Ereignisse des eigentlichen Spielwochenendes zuliefen, war es uns möglich, für neun verschiedene Spieler neun verschiedene Eintrittspunkte in den Plot zu schaffen – meiner Ansicht nach bei regulären LARPs, wo die Spieler ihre Charaktere mitbringen, häufig einer der holprigsten Punkte in Sachen narrativer Stringenz. Um alles etwas zu vereinfachen und den Spielern etwas Sicherheit für den Einstieg zu geben (wir hatten auch mehrere Erstspieler in der Gruppe), fassten wir die Spieler zu drei Gruppen zusammen:

Die Spiritistinnen – drei Spielerinnen verkörperten New-Age-Autorinnen unterschiedlichster Prägung, die von ihrem Verlag zusammengebracht wurden, um als eine Art „Dream Team“ der New-Age-Literatur probeweise ein bestimmtes Phänomen zu untersuchen. Sie reisen also mit dem Ziel an, ihre bisher vertretenen Theorien an einer neuen Stelle zu testen, müssen sowohl zusammenarbeiten, als auch sich voneinander abgrenzen. Wir entschieden, dass in unserem Story-Universum Geister tatsächlich existieren, so dass die drei auch etwas zu tun bekommen würden.

Die Wissenschaftler – drei Spieler wurden zu Wissenschaftlern der Uni Frankfurt. Einer von ihnen ist Astronom mit Neigung zur Astrologie, der die anderen beiden mitgeschleift hat, die ihm wiederum aus unterschiedlichen Motivationen folgen. Sie wollen die Strahlungsdaten des Ortes mit wissenschaftlichen Methoden untersuchen. (Die typische Geschlechterverteilung Wissenschaftler – Autorinnen ist übrigens nicht unseren Berufsklischees geschuldet, sondern den uns bekannten thematischen Vorlieben der Spielenden.)

Der Konzern – Zwei Spielerinnen und ein Spieler spielen Mitarbeiter der gehemeien Rüstungsabteilung des Luft- und Raumfahrtkonzerns Rockwell Collins, die als Wandergruppe getarnt herausfinden sollen, ob es ein natürliches Uranvorkommen vor Ort gibt. Sie wissen als einzigeBbescheid, dass es schon einmal eine Exkursion gab und dass diese gescheitert ist.

Für alle drei Gruppen gibt es also unterschiedliche Wege zum gleichen Ziel. Jede Gruppe bringt ein eigenes skill set mit – und nur in der Kombination aller Fertigkeiten lässt sich das Rätsel im Kern des Plots – Was ist der Signalsender? Wo ist der Signalsender? Wie schalten wir ihn ab? – optimal vorantreiben. Fantasy-LARPs sind häufig ähnlich strukturiert, fassen die Gruppen aber gröber: die Kämpfer müssen Feinde besiegen, die Magier ein Ritual abhalten etc. Für uns war es essenziell, dass jeder Spieler eine Möglichkeit haben sollte, seinen spezifischen Hintergrund, sein durchquertes Kaninchenloch, auszuspielen. Die Spiritistinnen mussten einen Geist beschwören, die Wissenschaftler mit vereinten Kräften ein Gerät bauen, dass sie zu einem Hinweis führte und die Konzernmitarbeiter mussten die Interessen ihres Arbeitgebers wahren und nicht entdeckt werden (was ihnen auch gelang).

Kein Methlab, sondern Zutaten zum Herstellen von „Batteriesäure“

Quer durch die Medien

Ein großer Vorteil des 80er-Jahre-Settings in der Konzeption war für uns, dass wir von vornherein wussten, dass wir mit vielen verschiedenen Medien würden arbeiten können und nicht nur – wie sonst häufig der Fall – mit Textdokumenten. Am Ende reichte leider die Zeit nicht, um alle Möglichkeiten auszuschöpfen, aber auch so konnten wir einiges ausprobieren.

So habe ich beispielsweise für den ersten Abend eine einstündige Radiosendung konzipiert, die die Spieler in das Story-Universum möglichst effektiv einführen sollte. Es fällt schließlich nicht immer ganz leicht, sich vorzustellen, dass man 1982 spielt, wenn man bis vor wenigen Stunden noch 2013 gelebt hat. Die Radiosendung bestand aus einem Nachrichtenblock und einem 50-minütigen Musikprogramm, in dem immer wieder ein DJ dazwischenquatscht. Die Nachrichten waren nicht die echten Nachrichten aus dem Oktober 1982, ich hatte sie vielmehr ungefähr so formuliert, dass sie die bisherigen Ereignisse des Jahres (Falkland-Krieg, Koalitionsbruch etc.) einigermaßen zusammenfassten, um die Spieler zu erinnern, was alles so passiert ist. Die Musik setzte natürlich stark auf die Musik der Zeit. Eingesprochen wurde mir das ganze freundlicherweise von meinem ehemaligen Podcast-Gast Aileen Pinkert und ihrem Kollegen Sebastian Brandt, die Bürgerradio in Thüringen machen.

Am morgen des zweiten Tages ist das Radio auf eine Dauerschleife gesprungen, die immer wieder die gleiche Nachricht wiederholt: eine Atombombe ist in Deutschland explodiert. In Wirklichkeit ist diese Nachricht von den Aliens synthetisiert woden. Sie wollen, dass die Menschen ängstlich in ihren Häusern bleiben. Daher sind jede Menge inhaltliche Fehler im Text.


Auch das Medium Video kam zum Einsatz. Bei einer Begehung des Geländes, während der wir die Schnitzeljagdpunkte für die Suche nach dem Signalsender festlegten, ließ ich fleißig das iPhone mitlaufen und baute daraus zu Hause einen kurzen Film mit jeder Menge (vielleicht zu viel?) Verfremdungseffekten und einem Soundteppich. Das Video wurde in der ersten Nacht des Spiels als Traum eingesetzt und sollte bei den Spielern allgemein ein ungutes Gefühl über die Präsenz an diesem Ort hervorrufen.

Schließlich gab es noch eine Menge textbasierte Dokumente, die die Spieler im Laufe des Spiels finden, und aus denen sie sich die Hintergrundgeschichte zusammenpuzzlen können. Dazu gehörten das Tagebuch des Traumatisierten von 1961 (eine sehr typische LARP-Dokumentform), aber auch ein Dossier mit Unterlagen aus dem Firmenarchiv von Rockwell-Collins, eine Broschüre zur Pilgerherberge, Geheimdienst-Communiqués, vor dem Haus aufgehängte Pilger-Plaketten, Zeilen aus den Gedichten eines örtlichen Heimatdichters und eine Kurzgeschichte zur Traumabewältigung, die der Traumatisierte im Auftrag einer Psychologin geschrieben hatte. Alle Texte verwiesen sowohl auf konkret für den Plot wichtige Fakten, strickten aber auch diverse weitere Infos und Querverweise mit ein, die wenig direkte Relevanz hatten, aber die gesamte Tragweite des Storyuniversums andeuteten.

Wir hatten uns selten zuvor einen solchen Aufwand mit dem gemacht, was wir – übertragen aus dem Tischrollenspiel-Jargon – intern „Handouts“ nennen: also Storyinformationen nicht in Form von Begegnungen mit Charakteren oder Ereignissen sondern in verschiedenen Medien aufbereitete „Texte“. Der Grund ist, dass es ziemlich aufwändig ist, all diese Texte zu konzipieren und zu schreiben. Das Ergebnis aber, bei meiner Vorliebe für Operationale Ästhetik sowieso, ist so dankbar und irgendwie abgefahren, dass sich der Aufwand im Nachhinein auf jeden Fall gelohnt hat.

Conclusio: Was fehlt?

Wenn man sich die Thesen des Transmedia-Manifests anschaut, sieht man, dass ein gut gemachtes LARP fast alle davon erfüllt. Interaktivität, unterschiedliche Zugänge, Erweiterbarkeit und Locationbasiertheit sind alle vorhanden. Da es in Deutschland eine dichte und lebendige LARP-Kultur gibt, könnte man also auch guten Gewissens behaupten, dass dort ein großes ungenutztes Potenzial an Transmedia-Storytellern darauf wartet, angezapft zu werden.

Was allerdings fehlt, ist der Zugang für Außenstehende. Es gibt keine Haupterzählung, die sich in lean back-Haltung konsumieren lässt und dennoch Unterhaltung bietet. LARP bedeutet in der Regel: Wer Teil des Ganzen sein will, muss miterzählen, Teil des Spiels werden.

Dass das jedoch kein absoluter Imperativ ist, haben bisherige Projekte bewiesen. ARTE etwa ließ das Ende eines Films per LARP improvisieren. Aber es wäre auch denkbar, dass LARPs fester und regelmäßiger Bestandteil eines Transmedia-Gesamtkonstrukts werden, in dem die Handlungen der Spieler sogar indirekte Auswirkungen auf die Fortsetzung einer Haupterzählung haben – ein ähnliches Prinzip, wie es im Endeffekt bei MMORPGs wie „World of Warcraft“ der Fall ist.

LARP ist Transmedia-Storytelling in Reinform. Jetzt muss es nur noch genutzt werden.

© Warner Bros.

Manchmal kann man Filme nach dem Kinogang nicht alleine verarbeiten. Wie gut, dass das Internet einem oft die besten Gesprächspartner zur Verfügung stellt. Nach dem Ansehen von Alfonso Cuarons Gravity habe ich mich mit Filmemacher und „Real Virtuality“-Gastblogger Sebastian Mattukat zusammen hinter den Instant Messenger geklemmt und Gedanken über das Weltraumdrama ausgetauscht. Logischerweise ist das Gespräch voll mit Spoilern.

Alex: Sebastian, du hast gesagt, du hast erhöhten Redebedarf bei „Gravity“. Warum?

Sebastian: Weil ich es furchtbar finde, dass die ersten 30 Minuten mehr oder weniger aus dem Rechner sind und real aussehen. Für mich ist Gravity sowas wie Final Fantasy 2, die komplette Eliminierung des Zufalls und damit dessen, was für mich Film zum großen Teil mit ausmacht. Es ist keine Kunst, einen 15-Minuten-One-Take aus dem Rechner zu erzeugen. Aber eine Plansequenz wie in Joe Wrights Abbitte schon. Und das ist für mich ein großer Punkt, warum der Film so fürchterlich unemotional ist. Man vergleiche ihn nur mit Soderberghs Solaris. Der Film verbreitet eine tiefe Melancholie. Ob man ihn jetzt mag oder nicht, Remake hin oder her, aber er vermittelt wunderbar das Gefühl von Einsamkeit im All.

Alex: Ich habe schon einen interessanten Artikel gelesen, der die Frage stellt, ob Gravity nicht streng genommen sowieso ein animierter Film ist. Und selbst Kameramann Lubezki hat zugegeben, dass es einige Passagen gibt, wo der Film nah dran ist am Uncanny Valley, nämlich dort, wo Bullock durch die Raumstation von Modul zu Modul fliegt – und das war der Punkt, wo ich auch an Final Fantasy denken musste. Aber ich habe das Gefühl, es geht Cuaron gar nicht um das Angeben mit tollen Kameramoves sondern um das Erleben in Echtzeit. Hat das bei dir nicht funktioniert?

Sebastian: Jein. Also ich hatte das Gefühl, dass gerade die Anfangssequenz schon sehr gewollt war. Die hätte auch mit Schnitt funktioniert. Ich hatte letztens ein interessantes Gespräch mit meinem Kameramann, der meinte, bei einem Film, den zum Beispiel Roger Deakins fotografiert, stellt sich dem Betrachter nie die Frage, ob die Kamera auch woanders hätte stehen können. Das fand ich extrem interessant. Es gibt, wenn man drüber nachdenkt, immer wieder Filme, da steht die Kamera perfekt. Gravitys Anfang gehört auf jeden Fall nicht dazu. Der hat mehr den Anschein von einem Videospiel in seiner Ungeschnittenheit. Wie CinemaScope auf Twitter schon meinte: „GRAVITY is like watching someone playing a video game who has mastered all of the levels.“ Die Eliminierung des Zufalls ist das, was vielen Blockbustern durch ihre Effektorgien so viel an Sympathie raubt.

© Warner Bros.

Alex: Ich weiß aber nicht, ob es die rein formale Komponente ist, die den Film auch für mich irgendwie unemotional hat erscheinen lassen. Im Grunde besteht der Film ja aus der „Open the Pod Bay Doors, Hal“-Sequenz aus 2001, nur auf 90 Minuten gedehnt. Aber während Dave bei 2001 am Ende seiner Mission in die endlose, spirituelle Weite des Alls entführt wird, „Beyond the infinite“, will Ryan hier nur zur Erde zurück. Dieser ganze Sense of Wonder, von dem George Clooneys Charakter die ganze Zeit redet, kam für mich nicht so recht auf. Wie war das bei dir?

Sebastian: Überhaupt nicht. Dafür hat man aber auch viel zu wenig von der Erde und dem All gesehen. Ständig ist etwas explodiert oder ging schief. Man hat nie in die Tiefe schauen können, hat nie traurig werden können aufgrund der Einsamkeit, hat dadurch nie die Schönheit der Erde gesehen.

Alex: Naja, doch so ein bisschen. Die Momente der Ruhe gab es schon.

Sebastian: Aber die waren alle drinnen. Außer einmal, wenn er sie in Richtung ISS zieht und dann die Musik anschaltet.

Alex: Als Sandra Bullock zum ersten Mal aus dem Raumanzug klettert und da wie ein Fötus in der Luftschleuse hängt, das fand ich schon bewegend. Und auch diese schreckliche Isolation, der einzige Mensch weit und breit in einem riesigen Vakuum zu sein. Das konnte man auch spüren. Aber sonst wurde alles von einer ständigen Anspannung überdeckt. Mir fehlten diese großen Atmer, in denen die Ehrfurcht vor dem All spürbar wird.

© Warner Bros.

Sebastian: Das war mir ein bisschen zu viel 2001. Und dann mit dem Ende und dem Aufstehen als Mensch … Was bei Alien, 2001 und Solaris zum Beispiel anders ist, ist, dass sie das Ruhige nicht totquatschen. Da ist es bei Alien halt gruselig, bei 2001 strange und bei Solaris tieftraurig.

Alex: Und hier?

Sebastian: Der Moment, wo sie da lang fliegen am Anfang, wird über-redet mit dem, was man fühlen soll. Und innen, bei dieser Fötusnummer, sind die Bilder zu symbolisch. Man kann nicht durchatmen, was ja Teil des Konzeptes ist. Aber dann ist man halt auch mehr bei einem normalen Actionfilm, nur eben im Weltraum. Selbst die ruhigen Momente sind mega-aufgeladen. Was zum Beispiel supergut hätte werden können ist, wenn die Szene mit Clooney in der Kapsel länger gewesen wäre. Wenn sie sphärischer gewesen wäre. Das fand ich kurzzeitig richtig stark, aber dann war sie schon wieder wach und zurück in der Realitität. Wie geil wäre es gewesen, wenn am Ende ein Hinweise gegeben worden wäre, dass sie noch da oben ist.

Alex: Stimmt. Darüber hab ich noch gar nicht nachgedacht. Aber ich glaube das entspricht nicht Cuarons Weltbild, so etwas Gemeines.

Sebastian: Das wäre aber so richtig toll gewesen, dann ginge der Pathos auch auf.

© Warner Bros.

Alex: Wie bei jedem 3D-Film hätte ich mir übrigens mehr Close-ups gewünscht. Ich finde, dabei entsteht eine Intimität, die man so im Kino sonst nicht erlebt.

Sebastian: Ja, wobei Gravity ja auch von der Story her nicht wirklich nah dran an den Figuren war. Sie hatte halt ein totes Kind und kann ohne probleme kyrillische Anleitungen lesen. Aber ich weiß, was du meinst. Drinnen fehlte denen einfach die Weite des Raumes und im All gabs oft ja nur die unendlichen Weiten des Films.

Alex: Dieses übermäßige Aufladen der Figuren mit Klischees hat mich auch gestört. Sie ist ganz die emotionale Heldin mit totem Kind, und er ist ein so routinierter Astronaut, dass er sogar beim Sterben nur daran denkt, den Rekord von jemand anderem zu brechen. Ich frage mich, ob man solche Figuren braucht, wenn die Action oder das All die Hauptrolle spielen soll, oder ob man mit Charakteren, die etwas mehr wie echte Menschen gewirkt hätten, vielleicht mehr Emotionalität hätte erreichen können. Hier wirkte die Emotionalität auf mich nur so per Ansage erzeugt. „Sie hat ein totes Kind, fühlt gefälligst mit ihr“.

Sebastian: Ja, er hätte deutlich mehr Profil haben können, gerade wenn er stirbt. Wie wäre es gewesen, wenn sie gelogen hätte vor ihm. Wenn sie irgendwie an dem toten Kind Schuld gehabt hätte, es aber niemanden verraten hat. Aber dann, ganz alleine, erzählt sie es den Chinesen, dass sie es damals verzockt hat.

Alex: Ändert alles übrigens nicht daran, dass ich trotzdem finde, dass „Gravity“ ein erstaunlicher Film ist. Bei allem, was ich jetzt hier bekrittelt habe, dieser Stilwille und dieser Mut zum extremen Experiment mitten innerhalb des Mainstreamkinos, davor muss man schon den Hut ziehen. Und langweilig war mir auch nicht im Kino.

Sebastian: Nee, langweilig war es nicht, aber auch nicht besonders doll. Passte in das Kinojahr und war einer der besseren Vertreter. Jetzt muss es Lars mit Nymphomaniac richten.

© Warner Bros.

Alex: Ich interessiere mich ja schon länger für Filme, die an der Grenze zwischen Animation und Realfilm liegen. Mein vorheriges Lieblingsbeispiel war immer 300. Insofern ist Gravity da auf jeden Fall auch ein interessanter neuer Eintrag in die Annalen der VFX-Geschichte. Ich hoffe, dass noch mehr Bildmaterial von den Dreharbeiten auftaucht und ich werde mir das auf der BluRay auf jeden Fall auch noch einmal sehr genau anschauen. Ich finde ja, dass Filme die auf sehr hohem Niveau manchmal in letzter Instanz scheitern (obwohl die Kritiker sich ja größtenteils doch vor Lob überschlagen) häufig historisch gesehen interessanter sein können, als filmische Triumphe, die dadurch entstehen, dass man die letzte Meile sicherheitshalber nicht geht. Für mich ist Gravity ersteres und damit insgesamt dennoch einer der besten Filme des Jahres. Ich überlege die ganze Zeit, ob es sich lohnen könnte, ihn ein zweites Mal zu sehen.

Sebastian: Bei Children of Men gibt es am Ende diese Einstellung wo Clive Owen durch die Straßen rennt, in das Hochhaus, um das Kind zu retten. Die konnten die Einstellung nur drei- oder viermal machen. Dann spritzt Blut an die Optik und Cuaron ruft „Schnitt!“, doch aufgrund einer Explosion hört ihn niemand und der Take läuft weiter. Die ganze Szenerie ist unfassbar real. So etwas fehlt mir bei Gravitiy. Der Film ist zu perfekt.

© Pandora Film

Manchmal können selbst mittelmäßige romantische Komödien einem den Einstieg in einen Artikel erleichtern. In Marc Lawrences Film Music and Lyrics von 2007 spielt Hugh Grant einen alternden, vergessenen Popstar namens Alex Fletcher, der als Songwriter für eine junge, hippe Sängerin arbeiten soll. Zu diesem Zweck bekommt er einen Ausschnitt aus deren jüngster Single vorgespielt, eine Mischung aus überproduziertem Bubblegum-Pop und indischen Harmonien mit dem Titel „Buddha’s Delight“. Fletcher ist angewidert. Sein Kommentar lautet schlicht: „It simultaneously destroyed two musical cultures in under a minute.“

Ari Folmans Film The Congress gelingt auf eine ganz andere Weise, mit weniger Kalkül und dafür umso mehr Streben nach Bedeutsamkeit, im Endeffekt das Gleiche. Er zerstört seine Vorlage, indem er ihr eine zusätzliche Ebene hinzufügt. Doch weil diese Ebene selbst unabhängig von der Vorlage nicht funktionieren würde, zerstört er auch noch sie und alle positiven Effekte, die sie haben könnte.

Doch zunächst ein Disclaimer

(Ich gebe zu, dass diese Sichtweise eine sehr persönliche ist. Ich war von Folmans letztem Film Waltz with Bashir und dessen Einsatz von Animation zur Visualisierung des Unfilmbaren enorm begeistert und ich bin ein ebenso begeisterter Leser Stanislaw Lems, auf dessen Roman Der futurologische Kongress Folmans The Congress basiert. Das Zusammentreffen von beiden verhieß also doppelt Gutes. Und entsprehend war ich vom Ergebnis dann doppelt enttäuscht. So sehr, dass ich mich auf Facebook zu einem Wutausbruch hinreißen ließ, weil ich mich von dem Film so verraten fühlte. Dieser Artikel bemüht sich, die ruhige und gefasste Version dieses Wutausbruchs zu sein.)

Literatur-Adaptionen sind ein Thema, über das Kritiker bis ans Ende der Zeit Debatten führen können und werden. Ich persönlich bin alles andere als ein Verteidiger von „werkgetreuen“ Adaptionen, die im Endeffekt nicht mehr sind, als eine Bebilderung des geschriebenen Textes. Eine gute Adaption, so scheint inzwischen der kritische Konsens zu herrschen, muss dem Originalwerk „im Geiste“ treu sein. Es muss die Essenz zum Beispiel des Romans erkennen und in ein neues Medium mit eigenen Gesetzen transportieren. Einige der besten Filmadaptionen der Geschichte, von Rebecca bis Blade Runner, adaptieren ihre Vorlage sehr frei, doch wenn man das Buch nach Ansicht des Films liest, sieht man, welchen Kern die Filmemacher darin erkannt und umgesetzt haben.

Ein beliebtes Mittel der Adaption unter gleichzeitiger Modernisierung eines vergangenen Textes ist gerade unter Filmemachern das Verlegen der Erzählung des Urtextes in ein anderes Erzähltes, mit dem Ziel, den „Kern“ so noch besser herausarbeiten zu können. Emma im Teenagermilieu ergibt Clueless. Romeo and Juliet in New York, als Musical, ergibt West Side Story. The Congress steckt irgendwo dazwischen. Es entfernt sich inhaltlich streckenweise sehr weit von der Handlung des Romans Der futurologische Kongress, nähert sich ihm dann aber immer wieder in spezifischen Einzelheiten an.

Eine aktuellere Allegorie

Folman beschreibt in einem Interview im Presseheft zum Film genau diesen Prozess: „Ich […] löste mich weitgehend vom Originaltext, kam aber immer wieder darauf zurück. […] Ich finde der Geist des Romans ist sehr präsent im fertigen Film […].“ Das ist der Punkt, an dem ich Folman zum ersten Mal nicht zustimme. Der Regisseur sagt weiter:

Ich suchte nach einer neuen, aktuelleren Allegorie für die kommunistische Ära, die das Buch beschreibt. Dei Diktatur aus dem Roman verwandelte sich während des Schreibprozesses in eine Diktatur innerhalb der Unterhaltungsindustrie, insbesondere der Filmindustrie, die von den großen Studios kontrolliert wird.

Stanislaw Lem hat in seiner literarischen Laufbahn so ziemlich alles mit seiner beißenden Satire aufgeschlitzt, was ihm vor’s Messer kam. Der futurologische Kongress ist nicht nur eine Parabel auf den Selbstbetrug der Menschen im Kommunismus und auf das Auseinanderklaffen von Utopie und Realität. Am Anfang des Romans zerschmettert Lems Sprache sowohl die Kongresskultur als solche, als auch deren Hilflosigkeit gegenüber den wachsenden Problemen einer Welt auf dem Weg in den Kollaps. Eine kleine Leseprobe.

Über dem Podium prangte eine bekränzte Tafel mit der Tagesordnung. Den ersten Punkt bildete die urbanistische Weltkatastrophe, den zweiten die ökologische, den dritten die atmosphörische, den vierten die energetische […]. Um das Beratungstempo zu steigern, mußte jeder die Referate selbständig vor der Sitzung durchstudieren; der Vortragende sprach ausschließlich in Ziffern, die auf Kernstücke seiner Arbeit verwiesen. […] Stanley Hazelton aus den USA schockierte sofort das Auditorium, denn er wiederholte nachträglich: 4, 6, 11 und somit 22; 5, 9, ego 22; 3, 7, 2, 11 und demzufolge wiederum 22!!! […] Ich suchte im Text seines Referats den Codeschlüssel und entnahm ihm, daß die Zahl die endgültige Katastrophe bezeichnete. (Übersetzung von Irmtraud Zimmermann-Göllheim)

Das Hauptaugenmerk des Romans jedoch liegt auf der (im Kommunismus anscheinend verbreiteten) Fähigkeit und Bereitwilligkeit der Menschen, sich selbst zu täuschen, um den Realitäten des Lebens nicht ins Auge sehen zu müssen. Und tatsächlich ist dies auch der Aspekt des Buches, der zumindest im Geiste unverändert auch in Folmans Film auftaucht, wenn er schließlich eine Welt beschreibt und zeigt, in der sich Menschen mit Hilfe von Chemikalien einer farbenfrohen Simulation hingeben, obwohl ihre Realität trübselig und grausam ist.

Für Nichts zu schade

Alles andere jedoch, was Ijon Tichys Erlebnisse ausmacht, zerstört Folman rigoros, indem er wie oben beschrieben die diktatorischen Prozesse, die der Roman aufs Korn nimmt, durch die unendlich viel plattere „Diktatur“ der Unterhaltungsindustrie ersetzt. Folman ist sich dabei für Nichts zu schade. Den Höhepunkt bildet eine Szene, in dem ein zombiehaftes Publikum der geifernden Brandrede eines Entertainment-Demagogen lauscht, dessen Name „Reeve Bobs“ lautet. Die „Amusing ourselves to death“-Karte zu ziehen ist eine Sache – auch wenn sie seit Mitte der 90er ihr Verfallsdatum überschritten hat – aber eine so direkte Namensparodie auf eine reale Persönlichkeit, egal was man von ihr halten mag, sollte unter der Würde eines Regisseurs wie Folman sein.

Doch weil Folman von seinem Gedanken der Umwandlung von kommunistischem Todesterror in hollywoodschen Spaßterror besessen scheint, fügt er der Handlung des Futurologischen Kongress eine komplette zweite Ebene hinzu, in der eine fiktionale Version der Schauspielerin Robin Wright sich nach Jahren der Erfolglosigkeit entscheidet, das Spielen aufzugeben und stattdessen das Angebot ihres Studios Miramount anzunehmen, eine digitale Version ihrer Persönlichkeit erstellen zu lassen, die ewig jung all die Rollen spielt, die Wright über die Jahre abgelehnt hat – insbesondere eine Laserpistolen schwingende Science-Fiction-Superheldin.

Am Thema vorbei

© Pandora Film

Folman beschreibt seine Motivation im Presseheft: „Seit Avatar muss sich jeder Filmemacher bewusst sein, dass die Schauspieler aus Fleisch und Blut, die unsere Phantasie seit Kindesbeinen beflügelt haben, durch computergenerierte 3D Figuren ersetzt werden können.“

Selbst wenn man, wie ich, der Meinung ist, dass Folmans Umdeutung von Lems Analogie nicht ganz stimmig ist, hätte es ja trotzdem noch sein können, dass ihm mit dem Film eine glänzende Satire auf das moderne Hollywood gelungen wäre. (Etwa so wie The Social Network die Essenz von Facebook verkennt, aber dennoch einen faszinierenden Thriller über Ego und die moderne Geschäftswelt abliefert.) Leider ist auch das nicht der Fall, denn Folman argumentiert an der tatsächlichen Situation vorbei, wie schon lange kein europäischer Arthouse-Regisseur mehr.

In seinem Buch Performing Illusions: Cinema, Special Effects and the Virtual Actor von 2008 schreibt Dan North:

The sophistication of a digital face able to convey facial expressions based on instinctive, even subconscious emotional communication rather than broad mimicry is at present far beyond the scope of any animator and is likely to remain so for many years. This is not to say that it will never be possible […], but we have to factor in the possibility that it might never happen, because it might never be necessary or desirable. At present, though, the state in which the synthespian is made manifest is one of fearful but fascinated mythology, rather than an inevitable path towards a future of artificial entertainers.
(S. 153, Hervorhebungen von mir)

Ganz hinten auf der Liste

Die Tatsache, dass die Digitalisierung Hollywood übernimmt, bringt viele Probleme mit sich, aber – Avatar hin oder her – das Ersetzen von Schauspielern durch willenlose, computergenerierte Versionen ihrer selbst, ist ganz sicher eines, das ganz ganz weit hinten auf der Liste steht. Nicht nur, weil es zum jetzigen Zeitpunkt unendlich viel billiger ist, einfach einen neuen Schauspieler zum Star aufzubauen, statt einen alten mit hunderten Animatoren künstlich am Leben zu erhalten, sondern weil auch hinter den Performances von Avatar Schauspieler standen, ohne deren Persönlichkeit und Handwerk der Film niemals funktioniert hätte. Wenn sich seit den Tagen von S1mone und Final Fantasy: The Spirits Within vor nunmehr über zehn Jahren, als das Thema „digitale Schauspieler“ virulent war, eine Sache herausgestellt hat, dann, dass die Zuschauer genau auf das echte, menschliche Element nicht verzichten können und wollen.

Folman bestätigt, dass ihn genau das, was North „fearful mythology“ nennt, angetrieben hat, wenn er schreibt, sein Film sei ein „Schrei nach Hilfe und eine tief empfeundene Sehnsucht nach dem Vergangenen, nach dem altmodischen Kino, wie wir es kennen und lieben.“ Und das in einem Film, in dem er seine Hauptdarstellerin über weite Strecken durch eine animierte Figur ersetzt, um die „unglaubliche Freiheit, die [die Animation] der filmischen Interpretation lässt“ ausnutzen zu können.

Ironisches Versagen

Genau darin liegt das ultimative und wohl auch zutiefst ironische Versagen von The Congress. Ein fähiger, wahrscheinlich hochintelligenter Filmemacher, bindet über Jahre hinweg die Fördergelder und kreativen Arbeitskräfte mehrerer Nationen (der zwischen fünf und sechs Millionen Euro teure Film ist eine Sechs-Länder-Produktion, allein in Deutschland hat er Gelder von Film und Medienstiftung NRW, DFFF, Medienboard Berlin-Brandenburg, Filmförderung HSH, FFA und ARD Degeto erhalten), um einen hochambitionierten, besserwisserischen Film über ein Problemthema zu machen, das keins ist.

Aber wie so oft in bestimmten Spielarten des kulturpessimistischen Kunstkinos, ist es ja auch viel einfacher, sich ein Problem herbeizufantasieren, das der eigenen Weltwahrnehmung entspricht, statt sich mit den tatsächlichen Problemen einmal wirklich zu beschäftigen. Und wenn das Ganze dann nicht einmal eine besondere poetische Qualität entwickeln kann, ist der Ofen einfach aus. Und Poesie entsteht in The Congress (ganz im Gegensatz zu Waltz with Bashir) aufgrund seiner Plattheit und Sentimentalität (einen Nebenhandlungsstrang über Robin Wrights wahrnehmungskranken Sohn habe ich hier ausgespart) leider nur sehr punktuell – etwa in der spektakulären Animationssequenz nach Wrights Erwachen in der Zukunft. Und so verfehlt das mäandernde Machwerk eines Mannes, dem zu viele Freiheiten gelassen wurden, nicht nur das Thema seiner Vorlage, sondern auch das Thema, dass es sich selbst als Ergänzung gewählt hat.


The Congress startet am 12. September in den deutschen Kinos.

© Sebastian Lorenz

Zuerst einmal: Markus Rohde sieht in Farbe und 3D ganz anders aus als auf dem Bild, das in jeder Ausgabe die erste Seite schmückt. Er wirkt jünger, schlanker und tatsächlich auch ein bisschen nerdiger als sein gravitätisches editoriales Ich. Letzteres mag daran liegen, dass die rot umrandete Brille von Angesicht zu Angesicht anders strahlt. Vielleicht auch daran, dass natürlich ein „Star Trek“-T-Shirt unter seinem karierten Hemd hervorlugt, als ich mich an einem warmen Mainzer Nachmittag zu ihm und seinem Redakteur Christian Humberg an den Tisch setze. Für einen Chefredakteur, dessen Name seit kurzem auch einen eigenen Verlag schmückt, könnte das in jedem anderen Zusammenhang schräg wirken. Andererseits heißt die Zeitschrift, die er leitet, ja auch „Geek!“

„Ich kann echt nicht meckern“, sagt er, auf den Erfolg dieser Zeitschrift angesprochen. In Zeiten, in denen immer mehr Gedrucktes den Dinosauriern in den dauerhaften Tod folgt, ist in Nischen noch Platz für Wachstum. Seit seinem Debüt auf der FedCon 2012, vor einem guten Jahr, hat das Sci-Fi-Fantasy-Film-Serien-Comic-Bücher-Magazin sogar an Auflage zugelegt. Das Experiment, das der Panini-Verlag zunächst auf ein Jahr angelegt hatte, wurde inzwischen auf unbestimmte Zeit verlängert. Wenn man Markus Glauben schenken darf, ist „Geek!“ sogar der Liebling der Anzeigenkunden.

Lernen aus der „SpaceView“

Bevor er Chefredakteur der „Geek!“ wurde, stand Markus Rohde schon einmal an der Spitze einer Zeitschrift. Die „Space View“ war um die Jahrtausendwende noch eins der wichtigsten Organe des Science-Fiction-Fandoms in Deutschland, verwässerte aber zusehends in Konzept und Fokus und wurde Ende 2011 schließlich eingestellt. Am Anfang von „Geek!“ habe auch die Frage „Was können wir aus der ‚SpaceView‘ lernen?“ gestanden, sagt Markus. Man entschied sich, das Themenspektrum offener, die Ansprache aber gezielter zu formulieren. „Geek!“ gibt sich nicht nur mit Science-Fiction zufrieden, versucht aber auch eindeutig nicht, ein Massenpublikum zu erreichen.

Die „Szene“, die er ansprechen will, sei „nicht homogen“, sagt Markus. Filmfans, Computerspielerinnen, LARPer, Online-Rollenspielerinnen, Romanverschlinger und Serienjunkies gehören alle irgendwie dazu. Das sei im Zeitschriftenmarkt schwer zu fassen und man müsse sich immer wieder die Frage stellen: „An wen wendet man sich wirklich?“

So bunt wie möglich

Die Lösung? „Wir versuchen jetzt so bunt wie möglich zu sein.“ Ziel sei es, dass ein Artikel die Leserin auch mal nicht in ihren Kerninteressen trifft, dafür aber ein anderer umso mehr. „Umgekehrt kann der erste Artikel aber trotzdem Interesse wecken, so dass sie vielleicht einfach mal reinliest in die Sache.“ Ansonsten sei es aber auch das Schöne, dass man sich in vielen Bereichen austoben könne.

Den Ausgleich zur thematischen Vielfalt bietet der Ton des Magazins. „Wir sind ein Fachblatt“, sagt Markus ganz klar, „wie die ‚Welt der Wissenschaft‘ oder der ‚Kicker‘. Und der ‚Kicker‘ erklärt auch nicht jedem Artikel neu, wie Abseits funktioniert.“ „Geek!“ setzt auf Expertenwissen und Interesse an den detaillierteren Aspekten eines Themas. Der ideale Leser sei das, was man als den „fortgeschrittenen Fan“ bezeichnen könne. Jemand, der sich mit seinem speziellen Fandom schon länger und intensiver auseinandergesetzt hat, aber auch offen dafür ist, über den Tellerrand zu blicken. „Er sollte auch schon mal einen Film aus den Siebzigern gesehen haben oder zumindest wissen, dass es da was gibt. Oder von Méliès‘ Reise zum Mond mal gehört haben, auch wenn er ihn vielleicht nicht gesehen hat.“

Verbesserte Infrastruktur

Ist die Fan-Szene denn heute anders als noch vor zehn oder zwanzig Jahren? „Mitte der 90er ist einiges in der Fandom-Kultur passiert, weil sich die Infrastruktur verbessert hat. Man kann die Leute heute viel besser erreichen. Früher war man Rollenspieler, konnte den Leuten in seinem Gymnasium davon erzählen, dann konnten die damit nichts anfangen.“ Ich nicke eifrig. „Dann gab’s vielleicht noch irgendwelche Clubs, die man über Briefe erreichen konnte – dieses Sich-Zusammenschließen war viel schwieriger. Heute kann man sich alles viel besser zusammenstellen aus den Interessen, die man hat.“

Damit meine er aber nicht nur das Internet. „Es gibt auch generell eine gewisse Professionalisierung. Bei ein paar alten Recken ruft es zwar manchmal Naserümpfen hervor, dass jemand wie Dirk Bartholomä etwa mit FedCon und RingCon auch Geld verdient, in Veranstaltungen mit zigtausend Leuten. Trotzdem ist er Fan und kommt aus dieser Fan-Ecke und macht das aus Leidenschaft. Der sitzt abends auf den Partys, die Schauspieler um ihn rum, und er hat ein Glitzern in den Augen.“

Aus derselben Motivation funktioniert auch die „Geek!“ und die Person Markus Rohde. „Ich mache diese ganzen Sachen beruflich, aber auch aus der Leidenschaft heraus, aus dem Fantum heraus. Deswegen habe ich auch schon Anfeindungen bekommen: Ich könnte mich ja zu Star Trek-Romanen eh nicht mehr äußern, weil ich die jetzt beruflich produziere.“ Markus ist auch Lektor und Übersetzer beim Verlag Cross Cult. „Das ist aber auch daraus erwachsen, dass ich damals in den 90ern immer als erster im Laden stand und sie gekauft habe.“

Professionelle Fans

Markus, der irgendwann mal Germanistik und Philosophie studiert, das Studium aber nie abgeschlossen hat, steht gewissermaßen an exponierter Stelle inmitten einer Gruppe von „professionellen Fans“, die sich auch alle gegenseitig kennen und füreinander arbeiten. Wer für „Geek!“ schreibt, ist immer nur auch Journalist und außerdem in der Regel Autorin, Übersetzer oder Lektorin von Comics und Genreromanen. „Es sind doch immer wieder dieselben, über die man stolpert in der ganzen Szene“, meint Markus. „Einmal in dem Sinne, dass zuverlässige Leute, die ordentliches Zeug abliefern immer wieder dieselben sind. Und weil es eben die Szene ist, die alles macht. Die Romane schreibt, Sachbücher schreibt und sich einfach auskennt.“ Im SciFi/Fantasy-Segment müsse man Allrounder sein und „wie ein Krake zig Sachen am Laufen halten.“ Christian Humberg, der nach wie vor am Tisch sitzt, stimmt zu. Er ist ein klassischer Fall.

Die Überschaubarkeit der Szene führt auch dazu, dass „Geek!“, wie inzwischen wahrscheinlich mindestens zwei Drittel aller Zeitschriften, keine Redaktion als solche hat. Markus sitzt in Sankt Augustin, sein Team ist über die gesamte Republik verstreut. Die Zeitschrift wird online und per Telefon zusammengesetzt – in E-Mails, Gesprächen und Facebook-Chats. Selbst das Layout wird ohne anwesenden Redakteur in Ludwigsburg gesetzt. Nur alle paar Ausgaben trifft man sich mal persönlich. Der Chefredakteur vermisst nichts. „Wenn man drei Büros auseinandersitzt, ist man auch nicht viel schneller.“

Kein Fanzine?

Doch obwohl die Profi-Fans bei „Geek!“ am Ruder sitzen und die Verquickung mit den Verlagen, über deren Produkte das Magazin berichtet, mannigfaltig ist, betont Markus, dass die Zeitschrift nicht nur ein besonders buntes Fanzine ist. Schlechte Produkte würden auch verrissen, Anzeigenkunden hin oder her. Die Schwierigkeit liegt für alle darin, die Leidenschaft zu bewahren, aber nicht in die Verklärung abzudriften. „Mit Leuten, die das nicht können, kann ich nicht längerfristig zusammenarbeiten“, sagt Markus. Er habe sich aus diesem Grund auch schon von Autoren trennen müssen.

Doch nicht nur die Autoren sind Teil des Problems, auch die Leser können ein Hindernis sein. So würde immer wieder diskutiert, ob man es sich leisten könne, Fans zu verprellen, weil man ihre Lieblinge kritisiert. Doch die Linie ist klar: „Das muss sein, sonst macht man sich unglaubwürdig.“ Und schließlich gehört das leidenschaftliche Diskutieren über die Qualität eines bestimmten Kulturprodukts ja auch zu den Pfeilern des Geek-Daseins. „Das sollte eigentlich noch viel viel stärker der Fall sein, dass es noch nerdiger, noch geekiger ist“, sagt Markus.

Weil’s geil ist

Die pressierendste Frage habe ich mir für den Schluss aufgehoben. Warum, beim Barte von Spocks bösem Zwilling, erscheint ausgerechnet eine Science-Fiction-Zeitschrift – egal wie erfolgreich – noch immer als zweimonatliches, gedrucktes Heft? Die Antwort ist eigentlich wenig überraschend und kommt aus den tiefsten Tiefen des versteckten Konservatismus, der die SF/Fantasy-Szene mit ihren fantastischen Legendenwelten schon immer im Herzen regiert – im Gegensatz etwa zur Lebenswelt der Tech-Geeks: „Weil’s geil ist!“

Echt, das ist der Grund? „Das ist der Grund. Wir alle machen das nicht nur als Job, um Geld zu verdienen oder weil wir uns zu den Themen nirgendwo anders äußern könnten, das könnten wir ja. Aber wir sind alle überzeugte Print-Leute, die es cool finden, ein Heft in den Händen zu haben und es am Strand oder auf der Toilette zu lesen. Und das sagen wir als diejenigen, die auch im Internet unterwegs sind. Es ist kein Massenmarkt mehr, aber es gibt noch Leute, die es haben wollen. Und es ist redaktionell zusammengestellt und ich lese vielleicht auch mal Dinge, an die ich selber nicht gedacht hätte.“

Das erklärt auch, warum hinter der URL geek-mag.de eigentlich keine richtige Website steht. Man wollte lieber ein gutes Heft machen und „nichts Halbes“ im Netz. Das bevorzugte Netz-Organ der „Geek!“-Gemeinde ist das Onlineportal „Robots and Dragons“. Die Impressumslisten der beiden Medien teilen sich eine Menge Namen.

96 Seiten sind nicht genug

Eine Veränderung dieser Taktik ist für die Zukunft auch vorerst nicht angedacht. Stattdessen erhofft Markus sich irgendwann mehr nicht-virtuelle Seiten zum Bedrucken. Denn inzwischen hat jede Ausgabe ein gewisses Spektrum an Filmen, Serien, Comics und Romanen, das abgedeckt werden muss und Werbekunden anzieht. Bei 96 Seiten bleibt häufig wenig Platz für die Kür, vor allem wenn große Geek-Ereignisse anstehen, wie etwa ein neuer Star-Trek-Film. Mit mehr Papier könnte nicht nur das enge Layout etwas luftiger werden, auch die „würzenden Artikel“, wir Markus sie nennt, könnten mehr Raum bekommen.

Science-Fiction könnte man gemeinhin als die Fortschreibung aktueller, gesellschaftlicher Tendenzen in einem fantastischen zukünftigen Kontext beschreiben. Was also wünscht sich der Chefredakteur eines in seiner Nische erfreulich erfolgreichen gedruckten Science-Fiction-Magazins für die Zukunft? Eine Revolution? Einen großen Sprung nach vorne? Nein. Die erste Antwort, die dem „Kraken“ Markus Rohde über die Lippen kommt, sagt dann doch, und das denke ich mir wertfrei – ohne Gehässigkeit oder übeflüssiges Mitleid, alles aus über den Zustand einer geschüttelten Branche und eines Kultursegments, das in den letzten zehn Jahren ohne viel eigenes Zutun von den Kellerkind-Tiefen in die Strudel des Mainstreams gespült wurde. „Beständigkeit.“

Ausgabe 8 von „Geek!“ erscheint am 20. August 2013.

© Warner Bros

Pacific Rim

Das Genrefilme so ziemlich die Weltherrschaft an sich gerissen haben, konstatiere ich hier im Blog regelmäßig. Die Schattenseite des Ganzen ist aber auch kein Geheimnis: Denn Genrekino lebte immer schon von der Wiederholung bekannter Formeln und entsprechend befinden wir uns im Jahrzehnt der Franchises, Remakes und Reboots. Und auch wenn das an sich weder etwas schlechtes, noch etwas neues ist, so gibt es doch ein Genre, das – anders als etwa das Superheldenfach – nicht von der ewigen Neuerzählung bekannter Mythen leben sollte, sondern von der Erschaffung originärer Visionen: Die Science-Fiction.

Und gerade die bekommen wir 2013 endlich mal wieder in einer Fülle geboten, wie wir sie gefühlt seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen haben. Zukunftsvisionen, direkt aus den Hirnen ihrer Schöpfer auf die Leinwand. Da kann jedes Total Recall-Remake einpacken. Joseph Kosinskis Postapokalypso Oblivion, obwohl derivativ, basiert auf einer unveröffentlichen Graphic Novel seines Regisseurs. Pacific Rim, in dem Guillermo del Toro gigantische Mechas gegen gigantische Monster kämpfen lässt, entspringt einem Originaldrehbuch, ebenso wie der sehnlich erwartete Gravity seines Landsmanns Alfonso Cuarón. After Earth ist die Umsetzung eines Fiebertraums von Will Smith. Und auch Neill Blomkamps Elysium, dessen neuer Trailer jeden begeistern dürfte, ist eine originäre Schöpfung.

Über die Qualität der Filme sagt diese Tatsache natürlich an sich noch nichts aus. Die bereits gestarteten Oblivion und After Earth kamen bei der Kritik nicht gerade gut weg. Doch es ist auch so schon erfrischend, wenigstens mal wieder Bilder und Geschichten auf der Leinwand zu sehen, die kein historisches Gepäck mit sich herumtragen. Guillermo del Toro wird nicht müde zu betonen, dass sein oberstes Credo für Pacific Rim die Distanz zu existierenden Filmen war. Mit anderen Worten: Man kann sich als Freund des Genres völlig darauf konzentrieren, ob man einen guten Film sieht, und muss sich nicht im Vorfeld schon Gedanken machen, ob die Macher dem Geist der Marke treu bleiben und ob ihre Interpretation valide ist.

© Screenshot/Sony Pictures

Elysium – Kennen wir dieses Bild nicht irgendwoher?

Vor allem, wenn man sich Elysium und Oblivion anschaut, heißt das jedoch nicht, dass die Filme ohne Referenzpunkte existieren. In der Bildwelt beider Filme (und auch in vielen der Storyideen von Oblivion) sind klare Bezüge zum letzten goldenen Zeitalter der Science-Fiction erkennbar, das ebenfalls von warnenden und philosophisierenden Blicken in die Zukunft handelte, in einem Spannungsfeld aus Staunen und Schrecken, angereichert mit einer unterschiedlich großen Dosis Action. Zwischen 1968, als 2001: A Space Odyssey die bis dahin von Monsterinvasionen dominierte Science-Fiction neu definierte, und 1982, als „Blade Runner“ den Übergang in ein neues, technologisch beklemmenderes Zeitalter einläutete, entstanden Filme wie Solaris, Silent Running, Logan’s Run, Close Encounters of the Third Kind, Soylent Green, Planet of the Apes, A Boy and his Dog, Zardoz, A Clockwork Orange und Rollerball, die bis heute einen Klassizismus ausstrahlen, wie man ihn davor nur zwischen 1927 und 1935 gesehen hatte.

Auch damals waren die meisten Filme Originale oder höchstens Literaturadaptionen. Zum Glück gab es die auch immer wieder, von Escape from New York bis zu den beiden besten SF-Filmen der letzten zehn Jahre, Children of Men und Sunshine, dominant waren jedoch Serien: Star Trek und Star Wars, Alien und Matrix, die das Koordinatensystem der SF – von Space Opera bis Cyperpunk und von Horror bis Fantasy – unter sich aufgeteilt hatten. (Mehr zur Abgrenzung der SF im Film bitte nachlesen in Vivian Sobchacks exzellentem Klassiker „Screening Space“).

© Universal

Oblivion

Die Science-Fiction-Filme des Jahrgangs 2013 scheinen den Zeitgeist der Hyperstasis abschütteln zu wollen. In einer Zeit, in der William Gibson nicht mehr über die Zukunft schreiben will, weil wir bereits in der Zukunft leben, entwerfen Kosinski, Blomkamp und del Toro bewusst weite Landschaften abseits der Computerschaltkreise. Welten, die nicht virtuell sind, sondern real und gefährlich, und deren Zukunft sich von unserer Gegenwart signifikant unterscheidet.

Es ist schwer zu sagen, ob es ein glücklicher Zufall ist, dass Hollywood dieses Jahr mit gleich so vielen Originalstoffen um das Box-Office würfelt. Klar ist, wenn 150-Millionen-Dollar-Experimente wie Pacific Rim fehlschlagen, wird man sich ganz schnell besinnen und lieber wieder weiter an Blade Runner 2 und Prometheus 2 werkeln. Doch für den Moment sieht es so aus, als könnte der Nummer-Sicher-Remake-Wahn zumindest in der Science-Fiction für eine Weile gesprengt werden. Wenn die Filmwelt nicht vorher implodiert.


London, 1966 (aus The Time Machine, 1960)


Hilton Hotel, 2001 (aus 2001: A Space Odyssey, 1968)


Hill Valley, 2015 (aus Back to the Future – Part II, 1989)

Was 2010 a vintage year for film? Compared to 2009, from which basically only Avatar is still talked about, I guess it was. In the long run, only time will tell of course, but here are the ten films that made the biggest impression on me in all the vintageness.

Note: This list goes by German cinematic release dates. Note 2: Even though I made it into the cinema a lot this year, I still missed some titles, i.e. Enter the Void and Exit through the Gift Shop.

1. Scott Pilgrim vs. the World

There are two reasons, why I chose to make this film my film of the year. One is that is truly a revolutionary and daring piece of filmmaking for reasons that The Film Doctor has pointed out. The second is that it really stuck with me emotionally in ways that Inception or The Social Network did not.

2. Inception

You can say almost nothing against this excellent film, except maybe that it’s a bit too cerebral and a bit convoluted. But, well, that’s what happens when you are making a big budget action blockbuster which at the same time serves as an intelligent investigation of the nature of dreams and our ability to delude ourselves. And right now there is only one director able to pull this off: Christopher Nolan.

3. The Social Network

It’s not the story of Facebook, I believe, but it is a very good story. As usual, Fincher succeeds in making the viewer forget just how perfectionist his filmmaking is by enveloping him in a well-told story brought across by excellent performers. That’s what makes the film so strong. It is not however, a testament of our times, I reject this reading.

4. El Secretu de sus ojos

I won’t say it was a worthy Oscar winner (because it was up against Das weiße Band), but it was a worthy nominee. I just liked this film. It was tense and gripping, it was beautifully lit and shot and it was so melodramatic in a good way, about love that transcends time and brings people to do cruel things. It just got me.

5. The Kids are all right

If I was a different kind of person I would probably have all sorts of reservations against this film, but I am not. So I liked the extremely powerful betrayal of a couple going through marriage problems – stripped of all gender prejudices you could have because both partners are women. Around the performances, however, which are easily the biggest asset of the film, there is also some well-composed pictures to look at, which rounds the film off nicely.

6. Crazy Heart

The landscapes and the dreams that surround this tale open up the canvas, the intimate performances and the music close it again. This mixture generates a film that lasts, even more because it’s a fictional story that might just be true.

7. A Single Man

Another performance-driven film that profits from the fact that it is also clothed in beautiful images. I liked the bitterness of it, combined with the technique of using shifting colour saturations to convey emotion, which is something that I hadn’t seen done in quite this way before.

8. Toy Story 3

Ignore the fact that there is a bit too much of everything in the second act of this film as it channels prison break movies of the last five decades. Toy Story 3 more than makes up for it with the emotional climax of the third act and an ending that had me shedding a few lonely tears in the cinema. A very different coming-of-age-story which brillantly finishes a trilogy fifteen years in the making.

9. The Road

It’s a film about a failed civilisation that manages to tell its story without drifting off into the romanticized apocalypse. There is no hint here of a „paradise regained“ Adam-and-Eve-notion, just a harrowing sense of survival of the well-adapted. That’s what made the film for me.

10. Gainsbourg

I like innovative approaches to biopics and Gainsbourg is excellent in mixing legend and history. Once M. Gainsbourg is famous, it gets a little tedious watching his seemingly endless decay, but in the end even that felt worthwhile in order to learn how one of France’s most infamous 20th-century-figures might see himself in a movie.

Honorable Mention: Die kommenden Tage

This is not in the Top 10 because it tries to cram a little too much character drama into one film in a way that makes some of the characters unbelievable in the end. But a near-future dystopia from Germany that successfully taps into a lot of the fears which haunt our times, combined with some of the best colour photography I have seen in a German film for years, nevertheless made for a film that I often think back to. Can we please have more films with this scope in Germany?

Let’s see how 2011 will play out. Until then, I wish all my blog readers a good sense of closure for 2010 and a Happy New Year!

I am fascinated, if not obsessed with the idea that we live in the future now. Adam Rogers’s behind-the-scenes article on Tron: Legacy for „Wired“ recently demonstrated this point in a way I never really thought about. But it’s true.

All those artists at Digital Domain know they’re creating Tron’s reality by creating it in reality. “We’ve achieved what the first film predicted,” [Director Joseph] Kosinski says. Jeff Bridges had to get a full-body laser scan during preproduction, an eerie hearkening to his digitization in the first movie. When he shot his scenes as Clu, the motion-capture rig he wore to translate his facial movements to Rev 4 included a visor that looked uncannily like the helmet he wore in the original. And the prospect of an unimpeachable, photorealistic avatar for Bridges ought to make the Screen Actors Guild freak out.
(read the whole Article)

It’s really a shame that the new Tron doesn’t arrive in German theaters until the end of January. It’s a film I will hopefully be blogging a lot more about soon.