The Wire gilt nicht nur bei „Entertainment Weekly“ gerne als beste Fernsehserie aller Zeiten. Die fünf Staffeln, in denen Schöpfer David Simon mit seinen Autoren und Schauspielern gemeinsam ein Sittengemälde der amerikanischen Stadt im anbrechenden 21. Jahrhundert zeichnet, verlangen einem zum Einstieg ein bisschen was ab, belohnen etwas Geduld dafür dann aber umso reichhaltiger mit großen Charaktermomenten und auf erstaunliche Weise zusammenlaufenden Fäden. Anfang des Jahres ist ein neues Buch zu The Wire erschienen – verfasst von Real-Virtuality-Gastblogger Martin Urschel. Deswegen habe ich ganz nepotistisch ein kurzes E-Mail-Gespräch mit Martin geführt.

Dein Buch beruht ja auf deiner Diplomarbeit. Wie wäre denn die Zusammenfassung im Stil der Seite Lolmythesis?

Watching The Wire won’t make you a better person, but it could make you want to change the world.

Ernsthaft – wenn jemand jetzt nicht ausgerechnet zu „The Wire“ und Gewaltnetzwerken recherchiert, warum könnte dein Buch trotzdem interessant sein?

Mein Buch beschäftigt sich mit zwei großen Themengebieten: Fernsehen und amerikanischer Gesellschaft. The Wire ist eine wunderbare Serie und ich würde sie jeder und jedem empfehlen, die oder der den Blick über den Tellerrand wagen möchte. Sie ist nicht ganz einfach zu Beginn, aber sie belohnt ein Publikum, das bereit ist, die ungewöhnliche Wege mitzugehen. Die Serie dient in meinem Buch als Aufhänger. Durch die Serie betreten wir große Debatten, nicht nur akademische, sondern auch politische Debatten: Wie ist eine friedlichere, freiere Gesellschaft heute denkbar? Um nicht weniger geht es mir und um nicht weniger geht es in der Serie. Die Serie stellt diese Frage auf eine sehr ungewöhnliche Weise. Die Erzählformen sind abseits dessen, was man von anderen Fernsehserien kennt.

Mich interessiert aber auch die Frage: Was können wir von der Art, wie The Wire erzählt ist, lernen über das Medium Fernsehen? Dafür verorte ich die Serie in der Fernsehgeschichte, schaue mir verschiedene Bewegungen an, die wir zur Zeit wahrnehmen können. Kino, Fernsehen und Internet wachsen zusammen, durchmischen sich einerseits, aber driften auch auseinander andererseits, weil sie versuchen, sich abzugrenzen. The Wire ist da ganz klar ein Produkt der Zeit, in der die Serie entstanden ist. Auf einem anderen Sender als HBO wäre sie wohl nicht so zustande gekommen.
Wer The Wire gar nicht gesehen hat und nicht sehen möchte, wird es mit dem Buch sicher schwer haben.

Ich erinnere mich, dass wir im Sommer noch drüber gesprochen haben, ob du deine Arbeit evtl. als eBook oder im Open Access-Verfahren veröffentlichst. Du hast dich im Endeffekt dagegen entschieden, kannst du sagen warum?

Für Open Access habe ich große Sympathie, ich mag diese Demokratisierung von Wissen und Ideen, wie beim „Project Gutenberg“ usw. Überhaupt, wie man im englischsprachigen Raum Urheberrecht organisiert hat, dass Inhalte nach einiger Zeit in den Besitz der Allgemeinheit übergehen, wenn nicht der Autor oder seine Nachfahren Anspruch erheben, das liegt mir näher als das elende deutsche Urheberrecht. Meine Entscheidung für die gedruckte Buchform hatte zwei Gründe. Ich wollte mir selbst auferlegen, noch einmal sehr gründlich das Buch zu überarbeiten, strukturell, inhaltlich und auch in der Form, so dass das Schriftbild einheitlich und klar ist. Dazu hätte mir bei Open Access Publishing sicherlich der nötige Druck gefehlt. Es ist komplizierter, aufwändiger ein gedrucktes Buch hinzukriegen, eine größere Hürde – aber irgendwie bedeutet es mir dann auch mehr. Auch schätze ich den Geruch und die Haptik von gedruckten Büchern. Jedem sein Fetisch …

Das Buch ist jetzt in einem durchaus angesehenen wissenschaftlichen Verlag erschienen. Könntest du nochmal kurz erklären, wie der Prozess ablief (weil das, glaube ich, vielen gar nicht so bewusst ist, wie der Wissenschaftsbuchmarkt im Endeffekt oft tickt)?

Zuerst wurde ich vom Herausgeber der Reihe, Prof. Dr. Norbert Grob, angefragt, ob ich meine Diplomarbeit in seiner Buchreihe „Filmstudien“ veröffentlichen möchte. Er hatte die Arbeit zuvor betreut, kannte sie also gut. Ich habe sofort zugesagt, er hat dann ein paar Punkte genannt, auf die ich bei der Überarbeitung des Textes achten solle. Daraufhin habe ich mich mit dem Verlag in Kontakt gesetzt und die haben mir genau erklärt, welche Vorgaben ich erfüllen muss, und welche Eigenbeteiligung an den Druckkosten ich auch zu tragen habe (falls es interessiert: mehrere hundert Euro). Von so einem Buch wird man also nicht reich, bestenfalls kann man die Eigenkosten refinanzieren, wenn wir es schaffen, mehr oder weniger die gesamte erste Auflage zu verkaufen.
Ich habe das Buch also nicht des Geldes wegen veröffentlicht, sondern um nicht für die Schublade geschrieben zu haben, und weil ich mir selbst zeigen wollte, dass ich die Willenskraft habe, diesen komplizierten Prozess zu bewältigen. Ich möchte auch gerne in einer gewissen Öffentlichkeit zu meinen Positionen stehen, die ich entwickelt habe. Das hat etwas mit Verantwortung-Übernehmen zu tun und ist ein kleiner Beitrag zur demokratischen Meinungsbildung, hoffe ich.

Wenn du „The Wire“-Schöpfer David Simon mal persönlich treffen könntest, worüber würdest du dich gerne mit ihm noch unterhalten, was du im Buch für dich nicht klären konntest?

Eigentlich ist David Simon gar nicht so wesentlich für meine Analyse von The Wire. Ich zitiere ihn zwar mehrfach, aber die Serie spricht eigentlich komplett für sich, dafür braucht man nicht den Autor. Aber ich würde gerne mal mit ihm essen gehen und über seine Erfahrungen im Fernsehbusiness plaudern. Nachdem seine letzte Serie Tremé auf HBO nun zu Ende gegangen ist, bin ich gespannt, wie er sich weiterentwickeln wird.

Du beobachtest ja auch die Serienlandschaft generell. War The Wire da jetzt der Höhepunkt einer kurzen Glanzphase oder stehen uns weitere Meilensteine bevor? Wo liegen deine Hoffnungen?

Ich würde die Medienlandschaft gerade in einer Phase der kompletten Neuorientierung und Umstrukturierung sehen. The Wire hat uns da ein hervorragendes Beispiel gegeben, wie man diesen Wandel nutzen kann, um etwas ungewöhnliches auszuprobieren, die Grenzen des Möglichen neu zu stecken. Da dieser Wandel in der Technologie, in der Gesellschaft, in der Kultur und in den Erzählformen nicht umzukehren ist, wüsste ich nicht, wie das eine kurze Glanzphase wäre und nicht eine tiefschürfende und bleibende Veränderung. Ich erwarte ganz sicher weiterhin große Meilensteine, gerade im „Neuen TV“ (wozu ich auch Onlineformen zähle), das sich gerade erst entwickelt. Fernsehen ist in Zukunft vielleicht eher ein Ort für Experimente und ambitionierte Projekte als das Kino, wo der Trend dahinzugehen scheint, dass es eine immer größere Kluft zwischen Mega-Multiplex-Kinos mit herrlichem Spektakel und immer kleineren Programmkinos mit verrückten Nischenfilmen gibt. Das kontrastreiche Dazwischen, der Raum wo man gleichzeitig für viele erzählt und gleichzeitig Experimente wagen kann, das scheint mir immer mehr im Fernsehen stattzufinden. Aber wer kann das schon absehen?

Ich freue mich jedenfalls schon auf die neue HBO-Serie True Detective und auf die nächsten Staffeln Game of Thrones, auch wenn mich seit der zweiten Staffel das Maß an Sadismus in der Gewaltdarstellung abschreckt, die zugrundeliegenden Bücher setzen ihre Schwerpunkte da anders. Aber auch im deutschen Fernsehen tut sich einiges! Ich würde mich freuen, auch bei uns mehr eigentümliche Visionen von Filmemachern zu sehen, die es wagen, vom Kino einen Ausflug ins Fernsehen zu machen, die neuen Möglichkeiten zu nutzen, eine Serie oder Miniserie zu entwerfen und zu betreuen. Es braucht hier auch ein paar starke Visionäre wie Simon, die Dinge möglich machen, statt immer nur dem hinterherzulaufen, was bereits möglich ist.

Und schließlich: Bitte erklär doch noch mal kurz, warum The Hobbit in zwei Filmen besser erzählt hätte werden können als in dreien und warum man das in The Desolation of Smaug so gut sieht.

Ganz einfach: Man merkt in Desolation of Smaug deutlich den Punkt, an dem der erste Film hätte enden sollen. Ursprünglich war das ja der Plan, so wurden die Drehbücher geschrieben, so wurden die Filme gedreht – erst im Schnitt kamen sie dann auf die Idee, irgendwie anders zu schneiden und dadurch drei statt zwei Filme zu machen. Es gibt gleich zu Beginn von Desolation das große Finale, das Unexpected Journey fehlte: Die Flucht in den Fässern. Dann hat die Geschichte einen Ruhe-Punkt erreicht, wo man einen gewissen Abschluss hat, und zugleich wissen will, wie die Geschichte ausgeht. Stattdessen endet Unexpected Journey irgendwo am Anfang des dritten Aktes, diese Szene mit den Bäumen und den Wargen wird unnötig aufgebläht, funktioniert aber nicht so recht als befriedigender Höhepunkt, nachdem man gerade die spektakuläre Orkstadt-Sequenz hinter sich gebracht hat. Unexpected Journey ist zugleich zu lang, weil er viele redundante und überlange Szenen hat, und zu kurz, weil er an einem ungünstigen Punkt endet.

Desolation beginnt dann mit dem Ende des ersten Teils, was ein komisches Gefühl gibt, dann wechselt der Film mittendrin die Tonart, wird ernster und langsamer. Ich mochte die Szenen in Laketown viel lieber als alles, was uns Jacksons Hobbit-Filme vorher präsentiert haben. Aber auch Desolation hört irgendwo mittendrin auf, da gibt es gar kein Gefühl von Abschluss, alles hängt in der Luft, einige Figuren plumpsen geradezu aus dem Film, mitten in einer Verfolgungsjagd. Das ist schlechter Stil. Auch wenn man einen Cliffhanger macht, sollte es einen gewissen Abschluss der Handlunsgbögen geben – man vergleiche das mit Empire Strikes Back oder Back to the Future 2, wo alle Konflikte des Films zusammengefaltet werden, aber eine grundsätzliche Rest-Spannung auf den abschließenden Teil verweist. Keiner der beiden Hobbit-Filme hatte ein solches Ende. Schade. Hoffentlich hat wenigstens der dritte Teil ein ordentliches Ende und mäandert nicht wieder so wie Return of the King seinerzeit.

„The Wire: Netzwerke der Gewalt“ ist im Nomos-Verlag erschienen, hat 104 Seiten und kostet 19 Euro. Zu kaufen bei Nomos oder bei amazon.de.

Im Teaser ist schon alles angelegt. Kino! Serien! Games! Kunst! Transmedia! Im Festivaltrailer, der vor jedem Podium zu sehen war, kam noch „Immersion!“ dazu. Stichwörter (vielleicht von „Kino“ und „Kunst“ mal abgesehen), die das Herz jedes Fördergremiums höherschlagen lassen. Jeder weiß ja schließlich, dass heutzutage Games (was: Videospiele) eine millionenschwerere Industrie sind als Filme und dass Serien die besseren Filme sind. Und „Transmedia“ und „Immersion“ klingen immer gut. Bitte, hier habt ihr euer Geld, macht euer Festival-Dings in Frankfurt.

Es ist wahrscheinlich unfair, diese Rückschlüsse aufgrund eines einzigen Tages auf der B3 Biennale zu ziehen und ich bin voreingenommen, weil ich die eDIT, die bis vor drei Jahren als Frankfurter Medienstandort-Herzeiger fungierte, sehr mochte – aber ich kann mir nicht helfen. Ein bisschen was muss dran sein, an der Vermutung, dass die „B3“ etwas zu sehr versucht, eine eierlegende Buzzwordsau zu sein, sonst wäre ihr Programm nicht teilweise so wabernd gewesen, wie ihr (zugegeben ziemlich brillantes) Poster. Man kann es als großen Vorteil verkaufen, dass man hier verschiedene Strömungen des „neuen Erzählens“ zusammenbringt, aber man muss auch wissen, wen man damit erreicht.

Geeks vs. Hipster

Die B3 mit ihrem Vorgänger, der eDIT, zu vergleichen, hat ein bisschen was von diesen Geek vs. Hipster-Grafiken, die im Netz herumgeistern. Die eDIT war, ihrer oft peinlichen Eröffnungsgala zum Trotz, unverblümt geeky. Ein Event für Insiderinnen und Insider, die sich für die oft sehr technischen Details interessierten, die dem modernen Filmemachen zugrunde liegen. Die B3 wirft ein weiteres Netz aus, zieht damit aber auch die an, die sich lieber mit den hippen Trends der Moderne schmücken, statt ihnen auf den Grund zu gehen. Und da wird es dann endgültig persönlich – das sind einfach nicht meine Leute und ich fühle mich in ihrer Gegenwart unwohl.

Case in Point: Meine erste Veranstaltung meines B3-Tags am vergangenen Freitag, dem 1. November. Florian Thalhofer hat mit seinem Korsakow-System eine etwas gimmickige aber dennoch faszinierende Methode für nichtlineares Erzählen entwickelt und über die Jahre perfektioniert. Er hat eine toll klingende Philosophie entwickelt, nach der es viele „Kuriosa“ in der Welt gibt, aber nicht in jedem Kuriosum eine Geschichte steckt. Wenn ihn eins dieser Kuriosa genug interessiert, dreht er Bildmaterial, zerschneidet es in Häppchen und weist ihnen Einsteigs- und Ausstiegs-Eigenschaften zu. Den Zuschauenden bleibt dann selbst überlassen, wie sie sich durch das Material navigieren – der Autor gibt nur Regeln vor, welche Clips sinnvoll auf welche anderen Clips folgen können.

Thalhofer hat so viel Vertrauen in sein System, dass er auch seinen Vortrag nach dem Korsakow-Prinzip anordnete. Nach jedem Info-Häppchen konnte das Publikum mit Laser-Pointern auf der Leinwand abstimmen, wie es weitergehen soll. Das funktionierte erstaunlich gut und führte einem gleichzeitig vor Augen, dass Korsakow Sinn ergibt, auch wenn man anfangs skeptisch war. Bis zu dem Punkt natürlich, als eine Zuschauerin das Prinzip aufsprengte, weil Thalhofer nicht das erzählte, was sie gerne hören wollte. Es bereitete ihm sichtbare Schmerzen, von seinem Prinzip abzuweichen, aber irgendwann knickte er ein. Damit waren dann die Dämme gebrochen und machten auch für die Anmerkungen der Redakteurin den Weg frei, die Thalhofer eingeladen hatte. Korsakow war tot.

Die Grenze zum Kasperletheater

Noch unangenehmer, an der Grenze zum Kasperletheater, wurde es allerdings in einer Veranstaltung namens Narrative Revolution am Nachmittag (Titelbild). Andreas Rauscher (Disclosure: Mit dem ich persönlich befreundet bin) gab sich zwar alle Mühe, aus den geladenen Serien-Gästen – Matthew Saville („Cloudstreet“), Anders Tangen und Øystein Karlsen („Lilyhammer“) – sinnvolle Sätze herauszukitzeln, doch die waren noch zu sehr damit beschäftigt, ihren mit Alkohol (?) heruntergespülten Jetlag zu verdauen (Saville, der immer nur wiederholte, „Fffilm or Tevee, they’re all shust movin pickshers“) oder auf wilde Tangenten abzudriften (Tangen). Und vielleicht – nur vielleicht – waren sie es auch ganz einfach leid, als Poster Children für das „Golden Age of TV“ herhalten zu müssen, als Stand-Ins für Vince Gilligan und Matthew Weiner, und darüber zu reflektieren ob das, was sie tun, nun wirklich eine Revolution ist oder nicht.

Ähnlich vage stellte sich die letzte Veranstaltung des Tages dar, eine Podiumsdiskussion zum Thema Verantwortung in der Kunst, die von Peter Weibel mit einem Vortrag in so halsbrecherisch akzentuiertem Englisch begonnen wurde, dass wahrscheinlich weder Native Speaker noch Deutsche alles verstanden. Ein Panel von illustren Künstlern, Kuratorinnen und Theoretikern, die sich allesamt kannten, sonderten munter Statements ab, während die Moderatorin zwischendurch immer wieder verwirrt ihre eigenen narrativen Pfade entlang wanderte und sich über die Gewalt im Fernsehen ärgerte. Eventuell war das natürlich auch nur eine Form Neuen Erzählens.

Die für mich gewinnbringendste Veranstaltung war, sehr klassisch vorgertragen und relativ weit abseits von den künstlerischen Ambitionen der Veranstaltung, ein Vortrag von Jurist Alexander Peukert über die „Rechtfertigungsnarrative des Urheberrechts“ (Folien hier), der angenehm nüchtern und unvergeistigt, gewürzt mit trockenem Humor, ein wichtiges Gegenwartsthema auf den Punkt brachte.

Besser als Stereo-3D

Und auch der „Fulldome“, der einsame Vertreter des Leitthemas „Immersion“ im Festivalprogramm, war einen Besuch wert, schließlich ist es erstaunlich, wie eine Kuppelleinwand einem Bilder präsentieren kann, die an manchen Stellen fast dreidimensionaler wirken als schlechtes Stereo-3D. Aber neu ist das Ganze auch nicht, im Den Haager „Omniversum“ habe ich darüber schon als Neunjähriger gestaunt.

Wie erwähnt: ich mag nicht der beste Richter über eine Veranstaltung wie die B3 sein (ein Kollege, der am Samstag dort war, war teilweise sehr angetan; eine Kollegin, die an mehreren Tagen da war, stimmte mir voll und ganz zu), doch ich fühlte mich insgesamt ein bisschen an das eine Jahr erinnert, das ich auf dem Laufband der Medienkongresse verbracht habe. Immer gleiche Menschen, die auf Podien sitzen, obwohl sie wenig Neues zu sagen haben. Gespräche, die zu oberflächlich sind für ein echtes Fachpublikum und zu arkan für die breite Masse. Fördernde, Politikerinnen und Veranstalter, die sehr stolz sind, aber wenig Ahnung zu haben scheinen. Und ein Publikum, dem es vor allem darauf ankommt, sich en vogue zu fühlen.

Aber es war ja schließlich auch das erste Mal. Jetzt werden die Veranstaltenden wissen, was funktioniert hat, und was nicht. Und vielleicht scheiteren sie dann in zwei Jahren, frei nach Beckett, ein bisschen besser.

Einige der heute größten Internetunternehmen – eBay etwa, Google, Facebook und sogar Amazon mit seinem Marketplace – verdanken einen erheblichen Teil ihres Erfolges nicht der Tatsache, dass sie selbst ein bemerkenswertes inhaltliches Angebot geschaffen haben. Sie haben Infrastrukturen gebaut, die es für Produzenten und Nutzer und für Nutzer untereinander einfacher machen, direkt miteinander in Kontakt zu treten, während die Unternehmen mit genau diesem Mittlerdienst ihr Geld verdienen. Das ist nicht überall gewollt – siehe Google und das Leistungsschutzrecht – aber so wird die Struktur des Netzes genutzt, in dem der Weg von A nach B immer gleich weit ist, nämlich exakt einen Klick.

Auch im VOD-Bereich wäre eine solche Infrastruktur genau das, wonach sich wahrscheinlich viele Nutzer sehnen: Ein riesengroßer Online-Video-Supermarkt, in dem man alles gucken kann, was digital existiert und es notfalls direkt vom Erzeuger kauft – wie man das heute im Internet gewohnt ist. Stattdessen kann Serie X nicht auf Portal Y geschaut werden, weil nur Portal Z (das man als Konsument vielleicht gar nicht kennt) die Lizenz besitzt, während Serie A völlig unerreichbar ist, weil Sender B noch darauf wartet, die Lizenz in Deutschland zu verkaufen.

Wer etwas Bestimmtes sucht, muss also im schlimmsten Fall sozusagen erst jeden Laden im Netz abklappern, um am Ende womöglich trotzdem mit leeren Händen dazustehen. Das sind genau jene Zustände aus analogen Zeiten, die das Internet eigentlich abschaffen könnte.

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