Louis C.K. war nur der Tropfen der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. In seinem Auftritt bei Conan O’Brien, in dem er auf seine ureigene Art darüber herzog, wie das Nutzen von Smartphones uns alle und besonders Kinder gegenüber echten Gefühlen und Empathie abstumpft, war er definitiv nicht der erste Kulturpessimist, der mal wieder die Verrohung (oder eben gerade nicht) der Gesellschaft durch ständige Vernetzung beklagte.

Vor Louis C.K. standen auf jeden Fall größere Teile meiner Facebook-Timeline. Dort wurden in den Wochen zuvor nämlich zwei Videos hochgejubelt, die in die gleiche Kerbe schlugen. Der Kurzfilm „I forgot my phone“, in dem in einer Reihe von zart beleuchteten Bildern Menschen gezeigt werden, die wunderschöne Augenblicke verpassen, weil sie damit beschäftigt sind, auf ihr Telefon zu gucken. Und ein hübsch animiertes Video mit vielen kleinen Punkten, das zu erklären versuchte, warum wir uns einsam fühlen, obwohl wir von angeblich sozialen Medien umgeben sind.

Episch-ironische Selbst-Flagellation

Die epische Ironie, solche Videos (am besten per Smartphone) auf sozialen Netzwerken zu teilen, wurde in der Regel nicht erwähnt. Ganz im Gegenteil, ich hatte sogar das Gefühl, sie wurde billigend in Kauf genommen, als eine Art Selbst-Flagellation. Wie ein Betrunkener, der einen auf der Party anhaut und „Mann, ich bin soooo betrunken“ ruft. „Seht her“, schien man mir sagen zu wollen, „wir sind ganz schön schlimm in unserem modernen Zeitalter. Ich inklusive. Wir sollten alle mal wieder rausgehen und ein paar Azaleen beim Wachsen zugucken.“

Ich bezweifle, dass die Anzahl an echten Gefühlserfahrungen und persönlichen Treffen ohne Smartphone durch diese Videos gesteigert wurden. Und somit möchte ich diesen Vorgang als „Digital Shaming“ bezeichnen, eine Analogbildung zu „Fat Shaming“. Könnt ihr euch noch an diesen unsäglichen Spruch „Remember: Dress for the body you have, not for the body you want“ erinnern, der immer an heißen Sommertagen die Runde macht? Das ist „Fat Shaming“. Eine fiese Art und Weise, Menschen für ihr Übergewicht öffentlich bloßzustellen. Die geheime Hoffnung dabei: Scham regt zu Gewichtsverlust an. Denkste.

Sollte ich mich schämen?

Mir geht es genauso. Soll ich mich wirklich dafür schämen, dass ich das Internet benutze und ein Smartphone besitze? Wird dadurch irgendwas besser? Das könnte ich ja gerade noch verstehen, wenn ich damit regelmäßig Menschen persönlich vor den Kopf stoßen würde (meine Frau hat mich mal freundlicherweise darauf hingewiesen, dass ich dazu neigte, in meinem Smartphone zu verschwinden, wenn mir größere Gesprächsrunden zu langweilig wurden – das ist einfach unhöflich, also habe ich es abgestellt).

Aber ich denke, ich habe mein Mediennutzungsverhalten im Griff. Ich fühle mich nicht so, wie die Menschen in den Videos. Ja, ich habe mich auch MAL einsam gefühlt, obwohl ich das Internet vor mir hatte. Und ich habe auch MAL einen Sonnenuntergang mit dem Handy fotografiert, statt ihn einfach zu genießen. Aber genauso oft hat mir mein Smartphone das Erleben schöner Momente überhaupt erst möglich gemacht. Und wenn ich die Instanzen zähle, wo ich mich in letzter Zeit gesellig gefühlt habe, war Internet dabei mindestens genauso oft abwesend wie anwesend.

Bücher sind viel schlimmer

Der größte Scherz ist allerdings, dass der Ruf „Das Internet macht unser Sozialverhalten kaputt“ nicht einmal einfach so haltbar ist. Wie Daniel Engber bei „Slate“ in seiner Reaktion auf Louis C. K.s Ausbruch sehr schön festgestellt hat, sind es (zumindest laut einer Studie aus Stanford) mitnichten Smartphones, die Jugendliche am ehesten zu scheuen, unsozialen Wesen machen. Der größte Übeltäter in Sachen Isolation sind nach wie vor BÜCHER! Jemand sollte schnell Fahrenheit 451 anrufen.

Es gilt das Gleiche, was ich bereits bezüglich Google Glass argumentiert habe. Ich will gar nicht leugnen, dass technische Entwicklungen unser Kommunikations- und Sozialverhalten grundlegend verändern. Aber wir sollten eher daran arbeiten, damit umzugehen und soziale Regeln zu etablieren, die negative Folgen der Vernetzung auffangen oder verhindern, statt uns selbst und anderen pauschal ein schlechtes Gewissen zu machen, damit wir uns für den Bruchteil einer Sekunde überlegen fühlen können.

Ich habe übrigens auch Freunde, die weder Smartphone noch Facebook-Account haben. Die beschweren sich merkwürdigerweise am wenigsten darüber, dass das Internet alles kaputt macht. Kein Wunder, wir treffen uns ja auch regelmäßig.

Das Abschlusspanel des 2. Ev. Medienkongresses. (Quelle)

Beim 2. Evangelischen Medienkongress am 26. und 27. September in Mainz habe ich einen Einführungsvortrag zum Thema Kirche und Social Media gehalten, den ich auf mehrfachen Wunsch hier dokumentiere. Dies ist die leicht veränderte und mit Hyperlinks versehene Form meiner Vortragsnotizen, die Originalfolien verschicke ich bei Interesse gerne per Mail (meine E-Mail-Adresse steht im Impressum).

Der Grund, warum ich hier oben stehe, ist wohl, dass ich bis vor einem guten Jahr der Internetredakteur des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Dresden war und dort auch die Social Media Präsenz aufgebaut habe, aber dazu kommen wir später noch. Ich hoffe, dass ich Ihnen für den Einstieg hier einen kleinen Überblick bieten kann, den Sie dann später in den angebotenen Workshops vertiefen können.

Ich habe mir gedacht, ich fange mit nackten Zahlen an und das heißt: Welche Angebote gibt es überhaupt? Also: Wo ist die evangelische Kirche in dem, was man Social Media nennt, überhaupt präsent? Die Evangelische Kirche in Deutschland hat 20 Gliedkirchen und ich habe überprüft, ob die EKD selbst und jede der Gliedkirchen auf den großen sozialen Plattformen vertreten sind. Diese großen Plattformen, das sind Facebook, Twitter, YouTube und GooglePlus. Ich habe diese vier genommen, weil es nun mal die Platzhirsche sind und weil dort die Zahlen am ehesten vergleichbar sind.

Die Zahlen im Vergleich

Ich weiß auch, dass das nicht die einzigen Social-Media-Kanäle sind, die es gibt. Es tut mir auch wirklich leid, wenn ich durch diese Reduktion jetzt zum Beispiel übersehen habe, dass die Sachsen bei Instagram ganz groß sind oder die Bremer bei Foursquare. Aus den großen vier jedenfalls kann man folgende Tabelle bauen:

Sie sehen, da gibt es einige Zahlen, die meisten nicht sehr groß, aber auch viele Leerstellen. Das soll jetzt erstmal überhaupt nicht wertend sein, nur eine Übersicht geben: Manche Teile der evangelischen Kirche in Deutschland machen etwas im Social Web, andere nicht. Das hängt sicher zum Teil auch mit der Größe der Kirche zusammen und damit, ob sie sich die Mitarbeiter leisten möchte, die so etwas betreuen. Aber es hängt eben auch mit der grundsätzlichen Einstellung zum Thema zusammen. Das wird dann auch deutlich, wenn man sich die kirchlichen Werke anschaut.

Da gibt es nämlich überall ganz gute Zahlen, und soweit mir bekannt ist nutzt etwa „Brot für die Welt“ das Social Web auch sehr aktiv. Allerdings ist „Brot für die Welt“ auch eine national und international agierende Institution – damit ist das Publikum größer und es gibt vielleicht teilweise auch mehr Inhalte, die in diesen sozialen Netzwerken geteilt werden können oder die für mehr Menschen interessant sind – auch wenn sie nicht direkt mit der Amtskirche zu tun haben. Zum Beispiel Nachrichten aus Krisengebieten und Informationen über die Verwendung der Mitgliederspenden.

Und dann gibt es natürlich noch die Speerspitze der evangelischen sozial-medialen Institutionen, evangelisch.de, die ja auch mal der Ort sein sollte, an dem die evangelischen Christen Deutschlands im Netz zusammen kommen sollen. Hat entsprechend auch – im Vergleich – ganz gute Zahlen aufzuweisen, vor allem auf Twitter.

Es gibt natürlich noch einige mehr, die ich jetzt hier nicht aufgeführt habe. „Chrismon“, etwa, oder „Evangelische Häuser“, die zu dem evangelisch.de-Netzwerk gehören. Und es gibt einzelne Personen, z. B. der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, die auch Facebookseiten haben und nutzen! Auf die Zahlen kommen wir später noch einmal zurück. Ich wollte mir jetzt aber erst einmal ein paar dieser gerade gesehenen Angebote – eine relativ willkürliche Stichprobe – genauer mit ihnen anschauen.

Diese Seite ist ein Platzhalter

Wir beginnen mit dem Social-Media-Angebot der Evangelischen Kirche in Deutschland selbst, also der EKD. Die ist überall vertreten. Es gibt eine Facebookseite, einen Twitter-Account und einen YouTube-Channel und die Zahlen sind dort für deutsche Kirchenverhältnisse auch okay – bei Facebook fast 2000 Fans und über 2.500 Follower bei Twitter. Aber es fällt auf, dass es eigentlich keine Interaktion gibt. Also: Der wirklich „soziale“ Aspekt des Social Web wird nicht genutzt.

Die Seiten sind hauptsächlich automatisierte Kanäle, in die Pressemeldungen einlaufen. Der YouTube-Kanal wird auch nur für Videos von Pressekonferenzen und Synoden genutzt.
Aber das ist auch so gewollt, sagt Sven Waske, der Leiter der EKD-Online-Redaktion: „Diese Seiten sind Platzhalter, da die Rechtslage derzeit noch unklar ist. Sie werden künftig in einer Gesamtstrategie neu gefasst.“ Man wollte diese Seiten erst einmal besetzen, damit sie kein anderer nutzt, aber es gibt eben noch keinen Konsens darüber, ob und wie man hier ins soziale Netz vorstoßen sollte – und daher gibt es eben erstmal nur diese einseitigen Präsenzen. Immerhin gar nicht verkehrt, dass man auch auf diesem Weg die Pressemitteilungen der EKD abonnieren kann.

Dialog mit der zunehmend atheistischen Netzkultur

Zum Vergleich: Die Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR) hat ihren gesamten Social Media Auftritt diesen Sommer neu gelauncht. Hier wird redaktionell gearbeitet. Man bemüht sich, auch Verlinkungen auf außen stehende Angebote einzubauen, die die Follower interessieren könnten. Bilder einzubinden. Auf Twitter sieht man, dass auch Retweets und Hashtags benutzt werden. Einige andere Landeskirchen haben übrigens auch Seiten, die redaktionell betreut werden.

Hier kommt es auch zum Dialog. Natürlich wahrscheinlich nie so viel, wie man möchte und auch nicht immer mit den Leuten, mit denen man gerne reden möchte, aber das Medium wird genutzt. Und wenn dann kontroverse Themen behandelt werden, wie jüngst das Thema Beschneidung, kommt es eben auch zu kontroversen Diskussionen – auch mal mit im Netz bekannten Leuten, wie Mario Sixtus, mit dem sich dann aber auch immerhin ein Dialog entspann.

EKiR-Internetbeauftragter Ralf Peter Reimann sagt dazu: „Der Dialog auf Facebook muss auch solche Provokationen aushalten. Unser Ziel ist auch der Dialog mit der zunehmend atheistischen Netzkultur!“ Es ist natürlich Spekulation, aber das könnte das sein, was andere vielleicht noch davon abhält, diesen Schritt ins soziale Netz zu machen. Denn all das halst man sich natürlich auch auf, wenn man Social Media macht, und ich habe selbst schon öfter die Erfahrung gemacht, dass Leute wirkliche Probleme mit dieser gewissen Kontrollaufgabe im Kommunikationsprozess haben, die das soziale Netz mit sich bringt.

Ein Tweet-Gebet in der Essensschlange

Dann möchte ich noch kurz ein kleines Sonderprojekt vorstellen, weil es auch dieses Jahr den Webfish-Innovationspreis (Offenlegung: Dort saß ich in der Jury) gewonnen hat: das „Twittagsgebet“, das – wie man am Logo sieht – der Badischen Landeskirche entspringt. Dahinter stand die Frage, wie man ein spirituelles Angebot in einem Twitterkanal unterbringen kann. Entstanden ist ein Twitterkanal auf dem jeden Mittag um 12 Uhr ein Tweet-Gebet gesendet wird, das zum Innehalten einlädt und oft auch auf aktuelle Ereignisse bezug nimmt.

Das ist auch nicht unbedingt interaktiv – hier findet kein Dialog statt – aber das wissen die Macher auch und das ist auch ganz bewusst. „Wir wünschen uns den Nutzer, der mittags in der Essensschlange steht und seine Timeline checkt und sich dann über unseren Tweet freut“, sagt Oliver Weidermann, der Gründer und Koordinator des Twittagsgebets. Das soziale entsteht dann eher dadurch, dass ein Twittagsgebet retweeted werden kann und die Follower es so mit ihren Followern teilen.

Also auch wenn es keine direkte Interaktion gibt, hat man sich hier zumindest wirklich Gedanken darüber gemacht, wie man das Medium auf spezielle Weise einsetzen kann – indem man eben solche Tagesgedanken auf 140 Zeichen eindampft – und das funktioniert ja auch.

Mitten im Hype-Cycle

Der letzte Kandidat, evangelisch.de, hat diesen Herbst seinen dritten Geburtstag gefeiert. Ich habe damals selbst noch im GEP in Frankfurt gearbeitet als evangelisch.de an den Start ging und ich erinnere mich noch gut an die Aufbruchsstimmung die damals dort herrschte. Der Plan war, etwas auf die Beine zu stellen, was die evangelische Kirche endgültig im Internetzeitalter ankommen lässt. Eine Nachrichtenseite mit angeschlossener Community, die aber anders, persönlicher und spiritueller, funktioniert als die weltlichen Medien und damit alle evangelischen Christen in Deutschland anspricht.

Heute sieht das Ganze ein bisschen anders aus. Die Community ist vor ein paar Monaten geschlossen worden. Die wenigen Nutzer die es dort gab, fanden das natürlich sehr schade. Aber im Rückblick konnte evangelisch.de als eigenes soziales Netzwerk einfach nicht bestehen. Die Dinge, die funktioniert haben, etwa eine universelle Anlaufstelle für geistliche Fragen, hat man behalten und sie werden jetzt unabhängig weitergeführt.

Es hat also alles nicht ganz so geklappt wie man sich das vorgestellt hat – und ich finde die Seite jetzt auch optisch nicht mehr so schön und ein bisschen labyrinthisch – aber die Konsequenz ist eben, dass die Redaktion jetzt mit etwas weniger Hype im Rücken weitermacht. Portalleiter Hanno Terbuyken: „evangelisch.de ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Wir sind ein Teil des Angebots, ein Knotenpunkt im Verbund christlicher Websites im Netz. Und wir haben einen klaren publizistischen Auftrag und daran hat sich nichts geändert.“

Ich mochte diesen Gedanken eigentlich: Dass man jetzt vernetzter denkt und auch auf der Leitungsebene nicht mehr so stark wie am Anfang der Meinung ist, man hätte jetzt den endgültigen Schlüssel dazu gefunden, wie evangelische Kirche im Netz funktioniert. Und Hanno Terbuyken hat mir dennoch glaubhaft versichert, dass er mit dem, was evangelisch.de im Moment produziert, sehr zufrieden ist.

Ich musste da ein bisschen an den „Gartner Hype Cycle of Emerging Technologies“ denken, ein Index, auf dem jedes Jahr aufgezeichnet wird, wo sich entstehende Technologien gerade auf ihrem Erwartungshorizont befinden – und der beginnt eben immer mit einem großen Hype voller zu großer Erwartungen, stürzt dann ab in ein Tal der Desillusionierung (das hatte evangelisch.de vielleicht letztes Jahr) und bewegt sich dann aber stetig auf ein produktives Plateau zu. Es bleibt zu hoffen, das evangelisch.de jetzt auf dem besten Weg dahin ist.

Wenn man jetzt die Zahlen vom Anfang alle mal addiert – ich nehme jetzt mal die Facebook-Zahlen aller Landeskirchen, der EKD und von evangelisch.de – dann kommt dabei eine Zahl knapp unter 8000 heraus. Das ist also die Zahl der Leute, die die offiziellen Facebookseiten der evangelischen Kirche erreicht. Die eigentliche Zahl ist natürlich niedriger, da davon auszugehen ist, dass viele Leute mehrere dieser Seiten geliket haben. Auch die Werke fehlen jetzt in dieser Summe, aber zu denen passt das Motto „I like evangelisch“ auch nicht besonders gut, denn ich möchte wetten, das ein Großteil der Bevölkerung weder „Brot für die Welt“ noch die „Diakonie“ direkt mit der evangelischen Kirche in Verbindung setzt.

Auf Augenhöhe

Vergleichen wir dazu eine Seite namens „evangelisch im Facebook“. Die hat fast halb so viele Fans wie alle anderen zusammen, stammt aber nicht aus einem offiziellen Kanal. Andererseits hat sie die Kurz-URL facebook.com/evangelisch – dort passt also das Vortragsthema am besten. Und dort, soweit ich das beobachten kann, passiert, was auf den meisten anderen Seiten nicht passiert. Bis zu sechs mal am Tag wird ein Impuls gepostet, manchmal ernst, manchmal witzig, und dann wird das weitergegeben und diskutiert – natürlich auch nicht immer nur gut und auch hier treiben sich viele von den Menschen herum, die für die Kirche nach außen hin natürlich nicht gerade das beste Bild abgeben. Aber – hier ist ein echtes soziales Medium am Start. Hier findet so etwas ähnliches wie Gemeinde statt.

Gemacht wird das ganze – das hat im StudiVZ (der ein oder andere erinnert sich noch) angefangen und ist dann auf Facebook umgezogen – von drei Mitgliedern der Evangelischen Studierendengemeinde Stuttgart, Stefan Hartelt, Contanze Borchert und Astrid Lowien. Die drei investieren ehrenamtlich jeder etwa 90 Minuten am Tag, um diese Seite zu pflegen und sich neue Impulse einfallen zu lassen. Und obwohl Stefan Hartelt auch in der Web 2.0-AG der Württembergischen Landeskirche sitzt, bekommen die drei nur ganz verhaltenen Rückhalt von offizieller Seite.

Ich habe sie gefragt, ob sie sich in Konkurrenz zu evangelisch.de sehen. Und als Antwort habe ich von Stefan Harrtest bekommen: „Wir fragen uns immer: wie können wir so professionell sein wie evangelisch.de?“ Die drei sind also auch sehr bescheiden, sehen die Profis eher als Vorbild – obwohl sie als Amateure eigentlich viel erfolgreicher sind – und, wie sie erzählen, auch sehr wenig Probleme mit Pöblern haben, und noch nie jemanden sperren oder einen Beitrag löschen mussten, also weitgehend in Frieden gelassen werden.

Ich habe mich gefragt – das ist nur eine These – dass es vielleicht gerade dieses amateurhafte auf Augenhöhe ist, was die Leute zu dieser Seite zieht. Dass sie eben hier nicht Informationen von Profis durchgereicht bekommen. Vielleicht funktionieren Social Networks – zumindest in solchen so privaten und emotionalen Bereichen wie Kirche und Glauben – einfach so, oder zumindest: auch so.

Der Deutsche Evangelische Kirchentag hat natürlich auch noch eine sehr erfolgreiche Facebookseite (und auch einen Twitterkanal mit 1200 Followern, da ist evangelisch.de erfolgreicher). Die betreue ich inzwischen natürlich nicht mehr, das macht jetzt meine Nachfolgerin Silke Roß. Wir hatten den Vorteil, dass dort scheinbar eine Meute von Leuten auf uns wartete, die nur noch abgeholt werden musste. Denn im Gegensatz zu den Kirchen, wo ja viele Leute Mitglied sind, aber nur wenige wirklich aktive Mitglieder, sind die Kirchentags-Teilnehmer ja fast alle sehr involvierte Menschen.

Das Nicht-Geheimnis des Kirchentages

Das interessante ist, dass ich seitdem, also seit diese Facebookseite und auch der Twitterkanal für evangelische Verhältnisse so erfolgreich ist, das heißt: seit Frühjahr 2011, schon mehrmals zu ähnlichen Veranstaltungen wie dieser hier eingeladen worden bin, um darüber zu reden, wie wir das gemacht haben. Und ich erzähle dann immer, was wir, dass wir versucht haben, uns auf die Vorfreude zu konzentrieren, damit wir die zwei Jahre zwischen den Kirchentagen überbrücken können. Dass wir einen lockeren, persönlichen, aber nicht flapsigen Ton gewählt haben. Und dass wir versucht haben, auf alles zu reagieren, was uns an Fragen und Kommentaren entgegen kam. Und irgendwie hat das geklappt.

Das heißt: die einzige Social-Media-Expertise, die da eigentlich reingegangen ist, ist meine private Erfahrung im Social Web vor diesem Job, die Berichterstattung darüber, die ich als Medienjournalist leisten durfte, und die Bereitschaft, das Medium und seine Nutzer ernst zu nehmen, nicht nur als Verbreitungskanal, sondern als Plattform. Und kurz nach dem 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden hatten wir dann plötzlich die 10.000er-Marke überschritten.

Ich habe auch Gespräche geführt mit Werbern und anderen Medienmenschen, denen das alles viel zu konservativ war: zu wenig Provokation, zu wenig viral, nicht spektakulär genug. Aber ich habe immer gedacht, dass die Internetweisheiten, die für Unternehmen gelten, in diesem speziellen Umfeld nicht immer das Richtige sind. Und ob das stimmt oder nicht, dafür sind Sie ja hier, um das zu diskutieren.

Mein Artikel „‚Wired‘ ist in Deutschland immer noch tired (und klaut)“, den ich in der Nacht des vergangenen Samstag in einem Anfall von Kragenplatzen in die Tastatur gehackt hatte, wurde am Dienstag in der Rubrik „6 vor 9“ eines der ersten und – ich schätze nach wie vor größten – Blogs Deutschlands verlinkt, dem „BildBlog“. Es hat mich sehr gefreut, dass mein Thema anscheinend von Kurator Ronnie Grob als relevant genug eingestuft wurde. Auf Facebook habe ich gewitzelt, dass ich den Punkt „vom BildBlog verlinkt werden“ jetzt auch von meiner Bucket List streichen kann, und natürlich ist ein bisschen Aufmerksamkeit auch immer gut für’s Ego.

Da mir eine solche Verlinkung zum ersten Mal passiert ist, dachte ich mir, ich schreibe mal kurz eine Zusammenfassung dessen auf, was das ganze auf meiner Seite des Links ausgelöst hat. Vorweg: An normalen Tagen hat mein Blog 20 bis 30 Pageviews pro Tag – eine gewisse Anzahl fast immer über Google Image Search, die nach Jennifer Connelly Naked oder Ähnlichem suchen.

Am Tag der Bildblog-Verlinkung kletterte diese Zahl auf

2.271 Pageviews.

Mein „busiest day“ ever, laut WordPress. Insgesamt wurde der Artikel seit Veröffentlichung

2.646 Mal

angeklickt. Ich hoffe/vermute, dass er meistens auch gelesen wurde. Als ich die Verlinkung sah, stellte ich mich drauf ein, mich für meine Meinung gegen eine Flut von Trollen rechtfertigen zu müssen, aber das war nicht der Fall, denn insgesamt rief der Artikel dann doch nur

4 Kommentare

hervor (einen davon von einem Kollegen, den ich direkt nach seiner Meinung gefragt hatte). Ich weiß nicht, ob das daran lag, dass er nicht so furchtbar polemisch war (ich bin kein guter Polemiker, eher ein Analytiker, und wenn ich mal polemisch werde ende ich meistens damit, mich dafür auch ein bisschen zu entschuldigen), oder einfach an der üblichen 90/9/1-Kultur des Netzes.

Ein bisschen schade fand ich das schon, ich hatte mich auf den vielbeschworenen Austausch und Rückkanal des Netzes gefreut. Dass der bei 20 Hits pro Tag verhalten bleibt, hat mich nie gewundert. Aber bei 2.200 Hits dachte ich: Da passiert mal was.

Inwieweit mir die Verlinkung erweiterte Publicity gebracht hat, kann ich nicht genau sagen. Ich habe einen neuen Follower bei WordPress (aber nicht jeder benutzt WordPress), aber leider

keine neuen Follower

bei Twitter gewonnen (was ich eher erwartet hätte). Ob ich in den Feedreadern weiterer Leute gelandet bin wird sich wohl erst zeigen, wenn ich wieder neue Artikel poste. Grundsätzlich kann ich aber auch verstehen, dass diejenigen, die wegen eines Medienartikels hierher gekommen sind und dann sehen, dass ich hauptsächlich über Film blogge und twittere, sich gegen eine Verfolgung entscheiden.

Last but not least fand ich die Durchklick-Rate interessant. Von den über 2.000 Menschen, die am Dienstag den Artikel angeklickt haben, in dem ich jemandem im Grunde Plagiarismus vorgeworfen habe, haben sich gerade mal

24 den Originalartikel angesehen.

Vielleicht kannten ihn manche auch schon, immerhin lief er Ende Februar durchs Netz, aber die Zahl fand ich dann doch erschreckend klein. Etwas interessanter (36 Klicks) schien einigen Christian Jakubetz‘ Blogeintrag, den ich hinter „ordentlichen Arbeitsbedingungen“ verlinkt hatte. Und jeweils unter 20 Menschen klickten sich zu den Podcasts durch, die ich als Belege für die „Wired“-Strategie verlinkt hatte.

Von wem ich mir natürlich eine Reaktion erhofft hatte ohne wirklich damit zu rechnen – der Redaktion der dritten deutschen „Wired“ – kam erwartungsgemäß nichts. Immerhin: Chefredakteur Alexander von Streit folgt mir jetzt auf Twitter. Der Autor des von mir angegriffenen Artikels, Michael Moorstedt, ist im öffentlichen Social Web nicht sehr stark unterwegs (gut, muss man jetzt auch nicht, so als „Wired“-Redakteur), deswegen konnte ich ihn schlecht direkt ansprechen. Wäre ich er weiß ich aber auch nicht, ob ich auf einen Anpinkler wie mich reagiert hätte.

Ich will mich nicht beschweren, aber der insgesamte Mangel an Feedback trotz so vieler Klicks hat mich dann doch gewundert. Andererseits: Ich weiß, wie viel ich im Netz lese ohne zu kommentieren. Also bin ich wahrscheinlich selbst daran (mit) Schuld.

Das Dresdner Medienblog Flurfunk Dresden hat ein Porträt über mich und meine Arbeit als Internetredakteur des Kirchentags (vor allem im Social Media Bereich) veröffentlicht.

Seit ich den Artikel gelesen habe, weiß ich nicht nur, dass mir mein Bart „freundlich zu Gesicht steht“, sondern auch etwas, was ich im Gespräch mit der Autorin schon geahnt hatte: Der Auftritt des Kirchentags im Internet ist „brav“. Ich empfinde das nicht unbedingt als negativ. Wer darüber mit mir diskutieren will – hier oder anderswo – ist mir willkommen.

(Artwork by Aaron Nagel)

I have mentioned Gavin Castleton twice before on this blog. I like his music, which is hard to classify somewhere between pop, R&B and progressive rock but always well-thought-out and often very moving. I discovered him with the release of his album Home in 2009 and recently checked out what he has been up to, only to discover that he was busy getting his next album Won over Frequency financed by his fans, luring them with such prizes as hair from his dog (whom he calls his furry brown son) Lumas and specially-written songs for the supporters. For a donation of $480, he was even willing to give away Lumas, provided his new owners would pay for hip surgery.

I pledged my $ 20 at Kickstarter and asked Gavin for an interview before he went on tour. The album turned out great, but apparently the tour didn’t. I’m glad he still found the time to answer my questions about being a professional musician with internet support two weeks ago. Not surprisingly, his answers display the same mix of earnestness and dry humor prevalent in his lyrics and facebook status updates.


Do you consider Gavin Castleton an internet success story? What about „Won Over Frequency“, is that an internet success story in your eyes?

If an „internet success story“ is something that was completed as a result of the internet, then I’d say my Won Over Frequency fundraiser was an „internet success story.“ I don’t believe I am personally an „internet success story.“

What is the story behind using Kickstarter to finance the rest of the album?

I opted to use their well-designed interface to run my campaign. Time was an issue, so it seemed more time efficient than building my own interface. There is a lot of small print that I did not pay enough attention to. There are many positive and negative aspects of Kickstarter, but sort of a whole blog’s worth. Maybe I’ll write one up and post it at my blog (Ed.: Please do! I guess other musicians could only profit from it).

How did the more unusual pledges work out? Did you actually give away Lumas to someone who could promise him hip replacement surgery? Have you received any lyrics yet to turn into a song?

The wonderful couple who „purchased“ my son assured me (in a weird note comprised of cutout letters) that they had no intention of taking my son for the time being, but that if the hits ever stopped coming, they would swoop in like a falcon and extract him. So we’re good for now. I’ve received only one set of lyrics for the collaborative Reward category.

Before and after the Kickstarter campaign, how did/do you use the internet to promote your music?

Aggressively.

What does that mean, exactly?

I have profiles on all social networks, and I publish regularly to Blogspot, Youtube, Facebook, Myspace, Twitter, and Purevolume. I run a webstore for several artists at integersonly.com, I run three mailing lists, and sell my work through all major digital outlets. I use the internet to interact with my listeners and other artists, book shows, and promote my work to blogs, DJs, and magazines.

In „The Crier“, a song on Won over Frequency, you talk about „cryptic status updates posted to invoke the most sympathy“ and life in the „feedback loop“ of social networking. How do you feel about your public-private online life and creating a virtual brand around yourself?

I think there are pros and cons to making yourself very accessible to people via the internet. The more „human“ I am with people, the more potential there is for my work to inspire them to follow their own path. The more they feel like they know me and recognize me as an open, honest person, the more my work will resonate with them. On the flipside, the more accessible I am, the more I invite unsolicited criticism, invasive interactions, and emotional baggage from people I don’t know all that well. As far as branding myself, I find that most consumers prefer to invest in entities, rather than singular people with normal names. Call it the result of a society centered around corporations. If I called myself „HorseWolf“ I would probably sell more shirts and CDs.

Were you always an internet person?

I’m not sure what the definition of an „internet person“ is, but I did always take a big interest in the internet – from the moment I first saw it in 1994.

The Kickstarter apparently was a success. Can you imagine actually making an okay living off your music with campagins like these?

It was sort of a success in that I reached my initially published goal. But I am still $3200 short of covering my costs, let alone making a profit. I do think pre-orders are a viable way for me to fund future albums, but this is no kind of „living.“ My younger sister buys my groceries, my collaborators don’t get paid what they deserve, and I don’t have health insurance.

Do you think you can improve on this balance in the future, though?

I’ve been working on fine-tuning that balance for six years now (not counting the 10 before that in Gruvis Malt, in which I didn’t really make a conscious effort to make a sustainable business). It just so happens that these past six years have been anarchy in the music industry. So trying to create a profitable system in the midst of so much change has proven nearly impossible for me. I’ve reached the limit of debt that I’m capable of handling, so I won’t be able to tour anymore in the foreseeable future. I’m currently applying for full-time jobs outside of the music industry.

Before the physical version of Won over Frequency was available, you send download links to your funders and asked them politely not to leak the album to filesharing sites. Did they comply?

As far as I know most of them did. Two people with usernames „KOWHeigel“ and „ricoolies“ (who claim to live in Afghanistan and France respectively) have decided that their share ratios are more important than my financial survival.

What is your general prognosis for musicians working in the future. Can the web help?

I can’t really think of field of work in the music industry where the web doesn’t offer some sort of assistance.

Do you sometimes wish you could change something about the way the web works? What is it?

I wish a higher emphasis and value would be put on content providers instead of content aggregators.

This post is part 6 of the series Success Story Internet?
The series talks with people, in whose lives the internet has changed something, about the internet.