Walt Disney Pictures

Im Podcast wurde sie schon enthüllt – die alljährliche Top Ten. Dieses Jahr ein paar Tage früher als sonst, aber immer noch später als überall sonst im Netz. Mit Ausnahme von Life of Pi steht schließlich auch kein größerer Kandidat mehr an, und eine frühe Top-10-Entscheidung macht die Weihnachtszeit beschaulicher.

Insgesamt war das Filmjahr für mich, durch mein erstes durchgängiges Jahr als Filmredakteur bei 3sat/ZDFkultur und den Besuch von drei Festivals, sehr ergiebig. Knapp 250 Filme habe ich dieses Jahr gesehen, das sind gut 80 mehr als in den Jahren zuvor. Trotzdem habe ich wie immer viel verpasst, auch Filme, von denen ich mir durchaus vorstellen könnte, dass sie einen Platz in meiner Top Ten gefunden hätten, etwa Amour, Oh Boy, ParaNorman und Tinker Tailor Soldier Spy. Und der übliche Disclaimer: In Frage kamen nur Filme, die 2012 in Deutschland entweder einen regulären Start hatten, oder auf Festivals im Kino zu sehen waren.

1. The Avengers

Wenig überraschend, dass dieser alles andere als perfekte Film bei mir dennoch alle anderen Kandidaten aussticht. Ich habe mich schon lange nicht mehr so auf ein bevorstehendes Kinoereignis gefreut, dass dann auch noch alle Erwartungen erfüllt hat. Die erfolgreiche Absolvierung der ersten Stufe des Marvel Cinematic Universe allein hätte meinen tiefsten Respekt verdient, doch den Höhepunkt bildet auch noch dieser witzige, herzige, actionreiche und VFX-mäßig höchst beeindruckende Film. Eine hohe Messlatte für alles was noch kommt, ob von Marvel oder von DC.

2. Holy Motors

Die gute Art von Kunstkino! Aus meiner tendenziellen Abneigung gegen anämische Meditationen über Eros, Thanatos und den Sinn des Lebens mache ich in der Regel keinen Hehl, ebensowenig wie aus meiner Begeisterung für überwältigende Bildertrips, die ihre Message manchmal mit dem ganz großen Soßenlöffel verteilen, darin aber ebenso liebenswert sind. Holy Motors liefert diesen Trip gleich mehrfach, als Tour de Force durch mehrere absurde Szenarien, als Verkörperung des wilden Biests Kino, als Abfolge von Darstellerischen Glanzleistungen. Ein What-The-Fuck-Film der Königsklasse!

3. Beasts of the Southern Wild

Je weniger man vorher drüber weiß umso besser, das hörte ich im Vorfeld immer wieder. Und so ging ich ins Kino in Erwartung von irgendwas Fantastischem, Abgefahrenen. Dabei ist es doch nur die Geschichte von Hushpuppy, die mit ihrem Daddy in der Bathtub lebt, eine archaische Vision von Apokalypse und kindlicher Unschuld, die irgendwie alles besiegt. Verpackt ist das ganze allerdings in ein träumerisch-sinnliches Bild-Musik-Gesamterlebnis, dem man sich einfach nur noch hingeben will.

4. Take Shelter

Auch keine Überraschung für jeden der mein Blog liest, aber nichtsdestotrotz ein beunruhigend bewegender Film über die Angst vor dem eigenen Untergang. Problemlos lesbar als Metapher für die Verarmung der Mittelschicht in den USA, aber auch eine sehr persönliche Geschichte über einen Menschen, dem das eigene Kassandra-Dasein zur Obsession wird. Wenn Michael Shannon und seine Familie gegen Ende des Films in einem Bunker sitzen und man selbst als Zuschauer plötzlich unsicher wird, ob draußen nun der saure Regen fällt oder nicht, hat Take Shelter sein Ziel mit voller Wucht erreicht.

5. Moonrise Kingdom

In seinem neuesten Film treibt Wes Anderson sein Motto „Die Welt ist eine Puppenstube“ so sehr auf die Spitze, dass man es einfach ignorieren und sich auf die Handlung konzentrieren kann. Und vielleicht funktioniert die diesmal auch deshalb so gut, weil die Hauptfiguren zur Abwechslung keine Erwachsenen sind, die sich wie Kinder benehmen, sondern echte Kinder, die gerne schon erwachsen wären.

6. Moneyball

Ein Sportfilm, der sich etwa so guckt, wie sich ein „Wired“-Artikel liest – und der selbst dann auf eine über-nerdige Weise spannend ist, wenn man keine Ahnung hat, wie Baseball funktioniert und was die ganzen Sportstatistiken überhaupt bedeuten, über die Brad Pitt und Jonah Hill die ganze Zeit philosophieren. Dann noch fetzige Aaron-Sorkin-Dialoge und ein Mädchen, das „The Show“ auf einer viel zu großen Gitarre spielt und schon hatte Moneyball mein Herz gewonnen.

7. Cloud Atlas

Liebe Filmemacher, macht doch einfach öfter mal drei Stunden lange Filme über den Zustand der Menschheit als solchen in sechs verschiedenen Zeitebenen. D. W. Griffith konnte es, und jetzt haben die Wachowskis und Tom Tykwer rund 100 Jahre später bewiesen, dass es immer noch geht. Cloud Atlas ist – genau wie weiter oben Holy Motors – nicht unbedingt der subtilste alle Filme, aber er verquirlt seine Zutaten, von der philosophischen Botschaft über menschliches Freiheitsstreben bis zur schamlosen Genre- und Mediumsreflektion, so gekonnt, dass nur ein Zyniker die Kunst dahinter nicht zu schätzen weiß.

8. Safety Not Guaranteed

Wenn bei mir in der Nähe jemand behauptete, eine Zeitmaschine gebaut zu haben und Mitreisende suchen würde, ich wäre sofort dabei. Und vielleicht ist es allein schon diese clevere kleine Idee (angeblich eine wahre Geschichte), die einen in den Film hineinzieht und dann Aubrey Plaza, Jake Johnson und Mark Duplass die Gelegenheit gibt, die Welt mit charmanten Momenten und nur halblauten Witzen ein bisschen heller zu machen. Und dann natürlich das Ende.

9. A Letter to Momo

Es braucht gar nicht so viel, um mich im Kino dazu zu bringen, ein paar Tränen zu verdrücken, aber die Trigger müssen trotzdem stimmen. Hiroyuki Okiuras wundervoller Anime hat es geschafft, ganz ohne allzu manipulativ zu sein, einfach durch eine zauberhaft erzählte Geschichte von einem Mädchen und ihrer übernatürlichen Aufgabe, die ihr dabei hilft, den Tod ihres Vaters zu verarbeiten. Astrid Lindgren hätte es nicht besser gekonnt.

10. The Hobbit: An Unexpected Journey

Ja, er hat Fehler in der Figurenzeichnung. Ja, er ist zu lang, zu ausgewalzt (mehr dazu in den nächsten Tagen in einem extra Blogeintrag). Aber verdammt noch eins, es ist so schön wieder in Mittelerde zu sein. Diese Tatsache allein, sowie das mutige Voranpreschen in betäubendem HFR 3D und einzelne Highlights des Films, wie das Lied der Zwerge vor dem Kaminfeuer und die Szene mit Gollum, reichen manchmal für einen Platz in meinen Top Ten. Aber auch nur manchmal.

Lobende Erwähnungen

Dredd ist wohl einer der Filme, die mir dieses Jahr am meisten sinnlos-brutalen Spaß gemacht haben, wahrscheinlich sogar mehr als Looper, der andere Film aus der „Science Fiction mit Hirn“-Ecke, der es sogar fast unter die ersten zehn geschafft hätte.

Und Hanna Dooses Film Staub auf unseren Herzen, der übrigens am 17. Januar auch noch richtig ins Kino kommt, hat mich ebenfalls von Anfang an berührt – auch schon bevor ich die Regisseurin interviewen durfte.

Und, sind wir fair: Läge das Kinoerlebnis nicht schon so lange zurück hätten sich Hugo und The Artist wahrscheinlich auch irgendwie in die Top Ten gemogelt. Aber im Rückblick wirkten sie dann doch nur noch wie abgeschmackte Schatten ihrer selbst.

Take Shelter – Bild: Sony Pictures Classics

(Warnung: Dies ist ein langer, mäandernder Text, der einen Batzen Gedanken enthält, die einfach mal raus mussten, ohne Garantie auf Zugewinn an Lebensqualität nach seiner Lektüre. Er enthält, je nach Blickwinkel, höchstwahrscheinlich Spoiler für The Dark Knight Rises, Take Shelter, L’Ultimo Terrestre, 4:44 – Last Day on Earth und Melancholia)

Ich konnte ihn irgendwie verstehen, Bane. Viel besser als den Joker. Denn der Joker wollte nur Chaos stiften, Menschen gegeneinander ausspielen, Grenzen austesten. Bane wollte mehr, er wollte die endgültige Zerstörung von Gotham City.

„Gothams Abrechnung“ nennt er sich selbst. Denn obwohl Frieden eingekehrt ist in Gotham, glaubt bane noch immer an die Überzeugung seines Mentors Ra’as al Ghul, dass Gotham so weit in seinem eigenen moralischen Sumpf versunken ist, dass es jenseits jeder Erlösung steht. Da gibt’s nur eins: Komplette Zerstörung, Tabula Rasa, im Grunde: das Ende der Welt.

Wer hat nicht schon einmal auf die Welt geschaut, die uns dieser Tage umgibt, mit all ihren unlösbar scheinenden Problemen, und sich danach gesehnt, auch hier einfach mal Tabula Rasa machen zu können. Vielleicht nicht unbedingt, indem man eine Atombombe zündet wie Bane. Aber irgendwie die Chance bekommen, neu anzufangen – mit allem bisher Erreichten, aber ohne alles dadurch Verursachte. Und wenn nicht für die ganze Welt, dann vielleicht wenigstens für das eigene Leben? Auch diese Art von Neuanfangs-Sehnsucht findet sich in The Dark Knight Rises, in Gestalt von Selina Kyle.

Jeder, der in diesem und dem letzten Jahr öfter im Kino war, dürfte die Menge an Filmen aufgefallen sein, die sich genau mit diesem Thema auseinandersetzen: der Anfang einer neuen Zeit und – häufig dem vorausgehend – ein Untergang der alten. Die einfache Erklärung für diese thematische Häufung ist das bevorstehende Ende des Maya-Kalenders und die Weltungergangsspekulationen, die deswegen seit einiger Zeit in den Medien breitgetreten werden. Ich glaube aber, dass die eigentlichen Gründe tiefer liegen, dass die Sehnsucht nach einem Untergang und dem damit verbundenen Reboot, die sich derzeit im Kino zeigt, uns im Jahre 2012 zeitgeistlich umgibt.

Vor fast einem Jahr habe ich schon einmal über dieses Thema geschrieben und an meiner These hat sich wenig geändert. Es sind nur seit Oktober 2011 so viele neue Filme erschienen, die den Topos umkreisen – Blockbuster wie The Dark Knight Rises eingeschlossen – dass es sich meiner Ansicht nach lohnt, noch einmal genauer hinzuschauen.

In der Hyper-Stasis

The Dark Knight Rises – Bild: Warner Bros.

Ich möchte betonen, dass ich nicht tatsächlich der Meinung bin, dass wir in einer Endzeit leben. Das Gefühl einer Endzeit liegt aber, zumindest kulturell, in der Luft. Ich bin sicher, dass kundigere Menschen dies auch im politischen Klima festmachen könnten – etwa dadurch, dass sich der Kampf gegen die Wirtschaftskrise mehr und mehr anfühlt, als würde man – in einem Boot sitzend – verzweifelt versuchen, ein Leck zu stopfen, das immer größer wird; oder auf einem Laufband laufen, dessen Geschwindigkeit sich ständig erhöht. Nicht umsonst ist auch schon vorgeschlagen worden, den Euro einfach wieder abzuschaffen, die EU abzuschaffen, auch in der europäischen Einigung wieder Tabula Rasa zu machen.

Im kulturellen Bereich fällt mir die Diagnose wesentlich leichter, nicht zuletzt weil ich Simon Reynolds‘ kongeniales Buch Retromania gelesen habe. Retromania wurde bei Erscheinen des Buchs vor allem in Musikjournalismus-Kreisen diskutiert, da es darin hauptsächlich um Musik geht. Doch Reynolds‘ Argumentation lässt sich problemlos auf andere kulturelle Bereiche, etwa das Kino, übertragen und tatsächlich spannt Reynolds in seinem letzten Kapitel „The Future“ den Bogen auch eigentlich über die gesamte westliche Kulturlandschaft.

Diese Argumentation lautet, in einer Nussschale, dass die Kultur langsam aber sicher aufgehört hat, Neues zu erfinden und sich nur noch auf Altes beruft, das sie immer wieder neu durch den Entsafter presst. Damit eng verbunden ist das Gefühl, dass uns die Zukunft eingeholt hat; dass wir nun, im Jahr 2000+ eigentlich in jener Zukunft leben, die uns vor etwa 50 Jahren versprochen wurde und die damals ziemlich spektakulär aussah. Nur leider hat sich das Spektakel anders entwickelt als gedacht – statt Raumschiffen und Jetpacks haben wir das Internet. Eine unsichtbare Technologie, die zwar erstaunliches leistet, aber nicht besonders futuristisch wirkt.

Das kulturelle Ergebnis dieser Entwicklung, ganz grob gefasst, ist, dass wir zwar das Gefühl haben, dass sich das Leben ständig beschleunigt, dass sich dies aber nicht in einem Gefühl des Vorankommens widerspiegelt. Reynolds nennt diesen Zustand „Hyper-Stasis“.

In the analogue era, everyday life moved slowly (you had to wait for the news, and for new releases) but the culture as a whole felt like it was surging forwad. In the digital present, everyday life consists of hyper-acceleration and near-instantaneity (downloading, webb pages constantly being refreshed, the impatient skimming of text on screens), but on the macro-cultural level things feel static and stalled. We have this paradoxical combination of speed and standstill.
(Simon Reynolds, Retromania, Kindle-Edition, S. 427)

Reynolds verbringt große Teile seines Buches damit, dieses Phänomen durch die Musikgeschichte zurückzuverfolgen und die Zeiten auszumachen, in denen die Popkultur nach vorne ritt (die 60er, die 90er), um sich anschließend eine Weile im Kreis zu drehen. Meiner Ansicht nach sind diese Vorwärts-Schübe eng gekoppelt an das Gefühl einer neuen Freiheit, sei es nach dem Ende der Kriegs-Nachwehen Ende der 50er oder nach dem Ende des kalten Krieges Anfang der 90er.

There is a Storm Coming

4:44 – Last Day on Earth – Bild: IFC Films

Nun aber, im Jahr 2012, befinden wir uns tatsächlich wieder in einer Zeit, in der zwar viel Freiheit vorhanden ist, das Gefühl aber nicht ausbleibt, dass wir auf einem Vulkan tanzen, uns unserer eigenen, globalen Dekadenz nicht oder unzureichend bewusst. Es wird etwas Großes benötigt, um all dem ein Ende zu setzen und neu anfangen zu können, so sehr, dass man es sich fast herbeiwünscht: ein Krieg, eine Apokalypse, einen Paradigmenwechsel, einen Untergang.

In unseren popkulturellen Produkten können wir diesen Untergang selbst herbeiführen. Tatsächlich machen etwa die Hollywood-Studios ja seit zehn Jahren kaum etwas anderes. Wie bei der digitalen Technik, mit der sie mittlerweile geschöpft wird, hat sich in Hollywood inzwischen der Modus durchgesetzt, ein Produkt am Ende seines Lebenszyklus einfach in einer neuen Version auf den Markt zu bringen. Meistens nennt sich das Reboot und es hat seine eigene Faszination, aber es ist nichts anderes als das Herbeiführen eines Untergangs, um dann mit den gewonnenen Erfahrungen neu beginnen zu können. Die „Trauerperioden“ für dieses Vorgehen werden immer kürzer, wie sich dieses Jahr mit The Amazing Spiderman gezeigt hat.

Für unsere nicht selbst geschaffene Welt funktioniert dieser Prozess nicht, daher muss man ihn sich in seinen Filmen herbeiwünschen. Abel Ferrara ist in seinem Film 4:44 – Last Day on Earth am direktesten – er gibt Umweltsündern die Schuld am Weltuntergang. Anders als etwa in Melancholia, mit dem 4:44 das Ende gemeinsam hat, ist der Untergang also nichts, was unverschuldet von außen kommt, sondern etwas selbst Herbeigeführtes. Zentrale Frage des Films ist: Wenn die Welt morgen untergeht, was machen wir mit der verbleibenden Zeit? Der von Willem Dafoe gespielte Hauptcharakter oszilliert zwischen Rage und Gelassenheit. Wütend brüllt seinen aufgestauten Frust auf dem Dach seines Appartments in die Nacht hinaus, doch nachdem er die Gelegenheit hatte, sich von seiner Tochter zu verabschieden, kann er sogar der Versuchung wiederstehen, sich nach 20 cleanen Jahren wieder einen Schuss Heroin zu setzen. Am Ende geht die Welt unter, während er und seine Geliebte aneinandergekuschelt auf dem Boden liegen. Ferraras Botschaft scheint zu sein: Auch wenn keine Umkehr der Geschehnisse mehr möglich ist, sollte man dennoch drauf achten, dass man mit sich im Reinen ist, wenn die Welt untergeht. Denn man weiß ja nie, ob das Ende nicht doch ein neuer Anfang ist.

Take Shelter – Bild: Sony Pictures Classics

Das wahrscheinlich beste Bild für einen bevorstehenden Untergang ist das heraufziehende Gewitter. Nicht nur, weil ein Gewitter in unserem anthropomorphisierten Weltbild wie die manifeste Entladung von aufgestauten Bedürfnissen erscheint, sondern auch weil es nach all seiner Zerstörung häufig etwas zurücklässt, dass unschuldig und schön wirkt (siehe auch: „reinigendes Gewitter“). In Take Shelter verbringt Curtis des Films etwa anderthalb Stunden damit, seine Liebsten vor der heraufziehenden Katastrophe zu schützen, die ihn in Träumen und Halluzinationen verfolgt, während er den Rest der Welt, der ihn auslacht, am Liebsten zur Hölle schicken würde. Dann muss er frustriert und erniedrigt feststellen, dass der vermeintliche Sturm nur ein Produkt der Schizophrenie ist, die er von seiner Mutter geerbt hat. In den letzten Minuten dreht der Film seine fast enttäuschende „Auflösung“ noch einmal, als plötzlich tatsächlich ein Sturm aufzuziehen scheint, der die Symptome aus Curtis‘ Traum aufweist. Regisseur Jeff Nichols lässt unklar, ob dieser Sturm echt ist. Wichtig ist, dass sich Curtis und seine Frau in den letzten Momenten des Films – anders als zuvor – verstehen und an einem Strang ziehen. Auch sie sind pünktlich zum bevorstehenden Untergang miteinander im Reinen.

(Das gleiche Prinzip durchzieht natürlich auch Seeking a Friend for the End of te World, den ich leider noch nicht gesehen habe. Nur dass dort ein Hund mitspielt.)

Untergang ohne Untergang

Filme wie die bis jetzt beschriebenen, in denen die Welt tatsächlich untergeht oder untergehen könnte, fokussieren sich auf die (sinnlosen oder sinnvollen, je nach Haltung der Macher) Versuche ihrer Protagonisten, sich für das Ende – eigentlich aber für den neuen Anfang – zu wappnen. Genau so anschaulich kann es natürlich sein, wenn die Hoffnung auf einen Neuanfang plötzlich auftaucht ohne dass zuvor die Welt untergeht und alle Menschen sterben. Dafür ist nur ein ähnlich einschneidendes Ereignis vonnöten, dass alles auf den Kopf stellt, was wir zu wissen glauben.

L’Ultimo Terrestre – Bild: Fandango

Ein solches Szenario bietet sich in Another Earth und auch in L’Ultimo Terrestre. In Gianni Pacinottis absurdem Untergangsgemälde steht eine Alien-Invasion mit unklarer Absicht unmittelbar bevor und die meisten Erdlinge sind damit beschäftigt, vor lauter Unsicherheit in Panik auszubrechen. Für den stoisch-linkischen Luca jedoch scheint – ähnlich wie für Kirsten Dunsts Figur in Melancholia – eher die Hoffnung auf das Unausweichliche zu winken. Bis er feststellt, dass die Invasion längst begonnen hat und eine Alien-Frau schon bei seinem Vater eingezogen ist. Und während der Rest der Welt mit seiner Angst ringt, können Vater und Sohn mit diesem fast im wahrsten Wortsinne aus dem Nichts aufgetauchten Hilfsmittel ihre gemeinsamen Neurose verarbeiten. Als die richtige Invasion losbricht ist Luca entspannt. Die Zukunft kann ihm jetzt nichts mehr anhaben.

Expansion/Contraction

Es ist davon auszugehen, dass am 22. Dezember 2012 nicht die Welt untergeht (auch wenn ich schon für die Afterparty zugesagt habe). Und eigentlich bleibt auch zu hoffen, dass die Welt auch keinen anderweitigen Reboot erfahren muss. Wie immer ist es stattdessen viel sinnvoller und fruchtbarer, wenn wir unsere Ängste und Sehnsüchte in der populären Kunst ausleben – das ist anregender und weniger gefährlich.

Another Earth – Bild: Fox Searchlight

Ein letzter Exkurs sei erlaubt: In seinem Buch The Windup Girl, das 2011 mit den wichtigsten Science-Fiction-Preisen ausgezeichnet wurde, benutzt Paolo Bacigalupi fast schon nebenbei die Terminologie „Expansion“ und „Contraction“ um die Zeitalter der Menschen zu benennen, in denen die Welt (gefühlt) größer und kleiner wird. Nach der Windup-Girl-Rechnung befinden wir uns derzeit am Endpunkt einer Expansion – die ganze große Welt scheint uns zu Füßen zu legen. Dass irgendwie eine Form von Contraction folgen muss, in der man sich wieder auf Näher liegendes besinnt, scheint unausweichlich. Die Frage ist nur, ob dies gemächlich geschieht, wie eine sich hinabschwingende Sinuskurve, oder radikal.

The Dark Knight Rises endet auf gewisse Weise auch mit einem Untergang, auch wenn Banes Plan misslingt. Denn Batman stirbt und beendet vorerst seine Geschichte. Bruce Wayne hingegen lebt weiter und kann gemeinsam mit Selina Kyle ein rebootetes Leben genießen. Dann jedoch scheint sich auch für Batman am Ende ein Neuanfang abzuzeichnen, als Blake die Batcave entdeckt. So kann es also auch gehen: Untergang und Neustart, ganz ohne Weltzerstörung und Tod. Werden wir auch hinkriegen, was Batman gelungen ist?

Ergänzung: Ich bin nach wie vor dabei, mir dieses Thema, über das natürlich schon viele andere Leute nachgedacht haben, zu erschließen. Ich mag Bruce Sterlings Beschreibung des 2010er-Lebensgefühl als „Dark Euphoria“. Passt gut.
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