Von der Seitenlinie

19. Juni 2011

Am 16. August beginne ich eine neue Arbeitsstelle. Ich werde (fester freier) Redakteur in der Filmredaktion eines Fernsehsenders. Ich bin mit der Stadt vertraut, in der ich arbeiten werde, ich liebe Filme und ich kenne das Team der Redaktion von einer früheren Begegnung – ich freue mich sehr auf diesen Job.

Und doch war das Ganze ursprünglich nicht ganz so geplant.

Im Herbst 2009 arbeitete ich in Frankfurt im Redaktionsteam von epd medien mit einem Vertrag, der zum Ende des Jahres auslief. Ich hatte gerade ein knappes Jahr damit verbracht, fast jeden Tag darüber zu berichten, wie miserabel es um die Printmedien in der Bundesrepublik steht und mir war klar, dass mein nächster Job nur online stattfinden konnte.

Meine Bewerbungen bei diversen Onlineredaktionen, große und kleine, wurden alle abgelehnt. Einmal bekam ich die Begründung geliefert, ich habe zu wenig Online-Erfahrung. Ich habe 1996 meine erste eigene Website online gehabt, blogge seit 2003 und hatte mich zu diesem Zeitpunkt fast ein Jahr intensiv mit Onlinemedien beschäftigt. Zudem war ich bei einer Nachrichtenagentur beschäftigt, einem Medium, dass es gewohnt ist, seine Geschichten mehrmals täglich zu aktualisieren. Die reine Tatsache, dass ich noch nie hauptberuflich für ein primär online erscheinendes Medium gearbeitet hatte, reichte anscheinend aus, um mir mangelnde Online-Erfahrung zu attestieren.

Der Deutsche Evangelische Kirchentag, der es sich zum Prinzip gemacht hat, Menschen außerhalb ihrer Komfortzone einzustellen, gab mir die Chance, die andere mir verwehren wollten. Seit Anfang 2010 bin ich dort alleine verantwortlich für den Inhalt der kompletten Website. Ich habe eine blühende Facebook-Seite und einen funktionierenden Twitterkanal aufgebaut und im Juni die (relativ konservative) Berichterstattung einer vierzigköpfigen Onlineredaktion geleitet. Natürlich habe ich beim Kirchentag keinen Journalismus gemacht. Aber ich habe mehr Online-Erfahrung gesammelt, als mir wohl jemals in einer deutschen Onlineredaktion zugetraut worden wäre.

Da immer klar war, dass der Kirchentag nur ein Projekt sein würde, hatte ich mir ursprünglich mal überlegt, danach irgendwie an die vorderste Front des Onlinejournalismus in Deutschland zu wechseln. Mittendrin zu sein in diesem Mahlstrom des Medienwechsels, der sich gerade vollzieht; mit anderen gemeinsam Geschichte zu schreiben, während die Neuen Medien endlich ihre volle Reife erlangen.

Das werde ich jetzt nicht tun und ich bin eigentlich froh darüber. So spannend ich all das finde, was derzeit in der Medienlandschaft passiert, so nervenaufreibend finde ich es doch, die immer gleichen Debatten zwischen verstockten Apologeten und arroganten Avantgardisten lesen und hören zu müssen. Ständig zu sehen, wie große Medienhäuser ebenso große Töne spucken und selbst das Gegenteil ihrer Reden umsetzen. Zu beobachten, wie Journalisten immer schlechter bezahlt werden, während gleichzeitig von ihnen verlangt wird, immer mehr Inhalte zu generieren, bei deren Anblick das Wort „Qualitätsjournalismus“ regelmäßig in hohl widerhallendes Gelächter ausbricht.

Filme haben nach wie vor eine, um den aktuellen Bildersturm von Jeff Jarvis aufzugreifen, recht orthodoxe Form. Und auch ihre Präsentation im Fernsehen folgt dieser Form, was sollte sie auch sonst tun. Dass ich mich auch im Filmbereich für Technologien wie Stereoskopie interessiere, die die althergebrachten Formen „stören“, ist sicherlich kein Zufall. Aber wenigstens muss ich nicht mehr mittendrin stecken, wenn wieder mal jemand schreibt oder sagt, das Internet wäre oder mache dumm, Google sei der Teufel oder mein Video sei nicht viral genug.

Ich beschäftige mich lieber mit etwas, was ich liebe: mit Filmen. Übrigens auch weiterhin an dieser Stelle. Währenddessen beobachte ich den Medienwechsel von der Seitenlinie und lasse sich die Ewiggestrigen und die Ewigmorgigen auf dem Spielfeld die Köpfe einschlagen. So bleibt mein eigener Kopf heil – und vielleicht kann ich dann eines Tages zurück aufs Spielfeld kommen, ein paar Wunden versorgen, und mir von den erschöpften Mannschaften, die beide verloren haben, zeigen lassen, wo ich helfen kann, den kaputten Rasen zu flicken (Nebenbei werden sie mir wahrscheinlich beibringen, Metaphern nicht überzustrapazieren).

Auf die Zukunft!

It’s not every day that you get challenged by Jeff Jarvis. Very well then, I accept. However, I’m not sure that I’ll win. There is more of an olympic spirit posesssing me right now.

A bit of background: Jeff took three tweets (1, 2, 3) to attack a Newsweek article that basically says that the amount of people using the internet to do meaningful interactive things in their free time (Blogging, Wikipedia, News Commenting etc.) is shrinking and gives the reason simply as „sloth“. While I certainly wasn’t fully convinced by the article I think it did make some points that I think might be true, and that scared me.

Like Jeff, I have always been adamant that people love doing things for free and can be just as good as professionals. However, I could imagine with (a) the web becoming more and more mainstream and part of our lives and more and more people using it that don’t want to contribute to it and (b) the web growing larger and larger, becoming ever more differentiated – that the actual amount of peopleactive at any one site goes down.

However, that was not the challenge. The challenge was to convince Jeff that magazines are not dead. Well, I don’t think they are, at least not for a while. While I am a supporter of a lot of the Buzzmachine theories, especially the one that the future of Journalism lies in ecosystems and not monoliths, I just don’t want to go along with the one that in essence says that journalists should stop presenting finished articles to audiences – which is what magazines do.

While I would say that written articles should be open to debate, change, admittance of mistakes and dialogue between author and audience in the wake of their publication, I also believe there should be the right to say „I like this article I have written as it is; I will gladly correct factual errors or supplement interesting addendums but I don’t want to crowdsource the whole thing until it is no longer mine but the crowd’s“. I don’t think that this is arrogance, it is artistic freedom.

But journalism is not art, you say. Indeed, most of it isn’t. I worked in a news agency for a year and I found it fascinating how we produced truly mutable articles that might begin with a quick announcement at the start of the day and end up as a summary with a completely different focus at the end of it. Then, the newspaper journalists would go and change and mold it once again for publication. A kind of b2b-crowdsourcing, if you will. I gladly accept that this process should continue down to a level of mutabilty that is indeed not restricted to journalists but open to everyone. That’s why I think Newspapers are definitely dead. The kind of articles they present us with were made to be changed all the time.

However, magazine articles and indeed a magazine as a whole, are different. They are much closer to an artistic statement than news are. A good magazine’s contents are carefully curated, designed and sometimes even timeless. The articles are long statements about „big pictures“.

I, for one, like being presented with a magazine like this as a finished – or at least mostly finished (see above, factual errors) – product, whose life cycle is a bit slower than that of an online news article. It means that I can also take the time to enjoy it because I know it won’t change for a while and the authors like their articles as artistic statements that might be refuted (or refudiated) and should please spawn debates – but for now they should stand as they are.

And because I think that a lot of people would agree, I believe that magazines are not dead yet.

I do agree that magazines have to change, shouldn’t rely on print, shouldn’t rely on advertising, build a community around their brand etc., but I still can believe that a particular form of curated, bundled journalistic content with a longevity that makes it closer to art/literature than commodity, will persist.

Worte zur Wochenmitte

19. Mai 2010

Journalismus ist keine exklusive Profession mehr. Journalismus ist zu einer Aktivität geworden, die nur noch von einer Minderheit professionell ausgeübt wird. Ob ein Journalist professionell ist, bemisst sich nicht mehr daran, ob er mit seiner Arbeit Geld verdient, sondern allein daran, ob er professionelle Standards einhält, etwa in der Sorgfalt und Fairness seiner Recherche und der Qualität seiner Sprache.

Wolfgang Blau , sueddeutsche.de
// Es geht erstaunlich gut

Über Rivva habe ich mitbekommen, dass bei Meedia schon wieder jemand (Stefan Winterbauer) Jeff Jarvis gebasht hat. Na ja, was soll’s. Das kann er ab und dass er ein Selbstdarsteller ist, ist eigentlich eine Binsenweisheit, denn Selbstvermarktung ist schließlich das, was er verkauft.

Mich hat aber vor allem der letzte Absatz gestört:

Wer von Jarvis wissen will, wie er denn die vielen Leute, die Gebäude, die Dienstleister, die ganze Infrastruktur mit der Link-Ökonomie bezahlen soll, der erhält zur Antwort, man müsse „Wege finden“, die Aufmerksamkeit zu monetarisieren. Immer wenn’s ans Eingemachte geht, verdrückt sich Jarvis ins Ungefähre und eilt zum nächsten Vortrag. Nur: Würde man Jarvis mit seinen radikalen Thesen ernst nehmen, könnten die meisten Medienhäuser von heute auf morgen dicht machen.

Erstens schießt die Kritik am Ziel vorbei: Jarvis hätte überhaupt nichts dagegen, wenn die meisten Medienhäuser von heute auf morgen dichtmachen. Seiner Ansicht nach liegt die Zukunft des Journalismus eben nicht in großen Häusern, sondern in kleinen Zellen.

Zweitens stört es mich, dass hier wie schon an hundert Orten radikale Ideen einer Neuordnung des Mediensystems damit abgetan werden, man könne damit kein Geld verdienen. Selbst wenn das stimmen würde (und das tut es nicht zwangsläufig, denn es gibt Menschen, die mit der Link-Ökonomie Geld verdienen und ihre Aufmerksamkeit beispielsweise durch Beraterverträge etc. in Geld umwandeln) – wäre das so schlimm?

Werner D’Inka hat auf einem Vortrag mal den Vergleich gebracht, er würde sich ja gerade noch von einem Bürgerfriseur die Haare schneiden lassen, aber nicht mehr von einem Bürgerchirurgen den Blinddarm rausnehmen lassen. Dieser Vergleich wird bemüht, wann immer es darum geht, dass möglichst ALLE Journalisten ZWANGSLÄUFIG gut bezahlte Profis sein müssen.

Mal ganz abgesehen davon, dass weder heutzutage noch jemals alle Journalisten ordentlich bezahlt wurden oder dass ordentliche Bezahlung keine Garantie für fehlerlose Arbeit ist – stimmt das überhaupt?

Ich habe schon öfter (auch hier) gesagt, dass ich glaube, dass in der Zukunft sehr viel Journalismus von Amateuren produziert werden wird. Von Journalismus-Amateuren, wohl gemerkt, nicht von Idioten. Rechtsanwälte, Wirtschaftskenner, Politik-Kenner, Kultur-Kenner, die in anderen Berufen ihr Geld verdienen, aber nebenher auch gerne noch über ihr Fachgebiet schreiben möchten, wie es sie immer schon gegeben hat.

Warum sollte ich diesen Menschen weniger vertrauen als einem bezahlten Journalisten? Wegen der Unabhängigkeit, könnte man jetzt als Argument anbringen, und das stimmt. Aber die journalistische Unabhängigkeit ist auch nur ein Idealbild, der die Realität durch Druck von Anzeigenkunden oder einfach durch persönliche Überzeugung ohnehin hinterherhinkt. Das Gesetz der großen Leser-Zahlen wird in einer demokratisch geprägten Gesellschaft schon zeigen, wen es sich lohnt zu lesen, und wer nur schlecht geschriebene Propaganda von sich gibt. Relevanz treibt nach oben.

Und was soll das überhaupt mit dem Vertrauen in den Bürgerchirurgen? Deutschland ist das Land des Ehrenamtes, die ARD hat diesem Thema sogar jüngst eine Themenwoche gewidmet. Wir lassen uns von Nicht-Profis aus brennenden Häusern retten, wir vertrauen ihnen unsere Alten, Kranken und Kinder an. Wir Deutsche lassen uns sogar von Amateuren in hochkomplizierten Sportarten wie – sagen wir mal – Dreisprung oder Biathlon auf internationalen Sportwettbewerben vertreten und freuen uns mit wenn „unsere“ Sportler gewinnen. Menschen, die nebenher noch Zahnarzthelfer oder Rechnungsprüfer sind.

Aber wir wollen den Journalismus diesen Menschen nicht anvertrauen? Nicht ausschließlich diesen Menschen (das ist ja bei der Feuerwehr auch nicht so), aber auch diesen Menschen? Da muss unbedingt Geld fließen, damit gute Arbeit geleistet werden kann? Ich warte immer noch drauf, dass mir das mal jemand richtig erklärt.

Für den ersten Teil der Interview-Serie „Erfolgsstory Internet“ habe ich mit Hardy Prothmann gesprochen. Hardy betreibt seit April 2009 das heddesheimblog, ein lokaljournalistisches Blog für den Ort Heddesheim in der Nähe von Mannheim. Das Aufkommen des Blogs hat nicht nur vor Ort, wo der „Mannheimer Morgen“ zuvor die einzige Zeitung war, für Aufsehen gesorgt, auch durch die Welt des Journalismus ging ein Raunen.

Das heddesheimblog, und die inzwischen hinzugekommenen Schwestern hirschbergblog und ladenburgblog sind untrennbar verknüpft mit der Person Hardy Prothmann. Er ist ein streitbarer Charakter, stellt mit Vorliebe steile Thesen in den Raum („Ich bin die Zukunft des Lokaljournalismus!“) und poltert auch gerne mal gegen die anderen. Diese Art hat ihm auch Kritik eingebracht, ebenso wie beispielsweise die Tatsache, dass er in Heddesheim nicht nur Journalist ist, sondern auch im Stadtrat sitzt – womit er aber selbstbewusst umgeht.

Ich habe mit Hardy weniger über seine Arbeit an den Blogs gesprochen, als über seine Haltung zum Internet als Medium – und genau die oben erwähnte Verknüpfung zwischen seiner Person und seinem Produkt. Das Interview wurde per E-Mail geführt.

Offenlegung: Ich habe Hardy und sein Blog in einem Artikel für epd medien im Herbst 2009 poträtiert und ihn anschließend auch mal persönlich kennengelernt. Deswegen duze ich ihn in dem Interview.


Real Virtuality: Würdest du sagen, dass das heddesheimblog eine Erfolgsstory ist?

Hardy Prothmann: Gemessen an den Besucherzahlen und an der Aufmerksamkeit und in Bezug auf Lokaljournalismus ist es wahrscheinlich „die“ Erfolgsstory zurzeit. Was noch fehlt, ist der wirtschaftliche Erfolg. Aber der entwickelt sich zunehmend, und in einigen Monaten wird unterm Strich eine schwarze Null stehen.

Wie entwickelt sich der Gesamtbetrieb, jetzt wo auch die Schwesterblogs am Start sind?

Stressig: Zu wenig Geld, zu wenig Leute und so viele Themen. Das heddesheimblog wird im Februar deutlich über 3500 Besucher am Tag haben, das hirschbergblog nach zehn Wochen über 600, das landenburgblog hat in den ersten Tagen nach dem Start gut 300 Besucher täglich.

Du kommst aus dem klassischen Printjournalismus. Was hat sich durch die Arbeit im Internet für dich verändert?

Das Internet macht diese Arbeit erst möglich. Recherche, Kommunikation, Distribution, Dokumentation, Community – alles ist einfacher durch das Internet und in meinen Augen viel besser, als in Zeiten der Print-Ära. Ich habe noch den Spiegel und die c’t abonniert. Ab und an kaufe ich die eine oder andere Zeitung. Für den Zug oder andere Situationen, in denen das praktischer ist. Die räumlich und zeitliche Grenzenlosigkeit des Internets ist allen Printprodukten aber haushoch überlegen.

Warst du immer schon internet-affin?

Ich bin 1990 mit einem 14.4-Modem das erste Mal online gegangen. Beantwortet das die Frage?

Achtest du darauf, dass du besonders Internet-gerecht arbeitest?

Ich schreibe kurze Texte, aber auch richtig lange Riemen, weil ich überzeugt bin, dass die Leser draußen nicht doof sind und sich interessieren. Auch das unterscheidet meine Blogs von der Tageszeitung. Ansonsten bemühe ich mich um eine umfangreiche Verlinkung. Damit schicke ich die Leser zwar weg von meinem Angebot – aber ich bin sicher, sie kommen dahin zurück, wo sie gut informiert wurden. Außerdem werden Facebook und Twitter immer wichtiger für die tägliche Arbeit.

Wie gehen deine Leser und deine Anzeigenkunden mit der Tatsache um, dass dein Produkt nur im Netz stattfindet?

Es gibt jede Menge Leser, die mir sagen: Mittlerweile trinke ich meinen Morgenkaffee vor dem Computer und nicht vor der Zeitung, denn die ist abbestellt. Die Anzeigenkunden muss man noch davon überzeugen, dass ihre Werbung im Internet mehr bringt als in der Zeitung oder in irgendwelchen Wochenblättern. Da gibt es noch zu viel traditionelles Denken. Aber das ändert sich zunehmend.

Was bedeutet dir die Tatsache, dass deine eigenen Texte jetzt nicht mehr gedruckt vorliegen?

Da ich auch genug Radio- und Fernseherfahrung habe, kenne ich auch die „flüchtige“ Berichterstattung. Gedruckt bedeutet einzig eine begrenzte Auflage und damit auch begrenztes Wissen. Das Internet bedeutet eine unbegrenzte Verteilung und ein schier unbegrenztes Wissen.

Du hast schon öfter in den Raum gestellt, dass Seiten wie das heddesheimblog die Zukunft des Lokaljournalismus sind. Erklär bitte mal, warum.

Die Verlagshäuser produzieren mit enormen Aufwand ein teures Produkt, dass auch noch teuer verteilt werden muss und ein One-Way-Produkt ist. Und obwohl alles so teuer ist, füllen sie dieses Produkt mit billigen und schlecht bezahlten Inhalten.

Die Produktion fürs Internet ist im Vergleich ultra-kostengünstig, die Verteilung kostet nichts und der Inhalt ist vielfältig verknüpft. Um jetzt mal den Lateiner rauszuhängen: „Textum“ heißt nicht das Gedruckte, sondern das Gewebe. Und hier noch ein bisschen Futter für die Philosophen: Das Internet gibt einem Text erstmals die Möglichkeit, das zu sein, was er ist: Verwobene Informationen.

Inhaltlich ist das Internet wie gemacht für das Lokale. Die großen Portale buhlen um „Online-Communities“. Die sind virtuell. Die Community des Lokalen ist real. Hier ist die Kommune, die Gemeinde. Zudem ist das Internet umfassender, schneller, aktueller als alles, was die Zeitung bieten kann.

Du hast das heddesheimblog auch überregional bekannt gemacht. Wie bist du vorgegangen?

Thomas Mrazek vom BJV hat im August ein Interview mit mir gemacht und bei onlinejournalismus.de veröffentlicht. Den Rest hat das Internet erledigt. Bundesweit haben viele Kollegen auf das heddesheimblog geschaut und gemerkt: Hey, hier geht was.

Dann kamen weitere Interviews und Berichte dazu. Ich vermute, dass ich so interessant bin, weil und wie ich meinen Job mache. Ich zeige, dass das Lokale absolut spannend, vielfältig und berichtenswert ist. Ich habe noch nie soviel Spaß an meinem Job gehabt, wie in den vergangenen Monaten.

Und ich bringe einen neuen Sound in die Lokalberichterstattung: Die Kommentare äußern knallhart ihre Meinung und nehmen kein Blatt vor den Mund. Es gibt einige, die finden das „skandalös“, also „unerhört, unglaublich“. Ich finde, es ist absolut skandalös, wenn Zeitungen in unserer Zeit immer noch einen Journalismus machen, der nicht über die Qualität von Gammelfleisch hinauskommt.

Menschen interessieren sich gerne für Kuriositäten. Dass ein unbedeutender Journalist – im Vergleich zu den Großen der Branche – immer wieder die überregionale Debatte um die Qualität des Journalimus mitbestimmt, ist kurios und hält das Interesse hoch.

Beim Klappern für das heddesheimblog hast du auch deine Person in den Mittelpunkt gestellt (z. B. ziert den Twitter-Account @heddesheimblog dein Foto). Ist Selbstvermarktung ein wichtiges Thema für dich?

Ich vermarkte nicht mich, sondern meine Blogs. Dafür „halte ich meine Fresse hin“.
Meine „Selbstvermarktung“ ist ein demokratischer Appell an die Menschen: Journalismus basiert auf der grundgesetzlich garantierten Meinungsfreiheit für alle Bürger.

Ich bekenne mich ganz offen zu einem subjektiven Journalismus. Denn es geht dabei im Journalismus um Subjekte, um Menschen. Meine Berichte entstehen zwar „objektiv“ nach professionellen Standards, also viele Quellen, Gegenseite hören, Fakten prüfen und so weiter. Die Inhalte sind aber oft subjektiv dargestellt. Daraus entsteht Betroffenheit und Nähe. Es menschelt.

Ich mache diese Subjektivität aber transparent. Das heißt, ich verweise auf Quellen (außer jene, die ich schütze), ich verlinke zu weiteren Informationen, anderen Quellen für die andere verantwortlich sind. Ich mache die Berichterstattung überprüfbar. Auch das ist ein absoluter Vorteil des Internets gegenüber der Zeitung.

Und genau davor haben viele Journalisten Angst: In der Zeitung ist immer noch anscheinend alles wahr – weil es keine Möglichkeit der direkten Überprüfung gibt. Das Internet an sich trägt zu einer besseren Qualität des Journalismus bei, denn der muss sich plötzlich an all den anderen Informationsangeboten und Überprüfungsmöglichkeiten messen lassen.

Wie bringst du die Notwendigkeit für Selbstvermarktung im Internet und das Auf-dem-Teppich bleiben unter einen Hut?

Ich friere mir vier Stunden lang bei einer Polizeikontrolle für einen Bericht die Nase ab, verbringe viel Zeit auf Vereinsfesten und „schlage“ mich mit der Kommunalpolitik rum. Ganz ehrlich: „Berühmt sein“ habe ich mir glamouröser vorgestellt. Von der Bekanntheit kann ich mir nichts kaufen. Bekanntheit bedient höchstens meine Eitelkeit – wenn man die zu groß werden lässt, steht sie einem im Weg.

Klar nutze ich sie für die Blogs, um deren Bekanntheit voranzubringen. Meine lokalen Kritiker werfen mir Egoismus vor und dass ich meine eigenen „Ziele“ verfolge. So nach dem Motto: „Huhu, der Prothmann will die Macht übernehmen oder hat sonst was Schlimmes vor.“ Das finde ich zum Wiehern. Die lokale High-Society denkt wirklich, ich wollte mit ihrer „Bedeutung“ konkurrieren.

Natürlich habe ich ein Image und pflege es auch. Draußen in der großen, weiten Welt bin ich vielleicht ein Phänomen: Hier vor Ort kann mich jeder anfassen und ansprechen. Und die Leute wissen mittlerweile, dass ich nicht nur irgendetwas schwätze, sondern dass ich „echt“ bin.

Wie trennst du in eben dieser öffentlichen Diskussion und Vermarktung dein privates und dein öffentliches Selbst. Ergeben sich Konflikte?

Als Journalist wahre ich die notwendige Distanz, auch wenn ich oft ganz nah rangehe. Daneben habe ich Privatleben und das geht niemanden etwas an.

Mit der Diskussion um den Wikipedia-Eintrag „Bratwurstjournalismus“, den du geprägt hast, hast du die Dynamik der Netzgemeinde direkt erleben können. Was war dein Eindruck?

Das war eine Riesen-Show. Gerade die Löschdebatte auf Wikipedia. Ich habe viel gelacht und immer wieder gedacht: Das gibts doch gar nicht. Haben die Leute nichts Besseres zu tun, als sich über ein harmloses Wort so zu echauffieren? Großes Kino!

Andererseits hat der Bratwurstjournalismus eine Debatte ausgelöst, die schon lange fällig war: Die Qualität des Zeitungslokaljournalismus ist überwiegend unter aller Sau – von wenigen Ausnahmen abgesehen. Darüber wird geredet und nachgedacht. Und das ist gut so.

Was sind deine Pläne für das nächste Jahr?

Zwei Mal zwei Wochen Urlaub auf meiner Yacht im Hafen von Nizza zu machen. Bis dahin muss ich aber noch ein paar Artikel schreiben und Werbung verkaufen, um mir den Urlaub und die Yacht leisten zu können.


Selbstkritik: Beim Vorbereiten des Interviews zur Publikation ist mir aufgefallen, dass es (z. B. durch Nachfragen) ein bisschen kritischer hätte sein können. Unglücklicherweise kann ich zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht mehr nachbessern. Ich nehme mir hiermit vor, diesen Aspekt bei zukünftigen Interviews im Hinterkopf zu behalten.

Dieser Beitrag ist Teil 1 der Serie Erfolgsstory Internet?
Sie spricht mit Menschen, in deren Leben sich durch das Internet etwas verändert hat, über das Internet.

Mehrwert bieten

31. Januar 2010

Springer hat es dann einfach mal gemacht. Zum 15. Dezember 2009 wurde vor einem großen Teil des Onlineangebots von „Hamburger Abendblatt“ und „Berliner Morgenpost“ eine Schranke heruntergelassen. Wer
über Agenturmeldungen hinausgehende oder exklusiv recherchierte Texte lesen möchte, muss bezahlen: 7,95 Euro für 30 Tage Zugang. Kunden, die auch die gedruckte Zeitung abonniert haben, dürfen kostenlos auch online lesen.

„Alle Verlage haben eine ganz grundlegende Verpflichtung, auszuprobieren, ob Nutzer bereit sind, im Internet für Inhalte zu bezahlen“, sagte Springer-Chef Mathias Döpfner auch zum Start des anderen Bezahlmodells, das dem Medienkonzern für seine Inhalte mehr Geld bringen soll: Apps für Smartphones, allen voran Apples iPhone, die bis zu 4,99 Euro im Monat kosten sollen. Wenn jetzt das nächste große Ding, das iPad von Apple, auf den Markt kommt, hofft Springer sicherlich auch dort „Bild“, „Welt“ und Co monetarisieren zu können.

Weiterlesen in epd 7/10

Ich bin der festen Meinung, dass sich das Berufsbild von Journalisten durch den Medienstrukturwandel stark verändern wird. Ich sehe das nicht negativ, auch nicht unbedingt euphorisch, aber ich glaube, dass es passieren wird. Seit Wochen suche ich nach einem geeigneten Vergleich. Nachdem ich heute Björn Sievers‘ Artikel bei Carta gelesen habe, kam mir endlich eine Idee. Ich weiß nicht, ob sie hundertprozentig funktioniert und bin für Verbesserungsvorschläge natürlich zu haben.

Ich glaube, dass die Zukunft des Journalismus so aussehen könnte wie die der Musikindustrie – zum Teil ist sie das auch bereits (und immer schon gewesen). Die Produktpalette – und die Art und Weise, wie diese Produkte an den Nutzer kommen – wird sich sehr breit auffächern, noch breiter als bisher. Obwohl es Majors geben wird, wird es auch eine unüberschaubare Anzahl unabhängiger, kleiner Anbieter geben, deren Vertriebswege aber natürlich eingeschränkt sind.

Wie in der Musik auch, gibt es im Journalismus drei Kernprodukte: Den einzelnen guten Artikel (die Single), die Sammlung mehrerer guter Artikel aus einem Haus, auch Zeitung oder Zeitschrift genannt (das Album) und die Mischung mehrerer guter, zurzeit gerade populärer Artikel aus verschiedenen Häusern durch Aggregatoren (den Sampler). Aber während das Album früher die Haupt-„Währung“ war*, gibt es wieder eine Entwicklung hin zur Single, zum einzelnen Song, der ein bestimmtes Publikum interessiert und der wahrgenommen wird.

Mein Vergleich schließt auch mit ein, dass viele Journalisten – ebenso wie viele Musiker – nicht mehr unbedingt von ihrer Arbeit leben werden können und andere Dinge machen müssen, um sich über Wasser zu halten. Das entspricht ja auch der Tatsache, dass die meisten Blogger nicht vom Bloggen leben, sondern es als Hobby in ihrer Freizeit betreiben.

Wichtig ist die Rolle der Aggregatoren, der Sampler. Sehr viele Menschen gehen durch die Welt ohne jemals das Album eines Künstlers zu kaufen, sie kennen nur die Songs aus dem Radio (einzelne Artikel, die ihnen jemand über Social Media empfiehlt) und die aktuelle Bravo Hits oder Kuschelrock (Aggregatoren, die das „Beste“ sammeln und mundgerecht präsentieren). Es reicht ihnen. Mit dem Medienkonsum ist es doch ähnlich. Bei einer Tageszeitung würde ich sofort auch auf den Sportteil verzichten, den lese ich eh nie.

Und genauso wie in der Musik, könnte es in Zukunft auch in den Medien wesentlich mehr One-Hit-Wonder geben. Medien, die einmal einen Coup landen, dann viele Klicks bekommen und danach wieder an Bedeutung verlieren. De facto ist das ja jetzt bereits der Fall. Und nur die, die über einen langen Zeitraum hinweg mit Songs UND mit Alben die Massen begeistern können, werden wirklich erfolgreich. Allerdings wird die Eintrittsschwelle niedriger. Theoretisch könnte ich morgen ein neues Medium gründen und damit in einem Jahr erfolgreich sein, wenn ich entdeckt werde und gut bin.

Hm. Vielleicht hinkt der Vergleich doch ein bisschen zu sehr, er sei als Work in Progress betrachtet. Vielleicht ist Ökosystem doch die bessere Metapher.

Wichtig sind mir folgende Punkte:
1. Der Trend geht hin zum einzelnen wichtigen Artikel statt zur Artikelsammlung.

2. Die Bedeutung von Aggregatoren ist nicht zu unterschätzen. Sie sammeln und sortieren für die zurecht faulen Endverbraucher.

3. Eigentlich ist das immer schon so gewesen – Journalisten haben in Redaktionen Nachrichtenagenturen und die Berichterstattung der Konkurrenz ausgewertet, um daraus ein Aggregat zu schaffen. Aber diese Aufgabe verschiebt sich um eine Ebene.

4. Das könnte mehr freie Journalisten und mehr Hobby-Journalisten bedeuten.

Wer aufmerksam liest, dem ist sicherlich aufgefallen, dass ich bisher Geld noch nicht erwähnt habe. Der Grund dafür ist einfach: Ich weiß nicht, wo Geld in dem Ganzen auftauchen soll. Ich wäre bereit für gute Einzelartikel (Einzelpreis) und gute Aggregate (Abopreis) zu zahlen. Allerdings nicht die enormen Summen, die immer genannt werden. Maximal 5 Cent pro Artikel, maximal zehn Euro für ein Abo – ungefähr die Hälfte des Preises eine Zeitungsabos, denn ich muss ja kein Papier und keine Logistik mehr mitbezahlen.

* mir ist durchaus bewusst, dass Singles die Ursprungs-Währung der Musikindustrie waren, bevor Alben Ende der Sechziger an Bedeutung gewannen.

Worte zum Wochenende

13. November 2009

ein zeitungsportal in dem man alle wichtigen publikationen des landes fände, mit einer überragenden suchfunktion und bedienoberfläche, für sowas könnte durchaus ein markt bestehen. nur was machen die deutschen verlage (wahrscheinlich)? sie zimmern sich eigene portale mit komplizierten bezahlvorgängen, grausamer benutzerführung zusammen und verlangen mondpreise dafür.

Felix Schwenzel , wirres.net
// kostenloskultur?

In one moment, a very successful mogully man was slack-jawed in amazement at how little money – “$50,000!” – one of three entrepreneurs had used to start another fast-growing enterprise. The big man thinks big – that’s what made him big. The small guys think small and get big by using existing platforms and depending on their users to like and market them. To the new guys, it’s so obvious.

Jeff Jarvis , Buzzmachine
// The Future of Business is in Ecosystems

Ich bin an sich keine hämische Person, aber immer sehr an der Zukunft interessiert. Daher würde ich gern wissen, was die GQ-Moderedakteure machen, wenn ihr gedrucktes Heft im nächsten Jahr eingestellt wird. Mein Versöhnungsvorschlag: ein “Worst dressed”-Blog. Ich helfe ihnen gern, es aufzusetzen.

Sascha Lobo , im Interview mit „The Closet“
// Wie ein Kätzchenfoto im Internet
[via saschalobo.com]

Den acht Millionen Lesern der Zeitung entsprechen acht Millionen Page Impressions im Netz. Da der TKP für solche ‚mittelgroßen’ Onlineangebote (das sind Seiten, die zwischen einer und 100 Millionen PIs pro Monat erzielen) bei 2,50 Euro liegt, kostet eine vergleichbare Internetanzeige 8.000 TKP x 2,5 Euro = 20.000 Euro. Das ist ein Sechstel des Printpreises (wobei anzumerken ist, dass der TKP bei Webseiten, die weniger als eine Million PIs erzielen, sogar auf 50 Cent und darunter sinken kann. Solche Seiten kommen dann auf Werbeumsätze von 150 oder 200 Euro im Monat!).

Wolfgang Michal , Carta
// Warum sind Leser von Zeitungen 6 mal so wertvoll wie Leser im Netz

Worte zum Wochenende

30. Oktober 2009

Doch nichts liegt ProSiebenSat.1 derzeit ferner, als eine eigene “Gebühr” zu fordern. Der Senderverbund möchte lediglich mehr direkte Erlösquellen erschließen, “etwa über Pay-TV, Video-on-Demand oder andere Geschäftsmodelle”, wie der Vorstandsvorsitzende Ebeling mit Gespräch mit dem Handelsblatt betont. Das Wort “Gebühr” benutzt Ebeling nicht ein einziges Mal. Das Handelsblatt nimmt das Wort “Nutzungsgebühren” in den Vorspann und spricht selbst noch von “Bezahl-TV”.

Robin Meyer-Lucht , Carta
// GEZ-Gebühr: Schlagzeilen-Bingo auf dem Boulevard

I can’t help but think that many newspaper-doomsayers are conflating hope with analysis.

Daniel Gross , Slate
// Paper Hangers

This time we tried to push the envelope, and the envelope pushed back. So we pushed a little harder.

James Cameron , in einer Featurette für Avatar
// Avatar Behind the Scenes Featurette

Mögen Verlage das noch so unfair finden: Es gibt kein staatlich verbrieftes Recht auf die Verlängerung nicht mehr funktionierender Geschäftsmodelle in die Zukunft.

Ulrike Langer , Medial Digital
// Keine Sahnehäubchen in Sicht