Mit „epd Film“ verbindet mich inzwischen eine achtjährige persönliche Geschichte. Im Frühjahr 2006 habe ich in der Redaktion in Frankfurt ein Praktikum gemacht, knapp einen Monat nachdem sie meinen ersten Artikel veröffentlicht hatten. Ich habe mich dort wirklich wohl gefühlt und wurde wohl nicht zuletzt deshalb ein Jahr später gebeten, einen Monat als Aushilfe dort zu arbeiten. Seitdem ist „epd film“ als Autor meine Brücke in die Welt des traditionellen Filmjournalismus geblieben, weil sie netterweise immer noch drei bis viermal pro Jahr Artikel von mir veröffentlichen. Meistens geht es darin um meine Lieblings-Erklärbärthemen wie 3D, Streaming und andere Film-Technik-Schnittstellen, aber sie haben mich auch schon bei ambitionierteren Projekten wie einer Untersuchung von Reboot-Kultur und filmischem Storytelling in Themenpark-Rides unterstützt.

Ich bin also alles andere als ein objektiver Beobachter der Zeitschrift, die mit dem aktuellen Heft nach mehreren Jahren mal wieder ihr komplettes Look and Feel verändert hat. Aber ein echter Insider bin ich auch nicht. Ich wusste, dass der Relaunch in den Startlöchern stand, aber ich hatte – bis ich gestern das Heft in der Hand hielt – keine Ahnung, wie er aussehen würde. Ich denke, das Ergebnis kann man äußerlich als „behutsame Modernisierung“ bezeichnen. Das Titelseiten-Layout ist deutlich zeitgemäßer und sollte an den Kiosks wieder mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen als die etwas biedere Kadrierung der alten Hefte. Das frische Blau, das Logo, die neuen Fonts, sie alle stehen für einen Zeitenwechsel auch für das, was man eigentlich mit Begriffen wie „Kultur“ oder „Feuilleton“ asoziieren will. „epd film“ war nie intellektuelle Avantgarde, nicht „Schnitt“ (†), „Cargo“ oder „Revolver“, sondern immer dezidiert Publikumszeitschrift mit gehobenem Anspruch. Schon irgendwie entschieden „Middlebrow“, aber zum Glück nie ohne eine gewisse Stacheligkeit – zumindest meistens. Mit dem neuen Layout rückt sie noch etwas näher an das meiner Ansicht nach passende Vorbild „Sight and Sound“ heran.

Im vergangenen Juni habe ich Sabine Horst in der Redaktion eine Mail geschrieben mit meinen Ideen für den Relaunch. Mein Plan war schon damals, die Mail später wieder hevorzukramen und zu schauen, welche Vorschläge Gehör gefunden haben – wobei ich keinesfalls andeuten will, dass die Dinge, die geschehen sind, nur auf meine Anregung hin entstanden. Die Mail war mehr so eine Bestandsaufnahme des „Wenn ich heute eine Filmzeitschrift machen würde“ und ich hoffe, dass sie auch jetzt als eine Diskussionsgrundlage dafür angesehen wird.

Liebe Sabine,

als wir das letzte Mal telefoniert haben, hast du gesagt, dass ihr gerade noch in den Planungen für den Relaunch seid und „wenn du noch Ideen hast, immer her damit“. Das hat mich nicht losgelassen, und ich habe viel darauf rumgedacht in den letzten Wochen. Und irgendwann habe ich mich auch mal hingesetzt und mir Notizen gemacht. Und die wollte ich dir jetzt noch schicken, auch wen es wahrscheinlich schon zu spät ist. Nur meine 2 cents.

1. Formen

Ich würde mir wünschen, dass epd Film noch öfter mit Formen experimentiert. Manchmal macht ihr das ja schon und ich freue mich jedes Mal. Aber da geht noch mehr. Sowas kann man doch auch als feste Rubriken einführen, z. B. „die andere Kritik“ oder so. Hier kann man sich vom Internet wunderbar inspirieren lassen.

Beispiele:
– Daten in anregenden Grafiken aufbereiten, z. B. das Kinojahr oder auch mal etwas ungewöhnliches wie „Farbverteilungen in Filmen von 1930 bis 2013“ (sowas hat die Filmwissenschaftlerin Barbara Flückiger vor kurzem gemacht, sieht toll aus)
Kritiken im Dialog – wie in Podcasts oder der YouTube-Sendung „Short Cuts„. Eine Kritik wird interessanter, wenn man mehr als einen Blickwinkel darauf bekommt. Nicht Pro und Contra, einfach ein Dialog von zwei Leuten, die den Film gesehen haben
– „Oral history“ – ein Format, das ich in letzter Zeit häufig gesehen habe. Ein Ereignis in den Worten der Betroffenen erzählt, zusammengesetzt aus Interviewschnipseln.
– Neue Interviewformen, z. B. in Bildern oder in „Fünf Filme, die mich geprägt haben“ etc. Ist fast schon ein alter Hut, funktioniert aber immer wieder.

Ich wurde ein bisschen erhört. Die neue „epd film“ hat in ihrem Einleitungsteil (der jetzt „Foyer“ heißt) jetzt immerhin einen „Listicle“ zu einem aktuellen Thema (dieses Mal, schräge Wahl: „Die relaxtesten Roadmovies“), einen kurzen Fragebogen („E-Mail an Christoph Maria Herbst“) und es gibt einen Film, der ausführlicher besprochen und analysiert wird als die anderen. Ein Anfang. Aber mal im Ernst: Das ist es doch, wie man Filmkritik interessant und frisch halten kann. Wer das – und vieles andere – übrigens sehr genial macht ist die britische Zeitschrift „Little White Lies“, über die Filmfans regelmäßig ins Schwärmen geraten.

2. Optik

Hier habt ihr schon viel mit dem letzten Relaunch gemacht und es entstehen immer wieder tolle Leiter. Aber da geht noch mehr. Dicke Fotos, damit können Printmagazine doch punkten. Wie wäre es mit einer Fotostrecke, nur mit großformatigen Bildern aus Cannes? Oder ein riesiges Schaubild von einem Filmset, wo dann die einzelnen Personen mit Pfeilen erklärt werden. oder oder.

Wie geschrieben, da ist schon viel passiert, und die neuen Ideen für den Titel tragen ihren Teil dazu bei, dass „epd film“ sich einigermaßen zeitgemäß anfühlt. Aber ich glaube, auch hier könnte man noch wesentlich mehr machen ohne traditionelle Leser zu verschrecken. Andere erfolgreiche Magazine wie „brand eins“ machen es vor.

3. Meinungen und Persönlichkeiten

Ihr habt ja schon einige Kritiker und Autoren, die man „erkennt“. Und immer mal wieder kommt da auch ein gewisses Expertentum raus. Aber ich würde mir doch mindestens eine Stelle im Heft wünschen, wo jenseits von normalen, relativ ausbalancierten Filmkritiken mal eine steile Meinung zu lesen ist, an der man sich so richtig reiben kann. Jemand, der sich traut einen Rundumschlag über einen aktuellen Trend oder eine Entwicklung in der Branche oder ein Ereignis auf einem Festival zu schreiben und pointiert zu kommentieren. Sowas schafft Kontroverse und damit Leserbeteiligung (auch online?). Selbst epd medien leistet sich das „Tagebuch“, ich finde ihr braucht sowas auch.

Aber auch sonst wäre ich dafür, öfter mal Autoren zu holen, die für mehr stehen als „seit 30 Jahren FilmkritikerIn“. Sowas wie die Gatsby-Geschichte im letzten Heft. Mehr davon, das steht euch gut! Ihr seid ein Ort, wo Meinungsvielfalt einen Platz hat!

Ich wurde doppelt erhört. Im „Foyer“ gibt es jetzt die Rubrik „Die steile These“. Die erste These, verfasst von Sabine Horst, lautet „Biopics sind überflüssig“. Mal schauen, wie zahm oder bissig diese Rubrik sich noch entwickeln wird. Außerdem hat Wladimir Kaminer jetzt eine Kolumne, „Kaminers Kino“, in der er über Kinoerfahrungen aus dem Alltag philosophieren darf. Für das Middlebrow-Publikum ein guter Wurf, finde ich. Das sind echt zwei Scheiben, die sich gerade Magazine noch stärker von Blogs abschneiden könnten, Antje Schrupp hat gerade erst wieder pointiert aufgeschrieben, warum.

4. Journalismus und Recherche

Mir ist klar, dass Filmjournalismus im Grunde ein Feuilleton-Thema ist. Kritik und Textanalyse. Aber ab und zu finde ich, ihr könntet es euch leisten, ECHTEN Journalismus zu betreiben. Mal eine aufwändige Recherche in Auftrag zu geben, die vielleicht Arbeit kostet und entsprechend entlohnt werden muss, aber wo am Ende mal wirklich was bei rauskommt, was sonst niemand hat! Nicht nur das enzyklopädische Wissen von Georg Seeßlen auf drei Seiten ausbreiten (so interessant es ist), sondern eine echte Geschichte mit Protagonisten und Konflikten. Ist ja nicht so, dass in der deutschen Filmlandschaft nichts passiert. Hier nur mal ein Beispiel für etwas, was ich meinen könnte, aus dem „New York Times Magazine“: „Here is what happens, when you cast Lindsay Lohan in your Movie“.

Dieser Vorschlag wurde leider noch nicht umgesetzt. Und sicherlich ist Geld dabei ein entscheidender Faktor. Aber wäre es nicht cool, wenn für sowas mehr Ressourcen da wären? Dass mal so richtig gute Recherchestücke aus dem Filmmilieu entstehen könnten? Und nicht nur so ein Schwachfug wie das „Zeit“-Dossier zu Cloud Atlas?

5. Haltung

Ich denke, darin seid ihr alles in allem auch schon sehr gut. Aber ich finde man kann das im Zeitalter von Markenidentifikation etc. nicht genug betonen. Es sollte mit jedem Artikel und mit jeder Seite klar sein, wofür „epd film“ steht: Unabhängigkeit, Vielfalt, Anspruch und Spaß am Film. Das klingt zwar irgendwie lahm, aber eigentlich will ich vorher schon wissen, was mich erwartet, wenn eine neue „epd Film“ kommt: Ein frischer Blick auf die Welt des Films, anspruchsvoller als die Hochglanzmagazine, aber nicht so abgehoben wie die Pseudo-Wissenschaftler, die anderswo schreiben. Interessant aufbereitet, am Puls der Zeit. Nur die Themen weiß ich noch nicht – aber ich weiß, dass sie interessant sein werden.

Noch was, was ich aus dem Bloggen abgeleitet habe, ehrlich gesagt. Ich hoffe, dass „epd Film“ da auch in Zukunft ein starkes Rückgrat beweist. In der Vergangenheit fand ich, dass es stärkere und schwächere Hefte gab, aber so ist das nunmal im Leben. Auf der neuen Website gibt es jetzt immerhin ein Blog von Gerhard Midding – ich habe es allerdings noch nicht gelesen, auch deswegen, weil man es nicht als Feed abonnieren kann, womit seine Sinnhaftigkeit wieder in Frage steht!. Als App gibt es „epd Film“ jetzt auch. Da ich seit ein paar Monaten Besitzer eines Tablets bin, werde ich das auch mal ausprobieren.

Ich kann „epd film“ für Filmfans nach wie vor empfehlen. Aber Filmzeitschriften haben trotzdem noch einen langen Weg vor sich!

© Walt Disney Pictures

Oh my God, it’s full of Spoilers!

Dem am Donnerstag startenden neuen Marvel-Film Captain America: The Winter Soldier könnte man mit einiger Berechtigung manche kritische Frage stellen. Zum Beispiel: Ist es wirklich notwendig, dass ein Film, der so vielversprechend als Paranoia-Thriller anfängt, am Ende doch wieder in einem krawalligen Showdown münden muss, in dem jede Menge Pixel explodieren und dessen zentrales Plotelement an der selten dämlichen Idee hängt, dass tödliche futuristische Flugzeugträger ihre hochsensiblen Zieldaten in einer offen zugänglichen Platine gespeichert haben, die sich in einem zentralen, verglasten und unbewachten Versorgungsschacht an der Unterseite des Gefährts befindet?

Oder: Hat der sogenannte „Winter Soldier“ eigentlich irgendeine wirkliche Funktion, außer moralisch ambivalenter Gegenpart für Captain America zu sein, und ist es nicht eigentlich schade, eine so wichtige Umkehr der zuvor als sicher geltenden Ereigniskette für so eine generische Handlanger-Rolle zu verbraten? Wäre insofern der deutsche Verleihtitel sogar fast wirklich (*schluck*) der passendere?

Mit diesen Fragen will ich mich aber im Folgenden nicht beschäftigen, sondern mit der zentralen Verschwörungsthematik des Films.

Eine länger angelegte Entwicklung

Captain America: The Winter Soldier greift in seinem Spionage-Setting geschickt und ziemlich bewusst aktuell schwelende gesellschaftliche Themen rund um Überwachung und Verdachtsjustiz auf. Die Entwicklung ist seit längerer Zeit schon in den Marvel-Filmen angelegt. Die Mutation von S.H.I.E.L.D. zu einem autokratischen Machtapparat, dem auch dann nicht zu trauen ist, wenn er behauptet, auf der Seite der „good guys“ zu stehen, klang in den Avengers schon an und ist auch einer der Handlungsstränge in der ABC-Serie „Agents of S.H.I.E.L.D.“.

In The Winter Soldier blüht sie vollends auf. Nach einer Entscheidung des ominösen „Weltsicherheitsrates“ plant S.H.I.E.L.D. mit seiner Helicarrierflotte einen signifikanten Teil der Menschheit ohne Gerichtsverfahren (!) auf Basis von gesammelten Daten (!!) automatisiert von Weitem (!!!) hinzurichten. Steve Rogers, der ewige Anwalt der Unterdrückten und Verteidiger des Gerechten, muss quasi zum Edward Snowden werden, wenn sich ein wichtiger Teil der Handlung darum dreht, einen S.H.I.E.L.D.-gebrandeten USB-Stick zu bergen und seinen entlarvenden Inhalt in die Welt zu spielen. „This isn’t freedom, this is fear“, hält Rogers auch im Trailer Nick Fury entgegen.

Am Ende von The Winter Soldier liegen S.H.I.E.L.D. und seine größenwahnsinnigen Machenschaften in Trümmern. Ein konsequenter und durchaus mutiger Move, was die Mythologie des „Marvel Cinematic Universe“ angeht und als Kommentar auf die momentane Weltlage nicht zu unterschätzen.

Wäre da nicht die Begründung, die der Film für die Pläne von S.H.I.E.L.D. liefert.

HYDRA ist überall

Wie Cap und Black Widow nämlich in den Geheimräumen eines alten Bunkers erfahren müssen, ist S.H.I.E.L.D. nur deswegen so faschistisch geworden, weil es seit Ende des Zweiten Weltkrieges systematisch von Nazis unterwandert wurde. Nicht von Nazis im übertragenen Sinne, also von engstirnigen Menschen, sondern von echten, deutschen Weltkriegs-Nationalsozialisten mit Schurken-Akzent und „Heil“-Rufen, Mitgliedern des Nazi-Forschungstrupps HYDRA und deren Rekruten.

Nun könnte man den Filmemachern gegenüber gnädig sein, wie es einige Kritiker getan haben, und daraus schlussfolgern, dass sie die momentanen Methoden der US-Regierung und ihrer Geheimdienste in die Nähe von Nazi-Ideologien rücken. Man könnte aber auch sagen, dass sie sich genau mit diesem Nazi-Unterwanderungs-Plot aus der Verantwortung stehlen. „Wahre Amerikaner“, sagt der Film aus, „wären von sich aus nicht auf solche Teufeleien gekommen. Die Nazis haben es ihnen eingeflüstert.“ Deportation nach Guantanamo Bay abgewendet. Doppelt zynisch: Sharon Carter wechselt am Ende des Films von S.H.I.E.L.D. zur C.I.A. – scheinbar den wahren good guys.

The Winter Soldier reiht sich damit ein in die Polonaise der Comicfilme, die irgendwie was zu sagen haben, aber eigentlich dann doch wieder nicht so richtig. Iron Man über Waffen. The Dark Knight Rises so insgesamt. In letzter Instanz ist es wichtiger, dass die großen Blockbuster-Zeltpfosten möglichst alle Teile des politischen und demografischen Spektrums zufriedenstellen, als dass sie eine klare Haltung zeigen. Das entspricht auch durchaus der Geschichte ihrer gezeichneten Vorbilder, die sich etwa durch die bewegten 60er Jahre ebenfalls mit einer vagen „Für Gutes, gegen Schlechtes“-Haltung hindurchlavierten, aber im Zweifelsfall lieber einem klassischen Comicschurken die Schuld gaben, als gesellschaftliche Übel zu benennen.

Es geht auch anders

Dabei ist das kein Muss. In den X-Men-Filmen von Bryan Singer ist die Parabelhaftigkeit, mit der „Mutanten“ für quasi alle ausgegrenzten Minderheiten, insbesondere aber für Homosexuelle, einstehen, nicht zu übersehen und die Filme sind trotzdem unterhaltsam. Mit der Figur von General Stryker, der bereit ist, seinen eigenen mutierten Sohn zu quälen und zu opfern, um sein Bild von Reinrassigkeit aufrecht zu erhalten, gelingt Singer ein erschreckendes Bild für blinden Fanatismus, weit weg von den hämisch kichernden Schießbuden-Nazis aus dem Captain-America-Kosmos.

Ist das, was Marvel in The Winter Soldier wagt, schon mehr, als man eigentlich erwarten darf? Oder sollten sich Comic-Verfilmungen mit ihrer Leitkultur-Funktion, die sie mittlerweile fast wahrnehmen, noch stärker auf die soziale Verantwortung besinnen, die sie besitzen? Für Cap wird die Antwort darauf wohl erst Age of Ultron geben. Autor und Regisseur Joss Whedon ist ja gemeinhein nicht dafür bekannt, in gesellschaftlichen Dingen ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

This is a paper proposal that was just accepted at the SAS Symposium „Adaptation: Animation, Comics and Literature“ in Stuttgart on 24 April. I’m both thrilled and very intimidated that I get to test the main thesis of my planned book in front of an expert audience. I hope to share the full version of the paper with you after the fact.

When Guardians of the Galaxy hits movie theatres this August, it will probably be yet another box office success for Marvel Studios. It will also be another piece in the astounding puzzle that Marvel Studios is building, producing a series of big budget films that share a universe and a sort of supra-narrative, but not a linear story. And while people will come for the action and the talking raccoon, they might stay for the experience of watching a plan come together.

Jason Mittell, writing about complex contemporary TV shows, calls this fascination with narrative consonance the „Operational Aesthetic“, a term he borrowed from Neil Harris, who used it to describe the success of 19th century showman P. T. Barnum. The „narrative special effect“ (Mittell) that is at work here, fits perfectly for a cinematic continuity adapted from comic books, because it has long been established there. American superhero comics have gone to great lengths to keep their interweaving, decade-old narratives aligned in the same universe, even staging cataclysmic events across all series to retroactively explain continuity errors and escape narrative cul-de-sacs.

The paper will highlight both the narrative and economic intricacies of Marvel Studio’s cinematic universe plan, link it to the concept of the operational aesthetic and trace back its origins to their comic book counterparts. It will show where the „shared universe“ concept of the Marvel comic books finds both limitations and new opportunities in the adaptation process and how the operational aesthetic differs in each medium.

Im Oktober des letzten Jahres habe ich mich voll rechtschaffendem Zorn darüber aufgeregt, dass Disney den neuen Marvel-Film Captain America: The Winter Soldier in Deutschland unter dem marketing-optimierten Titel The Return of the First Avenger ins Kino bringt. Damals schrieb ich unter anderem

Ich bin entsetzt, dass ausgerechnet Disney, eine Firma, die sonst weltweit wie ein Luchs darauf achtet, dass ihre Marken erhalten bleiben – sich sogar als Studio eine eigene Übersetzungs- und Synchro-Division leistet – solche albernen Sperenzchen mitmacht, über die sich in ein paar Jahren noch alle mokieren und ärgern werden. Es wird doch wohl NIEMAND in der Zukunft diesen Film “The Return of the First Avenger” nennen.

Anscheinend sieht Disney die Gefahr schon jetzt. In einer gestern verschickten Pressemitteilung zur heutigen Londoner Premiere heißt es, in dicken roten Buchstaben:

WICHTIGER HINWEIS:

Bitte beachten Sie, dass der Film unter dem Titel THE RETURN OF THE FIRST AVENGER in die deutschen Kinos kommt.

Der englische Titel „The Winter Soldier“ ist in Deutschland nicht bekannt.

Das werden wir ja sehen. Ein bisschen Feixerei konnte ich mir nicht ersparen.

Danke an den Hinweisgeber.

© Warner Bros.

Als gestern mal wieder ein neuer Trailer für das Godzilla-Remake veröffentlicht wurde, das im Frühsommer unsere Kinoleinwände besuchen wird, konnte man Teile des Internets regelrecht vor Freude quietschen hören. „If there’s anything better than the new international trailer for ‚Godzilla,‘ we don’t wanna know about it“, schreibt „The Wrap“. „This is the kind of tentpole we can get behind“, meint sogar „IndieWire“. Auch Sascha von „PewPewPew“ ist vorsichtig optimistisch, trifft aber vor allem mit diesem Satz den Nagel auf den Kopf: „Ich muss wirklich sagen, dass Godzilla die seit Langem beste Marketing-Kampagne für einen Hollywood-Film hat.“

Was macht der Godzilla-Trailer richtig? Vor allem zeigt er natürlich nicht sehr viel vom Titelstar des Films. Stattdessen arbeitet er mit einem Gefühl der Bedrohung, das im Blockbuster-Zeitalter schon dutzende Monster- und SF-Filme, von Independence Day bis Cloverfield für sich nutzen konnten. Cinephile erkennen darin natürlich ein Echo von Monsters, dem ersten Kinofilm des Godzilla-Regisseurs Gareth Edwards, der seinem Titel zum Trotz erst ganz zum Schluss vollständige Aliens zeigt. Es ist auch interessant, wie das Szenen- und Kostümdesign von Godzilla subtil Anklänge an die SF- und Action-Welten der 70er und 80er sucht, jene Dekaden, die inzwischen von Generation X-ern endlos zum golden Zeitalter des Krachbummkinos mythologisiert wurden. Und Edwards füttert dieses Gefühl natürlich, wenn er in Interviews zum Beispiel davon spricht, dass er Akira von 1986 für einen der visuell eindrucksvollsten Filme überhaupt hält. Drittens ist Bryan Cranston quasi der Erzähler des Trailers – und wenn es eins gab, was Geeks aller Couleur in den vergangenen paar Jahren dazu gebracht hat, ihre Fehden hinter sich zu lassen, dann war es Breaking Bad.

Eine Pause vom Overkill

Mit anderen Worten: Der Trailer verspricht etwas anderes, als das, was uns in den vergangenen Jahren endlos serviert wurde. Er verspricht, genau wie sein Regisseur, irgendwie eine Pause vom Overkill. Und weil es nach dem letzten Sommer en vogue ist, Overkill nicht mehr gut zu finden, fressen die Fans der Kampagne natürlich aus der Hand.

Sam Adams hat im Blog „Criticwire“ im vergangen Jahr einen kleinen Artikel geschrieben über die Vorab-Hype-Kultur, die uns das Comic-Kino gebracht hat. Auch Matt Singer hatte ein Jahr zuvor schon mal die „perpetual Sneak Preview Culture“ bemerkt. Da ein Film heute nicht mehr die Zeit hat, seine Einnahmen über einen längeren Zeitraum durch einen guten Leumund zu sammeln, sondern möglichst am Eröffnungswochenende die Kassen füllen muss, ist das Geschäft mit der Antizipation zum bestimmenden Element modernen Filmmarketings geworden. Post-Credits-Stingers, Comic-Con-Ankündigungen und die Trailer-Hype-Kultur des Internets führen unweigerlich zu dem zentralen Satz aus einem Tweet von Scott Renshaw, den Adams in seinem Artikel zitiert: „Potential is always more interesting than what’s actually happening right now.“

Hollywood steht im Weg

Und genau deswegen gehe ich fest davon aus, dass Godzilla die Zuschauer, die sich jetzt am meisten darauf freuen, enttäuschen wird. Warum? Hollywood. Nach den neuen Regeln des Blockbusters kann er gar keine erdige Reminiszenz an die 80er sein, und erst recht kein Arthaus-SF wie Monsters – nicht mit einem Budget von 160 Millionen Dollar. Noch dazu ist Gareth Edwards nicht gerade ein Regisseur mit etabliertem Standing, der seine eigene Vision kompromisslos durchdrücken kann. Und schaut man sich die Plot-Synopsis an, geht es ja wohl schon in diesem Film gleich mit einem Battle of Awesome los, in dem Godzilla direkt gegen diverse andere Viecher antreten darf. Mag sein, dass ich mich völlig irre, aber im Moment höre ich eher den Overkill trapsen als die vorsichtigen Schritte eines Charakterdramas mit Monsterbeilage.

© Walt Disney Pictures

Captain America: The Winter Soldier wird derzeit für die Presse gezeigt und die ersten Reaktionen sind sehr positiv – unter anderem auch, weil das Ende des Films anscheinend einige Auswirkungen auf die Zukunft des Marvel Cinematic Universe, besonders in Avengers: Age of Ultron zu haben scheint. Inzwischen haben für Age of Ultron sogar bereits die Dreharbeiten begonnen, aber schon im vergangenen Juli haben die Regisseure von The Winter Soldier, Joe und Anthony Russo, einer Gruppe von Bloggern ein Roundtable Interview gegeben, in dem sie einige interessante Aussagen dazu treffen, wie es ist, in einer fortlaufenden Continuity wie dem Marvel Cinematic Universe zu arbeiten. Joe Russo erklärt:

the fun part of that, if you are a comic book geek like me, you get off on [easter eggs and connections]. That’s the exciting component of that, “What can we set up for the future?” And they’re constantly pitching out ideas that not only just effects your movie, but might also have a ripple effect in the other films, and Joss [Whedon] is reading the scripts, the Thor script and the Cap script, and going, “Okay, this is where I’m getting the characters and this is where I have to pick them up in the next movie.” So, it’s a a weird sort of, I don’t know, tapestry of writers and directors working together to create this universe. It’s sort of organic, it’s not structured.

Das im Endeffekt doch relativ wenig fest vorgeplant ist, scheint mir interessant, vor allem, wenn man bedenkt, dass Marvel ja auch noch eine Supra-Storyline über Thanos und die Infinity Gems aufbaut. Anthony Russo ergänzt an dieser Stelle, dass ihnen ihre Erfahrung mit metatextuellen, komplexen Fernsehserien wie „Arrested Development“ und „Continuity“ „Community“ ihnen gute Voraussetzungen lieferte. (Eine Verbindung, auf die ich vor einem Jahr zum ersten Mal hingeweisen habe.)

I think it comes very natural to us […], we played with a lot of foreshadowing and callbacks and […] tracking that stuff over a season of television, or multiple seasons, it’s just something [that] we’re sort of patterned for […] It’s like we sort of understand how you take a larger story and wrangle it into a moment, yet keep them connected.

Joe Russo weist zudem explizit darauf hin, wie wichtig die zentrale Figur von Studiopräsident Kevin Feige ist, um den Filmkosmos inhaltlich wie kommerziell zusammenzuhalten. Feige fungiert also als eine Art Showrunner und passt sich somit auch perfekt ins zunehmend mythologische Konstrukt ein, das um diese Aufgabe herum gebaut wird.

If you knew how difficult it is to line up those kinds of salaries, stars, get that material pushed through, have ownership of that material, have control of that material, quality control, to the extent that he did, it’s almost impossible.

Feige selbst geht schließlich in einem anderen Interview kurz auf die Verbundenheit der MCU-Filme mit der „Agents of SHIELD“-Fernsehserie ein. Wenig überraschenderweise trumpfen hier interne Konzernstrukturen nach wie vor das kreative Gewebe.

[T]he studio is not involved in the day-to-day of the show. Jeph Loeb and the TV division is overseeing that. But of course there’s crossover. I was just in a meeting with those guys and I’m about in two minutes to go back to a meeting with those guys to hear the overall picture and to, you know, to hear their ideas and how they deal with the events and Thor and the events of the Cap. Their ideas for season two, should there be one, to make sure they lead into Avengers and don’t … the key to that show, just like they key to all the movies is that, it has to stand alone. It has – if you stripped out all the connective tissue, is it worth watching? And it has to be – and then it’s all bonus and it’s all gravy when there’s that connective tissue.

Übrigens: Erstmals seit einer Featurette auf der Avengers-DVD stellt Marvel sein Worldbuilding auch mal wieder öffentlich in den Mittelpunkt. In einem Fernseh-Special namens „Assembling a Universe“, das am 18. März auf ABC läuft. Für mich bleibt zu hoffen, dass es eine nette Seele anschließend irgendwo online stellt.

I feel like, if you can do a movie, say two or three words and one of them is the F-bomb and get out, don’t try and repeat that, move on! I always feel about that, because I didn’t get paid for it, but Fox very kindly made a charitable donation to my kids’ schools and I always felt slightly weird handing over the check when, “Listen … Don’t ask me how I got this, but …” I think I may have been the only person to be rewarded charitably and get a tax deduction for swearing on film!
– Hugh Jackman, im Interview mit „/film“ über seinen Cameo-Auftritt in X-Men: First Class

„Blick in die Blogosphäre“ ist der neue Name für den viel zu verstaubt klingenden „Blogosphären-Hinweis“.

Wer in diesen Wochen die amerikanische Filmberichterstattung verfolgt, kann leicht den Eindruck gewinnen, die Welt bestehe nur noch aus Preisverleihungen. Seit die Golden Globes das Preisdomino losgetreten haben, verleiht alle Naselang irgendeine Gilde oder Akademie ihre Preise. Dabei wissen wir doch alle, dass es für das breite Publikum sowieso nur eine Zeremonie gibt, die zählt: die Goldstatuen der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die Oscars.

Mindestens ein Blog in Deutschland findet den Preiswahnsinn wahrscheinlich eher sexy als nervig. Laut „Über uns“-Seite aus einer StudiVZ-Gruppe entstanden beschäftigt sich „Die Academy“ fast ausschließlich mit Zahlen, Daten, Fakten und Meinungen rund um die Oscarverleihung. Und weil ich Blogs immer schon mal grundsätzlich positiv gegenüberstehe, die etwas anderes bieten als nur eine Sammlung von privaten Filmkritiken und mir der oberste Akademiker Stephan Ortmann schon ein paar Mal in Podcasts über den Weg gelaufen ist, dachte ich mir, ich nutze den günstigen Zeitpunkt, um „Die Academy“ auch hier mal vorzustellen – in Form eines kurzen Interviews mit Stephan.

Immer wieder wird beweint, dass die Diskussion aus den Blogs in die sozialen Netzwerke abgewandert ist. Bei euch war es anscheinend umgekehrt. Wie ist das Blog „Die Academy“ entstanden?

Das Projekt selber gibt es bereits seit 2006 als Patrick die Gruppe „And the OSCAR goes to…“ bei StudiVZ gründete. Ich bin irgendwann 2008 an Bord gekommen und so im Sommer 2012 rief ich dann die Seite ins Leben. Am Anfang war auch gar keine Seite geplant, sondern nur ein reines Forum als Ersatz für die StudiVZ-Gruppe, weil uns langsam die Technik in den Wahnsinn trieb mit gelöschten Themen.

Die eigentliche Idee zu „Die Academy“ war dann auch eher spontan, weil mir aufgefallen ist, dass es sehr viele US-Seiten mit dem Focus auf Awards gab (was ja auch irgendwie logisch ist), aber keine einzige im deutschsprachigen Raum. Es existieren zig Filmseiten und -blogs, aber kein deutsches Gegenstück zu „The Film Experience„, Awards Daily“ oder „Awards Circuit„. Und wenn wir die Kräfte bereits haben, warum dann nicht direkt eine komplette Seite? Das war der Gedanke und Patrick als Gruppengründer, Heiko und Johannes waren die ersten die an Bord kamen.

Unter „Redaktion“ stehen bei euch insgesamt 11 Namen. Wer sind die treibenden Kräfte hinter „Die Academy“ und wie stimmt ihr euch untereinander ab?

Die treibenden Kräfte hinter dem Projekt ist schon die Gründermannschaft bestehend aus Johannes, Heiko, Patrick und mir. Dazu kommen als regelmäßige Schreiber noch Dennis, Heidi und Stefan, die alle ihren wunderbar eigenen Stil haben. Die Abstimmung klappt tatsächlich blind und jeder kann eigentlich schreiben, worüber er möchte. Ich habe von Anfang an gesagt, dass es mir nichts ausmacht, wenn es zwei bis drei verschiedenen Kritiken zu einem Film gibt, denn jeder hat einen eigenen Stil um sein Filmerlebnis in Worte zu packen und warum sollte man das nicht zeigen weil zu einem bestimmten Film schon eine Kritik online ist? Wobei es aber schon so ist, dass ich mit Patrick, Johannes, Heidi, Melanie und Heiko im fast permanenten Kontakt stehe. Es ist also nicht so, als ob gar keine Kommunikation herrscht. Aber vorschreiben, was einer zu schreiben hat, gibt es nicht.

Kannst du beschreiben, woher eure Faszination für Filmpreise, und besonders für den Oscar, kommt? Anderswo wird auf die Preisfixiertheit ja gerne mal geschimpft, weil man Kunst nicht zueinander in Wettbewerb stellen sollte.

Meine Faszination für den Oscar muss mit der Verleihung 1997 und dem großen Gewinner Der englische Patient angefangen haben, als ich zum ersten Mal bewusst diese Statue in der Tageszeitung sah und mir im Panorama-Teil dann die Sieger durchgelesen habe. Richtig beschäftigt habe ich mich mit dem Thema dann ein oder zwei Jahre später als ich mir das wunderbare Buch „Der Oscar“ mit Mel Gibson auf dem Cover (das ich aber auch schon in der Ausgabe davor irgendwann 1995/1996 mal aus der Bücherei ausgeliehen hatte) vom leider verstorbenen Norbert Stresau in einer kleinen Buchhandlung in Bethel kaufte und wirklich zerlesen habe. Ich habe es noch immer und es wundert mich etwas dass es noch immer alle Seiten hat. So habe ich dann Jahr für Jahr die Gewinner durch die Tageszeitung mitbekommen und im TV schaue ich mir die Verleihung seit 2001 an, als Gladiator zum besten Film gewählt wurde.

Was das Thema „Kunst sollte man nicht zueinander in Wettbewerb stellen“ betrifft: Gerade bei Filmen, die ja noch viel visueller sind als jetzt zum Beispiel Bücher oder Gemälde, bietet es sich doch an zu vergleichen was man jetzt besser findet und einen Sieger zu küren. Es ist ja jetzt auch nicht so, dass wir jetzt alle die Academy Awards als die Krönung der Filmpreise ansehen. Patrick zum Beispiel ist ein großer Fan der BAFTAs, die seiner Meinung nach oft besser die Preise verteilen als die Oscar-Academy. Ich mag die Golden Globes fast einen kleinen Ticken mehr als die Oscars, weil dort auch Serien ausgezeichnet werden und es die schöne Unterteilung zwischen Drama und Comedy/Musical gibt. Außerdem dürfen dort alle essen und trinken und die Stimmung ist immer etwas gelöster und lockerer. Trotzdem bleibt der Oscar natürlich das Highlight der jeweiligen Saison und einigen wir uns darauf, dass es der prestigeträchtigste Filmpreis ist.

Beschreib doch mal, wie man den „Weg zu den Oscars“ am besten beschreitet, mit all seinen Statistiken, Gildepreisverleihungen usw. Bleibt dann am Ende überhaupt noch Spannung übrig oder weiß man sowieso, wer gewinnt?

Ich bin sogar der Meinung, dass es die offensten Oscars seit Jahren sind. Tief in Stein gemeißelt von den großen Kategorien sind nur Hauptdarstellerin und Nebendarsteller. Beim Rest sehe ich überall Zwei- bis Dreikämpfe: Film, Regie, die restlichen Darstellerkategorien und bei den Drehbüchern. Da waren die Gewinner 2013 und 2012 im Vorfeld sehr viel offensichtlicher. Und Spannung wird es eigentlich immer geben. Niemand hat damit gerechnet, dass Russell Crowe 2001 für Gladiator gewinnt; 2003 sah es nach einer Entscheidung zwischen Daniel Day-Lewis für Gangs of New York und Jack Nicholson für About Schmidt aus und am Ende knutschte Adrien Brody für Der Pianist Halle Berry ab.

Ich behaupte mal, dass wir so tief in der Materie drinstecken, dass wir überzeugende Tipps abgeben können, wer am Ende gewinnen könnte. Aber mit Sicherheit sagen, dass Person A den Oscar in der Kategorie Z gewinnt, können wir auch nur im besten Fall 99%. Selbst bei Blanchett und Leto kann es noch zu Überraschungen kommen, aber hier sage ich zu 99%, dass sie gewinnen werden.

Die Verleihung ist am Sonntag. Welche Seiten, Events, oder sonstiges empfiehlst du für optimalen Oscarnacht-Genuss?

Ganz persönlich kann ich die drei oben genannten US-Seiten als gute Vorbereitung nennen, oder auch Goldderby.com wo man einen schönen Überblick über die Tipps verschiedener US-Seiten bekommt, denn fast jede größere Zeitung in den USA hat ja seinen Award-Experten. Bei den deutschsprachigen Seiten empfehle ich blind die Seite von Kollege Sidney und Owley aus der Schweiz. Und in der Oscarnacht bietet sich fast Twitter am besten an. Zumindest mir hat es im letzten Jahr wieder viel Spaß gemacht, mit anderen Leuten die Verleihung zu kommentieren.

Alternativ bietet in meiner Heimatregion das Filmmuseum Frankfurt eine lange Oscar-Nacht an – andere Events gibt es mit Sicherheit auch. Ich bin dieses Jahr leider verhindert, was mich sehr grämt. Danke an Stephan für das E-Mail-Gespräch.

© 20th Century Fox

Es dauert 28 Minuten bis Annie Porter das erste Mal die Leinwand betritt und doch ist sofort klar, dass der Film ab sofort ihr gehören wird. Die junge Frau im trendigen Grunge-Outfit bekommt ihr Leben zwar scheinbar nicht auf die Reihe – sonst müsste sie nicht mit einem vollen Kaffeebecher dem Bus hinterher laufen – aber was ihr an Alltagstauglichkeit fehlt, macht sie mit Charme wieder wett. Nicht umsonst ist der Busfahrer ihr Kumpel und auch der Rest des vollbesetzten Busses scheint ihr die Verzögerung kaum übel zu nehmen. Der nervige L.A.-Tourist verfällt ihr sofort, und natürlich wird ihr auch Officer Jack Traven (Keanu Reeves) letztendlich verfallen. Annie Porter muss man einfach gern haben.

Speed ist ein Ur-Moment für Sandra Bullock, wie man ihn nur von wenigen anderen Schauspielerinnen kennt. Die Rolle der Annie Porter schien ihr auf den Leib geschneidert zu sein – und es ist kein Wunder, dass man sich kaum an eine Perfomance von ihr davor erinnert, obwohl sie damals, mit fast 30 Jahren, bereits einige Erlebnisse im Business hinter sich hatte.

Wildcat behind the Wheel

Obwohl Graham Yost offiziell Drehbuchautor von Speed ist, ist es kein Geheimnis, dass Joss Whedon das Drehbuch auf Charakter- und Dialogebene maßgeblich geformt hat und so ist Annie Porter auch eine typische Whedon-Frau: Sie ist eindeutig weiblich und eher zierlich, lässt Angst und andere Gefühle zu und stellt sie offen zur Schau. Doch während Jack Traven Befehle gibt und waghalsige Stuntakrobatik abliefert, fährt sie den verdammten Bus. Mit über 50 Meilen die Stunde. Eine „wildcat behind the wheel“, wie Bösewicht Dennis Hopper sie nennt. (Im dritten Akt des Films wird sie dann leider doch zur hilflosen Damsel in Distress, aber erinnert sich überhaupt noch jemand daran, dass der Film in einer U-Bahn und nicht in einem Bus endet?)

© Screenshot: 20th Century Fox
© Screenshot: 20th Century Fox

Heute ist Sandra Bullock ein Filmstar. Der bestbezahlte sogar. Und doch findet sich kaum ein Artikel, kaum ein Interview, in dem nicht erwähnt wird, dass Bullock immer noch einen „Mädchen von Nebenan“-Charme versprüht. Dass sie eine Frau ist, die andere Frauen gerne zur Freundin hätten. Man möchte fast sagen: Sandra Bullock ist Annie Porter. Ein bisschen zu apart sind ihre Gesichtszüge für klassische Hollywood-Schönheit. Ein bisschen zu frech und zu klug blitzen ihre Augen für den hohlen Glamour des roten Teppichs.

Bullock hat die Annie-Porter-Figur in ihrer Karriere endlos variiert, mal mehr mal weniger erfolgreich, in all den seichten und vergleichsweise belanglosen Filmen, in denen sie der Star war. Manchmal hat sie die gefühligere Seite der Figur nach außen gekehrt, wie in While you were Sleeping mit Bill Pullman und The Lake House, der Wiedervereinigung mit Speed-Costar Keanu Reeves. Mal mutiert die Busfahrerin zur schlagkräftigen Frau im Business-Milieu, wie in The Net und A Time to Kill. Und dann gibt es noch die Parodie der Frau, die etwas zu taff ist, um wirklich Frau zu sein, mit der sie in Miss Congeniality 1 und 2 und The Proposal zur bestbezahltesten Schauspielerin Hollywoods aufstieg.

Ironische Ausreißer

Es gibt Ausreißer in dieser Rollenbiografie. Und beide entbehren nicht einer gewissen Ironie. Denn eine davon ist ausgerechnet Bullocks zweiter Auftritt als Annie Porter in Speed 2: Cruise Control. In dem weithin als überflüssigstes Sequel der Filmgeschichte angesehenen Überflop mutiert Annie zu einer Mischung aus Chaoshyäne und ängstlichem Beach Girl, das nur darauf wartet, dass ihr neuer Freund Jason Patric mit Steven-Seagalscher Stoik den Tag rettet. Hier spielt Bullock genau das, was sie vorher nicht war: den Hollywood-Star Bullock.

© Screenshot: 20th Century Fox
© Screenshot: 20th Century Fox

Der zweite Ausreißer ist ihre Rolle in The Blind Side, wo sie plötzlich mit blondgefärbten Haaren eine Oberklasse-Mutter mimt, die sich eines unterpriviligerierten, afroamerikanischen Footballtalents annimmt. Auch eine bestimmt agierende Frau zwar, aber doch eine, die mit ihrem All-American-Image so gar nicht zu Bullock passen will. Ironisch, aber wahrscheinlich entsprechend auch völlig folgerichtig, ist dieser Ausreißer deswegen, weil Bullock dafür ihren bisher einzigen Oscar gewann.

© Warner Bros.

The Second Coming

2013 war das Jahr, in dem Sandra Bullock die Welt wissen ließ, dass man nach wie vor mit ihr (und mit Annie Porter) rechnen muss. Zuerst in The Heat (Bild am Anfang des Artikels), in dem sie der Miss Congeniality-Figur einen neue Facette verlieh. Die Polizistin Ashburn ist ein unsympathischer Kontrollfreak, der – wie sich später herausstellt – nur wegen eines Kindheitstraumas so unlocker ist und deswegen von ihrem exakten Gegenteil auf der Korrektheits-Skala (Melissa McCarthy) erst eine Runde weichgeschüttelt werden muss. Ein Buddy-Movie mit zwei Frauen, die beide auf unterschiedliche Art klassischen Frauenbildern widersprechen.

Und dann schließlich mit Gravity. Es ist wahrscheinlich dem überwältigenden, technischen Spektakel des Films zu schulden, dass nicht in mehr Kritiken und Artikeln der Rückvergleich gezogen wurde zwischen der durchs All treibenden Ryan Stone und Bullocks Durchbruchs-Rolle in Speed. Hier wie dort findet sich eine Frau plötzlich in rasanten Umständen wieder, die sie kaum kontrollieren kann, mit einer tickenden Bombe im Nacken. Und hier wie dort bringt diese Frau den Bus/die Raumkapsel am Ende erfolgreich ans Ziel. Ryan Stone ist die erwachsene Version von Annie Porter. Das Leben hat in der Zwischenzeit einige Narben bei ihr hinterlassen (obwohl der Haarschnitt ähnlich geblieben ist), doch dafür braucht sie auch keinen Mann mehr, um ihre Mission zu Ende zu bringen.

© Warner Bros.

Bullockness in Perfektion

Gravity ist der Film, für den Sandra Bullock einen Oscar verdient hätte. Ganz abgesehen davon, dass ihre Performance den Film mühelos trägt, berührend und nervenkitzelnd zugleich; dass dahinter Schauspiel in erstaunlichen Umständen steht, in dem Bullock abwechselnd alleine in einer Lichtkiste saß und von Puppenspielern an Fäden dirigiert wurde. In Gravity spielt Sandra Bullock mit fast 50 Jahren die vollendete Version ihrer Rollengeschichte. Bullockness in Perfektion.

Leider stehen die Chancen schlecht. Zu groß ist die Konkurrenz durch Cate Blanchetts erstaunliche Kernschmelze in Blue Jasmine und Amy Adams‘ chamäleonhafte Reflektion über Schein und Sein in American Hustle. Aber wer weiß: Es gab schon größere Überraschungen in der Oscarnacht. Und Annie Porter kann Sandra Bullock sowieso keiner mehr wegnehmen.

It's all about the Pentiums, Screenshot, © Al Yankovic

Ende der 90er fing „Weird Al“ Yankovic mit seiner Parodie auf Puff Daddys „It’s all about the Benjamins“ den damaligen Zeitgeist der gegenseitigen Überbietung in Sachen Rechnerleistung perfekt humoristisch ein. In „It’s all about the Pentiums“ heißt es unter anderem

My new computer’s got the clocks, it rocks
But it was obsolete before I opened the box.
You say you’ve had your desktop for over a week?
Throw that junk away, man, it’s an antique.

Die Sängerfigur des Songs prahlt damit, dass er 100 Gigabyte Ram und einen 40 Zoll Monitor hat und disst sein Gegenüber mit den Worten „In a 32-bit world, you’re a 2-bit user“. Heute, 15 Jahre später, sind beide Daten gar nicht mehr völlig unmöglich (wenn auch für Heimsysteme eher unpraktisch und teuer), aber bei Desktop PCs und Laptops hat sich die Konversation ohnehin verlagert. Heute ist eben nicht mehr „all about the Pentiums“, mein fast vier Jahre altes MacBook ist für meine Zwecke heute fast noch so effizient wie beim Kauf. Die Zeit der Zahlenschlachten in der Heimcomputerwelt ist vorbei, ebenso wie die Megapixel-Schlachten in der Digitalkamerawelt.

Doch das heißt nicht, dass das Rennen um die Effizienz vorbei ist. Es ist nur umgezogen. Wahrscheinlich könnte man Yankovics Song heute über Smartphones singen – oder über Orte, an denen man es gar nicht vermuten würde, etwa Kompressionsraten.

HEVC, nonchalant

Als ich im vergangenen Herbst auf dem Beyond-Festival in Karlsruhe war, um mich über die neuesten Entwicklungen in Sachen 3D zu informieren (Ergebnis unter anderem nachzulesen in der aktuellen Ausgabe von „epd film“), erwähnte einer der Redner dort, Ralf Schäfer vom Fraunhofer Henrich Hertz Institut, relativ nonchalant, dass ja nun auch ein neues Video-Format namens HEVC entwickelt worden sei, der einiges in Bewegung setzen dürfte.

Erst in späteren Recherche-Gesprächen wurde mir klar, wie wichtig HEVC werden könnte. „High Efficiency Video Coding“, wie das Kompressionsformat ausgeschrieben heißt, verbessert den bisherigen H.264/MPEG4 AVC-Standard, der für Bildkompression bei Bewegtbild eingesetzt wird, um das Doppelte. Es halbiert also die Datenmenge, die man braucht, um etwa ein Fernsehbild zu übertragen – bei gleichbleibender Qualität. Mit anderen Worten: SD-Auflösung wird quasi ein Pups in den Leitungen, die Übertragung von HD wird so einfach wie heute SD und UHD/4K-Übertragung wird auf dem gleichen Level möglich, wie HD heute.

Mein Fernseher, ein Gobelin?

„Wer will überhaupt 4K?“ mag sich der geneigte Leser jetzt fragen und in der Tat habe ich mich auch schon gefragt, wie viele Wanddurchbrüche ich machen müsste, um ein Display von der Größe eines Gobelins sinnvoll als Fernseher nutzen zu können. Aber diese Art von Effizienzgewinn bedeutet noch ganz andere Sachen als ein pures Mehr an Auflösung: Etwas so Datenlastiges wie Autostereoskopie (aka 3D ohne Brille) könnte endlich ein Thema werden und HFR (aka Hobbit-Vision) könnte sinnvoll diskutiert werden (es nervt euch vielleicht in Mittelerde, aber wie wäre es bei Sportübertragungen?). Es sind eben nicht die immer kletternden Zahlenwerte, die die entscheidende Power bringen – viel öfter sind es die cleverer werdenden Algorithmen, die plötzlich eine Verdopplung der Effizienz bringen, indem sie irgendwelche mathematischen Lücken ausnutzen. Als Laie kann man darüber nur ungläubig den Kopf schütteln.

Case in Point: „Joint Importance Sampling“, der Fachausdruck für eine neue Rendertechnik, die – zumindest behaupten das „io9“ und „fxguide“ – „eine neue Ära der Animation einläuten könnte“. Sie verfolgt grob gesagt Lichtpfade effizienter und rechnet nur jene Teile der Pfade in Bildpunkte um, die die Kamera wirklich sehen kann. So werden Renderzeiten enorm verkürzt und ganz neue Möglichkeiten eröffnet.

Revolution statt Evolution

Disney-Entwickler Wojciech Jarosz, dessen Team auch hinter „Joint Importance Sampling“ steht, hat in einer Rede, die er auf einem Render-Symposium in Spanien im Juni 2013 gehalten hat, dafür plädiert, beim Rendern von der Evolution zur Revolution zu wechseln, neu zu denken und nicht nur das Bisherige weiterzuentwickeln. Die Entwicklung des „Joint Importance Sampling“, die nur der Kamm einer größeren Welle zu sein scheint, zeigt also ebenfalls, dass man auch dort noch besser Algorithmen finden kann, wo man alle Möglichkeiten ausgereizt glaubte.

Gefährlich wird das ungläubige Staunen über solche Entwicklungen jedoch, wenn man versucht, das Prinzip aus der Welt der Chips und mathematischen Formeln auf andere Bereiche zu übertragen. Der Über-Effiziente Mensch endet im Burnout und im blinden Glauben an die ständige Verbesserung wird Moore’s Law plötzlich zu Moore’s Curse, wie der Umweltforscher Vaclav Smil etwa mit Blick auf die Energiewende festgestellt hat. Oder sind wir auch hier nur einem evolutionären Gedankengang verfallen? Vielleicht wartet hinter der nächsten Kurve doch noch die Neuentwicklung, die wieder einmal alles auf den Kopf stellt. Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob ich darauf hoffe oder nicht.

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